Mittwoch, 15. August 2012

Myla Goldberg: Böse Freundin.



Die Axt holzte durch den Schwarzwald, schrieb Texte und entdeckte Waldgötter. Dazu liest sie gern dunkle Geschichten, die mit den tiefen Schatten und würzigen Düften des Waldes harmonieren. Myla Goldbergs Böse Freundin schien mir perfekt: Ich sah mich schon mit Rotwein und einem Schauer im Nacken bei Kerzenlicht schmökern.

Das wurde nichts. Ich bin stattdessen ein wenig bestürzt über die Sinnlosigkeit dieses Buches. Erzählungen von bösen kleinen Mädchen haben eigentlich viel Potential, sollte man meinen.

Also: Erwachsene Frau kehrt in ihre Heimatstadt zurück, um nach zwanzig Jahren die bittere Wahrheit über das Verschwinden ihrer Schulfreundin zu beichten, die passenderweise ein äußerst bösartiges Kind gewesen ist. Das klingt doch ganz gut, oder? Jugendliche Soziopathen, verdrängte Erinnerungen, Spurensuche auf erkalteten Pfaden - Schlagworte, die ordentlich Spannung versprechen.

Aber nein. Böse Freundin ist mitnichten spannend erzählt, sondern gestaltet sich dermaßen langatmig, dass ich schon nach dem ersten Kapitel unter heftigem Angeödetsein litt. Das will etwas heißen, denn bekanntlich bin ich die Frau, die sogar dem haarsträubenden »Aurora-Effekt« einen gewissen Lesespaß abtrotzte. Tja, goldene Zeiten waren das. Böse Freundin nervt mit total unmotivierten Figuren, einer quälend zähen Handlung und einem extrem unbefriedigenden Ende, das schlicht Phantasielosigkeit nahelegt.

Protagonistin Celia schafft es, von der ersten bis zur letzten Seite keine einzige interessante Eigenschaft zu offenbaren. Ihre seltsamen Gedankensprünge deuten ständig irgendetwas an, um dann zu nichts zu führen. Die Dialoge sind einfach nur hölzern und unglaubwürdig. Ich kenne keine einigermaßen vernunftbegabten Menschen, die auf diese Weise miteinander kommunizieren. Celia, die von ihren Eltern und ihrem wahnsinnigen Freund auf schrecklich nervtötende Art immer »Cee-Cee« oder »Ceel« genannt wird, scheint kräftig einen an der Waffel zu haben. Ohne dass dies von der Autorin beabsichtigt wäre.

Die ganze Geschichte kommt daher wie ein Diorama: mit lebensecht angeordneten Elementen und hübschem Anstrich, aber blutleer wie ein ausgestopfter Fuchs. Apropos »wie ein« ... noch nie zuvor ist mir in einem Roman eine derartige Masse wahlloser Analogien aufgefallen. Dauernd reihen sich Häuser auf wie Perlenketten, hängen Handschuhe herum wie Fledermäuse, gleiten Limousinen wie Förderbänder. Diese und ähnliche Beobachtungen erwecken gelegentlich den Anschein, für die Geschichte relevant zu sein, aber sie sind es nie, was auf Dauer jeglichen detektivischen Elan im Leser erstickt. Die Erwähnung des klassischen alternden Polizisten, der von dem mysteriösen Fall des verschwundenen Mädchens geradezu besessen sei, lässt eine Weile hoffen – aber der Typ taucht nie auf, der existiert offenbar nur für die Dauer dieses Nebensatzes. Ich meine, WTF?!!!!

Irgendwann verrieten die wenigen verbleibenden Buchseiten, dass mit einer packenden Wendung nicht mehr zu rechnen sei. Entsprechend anspruchslos las ich dem Schluss entgegen, dessen einzige Überraschung darin bestand, noch unspannender zu sein als vermutet.

Schade ist’s freilich um die Geschichte, die vielen losen Fäden und toten Enden, die mit dem Zuklappen des Buchdeckels in der Bedeutungslosigkeit versinken. Ein letzter Wermutstropfen: die Übersetzung, die mich regelmäßig daran zweifeln ließ, ob die Autorin das jetzt allen Ernstes so geschrieben haben soll.

Wer sich für vierzehn neunundneunzig die seltene Erfahrung ultimativer Ratlosigkeit gönnen will, sollte dieses Buch unbedingt kaufen. Alle anderen investieren das Geld lieber in eine Flasche Schnaps, die macht mehr Spaß.


Kommentare:

KreaMa hat gesagt…

Naja das mit dem Schnaps lass ich dann doch lieber und kauf mir dafür ein anderes Buch ;-)

Danke für die tolle Rezi!

Schade, mal wieder ein Buch mit guter Idee und lausiger Umsetzung, davon gibt es in letzter Zeit eindeutig zu viel :-(

L. hat gesagt…

werte axt. ein lob von mir. wieder ein mal. und eine frage. das absolute nicht-aus-der-hand-legen-bis-es-durch-ist-lieblingsbuch-aller-zeiten?

lizzz hat gesagt…

Hallo Ihr Zwei. Danke für das Lob. Ich hab das ganze Ding auf dem iPad getippt, irgendwie eine Sache der Unmöglichkeit, am Ende hat mich mein eigener Artikel verwirrt.

Also das Buch, DAS Buch...vermutlich wird die Antwort immer schwieriger, je länger ich darüber nachdenke. Deshalb entscheide ich das spontan: "American Gods" von Neil Gaiman.

Das Buch ist so episch, schön, traurig, witzig, außergewöhnlich, dass es mir glatt zuerst einfiel.

Almut hat gesagt…

Hach, schön. Nachdem ich etwas ratlos die Waldgötter angesehen habe (nicht, dass ich damit nix anfangen könnte, aber irgendwie ... zu wenig Axt), freue ich mich, einfach mal wieder was lesen zu können von Dir. Danke.

lizzz hat gesagt…

Haha, ja, die Waldgötter. Der Tumblr ist halt ein Gemischtwarenladen, da landen dann auch alle Texte, die hier nicht reinpassen.

Danke, liebe Almut. Und dabei heißt es doch immer, die Leute im Internet wollten am liebsten nur Bilder sehen :-)

Ada Mitsou hat gesagt…

Mir ging es ähnlich. Als ich das Buch bei den Neuerscheinungen entdeckt habe, war ich gespannt - sogar so sehr, dass ich es möglichst schnell haben wollte. Naja, was dann folgte, war eher enttäuschend, lau und schlichtweg nicht beeindruckend. Genauso sang- und klanglos wie das Geschriebene größtenteils vor sich hin plätscherte, ist das Buch bei mir in Vergessenheit geraten. Es reichte noch nicht mal für eine Besprechung.
Grüße!

lizzz hat gesagt…

Dann ist es bei Dir also in der "Scheißegal"-Schublade gelandet? Jedenfalls landen bei mir dort die Bücher, bei denen es nicht für eine Besprechung reicht.

Dieses hier hat mich allerdings so richtig verärgert. Das reichte dann eben doch :-)

Ada Mitsou hat gesagt…

Es ist in einem Regal im Haus meiner Eltern gelandet, sozusagen in der Sammelstelle für Bücher, die mir hier nur Platz rauben und deswegen weg müssen, bis ich irgendeinen anderen Platz dafür finde (wegwerfen wollte ich es nicht, hat ja schließlich genug gekostet und vielleicht kann es irgendwann noch jemand oder eine Einrichtung gebrauchen).

Geärgert hat es mich nicht, es ist einfach... hm... bedeutungslos. Hier rein und da wieder raus, ohne erkennbare Spuren hinterlassen zu haben. So als wäre es gar nicht da gewesen.

Durchschnitt - was dir wahrscheinlich noch zu gut vorkommt, aber bewegend sind doch nur jene Bücher, die einen entweder furchtbar aufregen oder absolut gefangen nehmen. Alles, was dazwischen liegt, konnte beides nicht bewirken und ist somit eben nur Durchschnitt - gleichbedeutend mit belanglos.

lizzz hat gesagt…

Ich weiß auch noch nicht, was ich mit meinem Exemplar anstelle. Man könnte es als passiv-aggressives Geschenk aufheben – für Leute, die man nicht leiden kann.

Also, bewegt hat mich das Buch durchaus, wenn man Fassungslosigkeit gelten lässt. Ich war tatsächlich fassungslos darüber, wie eine so potentiell spannende Geschichte dermaßen gegen die Wand gefahren werden kann. Und fassungslos, weil ich das Buch selbst gekauft habe. Und fassungslos über die Rezension, aufgrund derer ich es überhaupt erst gekauft habe.

Ja, das muss ich wohl als Bewegt-sein werten :-)