Donnerstag, 20. Januar 2011

Audrey Niffenegger: Die Frau des Zeitreisenden.

Es ist vor Weihnachten (ist es nicht, aber da habe ich den Artikel angefangen). Ich war einen Monat auf Reisen. Ich habe einen Stapel Bücher durch, und fast alle habe ich gemocht. Ich habe Gedanken angestaut. In meinem Postfach fand ich bei meiner Rückkehr seltsamerweise eine Handvoll Werbeanfragen – ich habe alle abgelehnt, denn ich will nichts produzieren müssen. Denn: alles, was Ihr hier lest, soll von Herzen kommen.

Fast zwei Jahre gibt es die Axt, und ich muss gestehen: es fällt mir oft schwer, dem Netz zu genügen. Manchmal braucht mein Kopf Pausen, und so mancher Auftrag in meinem Hauptberuf (ja, den gibt es) geht an meine Grenzen. Dennoch, allen, die hier noch mitlesen, möchte ich sagen: es geht weiter bei der Axt. Manchmal geht es langsam, manchmal ist sie uninspiriert, manchmal ratlos. Aber es geht weiter. Vielleicht eher in analogem Tempo. Whatever.

Statt sentimental zu werden, lege ich Euch lieber Die Frau des Zeitreisenden von Audrey Niffenegger ans Herz. Der Roman wurde vor nicht allzu langer Zeit verfilmt, allerdings habe ich den Film nicht angeschaut und beziehe mich ausschließlich auf das Buch.

So ganz vorneweg und unintellektuell – wer gerade diese melancholische Wintersehnsucht da drinnen spürt, kann sich der Frau des Zeitreisenden kaum entziehen. Wer jemals heftig vermisst hat, geträumt und geliebt hat, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit während der Lektüre seinen Verstand in eine Kammer sperren und sich hemmungslos dem Kitsch hingeben wollen. Kitsch ist natürlich ein böses Wort für so einen zarten Roman; dennoch muss ich hier anmerken, dass man liebesmäßig schon ein Idealist sein sollte, um die Story so richtig genießen zu können.

Das unwiderstehliche Sujet des Seelenverwandten packt also diejenigen von uns im Nacken, die nicht aufhören wollen, von der einen, der wirklich großen und unvergänglichen Liebe zu träumen. Was soll's, manchmal will man sowas, und Audrey Niffenegger macht das fabelhaft.

Und darum geht es: Henry DeTamble hat einen unkontrollierbaren Gendefekt, der ihn zwingt, spontan durch die Zeit zu reisen. Auf diesen Zeitreisen begegnet er der sechsjährigen Clare, der zukünftigen Frau seines späteren Ichs. Die verschiedenen Versionen von Henry besuchen die heranwachsende Clare immer wieder auf seinen Zeitreisen, denn sein gegenwärtiges Unterbewusstsein scheint ihn zuverlässig dorthin zurück zu schicken. Weil Henry ja weiß, was in der Zukunft passieren wird, verrät er Clare zu ihrem eigenen Schutz kaum etwas von sich – und doch ist er es, der letztendlich ihre erste "erwachsene" Begegnung völlig unbedarft erlebt. Denn der Henry, dem die mittlerweile erwachsene Clare in einer Bibliothek begegnet, hat seine erste Zeitreise zu ihr noch gar nicht erlebt, während Clare Henry schon fast ihr ganzes Leben lang kennt.

Ob man Liebesgeschichten nun mag oder nicht – Die Frau des Zeitreisenden ist eine wirklich tolle, konsequent umgesetzte Idee. Und ich glaube, dass auch Realisten an dieser unkonventionellen boy-meets-girl-story Gefallen finden werden. Denn Audrey Niffenegger verknüpft die Vielzahl an Zeitfäden geschickt miteinander und bemüht sich merklich um Klischeevermeidung (davon abgesehen, dass die schicksalhafte Liebe als solches schon eines ist; aber wir sind ja hier nicht bei der Financial Times).

Ein toller Roman für einen melancholischen Nachmittag mit Tee und Keksen, wenn der Partner gerade auf Reisen ist und von uns vermisst wird. Und wer gar keinen Partner hat, kann sich bei der Lektüre wunderbar vorstellen, dass der zukünftige Liebste jeden Moment aus der Zukunft anreisen könnte. Ist ja auch nicht schlecht.



Dieser Artikel ist übrigens für Kristina, die mir neulich ein wenig Motivation abgab.

Kommentare:

donpozuelo hat gesagt…

Schön, wieder was von dir zu lesen :D

An dem Roman bin ich auch immer wieder vorbeigelaufen. Hatte ihn auch schon mehrmals in der Hand, ihn dann aber nie mitgenommen.

Wer weiß, vielleicht für die nächste Vorweihnachtszeit ;)

lizzz hat gesagt…

Dabei gibt es den jetzt in dieser hübschen kleinen Hardcover-Taschenausgabe, sieht ein wenig aus wie ein Moleskine, kostet nen Zehner. Es ist ja noch Winter, eine Vorweihnachtszeit braucht man gar nicht unbedingt. Scheißwetter reicht.

Dr. Borstel hat gesagt…

Soll jedenfalls besser als die Verfilmung sein, die, so habe ich mir sagen lassen, recht kitschig und lahm sei. Da mich die Story an sich aber sehr wohl interessiert, sollte ich mir das Buch wohl merken.

lizzz hat gesagt…

Ja, die Verfilmung kann ich mir auch nur kitschig vorstellen. Es sei denn, man täte ein Drama draus machen. Aber ich hab den Film ja gar nicht gesehen.

Ich vermute stark, dass hier das gleiche Phänomen auftritt wie bei "In meinem Himmel": tolles Buch, verschmalzter Film.

Anonym hat gesagt…

Um das der Axt nochmal in aller Öffentlichkeit zu sagen:

Ich bin ganz furchtbar glücklich darüber, einen neuen Artikel von Dir lesen zu dürfen und dass dieser mir auch noch gewidmet wird, erfüllt mein kleines Herz mit purer Freude! Hui, bin ganz überwältigt :o)!

Oh man, da hat sich das Warten noch mehr als sonst gelohnt (im Übrigen ist es das immer wert...)

Liebste Grüße

Kristina

lizzz hat gesagt…

Danke für dieses außerordentliche Lob, liebe Kristina!

vielleichtsagerin hat gesagt…

willkommen zurück. dein blog hat mich animiert, einen eigenen zu starten. weil: tolle schreibe, immer lustig und dabei reflektiert.

treue leserin :-), m.

lizzz hat gesagt…

Also sagt mal, jetzt werd ich aber langsam rot! So viele freundliche Worte, das ehrt mich sehr. Ich schaue gleich bei Dir rein, Vielleichtsagerin.

b is for beauty hat gesagt…

Ich liebe das Buch auch. Ich hatte richtig sehnsucht nach den protagonisten als ich es durch hatte. :)

Julia K. hat gesagt…

ich bin in liebe mit diesem buch! es ist... hach... es ist einfach schön und traurig und schön und traurig und verträumt und ... es bleibt irgendwie bei einem.

lizzz hat gesagt…

Das stimmt. Man will auch so ne Liebe haben.