Dienstag, 11. Dezember 2012

Martin Suter: Die dunkle Seite des Mondes.

So ungefähr sehen meine Bücher aus, wenn
sie drei Wochen in meiner Handtasche gelebt haben.

Die Handlung von Die dunkle Seite des Mondes lernte ich bereits vor Jahren kennen – bei ausgeschalteter Nachttischlampe, als der Herbstregen gegen die Fenster knallte und ich im Dunkeln lag und mir jemand den ganzen Roman erzählte. Aus einer kurzen Bemerkung zum Buch wurde eine lange Story, weil ich immer wieder „Und dann?“ fragte. Das ist ja eine tolle Geschichte, dachte ich mir damals, die muss ich mal lesen. Ein paar Jahre später hatte ich glücklicherweise das Ende vergessen und kaufte mir das Buch gespannt. Ein sehr guter Kauf – was durchaus etwas heißt, wenn man die Rahmenhandlung schon kennt.

Im Leben von Urs Blank ist alles fein: Erfolgreicher Wirtschaftsanwalt, massig Geld, stilvolle Lebensgefährtin und Designmöbel, you name it. Kein Grund zur Klage. Aber wie es so ist mit Perfektion – die ist nicht für die Ewigkeit gemacht. Also beginnt Urs eine kleine Affäre mit der exotischen Flohmarktverkäuferin Lucille. So ein zweiter Frühling hilft gegen die schleichende Unzufriedenheit. Lucille überredet Urs zu einem „meditativen Wochenende“ in der Natur, inklusive Schwitzhütte, Tamburin und einer schönen Portion halluzinogener Pilze. Macht man halt mal was Verrücktes!

Der Trip im Wald ist für Urs ein universaler Allmachtsrausch, der seine Persönlichkeit nachhaltig verändert. Es ist nämlich so: sein Gewissen hält fortan die Schnauze. Zu sozialem oder besser gesagt, angepasstem Verhalten muss er sich ebenso zwingen wie zu Reue oder Rücksicht. Menschen lösen in Urs Blank regelrechte Hassgefühle aus – und das einzige, was in diesem Zustand ein wenig Linderung verschafft, ist der Wald, denn dort hat auf dem Trip alles angefangen. Nach und nach entgleitet Urs das perfekt gestylte Leben. Zusammen mit seinem Psychiaterfreund Wenger versucht er, irgendeine Lösung für das Problem zu finden – was sich als äußerst schwierig und äußerst wirkungslos erweist. Die letzte Rettung, so glaubt Urs, liegt im Wald. Eins zu werden mit Baum und Bach, Fuchs und Elster: das soll den Anwalt vom inneren Soziopathen befreien. Ob das wohl gut geht?

Karrieremensch dreht durch und wird zum gefährlichen Waldschrat das ist doch mal eine dolle Geschichte. Die dunkle Seite des Mondes ist tatsächlich noch viel spannender und facettenreicher, als ich gehofft habe. Martin Suter ist ein unwiderstehlicher Erzähler. Vollkommen schnörkellos und mit eleganter Beiläufigkeit entfaltet sich der Roman. Nichts ist zuviel, weder an Handlung noch an Sprache. Um diese Sprache beneide ich den Autor glühend, und das ist noch stark untertrieben. Ein Form-Follows-Funktion-Stil im allerbesten Sinn ist das nämlich. Alles fügt sich und ergibt sich fließend. 

[Und hier habe ich diesen Artikel frustriert in die Schublade geknallt weil ich fand, dem Buch in keiner Weise gerecht zu werden. Vier Wochen später habe ich ihn wieder hervorgeholt, weil ich Euch diesen Roman unbedingt noch ans Herz legen muss. Weihnachten und so.]

Ich habe dieses Mal also kein vernünftiges Ende zu bieten. Keine Pointe. Keinen knackigen Schlusssatz. Und weil wir hier ja nicht im Feuilleton sind, tue ich auch gar nicht erst so, als ob. Lest das Buch, dann wisst Ihr was ich meine.



Sonntag, 28. Oktober 2012

Dallas Clayton: An Awesome Book.

Winter is coming. Und mit dem Winter kommt die Zeit des allgemeinen Niedlichkeitsbedürfnisses, der Wollsocken und Zimttees. Manch einer ist von November bis Silvester in einer grundsätzlich generösen Stimmung. Umso schöner, wenn es dann auch noch Geschenke gibt. Wie dieses toll illustrierte Kinderbuch von Dallas Clayton zum Beispiel: An Awesome Book heißt es, und handelt von der Wichtigkeit, große Träume zu haben.

Hier bekommt Ihr das reizende Büchlein für ganz ohne Geld (in digitaler Version), und zwar in siebzehn Sprachen. Sogar einen Vorlesemodus kann man einstellen. Wer lieber Papier in der Hand halten möchte, kann das Awesome Book auch ganz konventionell beim Buchhändler seines Vertrauens erstehen.

Hier einige Screenshots der englischen Version:








Donnerstag, 18. Oktober 2012

Nachsendeauftrag.


Folks,

nur für's Protokoll: Nach bald vier Jahren Axt habe ich mich dazu überwinden können, die scheußlich lange URL gegen eine etwas kürzere Zeile einzutauschen.

Die Axt findet Ihr ab sofort unter www.einbuchmussdieaxtsein.de, die alte Blogspot-Adresse wird aber weiterhin bestehen bleiben.

Waidmannsheil,
Eure Axt

Montag, 15. Oktober 2012

Forever: The New Tattoo.



Wie wäre es mal wieder mit einem speziellem Thema? Kommt ja sonst kaum hier vor. Haha. Ich möchte allerdings meinen, dass es mehr tätowierte als yogabegeisterte Axt-LeserInnen gibt, rein statistisch gesehen. Angeblich trägt nämlich ein Viertel der 16-44jährigen eine Tätowierung. Ich stelle mir das immer lustig vor, wenn wir dann irgendwann alle alt sind und als bunte Rentner unsere Rollatoren vor uns her schieben.




Fest steht jedenfalls, dass die avantgardistische Tätowierung in den letzten Jahren einen ziemlichen Hype erfahren hat. Der gestalten Verlag, der die Nase stets dicht am Zeigeist hält, hat dazu kürzlich einen sehr schönen Bildband herausgebracht – Forever: The New Tattoo. Porträts einflussreicher KünstlerInnen mit interessanten Texten von Nick Schonberger dokumentieren den state of the art der zeitgenössischen Tätowierkunst. Im Vorwort stellt der Kunsthistoriker Matt Lodder die aktuellen Entwicklungen der Szene in einen geschichtlichen Kontext.




Forever ist ein sehr hochwertiges, durchdacht gestaltetes Buch, an dem ich wahrscheinlich noch sehr lange Freude haben werde. Ich könnte ewig darin schmökern, lesen, Bilder betrachten. Die knapp vierzig Mäuse ist es wert, finde ich. Und jetzt bin ich neugierig: Seid Ihr tätowiert oder denkt darüber nach, Euch tätowieren zu lassen? Oder könnt Ihr mit dem Thema so gar nichts anfangen?




Die Axt selbst ist mittlerweile einigermaßen bunt, was man auszugsweise hier betrachten kann. Verantwortlich dafür ist übrigens diese talentierte Frau, deren Arbeit ich auf der vorletzten Seite des Buches ebenfalls entdeckt habe.




Dienstag, 9. Oktober 2012

Neil Gaiman: American Gods.

Einer, oder ich glaube eher, es war eine, wollte neulich in den Kommentaren wissen, was eigentlich mein Lieblingsbuch sei. Dasjenige welches. The one true love. Das ist eine dieser Fragen, die mich zu tagelangem Grübeln verdammen, ohne dass am Ende ein befriedigendes Ergebnis dabei herausspringt. Daher murmele ich normalerweise etwas Unverständliches und gehe eilig weg. An diesem Tag jedoch scheint mein axt’sches Alter Ego ohne mich gewaltet zu haben, denn ich antwortete quasi sofort: American Gods von Neil Gaiman.

Aha, also American Gods. Mein Lieblingsbuch. Umso erstaunlicher, dass es hier noch nie aufgetaucht ist – eigentlich sollte es doch auf einem Thron sitzen und ein Partyhütchen tragen. Wahrscheinlich weiß es nichts davon, dass es mein Lieblingsbuch ist. Dann ändern wir das jetzt. American Gods von Neil Gaiman (den ich, wäre ich Bigamistin, immer noch heiraten würde) ist vor bald zehn Jahren erschienen. Der Roman mischt Fantasy mit klassischer und moderner Mythologie sowie amerikanischer Folklore. Ich möchte ihm aber gar nicht irgendein Genre aufzwingen – was das soll, habe ich noch nie verstanden. Sagen wir lieber, er ist eine Wundertüte voll brillanter Einfälle.

Unser Protagonist trägt den vielsagenden Namen Shadow. Shadow wird vorzeitig aus der Haft entlassen, die er für einen Raubüberfall verbüßen musste, denn seine Frau Laura ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Ihr Tod lässt ihn orientierungslos zurück. Auf dem Weg zur Beerdigung lernt Shadow den schrulligen Mr Wednesday kennen, der ihn mit nervtötender Hartnäckigkeit überzeugt, als sein Bodyguard zu arbeiten.

Zusammen reisen die beiden durch Amerika, um Bekannte und alte Weggefährten des Mr Wednesday aufzusuchen, die allesamt nicht besonders vertrauenserweckend scheinen. Gewalttätige, verrückte oder lügnerische Zeitgenossen – aber so ist das halt unter Göttern, denn als solche entpuppt sich das Pack. Wednesday selbst ist eine Inkarnation des Gottes Odin, der andere alte Götter und Helden vereinen will, um in einer großen Schlacht die neuen amerikanischen Götter zu besiegen: Die mächtigen fleischlichen Gestalten des Internets, der Massenmedien, des modernen Verkehrswesens. Das liest sich hier ein wenig pädagogisch, aber Gaiman versteht es, den neuen Göttern Schrecken einzuhauchen. Das Internet ist ein ziemlich gruseliger Geselle. 

Diese neuen Götter sind es, die den Glauben der Menschen binden und ihn von den alten Göttern abziehen. Aber ohne den Glauben werden die alten Götter schließlich ihre Bedeutung verlieren. Aussterben, wenn man so will. Odin und seine Mitstreiter können das natürlich nicht hinnehmen und fordern die modernen Gegenspieler zu einer endzeitlichen Schlacht um den Glauben der Menschheit heraus. Dass Shadow nicht zufällig da reingeraten ist, merkt er selbst zuletzt. Der ist überhaupt ein sehr interessanter Charakter, es wimmelt bei Gaiman geradezu von interessanten Charakteren. Ich möchte wissen, wo der Mann seine Ideen her nimmt. Dort würd ich nämlich auch gern mal Ferien machen.

American Gods ist ein gewaltiges, düsteres, wunderschönes, auch trauriges Buch. In etlichen Rezensionen fallen die Schlagworte „witzig“ oder „komisch“ – und obwohl ich nicht behaupten will, der Roman sei nicht witzig, denn das ist er auf seine Weise, ist es doch die Traurigkeit Shadows, die bei mir Eindruck hinterlässt. Das Gefühl von Abschied, Herbst, Melancholie prägt das Buch, ohne je ins Depressive zu kippen. Dann sind da die erwähnten komischen Momente und die messerscharfen Momentaufnahmen und die großen Strömungen – Gleichgewicht ist das Wort, das die Qualität von American Gods für mich beschreibt. Ein großes Buch, facettenreicher noch als sein ebenfalls sehr guter Nachfolger Anansi Boys, in dem wir einigen Göttern wieder begegnen. 

Ist American Gods nun mein Lieblingsbuch? Ja. Und nein. Man kann sich das so vorstellen, dass es in meinem Herzen ein Regal gibt, auf dem etwa zwei Handvoll Bücher stehen. Schlage ich eins davon auf, ist es mein Lieblingsbuch, solange ich darin lese. Serielle Monogamie, literarischer Harem, you name it. Partyhütchen inklusive.


Freitag, 28. September 2012

Karen Duve: Anständig essen.


Paul McCartney glaubt: Wenn ein Schlachthof gläserne Wände hätte, würde niemand mehr Fleisch essen wollen. Nach der Lektüre von Anständig essen glaube ich: Er hat recht. Denn wenn ein Schlachthof gläserne Wände hätte, könnte niemand mehr sagen, er hätte nicht gewusst, was da drin passiert. Niemand könnte mehr abstreiten, dass ein Schwein oder ein Rind die gleiche Todesangst und die gleiche Qual empfindet, wie ein Mensch sie an diesem Ort empfinden würde. Niemand könnte sich mehr mit dem diffusen Gedanken einlullen, das Tier sei im Grunde eine instinktgesteuerte Maschine ohne komplexere Empfindungen.

Nun ist es ja so, dass wir all diese hässlichen Wahrheiten eigentlich schon wissen. Informationen waren nie so zugänglich wie heute. Und schon vor zwanzig Jahren zeigten die Öffentlich-Rechtlichen Fernsehreportagen über die Grausamkeiten der Massentierhaltung. Wird wieder ein Skandal aufgedeckt, der im Grunde keiner ist, weil höllische Zustände in der industriellen Tierhaltung eher Standard sind, dann sind natürlich alle ganz betroffen: Schlimm, schlimm, diese geschundenen Hühner mit den verkrüppelten Füßen und abgeschnittenen Schnäbeln. Schlimm, diese vor Angst und Schmerz halb wahnsinnigen Schweine, die sich auf besudelten Spaltenböden gegenseitig die Ringelschwänze abbeißen – wenn man sie ihnen nicht schon vorher abgeschnitten hat. Ja, alles ganz schlimm. Für einen Moment.

Die ehemalige Grillhähnchenpfanne-für-2,99-Euro-Käuferin Karen Duve wollte mit Anständig essen im Selbstversuch herausfinden, wie es denn möglich ist, sich ethisch korrekt zu ernähren. Aus diesem Grund wurde sie jeweils einige Monate lang zur Bio-Käuferin, Vegetarierin, Veganerin und schließlich zur Frutarierin – um am Ende eine Entscheidung zu treffen. Die ich natürlich nicht hier und jetzt verrate. Wir begleiten Frau Duve bei ihren Experimenten, die in einer Art Tagebuchform aufbereitet und spannend zu lesen sind. Unterfüttert wird das ganze Projekt mit umfangreichen Recherchen zu den Hintergründen der jeweiligen Ernährungsform und zum Thema Tierethik, Ernährung und (Massen-)Tierhaltung allgemein.

Karen Duve schreibt wie immer plakativ, bildgewaltig, drastisch, mit trockenem Humor. Anständig essen ist dabei ein sehr persönliches Buch – die Autorin hält die eigenen Emotionen, Erfahrungen und Reaktionen nicht heraus. Das tut der Sache gut, denn so werden aus der Informationsflut, mit der wir uns hier auseinandersetzen, zugängliche Szenarien, die mich sehr berührt haben. Ich kann mir auch irgendwie nicht vorstellen, dass dieses Buch jemanden nicht sehr berührt. Derjenige müsste wohl über ein Ausmaß an Ignoranz verfügen, das ich mir nicht ausmalen mag.

Sensibleren Gemütern kann ich sagen, dass es seitenweise fast unerträglich war, der nüchternen Realität der profitorientierten Tierverwertung ins Auge zu sehen. Da gehen Bilder an im Kopf, die für mich manchmal kaum auszuhalten waren. Als ich die Beschreibung des Shuttle-Box Experiments mit Hunden gelesen hatte, musste ich das Buch für einen Abend weglegen. Da war es mir einfach zuviel. Kurz zweifelte ich, ob ich das kann – mir die volle Packung Wirklichkeit geben.

Ja, ich kann. Oder besser gesagt: Ich muss. Auch wenn ich’s lieber nicht möchte. Auch wenn ich so eine schreckliche Mimose bin. Auch wenn ich deswegen Rotz und Wasser heule. Ich musste dieses Buch fertig lesen, und ich werde auch noch weitere Bücher zu diesem Thema lesen, denn ich habe das dringliche Gefühl, dass ich es all diesen namenlosen Geschöpfen schuldig bin, die Wahrheit zu kennen. Wir alle sind ihnen das schuldig. Es ist schlichtweg das Mindeste, was wir tun können. 


Links zum Thema

www.vebu.de
www.stiftung-fuer-tierschutz.de
www.aerzte-gegen-tierversuche.de
www.neuland-fleisch.de
www.peta.de
www.vierpfoten.de

Dienstag, 11. September 2012

Festival der phantastischen Literatur zur Frankfurter Buchmesse


Es hört hier ja gar nicht mehr auf mit special interest, aber das muss noch raus: Im Rahmen der Frankfurter Buchmesse findet ne tolle, unabhängig organisierte Science Fiction & Fantasy Convention statt, die sicher für einige interessant sein dürfte. Wenn ich nicht in Berlin festgetackert wäre mit meinen leidigen Verpflichtungen, wäre ich sehr wahrscheinlich selbst dort.

Ich kopiere Euch, stinkfaul wie ich bin, die Pressemeldung mit näheren Informationen hier rein:

Frankfurt/Dreieich. Zum 27. Mal treffen sich Fans von Science Fiction & Fantasy auf dem Buchmesse Convent (BuCon), Deutschlands führender Independent-Convention für phantastische Literatur. Dieses von der Messe unabhängige Festival des phantastischen Genres findet am 13. Oktober 2012 und damit wie gewohnt parallel zur Frankfurter Buchmesse statt. Prominente Gäste sind Markus Heitz, Tom Finn, Bernhard Hennen, Bernd Perplies, Christoph Hardebusch und viele andere Top-Autoren der deutschsprachigen Phantastik-Szene. Erstmals zu Gast sind der Erfolgsautor Kai Meyer, sowie der Darmstädter Autor Artur Rümmler, der in seinem Roman "2040" einen dystopisch angehauchten Blick auf die Zukunft der Region Südhessen wirft.

Veranstalter ist eine erfahrene Gruppe langjähriger, in der Phantastik-Szene aktiver Fans in Kooperation mit dem Science Fiction Treff Darmstadt, bundesweit bekannt durch die außerordentlich erfolgreichen "Darmstadt SpaceDays" sowie dem Jugendclub WIRIC im Bürgerverein Buchschlag e.V. und den Bürgerhäusern Dreieich.

Auf vier mehrstündigen Programmschienen mit Lesungen, Präsentationen und Diskussionsrunden bieten die Veranstalter für jeden etwas. Autogramm- und Signierwünsche werden gerne (und vor allem kostenlos) erfüllt.

Im unteren Foyer setzt eine Kunstausstellung optische Akzente. Aussteller sind der Marburger Künstler und Autor Mark Staats, sowie der Darmstädter Grafiker Ingo Lohse.

Es wird demonstriert, das utopisch-phantastische Literatur nicht zwangsläufig trivial sein muss. Bereits George Orwell, H.G. Wells und Jules Verne boten in ihren Werken Visionen und Vorraussagen, die heute zur alltäglichen Realität gehören. Und werke, wie das Fantasy-Epos "Der Herr der Ringe" des englischen Professors J.R.R. Tolkien zählen heute zur Weltliteratur. Natürlich darf aber auch der unterhaltende Spannungsroman nicht fehlen. Die Veranstalter zeigen, dass trotz "Star Wars", "Stargate" und "Star Trek" das phantastische Buch nicht tot ist, sondern durch den Einsatz moderner Technik, sowie der Möglichkeiten des Internets gerade heute wieder eine ungeahnte Renaissance erlebt. In Deutschland kann Science Fiction und gerade Fantasy ein durchaus eigenständiges, vom anglo-amerikanischen Raum unabhängiges Profil vorweisen. Der Buchmesse Convent präsentiert die gesamte Bandbreite, vom Groschenroman bis zum bibliophilen Werk. Fan-Sein bedeutet nicht sturer Konsum, sondern kritische Auseinandersetzung mit dem Autor und seinem Werk. Wohl nirgendwo anders ist die bundesdeutsche Science Fiction- & Fantasy-Autoren & -Leserszene so lebendig, als auf dieser messeunabhängigen Traditionsveranstaltung, zu der wieder über 380 Besucher, Autoren und Verleger aus dem gesamten deutschsprachigen Raum erwartet werden. Kostümierte Besuchermassen wird man auf dieser literarisch orientierten Veranstaltung allerdings vergeblich suchen.

Höhepunkt der Convention ist traditionell die Verleihung des "Deutschen Phantastik Preises" (DPP), der in mehreren Kategorien per Internetabstimmung (www.deutscher-phantastik-preis.de) ermittelt wird.

Zum Abschluss der Veranstaltung wird zu einem Konzert mit der Gruppe "Elfenthal" eingeladen, die mit ihrem "Early Music Ensemble" auf ihrer Deutschlandtournee im Bürgerhaus von Dreieich-Sprendlingen gastiert. "Elfenthal" wird von der spanischen Opernsängerin Maite Itoiz und ihrem Mann John Kelly (Ex-Kelly Family) geleitet und präsentiert ihr mittelalterliches Programm: "The Return of the Kings". Anlass ist der 50. Geburtstag des Dreieicher Jugendclubs WIRIC. Das Konzert ist im Eintrittspreis enthalten. Die Laudatio hält der Autor Bernhard Hennen.

Wie jedes Jahr, kommt man bereits am Freitag, den 12.10., ab 20 Uhr zum Einstimmungstreffen zusammen. Den Ort findet man auf der Homepage. Am Samstag, den 13.10., ist ab 10 Uhr Einlass. Der Eintritt beträgt an der Tageskasse 10 Euro, Ermäßigungen sind möglich. Das Ende des Convents ist für 22 Uhr vorgesehen. "Convention Center" ist das Bürgerhaus in Dreieich-Sprendlingen, Fichtestrasse 50.

Begleitet wird die Veranstaltung von einer gut sortierten Phantastik-Börse. Zahlreiche Anbieter tragen mit ihrem Angebot vom antiquarischen Buch bis hin zur DVD zur Vervollständigung mancher Sammlung bei. Ergänzt wird das Angebot durch verschiedene Kleinverlage und Autorenstände.

Informationen, sowie eine ausführliche Programmübersicht findet man im Internet unter der Adresse:

http://www.buchmessecon.info

...oder im Sozialen Netzwerk Facebook unter:

http://www.facebook.com/BuchmesseConvent

Mittwoch, 5. September 2012

Schimpfen mit Shakespeare.

Herzhafte Beleidigungen im öffentlichen Leben sind ja so eine Sache. Einerseits ist es wichtig für die seelische Hygiene, sein Missfallen in deutlichen Worten zum Ausdruck zu bringen. Das erleichtert. Und bietet ein unkompliziertes Ventil für aufgestaute Kreativität.

Dummerweise sind Beleidigungen, sofern sie als solche identifiziert werden, ganz schön strafbar. Dabei muss man nicht einmal so weit gehen, seinen Chef als "grindigen Arsch einer Hartgeldhure" zu bezeichnen. Die sogenannte Ehrverletzung kostet auch schon Geld, im schlimmsten Fall geht man dafür glatt in den Knast. Doch, tatsächlich.

Deshalb empfiehlt es sich, stilvolle und möglichst unverständliche Beleidigungen zu wählen. Im Zweifel beruft man sich auf sein Recht, Shakespeare frei zu zitieren. Das stets hilfreiche Internet hat da mal was vorbereitet: Das Shakespeare Insult Kit. Man nehme jeweils einen Begriff aus jeder der drei Sparten und setze ein "Thou" davor.


Kleine Auswahl stilsicherer Beschimpfungen für den wütenden Literaturfan.

Ich verwette meinen saucy bat-fowling puttock, dass hierzulande kein Mensch in der Lage ist, die ihm an den Kopf geworfene Beleidigung auf einer Polizeiwache zu rezitieren. Ein bisschen ist das so, wie wenn man jemandem im Hochsommer mit einem Eiszapfen ersticht. Mordwaffe? Welche Mordwaffe? Aber ich schweife ab.

Macht's gut, Ihr artless boil-brained flax-wenches!



Mittwoch, 15. August 2012

Myla Goldberg: Böse Freundin.



Die Axt holzte durch den Schwarzwald, schrieb Texte und entdeckte Waldgötter. Dazu liest sie gern dunkle Geschichten, die mit den tiefen Schatten und würzigen Düften des Waldes harmonieren. Myla Goldbergs Böse Freundin schien mir perfekt: Ich sah mich schon mit Rotwein und einem Schauer im Nacken bei Kerzenlicht schmökern.

Das wurde nichts. Ich bin stattdessen ein wenig bestürzt über die Sinnlosigkeit dieses Buches. Erzählungen von bösen kleinen Mädchen haben eigentlich viel Potential, sollte man meinen.

Also: Erwachsene Frau kehrt in ihre Heimatstadt zurück, um nach zwanzig Jahren die bittere Wahrheit über das Verschwinden ihrer Schulfreundin zu beichten, die passenderweise ein äußerst bösartiges Kind gewesen ist. Das klingt doch ganz gut, oder? Jugendliche Soziopathen, verdrängte Erinnerungen, Spurensuche auf erkalteten Pfaden - Schlagworte, die ordentlich Spannung versprechen.

Aber nein. Böse Freundin ist mitnichten spannend erzählt, sondern gestaltet sich dermaßen langatmig, dass ich schon nach dem ersten Kapitel unter heftigem Angeödetsein litt. Das will etwas heißen, denn bekanntlich bin ich die Frau, die sogar dem haarsträubenden »Aurora-Effekt« einen gewissen Lesespaß abtrotzte. Tja, goldene Zeiten waren das. Böse Freundin nervt mit total unmotivierten Figuren, einer quälend zähen Handlung und einem extrem unbefriedigenden Ende, das schlicht Phantasielosigkeit nahelegt.

Protagonistin Celia schafft es, von der ersten bis zur letzten Seite keine einzige interessante Eigenschaft zu offenbaren. Ihre seltsamen Gedankensprünge deuten ständig irgendetwas an, um dann zu nichts zu führen. Die Dialoge sind einfach nur hölzern und unglaubwürdig. Ich kenne keine einigermaßen vernunftbegabten Menschen, die auf diese Weise miteinander kommunizieren. Celia, die von ihren Eltern und ihrem wahnsinnigen Freund auf schrecklich nervtötende Art immer »Cee-Cee« oder »Ceel« genannt wird, scheint kräftig einen an der Waffel zu haben. Ohne dass dies von der Autorin beabsichtigt wäre.

Die ganze Geschichte kommt daher wie ein Diorama: mit lebensecht angeordneten Elementen und hübschem Anstrich, aber blutleer wie ein ausgestopfter Fuchs. Apropos »wie ein« ... noch nie zuvor ist mir in einem Roman eine derartige Masse wahlloser Analogien aufgefallen. Dauernd reihen sich Häuser auf wie Perlenketten, hängen Handschuhe herum wie Fledermäuse, gleiten Limousinen wie Förderbänder. Diese und ähnliche Beobachtungen erwecken gelegentlich den Anschein, für die Geschichte relevant zu sein, aber sie sind es nie, was auf Dauer jeglichen detektivischen Elan im Leser erstickt. Die Erwähnung des klassischen alternden Polizisten, der von dem mysteriösen Fall des verschwundenen Mädchens geradezu besessen sei, lässt eine Weile hoffen – aber der Typ taucht nie auf, der existiert offenbar nur für die Dauer dieses Nebensatzes. Ich meine, WTF?!!!!

Irgendwann verrieten die wenigen verbleibenden Buchseiten, dass mit einer packenden Wendung nicht mehr zu rechnen sei. Entsprechend anspruchslos las ich dem Schluss entgegen, dessen einzige Überraschung darin bestand, noch unspannender zu sein als vermutet.

Schade ist’s freilich um die Geschichte, die vielen losen Fäden und toten Enden, die mit dem Zuklappen des Buchdeckels in der Bedeutungslosigkeit versinken. Ein letzter Wermutstropfen: die Übersetzung, die mich regelmäßig daran zweifeln ließ, ob die Autorin das jetzt allen Ernstes so geschrieben haben soll.

Wer sich für vierzehn neunundneunzig die seltene Erfahrung ultimativer Ratlosigkeit gönnen will, sollte dieses Buch unbedingt kaufen. Alle anderen investieren das Geld lieber in eine Flasche Schnaps, die macht mehr Spaß.


Dienstag, 17. Juli 2012

Wenn die Axt Bücher schriebe...

...sähen die vermutlich so aus. Grobe Werkzeuge, was will man machen.

Wird vermutlich nie als broschierte Ausgabe erscheinen: Das Axtbuch.

Sonntag, 1. Juli 2012

Kristin Rübesamen: Alle sind erleuchtet.


(Achtung. Es folgt Privatleben.)

Neben der Vorliebe für ausufernde Serien, die einen Großteil meiner Lesekapazität blockieren und meine Postdichte auf eine Art Existenzminimum reduzieren, kann ich noch eine weitere unselige Konsumgewohnheit beklagen: Bücher mit extrem kleiner Zielgruppe. In diesem Fall: Erfahrungsberichte zum Thema Yoga. An dieser Stelle dürften sich zirka 98% der Axt-Leser augenrollend verabschieden. Tschüs, bis zum nächsten Mal!

Für die restlichen 0,5-2 Yogis hier spreche ich heute über Kristin Rübesamens „Alle sind erleuchtet. Bekenntnisse einer Yoga-Lehrerin.“ Dieses Buch war das vorerst Letzte in einer kleinen Reihe ähnlicher Werke, die ich kürzlich gelesen habe. Tja, Überraschung, die Axt ist eine Yogini. Wer hätte das gedacht – bei dem Namen.

Mich interessiert immer sehr, wie andere Menschen ihr Yoga erleben. Wie es ihnen dabei geht, was es mit ihnen macht, ihre ganz subjektiven Erlebnisse, Erkenntnisse und Schwierigkeiten. Praktischerweise neigen schriftstellernde Yogis dazu, diese Erfahrungen in Büchern zu verarbeiten, die ich dann mit einem gewissen voyeuristischen Vergnügen kaufe. Alle sind erleuchtet ist eines davon – und es kommt bei seiner Zielgruppe erstaunlich schlecht weg. Rezensenten auf Amazon beklagen das hemmungslose Name-Dropping (ist was dran), die intellektuelle Sprache (WTF?), die sprunghafte Erzählweise (könnte schlimmer sein), den fehlenden Kuschelfaktor (stimmt).

Tatsächlich gefällt sich Kristin Rübesamen als coole Weltbürgerin urbaner Räume ganz gut. New York, London, Berlin, dabei immer ganz nah am Rocksaum der örtlichen Prominenz – das wird stellenweise penetrant. Allerdings lassen sich diese Umzüge auch als äußere Manifestation des Getriebenseins lesen, ist die Autorin doch fast verzweifelt auf der Suche nach dieser einen zentralen Erkenntnis, die geistige Erleichterung verspricht. Dabei bleibt die Person Kristin Rübesamen seltsam fremd. Sie schreibt kühl, launisch, oft rotzig, auch selbstverliebt. Das schafft leicht eine unsympathische Aura.

Jedoch mag ich sie für ihre nachdenkliche, kluge Art, das neuzeitliche Yoga-Business mit seinen schrägen Auswüchsen zu abstrahieren und zu hinterfragen. Ich mag sie für ihren Zweifel. Oft schwingt ein leiser Humor zwischen den Zeilen, bissige Anekdoten entlarven den ein oder anderen „Star“ der Branche. Alle sind erleuchtet ist tatsächlich kein Wohlfühl-heile-Welt-Buch. Wer sich esomäßige Geborgenheit erhofft, wird mit bemerkenswerten Sätzen wie diesem erschreckt: „Modernes Yoga soll immer helfen. Aber was ist mit Genügsamkeit und Nähe zu Gott? Macht es die Nervösen nicht vielleicht empfindlicher, die Geknickten noch wehleidiger, die Sanften debil und die Aggressiven unerträglich? Materialisten sind auch im Yoga die größten Körperfetischisten.“

Das ist kein Stoff für Menschen, die gerne glauben möchten, dass Yogalehrer unfehlbar sanfte Wesen sind, oder die in ihrem Yoga in erster Linie ungestörte Harmonie suchen, oder die gerade erst mit dem Üben begonnen haben. Wappnet man sich ein wenig gegen das desillusionierende Potential des Buches, bietet es aber dennoch eine Perspektive zum Thema, die ich interessant finde. Oft genug ist es ja auch gerade dieser leise Zweifel, der den eigenen Blick erweitert. Namasté.



Für alle, die gerne aufs Gesicht fallen:

Sonntag, 24. Juni 2012

Bücher für den Sommer.

Böse Zungen könnten auch behaupten, ich ersparte mir mit einer wortkargen Infografik, die ich nicht einmal selbst erstellt, sondern lediglich selbst gefunden habe, einen Haufen Arbeit.

Hier könnt Ihr das Bild in voller Größe ansehen. Viele Klassiker, schön gemacht!



Über http://dailyinfographic.com/

Montag, 11. Juni 2012

{Werbeblock}





*Werbeblock an*

Freunde, Feinde und unmotivierte Mitleser von "Ein Buch muss die Axt sein"! Es gibt eine Verkündung zu tätigen, sei sie auch eher unwichtig und keinesfalls bahnbrechend.

Die Axt gibt es seit kurzem auch als Tumblr, überraschenderweise unter dem kreativen Titel DIE AXT. Dort findet alles Platz, was hier keinen findet. Texte, Bilder, Gedanken und andere Dinge, die mich von der Arbeit abhalten. Besuch ist immer willkommen.

*Werbeblock aus*



...und weil ich Werbung machen darf, dürft Ihr jetzt auch welche machen. Für Euch selbst. Oder Blogs und Tumblrs, die Ihr gut findet. Empfehlungen und Eigenlob einfach schamlos im Kommentarfeld hinterlassen.

Donnerstag, 31. Mai 2012

Lyrik zum Anfassen, Teil 10.


Vielleicht ist es auch gar nicht Teil 10, aber das beunruhigt uns jetzt nicht weiter. Es gibt jedenfalls Hoffnung für die talentlosen Lyriker unter uns, zum Beispiel mich. Denn bei Rosine findet man eine sehr schöne und pragmatische Anleitung zum Gedichteschreiben.

Ich präsentiere einen kurzen Auszug aus ihrem Erstlingswerk "Verstauen Sie ein T-Shirt in einem Maxirock":


Geben Sie eine Erklärung ab
in einer übergroßen Strickjacke und in beunruhigten Jeans oder
gleiten Sie wenigstens auf einer romantischen Ausschnittbluse, die eine Erklärung abgibt.
 
 
Wenn das mal nicht fabelhaft ist! Mich faszinieren auch seit jeher diese kryptischen Gebrauchsanweisungen, die irgendwelchen obskuren Importprodukten beiliegen und dem Käufer Ratschläge erteilen wie "Lassen Sie 538-Stahlschlunze großzügig ausruhen und befehlen Sie während dessen Schalter B Ihre Zuneigung." Sowas erledigt heutzutage vermutlich der Google Translator. Aber ich habe ohnehin die Vermutung, dass Maschinen insgeheim die schönere Lyrik produzieren.
 
 

Samstag, 26. Mai 2012

Verhängnisvolle Affären.

Auf Bookfessions gestehen buchsüchtige Menschen ihre mehr oder weniger kleinen Macken. Vieles kommt mir verdächtig bekannt vor. Ich selbst muss zugeben: ich habe für eine Buchbloggerin einen unguten Hang zu Serien. Das ist natürlich Gift für meine Blogstatistik. Wer will schon acht Beiträge hintereinander über Harry Hole lesen? Oder jeden Sookie Stackhouse-Band einzeln aufgedröselt? Aber ich kann's nicht ändern – gefällt mir eine Serie, MUSS ich alle Bände hintereinander weglesen, sonst fühle ich mich schlecht. Mit der Zeit fühlen sich die Hauptfiguren an wie Freunde.

Und: Wie lauten Eure Bookfessions?










Donnerstag, 17. Mai 2012

George R.R. Martin: A Game of Thrones.

Das Internet sagt, George R.R. Martin werde von Fans schlicht GRRM genannt. Dann mache ich das jetzt auch. Denn ich bin ein Fan.

Und das kam so: Der Gatte stellte mir die ersten vier Bände des Zyklus Ein Lied von Eis und Feuer auf den Tisch, mit den Worten „Das gefällt Dir bestimmt.“ Ich verschob die hübsche Sammelbox vom Tisch ins Regal und ignorierte sie dort ein gutes halbes Jahr lang. Denn es handelte sich um die englische Ausgabe. Geständnis: Weil ich gerne zügig lese, vermeide ich meist das englische Original – was soll’s, es dürfte jedem klar sein, dass sich dies hier nicht als Mutterschiff intellektuellen Anspruchs versteht.

Wenig später zeigte mir der begeisterte Gatte einen Trailer der HBO-Serie „Game of Thrones“ – da gab ich seiner Penetranz zähneknirschend nach und kaufte uns kurzerhand die komplette erste Staffel. Und fand sie brillant. Ganz autoritär musste ich mich zwingen, nicht alle Folgen am Stück anzuschauen, sondern mir den Genuss brav einzuteilen, um länger davon zehren zu können. So gut fand ich die Serie. Tja, und nach der letzten Folge ereilte mich dann der Entzug, den jeder kennt, der Serien in Buch- oder Filmform liebt. Man weiß ja bereits, die Geschichte geht weiter; man will um alles in der Welt wissen, wie sie weitergeht; man kann es quasi kaum ertragen, von der Geschichte getrennt zu sein.

Und auf einmal erschien mir die englische Pappbox mit den vier Bänden darin unheimlich attraktiv.

Ich muss also zugeben: Ich habe den ersten Band als Methadon für meine Entzugserscheinungen missbraucht. Nur deshalb habe ich ihn aufgeschlagen. Um mich hundert Seiten später dafür zu schämen, denn das haben die Romane wahrhaftig nicht verdient. Die Sprache ist überraschend gut zu bewältigen. Gelegentlich schlage ich einen Begriff nach, aber das stört den Lesefluss nur unerheblich. Ich bin jetzt im ersten Drittel des zweiten Bandes und heilfroh, dass ich noch so viele Seiten vor mir habe. So viele Seiten, die ich in der Geschichte verbringen kann. Ich ganz allein. Mein Schaaaatz.

Viele von Euch werden Ein Lied von Eis und Feuer in Buchform schon kennen, oder aber den ersten Band als Serie, oder beides. Ausufernde Klappentextereien spare ich mir daher, zumal eine sinnvolle Inhaltsangabe ohnehin sehr viel mehr Text in Anspruch nähme, als mir und Euch lieb wäre. Die Handlung von Game of Thrones ist in einer Welt angesiedelt, die in ihrem Charakter dem recht düster anmutenden europäischen Mittelalter ähnelt. Sieben Königreiche umfasst der Kontinent Westeros, der von König Robert Baratheon regiert wird. Als Baratheon stirbt, erheben gleich mehrere Anwärter den Anspruch auf den Thron – ein raffiniertes und grausames politisches Ränkespiel beginnt.

Aus wechselnden Subjektiven breitet sich die raue Geschichte vor uns aus. Das schafft eine intensive Nähe zu den Figuren und sorgt nicht zuletzt dafür, dass der Leser sich schnell im Geflecht der vielen Parteien zurechtfindet. Die stimmige, mittelalterlich-magische Welt von Westeros wurde mit großer Sorgfalt und einem Blick für originelle Details erschaffen. Ein schönes Beispiel: die Rolle der Jahreszeiten. In Westeros kann ein Sommer durchaus Jahre, ein Winter sogar Jahrzehnte dauern. Entsprechend gefürchtet sind die Winter im Königreich. So lässt GRRM der unerbittlichen Natur eine ganz eigene, fast mystische Bedeutung zukommen, die als mehr oder weniger subtile Bedrohung ständig präsent ist.

Die Melange aus diesem beeindruckenden Weltentwurf, den absolut überzeugenden Figuren und der spannenden Story hat mich unverzüglich gefesselt. Während ich dies hier schreibe, möchte ich eigentlich viel lieber weiterlesen. Mehr Empfehlung geht wohl nicht.


Mittwoch, 16. Mai 2012

Die Axt schafft sich ab.

Offenbar hat mein Unterbewusstsein beschlossen, meine Inkarnation als Axt in einem trägen, dafür schmerzlosen Prozess  zu eliminieren. Beim Blick ins Archiv da rechts stellt der Betrachter nämlich Folgendes fest:

Beiträge im Jahr 2009: 96
Beiträge im Jahr 2010: 50
Beiträge im Jahr 2011: 18

Folge ich konsequent der Statistik, muss ich in diesem Jahr noch etwa zwei Beiträge schreiben. 2013 wären es 4-5 Beiträge. 2014 kommt auf 2-3 Beiträge, 2015 nur noch auf einen, und im Jahr 2016 ist die Axt Vergangenheit. Sollte ja wohl zu schaffen sein.

Dienstag, 15. Mai 2012

Suzanne Collins: Die Tribute von Panem.

Muah. Diese schlimme erste Zeile. In der man den Leser davon überzeugen muss, dass ihm der restliche Artikel leuchtende Augen und einen rosigen Teint bescheren wird. Ich kann sowas nicht! Ich kann nur pragmatisch über ein Buch sprechen: ob es mir nun gemundet hat oder nicht, und wenn nicht, warum nicht, und wenn doch, warum. Dafür sind wir ja wohl auch alle hier. So.

Die Tribute von Panem. Hat mir gefallen. Das hätten wir schon mal. Wenn nicht, ja wenn eben nicht … dazu komme ich gleich. Suzanne Collins stammt eigentlich aus dem Drehbuchfach – davon profitiert das Erzähltempo sehr. Drehbuchautoren, die Romane schreiben, machen das oft sehr spannungsreich und kreativ (Game of Thrones! Yay!) und bringen fesselnde Geschichten auf den Tisch, die ich in einem Mordstempo einatme. Die Tribute von Panem ist so ein Fall, wobei wir zugleich beim ersten und für mich dicksten Wehmutstropfen wären. Diesen dystopische Gesellschaftsentwurf, in dem ein zukünftiges totalitäres Regime Kinder dazu zwingt, sich in sogenannten Spielen bis zum Tod zu bekämpfen, den gibt es schon. Zum Beispiel funktioniert der Film "Battle Royale" (Japan, 2000) nach genau diesem Muster. Ich weiß wirklich nicht, was ich davon halten soll – der Filmstoff ist so identisch mit dem ersten Band der Trilogie, dass ich ihn kaum noch als bloße "Inspiration" bezeichnen möchte. Als ich auf Wikipedia nachgeschlagen habe, begegnete mir dieser Kritikpunkt dort ebenfalls. Wahrscheinlich habe ich das alles mal wieder als Letzte gecheckt. Seufz.

Wenn ich mir überlege, wie viel Kohle die gesamte Trilogie ihrer Autorin eingefahren hat, finde ich das etwas bitter. Genau genommen kotzt es mich sogar ziemlich an, dass Mrs Collins mit den kaum verschleierten Ideen anderer Künstler einen derartigen medialen Erfolg verzeichnet. Ganz ehrlich: hätte ich das vorher gewusst, dann wäre die Panem-Trilogie nicht auf meinem Lesetisch gelandet. Sowas kann ich aus Prinzip nicht ab. Komm mir jetzt bloß keiner mit einem bekloppten "Mash-Up ist Zeitgeist"-Einwand. Mash-Up my ass. Hier ist es mir wirklich zuviel.

Gut. Nun besteht der ganze Kram nicht nur aus dem ersten Band, und ich will versuchen, das Plagiatsgeschrei mal einen Moment beiseite zu lassen. Tun wir so, als wüssten wir alle von nichts: dann ist die Panem-Trilogie ein sehr spannendes, interessantes und kreatives Konzept. Ja, es gibt eine Lovestory, und nein, sie ist zum Glück nicht unerträglich kitschig. Liegt vielleicht auch an den vielen Toten.

Gestorben wird hemmungslos. Auch und gerade die Guten müssen dran glauben. Collins übt keine Gnade, was ich wiederum lobenswert finde. Die Figuren sind nicht selten gebrochen und verletzt – und alles andere wäre wohl auch erstaunlich, denn die Bewohner Panems leben nicht gerade in Saus und Braus. Entstanden aus den Trümmern der einstigen USA, bildet Panem ein Land der Überlebenden, unterteilt in 12 Distrikte und regiert vom sogenannten Kapitol. Die Menschen leiden Hunger, alles ist rationiert und kontrolliert. Unüberwindliche Zäune umgeben die Distrike, weder existiert Reisefreiheit noch ein Zugang zu unabhängiger Information. Als Strafe für lange zurückliegende Aufstände werden aus jedem Distrikt jedes Jahr zwei Kinder ausgelost: die sogenannten Tribute. Sie müssen in der Arena der jährlichen "Hungerspiele" gegeneinander antreten. Der letzte Überlebende gewinnt.

Kurioserweise komme ich damit erst jetzt zu den beiden Hauptfiguren, dem Mädchen Katniss und dem Jungen Peeta aus Distrikt 12. Ich reiße hier nur ganz kurz an: Sie werden als Tribute in die Arena des Kapitols geschickt, um mit den anderen bis zum Tod zu kämpfen. Tja, und bald stellt sich heraus, dass sich zwischen den beiden Jugendlichen, den unmöglichen Umständen zum Trotz, etwas entwickelt. Unversehens kommen Katniss und Peeta den Plänen des Kapitols in die Quere. Kann natürlich unmöglich gutgehen – der Kampf gegen das Kapitol beginnt.

Ein Aspekt, der mir beim Panem-Konzept gefällt, ist die fehlende "historische" Erläuterungsebene. Es wird eben nicht weitschweifig erklärt, aus welchen Gründen und auf welche Weise das frühere (unser heutiges) Nordamerika zugrunde ging. Die Geschichte spielt in ihrem eigenen Hier und Jetzt, die Vergangenheit bleibt nebulös und der Rest der Welt kommt gar nicht erst vor. Das schafft einen schön kompakten Rahmen, der das rasante Tempo erlaubt. Unterm Strich eine Story nach meinem Geschmack und mit Sicherheit eine gute Wahl für Fans filmisch erzählter Fantasy-Romane. Nervte da nicht die leidige Abschreibegeschichte, gäbe es von mir eine klare Empfehlung!

Samstag, 21. April 2012

Nele Neuhaus: Unter Haien.

Also nee, Freunde, so leid es mir tut. Dit wird nüscht mit mir und dem Buch von der Neuhaus. Wo mir die rustikalen Taunuskrimis zum großen Teil hervorragend mundeten, hinterließ Unter Haien einen ganz schön seltsamen Geschmack in meinem Hirn. Dieser Krimi ist eigentlich das Neuhaus'sche Debüt, erschien aber irgendwie erst danach  – versteh ich nicht, aber was soll es.

Die Geschichte kreist um die wahnsinnig erfolgreiche, wahnsinnig hübsche und wahnsinnig clevere Investmentbankerin Alex. Die Deutsche ist nach New York ausgewandert und dort ein rising star der Wall Street. Blöderweise ist die gute Alex bei aller Cleverness ein bißchen bescheuert und lässt sich mit einem ultrabösen Mafiaboss ein. Dass der gute Sergio gehörig Mist am Hacken hat, stellt sich dann relativ zügig heraus, aber es wohnt sich halt so nett seinem Luxusapartment. Dass er sie spontan mal vergewaltigt, als sie mal nicht mit ihm schlafen will – geschenkt.

Ab da zieht sich das Buch dann zweihundert Seiten lang ganz enorm hin. Wie ein sehr alter Kaugummi. Ständig fragte ich mich, wieso nicht endlich mal einer was kapiert. Unglaublich merkbefreit sind die meisten Figuren. Alex darf in der Zwischenzeit neue tolle Freunde in der High Society finden, den Präsidenten beeindrucken, Ausflüge in die Hamptons machen, wechselnde Liebhaber bedienen und ganz nebenbei 80 Stunden pro Woche arbeiten (anscheinend spielt der Roman in einem einzigartigen Raum-Zeit-Kontinuum).

Während die Bösen tatsächlich sehr böse sind, sind die Guten umso guter. Edle reiche Freunde, idealistische Journalisten, warmherzige Wirtinnen, you name it. Bürgermeister Nick Kostidis, Sergios Erzfeind mit der reinen Weste, fungiert als strahlender Leitstern der Gerechtigkeit. Selbstverständlich ist auch er von Alex fasziniert. So fasziniert, dass er einen tödlichen Anschlag auf seine Frau und seinen Sohn überraschend gut wegsteckt. Überhaupt läuft zwischen der hartnäckig naiven Alex und dem Hardliner-Kostidis eine unerträgliche Schmalznummer ab, die zahlreiche unfreiwillig komische Momente offenbart. Ehrlich, ich werde es niemals nie verstehen, wieso man die obligatorische Liebesszene nicht einfach diskret hinter geschlossener Tür inszeniert. Die Beschreibung des Geschlechtsakts ist eine Gratwanderung, die oft genug schlimmes Fremdschämpotential produziert.

Gegen Ende wird es dann nochmal kurz spannend: Erleichtertes Aufatmen meinerseits. Alex muss zwar noch eine Portion Prügel einstecken und soll zusätzlich per Massenvergewaltigung (!) zum Reden gebracht werden, aber sowas verkraftet sie zum Glück ja ganz gut.

Einige Figuren durchlaufen dann noch eine erstaunliche charakterliche Wandelung. Andere bleiben  wie vom Erdboden verschluckt. Viele sind einfach zwischenzeitlich ermordet worden. Und ich bleibe ratlos zurück.



Donnerstag, 2. Februar 2012

Augenschmaus.

Neulich in der U-Bahn.
Um mich herum: lesende Menschen.
Größtenteils Paperbacks.
Erstaunliche Themenvielfalt, dennoch.
Und: sehr viele sehr häßliche Buchcover.

Es gibt Umschläge, die so grauenhaft sind, dass man sich mit ihnen in der Öffentlichkeit schämt. Ja ist gut, das ist ein oberflächlicher Gedanke. Trotzdem. Sollten so sinnliche und emotionale Gegenstände wie Bücher nicht mit der größtmöglichen Sorgfalt gestaltet werden? Ich behaupte: das geht, unabhängig von der Zielgruppe.











Habt Ihr auch Lieblingscover? Zeigen!

Montag, 30. Januar 2012

Stell Dir vor, es ist Krieg...

//* stolpert in den Axt'schen Salon und lässt sich schnaubend in einen Sessel fallen
//*  atmet tief durch

Freunde und Zufallsleser! Was ich soeben gefunden habe, lässt mir den Mund sperrangelweit offen stehen. Es ist fast schade, dass sich diese Begebenheit nicht in meinen Hallen zugetragen hat.

Am 16. November schreibt Bloggerin Myriel von Bücherzeit eine Rezension. John Asht "Twin-Pryx. Zwillingsbrut" heißt das Machwerk. 

Einige Stunden Wochen später, um 0.05 Uhr, hinterlässt John Asht, der offenbar stündlich monatlich seinen Namen googelt, diesen herzigen Kommentar:









Bis 3.45 Uhr hat John Asht sich eine erhebliche Portion Rage angesoffen:









Am nächsten Morgen ist seine Verlegerin auch ungehalten, oder besser gesagt, der Frau steht das Wutpipi in den Augen:

















Anfeindungen, Drohungen, Handlangertätigkeiten. Uiuiui, böse Myriel aber auch. Das klingt nach einer ungesunden Paranoia. Und ist anscheinen auch eine. Nochmals Auftritt Verlegerin:



















Wirtschaftskriminalität. Is klar. Dann möchte ich Myriel an dieser Stelle sehr gerne im Axt'schen Salon begrüßen, der Mutterzelle aller Wirtschaftskriminellen! Sehen Sie Verbrechen, die ihresgleichen suchen; sehen Sie Verschwörungen, Affären und fette Damen!

Oder vielleicht darf ich solche bösen Dinge ja schreiben, weil ich doch "studierte Literaturkritikerin" bin. Pssst, es muss "studierte Literaturwissenschaftlerin" heißen, aber Frau Roder war halt grad so in Rage.

Unterm Strich eine Selbstdemontage, die man fast nicht glauben mag. Priceless. Bis heute haben 387 Menschen den Vorfall auf Bücherzeit kommentiert (387! Davon darf man hier ja nur träumen. Nein, das war kein Vorwurf). Da lob ich mir den Rainer Wolf, der sich nicht dazu herablässt, Blogger zu bedrohen, sondern Schmähungen mannhaft erträgt. Herr Wolf, sollten Sie jemals noch ein Buch veröffentlichen, dann lese ich es wieder. Versprochen.

Edit: wer heute noch nicht ausreichend RTL geschaut hat, dem lege ich einen Besuch auf dem Blog "Rauhe Sitten" ans Herz. Dort ist Blogger Ekkart John Asht auf den Grund gegangen und hat Dinge zutage gefördert, die mich in ihrer Ekelhaftigkeit sprachlos machen. Und damit meine ich nicht die Leseprobe.

Dienstag, 3. Januar 2012

Jan Weiler: Drachensaat.

Gelegentlich treffe ich ein Buch, dass ich gar nicht kritisieren möchte. Über dessen Schwächen ich mich lieber hinwegsetze, weil sie mich nicht interessieren. Das kann einem mit Menschen auch so passieren: dann heißt es "Verliebtsein". Wenn man es so betrachtet, bin ich also in Jan Weilers Roman Drachensaat verliebt. Das hat auch, ganz subjektiv, mit dem hohen Aufkommen von Irren in der Geschichte zu tun. Ansammlungen psychisch eigenwilliger Menschen finde ich fabulös, da fühle ich mich zuhause.

Unser Begleiter durch den ersten Teil der Geschichte ist ein gewisser Bernhard Schade, dessen Leben man zurecht als verkorkst bezeichnen darf. Bernhard robbt selbsthassend von einem Tiefschlag zum nächsten, bis er sich schließlich während der Bayreuther Festspiele in den Kopf schießt. Dummerweise wird sein Selbstmordversuch als Attentat missverstanden und Bernhard landet, von den Medien als "Irrer von Bayreuth" durch die Headlines gejagt, in der Landespsychiatrie. Dort wird ein gewisser Dr. Heiner Zens auf ihn aufmerksam, der ihn postwendend in seine Privatklinik "Haus Unruh" verfrachtet, denn – so die These des Dr. Zens – Bernhard leidet an einer neuartigen Zivilisationskrankheit, die der Doktor entdeckt hat und an einer Gruppe Betroffener die Therapie wagen will.

Derweil trudeln in Haus Unruh die übrigen vier Patienten ein, von Dr. Zens persönlich ausgewählt und in die Klinik überstellt. Wir lernen Rita kennen, die in ihrem Kopf Radio hören und die Sendefrequenzen sogar essen kann. Ünal, den Busfahrer, der eines Tages die Fahrgäste nicht mehr aussteigen ließ. Den Postboten Arnold, der aufgrund seiner Sozialphobie die Briefe nicht zugestellt, sondern zuhause gehortet hat. Benno, der neun Jahre lang mit seiner toten Mutter lebte – er hatte sich halt so an sie gewöhnt. Dieses elende Grüppchen eint die erlittene Medienhatz, die Sektion ihrer Psyche in aller Öffentlichkeit. Traurige Berühmtheiten, Ausgestoßene.

Die Gesellschaft ist es auch, die Zens für das Leiden seiner Schützlinge verantwortlich macht. Er sieht die Patienten vielmehr als moralische Speerspitze, die er durch einen mysteriösen "großen Handlungsexzess" therapieren und als Vorreiter eines neuen Gesellschaftssystems etablieren will. Drachenzähne nennt Zens seine Patienten, nach der Drachensaat-Episode der Argonauten-Sage. In den Therapiesitzungen werden alsbald theoretische Möglichkeit diskutiert, wie man die Aufmerksamkeit der breiten Masse gewinnen könnte. Theoretische Möglichkeiten – aber dann läuft die Sache aus dem Ruder und die Gruppe entführt den Topmanager Barghausen.

Um nicht schon wieder zuviel zu verraten und auch aus Faulheit zitiere ich Jan Weiler: "Der zweite Teil gehört den Beschreibungen des Entführten und liest sich in Duktus und Haltung völlig anders als der erste. Im dritten Teil habe ich eine Art fiktionale Collage verwendet, um die Medienberichterstattung über den Fall darzustellen. Dabei erfährt der Leser sämtliche Hintergründe des Falles, einige lose Fäden aus den ersten beiden Teilen verbinden sich erst im dritten Teil letztlich zu einer geschlossenen Geschichte."

Dieser Dreiteilung des Romans stehe ich ein bißchen zwiegespalten gegenüber. Mir gefällt die Idee technisch gesehen sehr gut. Andererseits hätte ich die Drachenzähne gerne unmittelbar weiter begleitet, denn gerade die Lebens- und Leidensgeschichten dieser Fünf sind es, die für mich das Buch so rührend und wertvoll machen. Jan Weiler behandelt hier ein tragisches Thema mit Feinfühligkeit und Humor. Dass "die Gesellschaft" gerne Menschen ausgrenzt, die irgendwie anders ticken, ist nicht neu. Dass der Perfektionierungsdrang und die bedingungslos geforderte Leistungsbereitschaft nicht wenige krank macht. Und wer krank ist, wer keine Arbeit hat, wer an den Ansprüchen einer limitierten Rollenverteilung scheitert und der Gesellschaft auf der Tasche liegt, der ist eben Menschenschrott und kippt über den Rand. Selber schuld.

Die wenigen Längen im dritten Teil können mich hier nicht stören. Das sind Peanuts, um im Thema zu bleiben. Die Drachensaat hat mein Herz gewonnen. Und Jan Weiler meine Sympathie.

Remember :-)