Dienstag, 11. Dezember 2012

Martin Suter: Die dunkle Seite des Mondes.

So ungefähr sehen meine Bücher aus, wenn
sie drei Wochen in meiner Handtasche gelebt haben.

Die Handlung von Die dunkle Seite des Mondes lernte ich bereits vor Jahren kennen – bei ausgeschalteter Nachttischlampe, als der Herbstregen gegen die Fenster knallte und ich im Dunkeln lag und mir jemand den ganzen Roman erzählte. Aus einer kurzen Bemerkung zum Buch wurde eine lange Story, weil ich immer wieder „Und dann?“ fragte. Das ist ja eine tolle Geschichte, dachte ich mir damals, die muss ich mal lesen. Ein paar Jahre später hatte ich glücklicherweise das Ende vergessen und kaufte mir das Buch gespannt. Ein sehr guter Kauf – was durchaus etwas heißt, wenn man die Rahmenhandlung schon kennt.

Im Leben von Urs Blank ist alles fein: Erfolgreicher Wirtschaftsanwalt, massig Geld, stilvolle Lebensgefährtin und Designmöbel, you name it. Kein Grund zur Klage. Aber wie es so ist mit Perfektion – die ist nicht für die Ewigkeit gemacht. Also beginnt Urs eine kleine Affäre mit der exotischen Flohmarktverkäuferin Lucille. So ein zweiter Frühling hilft gegen die schleichende Unzufriedenheit. Lucille überredet Urs zu einem „meditativen Wochenende“ in der Natur, inklusive Schwitzhütte, Tamburin und einer schönen Portion halluzinogener Pilze. Macht man halt mal was Verrücktes!

Der Trip im Wald ist für Urs ein universaler Allmachtsrausch, der seine Persönlichkeit nachhaltig verändert. Es ist nämlich so: sein Gewissen hält fortan die Schnauze. Zu sozialem oder besser gesagt, angepasstem Verhalten muss er sich ebenso zwingen wie zu Reue oder Rücksicht. Menschen lösen in Urs Blank regelrechte Hassgefühle aus – und das einzige, was in diesem Zustand ein wenig Linderung verschafft, ist der Wald, denn dort hat auf dem Trip alles angefangen. Nach und nach entgleitet Urs das perfekt gestylte Leben. Zusammen mit seinem Psychiaterfreund Wenger versucht er, irgendeine Lösung für das Problem zu finden – was sich als äußerst schwierig und äußerst wirkungslos erweist. Die letzte Rettung, so glaubt Urs, liegt im Wald. Eins zu werden mit Baum und Bach, Fuchs und Elster: das soll den Anwalt vom inneren Soziopathen befreien. Ob das wohl gut geht?

Karrieremensch dreht durch und wird zum gefährlichen Waldschrat das ist doch mal eine dolle Geschichte. Die dunkle Seite des Mondes ist tatsächlich noch viel spannender und facettenreicher, als ich gehofft habe. Martin Suter ist ein unwiderstehlicher Erzähler. Vollkommen schnörkellos und mit eleganter Beiläufigkeit entfaltet sich der Roman. Nichts ist zuviel, weder an Handlung noch an Sprache. Um diese Sprache beneide ich den Autor glühend, und das ist noch stark untertrieben. Ein Form-Follows-Funktion-Stil im allerbesten Sinn ist das nämlich. Alles fügt sich und ergibt sich fließend. 

[Und hier habe ich diesen Artikel frustriert in die Schublade geknallt weil ich fand, dem Buch in keiner Weise gerecht zu werden. Vier Wochen später habe ich ihn wieder hervorgeholt, weil ich Euch diesen Roman unbedingt noch ans Herz legen muss. Weihnachten und so.]

Ich habe dieses Mal also kein vernünftiges Ende zu bieten. Keine Pointe. Keinen knackigen Schlusssatz. Und weil wir hier ja nicht im Feuilleton sind, tue ich auch gar nicht erst so, als ob. Lest das Buch, dann wisst Ihr was ich meine.