Montag, 18. April 2011

Die "Axt" bei Girls Can Blog.




Die wunderbare Annina hat mit Girls Can Blog eine wunderbare Idee gehabt: Sie stellt Blogs von Frauen vor, die sie lesens- und bemerkenswert findet. Viele tolle Frauen mit tollen Blogs sind das mittlerweile.

Und zu meiner sehr großen Freude und Ehre hat Annina auch mich kürzlich mit der "Axt" zum Gespräch geladen. Wir finden beide, dass es ein schönes Interview geworden ist (englisch und deutsch). Ihr auch?

Dienstag, 12. April 2011

Nagel: Was kostet die Welt.

 Ist übrigens ein schönes Cover. Mit Sticker drauf und viel Pappe.
Heyne Hardcore Edition nennt sich das. Jefällt ma.


Wie vermeide ich das Spießertum – ein Klassiker unter den Rebellenfragen. „Das alte Problem“, nickt auch wissend der axt’sche Gatte, als zwischen erstem und zweitem Kaffee die Sprache auf Nagels Roman Was kostet die Welt kommt. Hier können wir uns nämlich trefflich davon überzeugen, dass sich auch der gestandene Punker kopfalt zeigt, wenn es um gegensätzliche Lebensentwürfe geht.

Der Protagonist, an dem dies zu beweisen gilt, heißt Meise. Er lebt in Berlin, arbeitet in einer Kneipe und hat vom verstorbenen Vater gerade ein erkleckliches Sümmchen geerbt. Weil der Papa generell ein eher freudloser Charakter war und dem Geldausgeben nicht zugetan, beschließt Meise, die ganze Summe für eine Weltreise auf den Kopf zu hauen – weil das sein Vater nämlich niemals getan oder auch nur gutgehießen hätte.

Soweit absolut verständlich und sympathisch. Meise kommt also irgendwann (hier befinden wir uns zeitlich) von seiner Welttournee nach Hause, fühlt sich dort vage fehl am Platz und flüchtet von den letzten paar Euros in die – doch doch, ich sage das Wort – deutsche PROVINZ.

Gastgeber des rastlosen Wanderers ist seine Reisebekanntschaft Flo, der als Jungwinzer mit Eltern und Verlobter in einem idyllischen Moseltal lebt. Hier hätten wir dann also den bürgerlichen Gegenentwurf: Flo wohnt gerne mit seinen Eltern zusammen (auf dem DORF! Igitt!), kloppt am laufenden Band schlimme Phrasen und hat einen doofen Humor. Die dazugehörigen Eltern kann sich wohl jeder vorstellen. Der Papa ein jovialer Schulterklopfer, die Mutti macht Schnittchen. Alles in allem nicht gerade kosmopolitisch, eher so Landleben und Familienverbund. Muss man nicht mögen.

Und da ist er, der springende Punkt: Muss man nicht mögen – darf man aber akzeptieren. Das ist so ziemlich die einzige Handlungsoption, die dem guten Meise auf seinem Kurzurlaub nicht in den Sinn kommt. Statt dessen verschluckt er sich permanent an seiner Verachtung für die blöden, merkbefreiten Dorfbewohner, trinkt entsprechend viel Schnaps, landet bei einer Wohnwagennutte und führt sich generell auf wie die letzte Arschgeige. Zu guter Letzt versteigt er sich noch in eine romantische Wahnvorstellung. Schlussakkord mit großem Getöse, Abmarsch nach Berlin.

Das ist so ziemlich die Essenz meiner Erkenntnisse aus Was kostet die Welt. Übrig blieben vor allem eine Handvoll offener Fragen. Muss man sich an der vermeintlichen Spießigkeit anderer und der vermeintlichen Freigeistigkeit seiner selbst dermaßen aufreiben? Kann man Leute nicht einfach so leben lassen, wie es denen passt? Haben die Dörfler nicht auch das Recht, sich so anständig selbst zu belügen wie die Großstädter? Sind am Ende nicht immer diejenigen die Intoleranten, die von den anderen die größte Toleranz einfordern?

Die Lektüre war mir, trotz schwelenden Ärgers über ihre Hauptfigur, trotzdem angenehm. Zum einen kann Nagel furchtbar lustig sein. Viel Sprachwitz, sowas mag ich. Und zum anderen regte das Buch viele interessante Gespräche an. Mit Bürgern und Punkern, in Kneipen und Wohnzimmern, nüchtern und gnadenlos betrunken. Das sind gute Dinge, denn sie sind im besten Fall produktiv. Man muss das Buch nicht mögen – aber ich tu’s.

Ah ja, fast vergessen: Melancholie und Übermut hat Was kostet die Welt ebenfalls rezensiert, und zwar ganz toll. Schaut unbedingt mal da rein!

Montag, 11. April 2011

Lyrik zum Anfassen, Teil 11.



Frühling! Sonne! Knospende Bäume! Romantik! Novalis!

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Sind Schlüssel aller Kreaturen
Wenn die so singen, oder küssen,
Mehr als die Tiefgelehrten wissen,
Wenn sich die Welt ins freye Leben
Und in die Welt wird zurück begeben,
Wenn dann sich wieder Licht und Schatten
Zu ächter Klarheit wieder gatten,
Und man in Mährchen und Gedichten
Erkennt die wahren Weltgeschichten,
Dann fliegt vor Einem geheimen Wort
Das ganze verkehrte Wesen fort.
 

Das Versmaß ist ein vierhebiger Jambus. Aber wen interessiert's.

Memo an mich: öfter mal ein 'y' statt einem 'ü' verwenden. Oder einem 'i'. Macht meine Texte womöglich interessanter – Klobyrste. Toll.

Freitag, 8. April 2011

Einzlkind: Harold.



Ihr wisst ja, ich habe es nicht so mit Pseudonymen, abgesehen von meinem eigenen. Trotzdem spare ich mir und Euch einen langatmigen Monolog über Einzelkinder, und wieso wohl bei diesem hier ein ‚e‘ fehlt – denn ein Buch mit dem Satz „Ich möchte wissen, wie der Pöbel feiert“, ausgesprochen von einem Elfjährigen beim Betreten einer Unterschichten-Bar, so ein Buch kann man ja nur mögen.

Der Elfjährige heißt Melvin, ist ein Savant und hat seinen Vater nie kennengelernt. Titelgebender Harold, ein älterer englischer Fleischereifachverkäufer, verehrt Audrey Hepburn und pflegt als einziges Hobby den monatlichen Suizid im Treppenhaus (erfolglos allerdings, es geht ihm dabei eher um die Eleganz seiner Performance). Als Melvins Mutter für eine Woche verreisen muss und dem sich sträubenden Harold den Babysitterjob zuschanzt, wittert Melvin die perfekte Chance, unbehelligt auf Vatersuche zu gehen. Eine Handvoll vielversprechender Kandidaten hat der Neunmalkluge bereits aufgetan, die mit Harold als Chauffeur und partner in crime jetzt abgefrühstückt werden müssen.

Das ist jetzt kein hochkomplexer Plot, zum Glück nicht! Denn dann könnte man die hochgradig groteske Situationskomik mit ihren fantastischen Pointen ja gar nicht in Ruhe genießen.

Melvin kracht wie ein Sprengsatz in Harolds melancholisch-beschaulichen Alltag: er ruiniert den sympathischen Kauz beim Pferderennen, schickt ihn auf LSD-Trips („Sie glauben nicht, wie teuer dieses Lysergsäurediäthylamid ist ... Ich habe übrigens Ihnen und mir jeweils ein Stück Löschpapier in den Kakao getan“) und Tuntenparties. All das ist so leichtherzig erzählt, so rasant und mit viel, viel Liebe zu den eigenen Figuren. Toll. Unbedingte Empfehlung.