Mittwoch, 26. Januar 2011

Magazine: Grazia.

Es muss ja nicht immer ein Buch sein. Frauen kaufen gerne auch Frauenzeitschriften, da beißt die Maus keinen Faden ab. Es gibt natürlich Frauen, die gar keine Frauenzeitschriften kaufen, aus Prinzip schon nicht. Dieser Ausfall wird dann von denjenigen Frauen kompensiert, die richtig viele Frauenzeitschriften kaufen, schon aus Prinzip. Am Ende des Tages rentiert sich der Kram, sonst würde er nicht gedruckt.

Ich bin selbst keine Ausnahme, das brauch ich gar nicht erst zuzugeben, das sage ich ohne rot zu werden. Mein Gott, manchmal will ich eben Tipps zu den hottesten Sale-Items internationaler Onlineshops, da will ich die Must-Haves für das kommende Frühjahr wissen, und auch, ob eine teure Anti-Aging-Creme besser ist als die billige.

Ich schrecke auch vor absolut unterirdischen Magazinen nicht zurück. Der Beweis: Grazia. Grazia ist ein haarsträubendes Konglomerat von Starklatsch, Mode und Betroffenheitsberichten a la „Mein Mann geht zu einer Hure.“ Das ist jetzt noch kein Alleinstellungsmerkmal. Allerdings hat tatsächlich nur Grazia diesen unnachahmlich passiv-aggressiven Tonfall, wenn es um fett gewordene, drogensüchtige oder sonstwie in Ungnade gefallene Prominente geht.

Und nur Grazia schafft es, quoten-ernste „Reportagen“ sensationsheischend und gleichzeitig pupslangweilig zu präsentieren. Wahrscheinlich will man nicht, dass wirklich einer liest, wie Manuela, 33, von ihrer Mutter als Baby ausgesetzt wurde. Würde einem ja vielleicht den Spaß am Begutachten der neuen It-Bags versauen. Die Artikel sind also nur im Heft, damit frau sich besser fühlt, wenn sie mit Grazia in der Hand gen Kasse schweift.

Liebe Grazia, meinetwegen kannst Du diese überflüssigen Berichte aus dem Leben (das muss ein sehr böses und deprimierendes Leben sein) sofort weglassen. Ist mir egal, dass der Heike aus Bottrop ihr Mann auf schlimmen SM-Sex steht. Stattdessen hätte ich lieber noch mehr Vorher-Nachher-Bilder moppeliger Vi-Ei-Pies, damit mir meine Tarte zum Kaffee noch besser schmeckt. Möglichst mit Gewichtsangabe. Und ganz viele Bilder von Schuhen. Möglichst mit Bezugsadressen.

Machen wir uns doch nichts vor, Grazia: Du bist oberflächlich, und ich will Dich oberflächlich. Du musst nicht erst so tun, als ob Du mir wirklich was zu sagen hättest. Wenn ich das will, kaufe ich Missy.

Dienstag, 25. Januar 2011

Sebastian Fitzek: Splitter & Der Seelenbrecher.

Eins vorneweg: wer auf brillante Stilisten und fein nuancierte Tonlagen steht, wird mit Sebastian Fitzek nicht sehr glücklich. Seine Schreibe erinnert mich irgendwie an einen gut gelaunten Labrador, der krachend durchs Geäst rumpelt. Das soll heißen, der Mann lässt es an handfester Dynamik wahrlich nicht mangeln. Dass die sprachliche Eleganz der rasanten Handlung gelegentlich zum Opfer fällt, stört eingefleischte Fitzek-Fans dabei überhaupt nicht.

Mich störte es überraschenderweise auch nicht, und dabei bin ich ja sonst eher von der wortverliebten Fraktion. Aber ich muss zugeben, Fitzeks Psychothriller haben was. Ich finde es nachgerade sympathisch, wie enthusiastisch die Protagonisten durch die Handlung poltern, ohne sich oder gar dem Leser ein Päuschen zu gönnen. Ob diese Handlung denn an jeder Stelle plausibel oder realistisch ist, fragt man sich bei dem Tempo erst gar nicht. Und das finde ich gar nicht schlecht: ist doch schön, wenn ein Buch sich mal gar nicht ziert, sondern im Gegenteil den Leser einfach mitschleift.  

Angenommen, man liegt leicht vergrippt und voller Selbstmitleid zuhause herum, dann möchte man eh keine tausend Ebenen und komplizierte Zeitreisen und Firlefanz. Oder wenn man in einem ICE voll singender Rentnerreisegruppen sitzt. Oder auf der Couch mit Schokolade und Rotwein (ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber wenn ich mich beim Lesen anzwitschern will, greife ich nicht zu Thomas Mann).

Splitter behandelt das dankbare Thema „Was wäre, wenn wir unsere schlimmsten Erinnerungen löschen könnten?“ und kreuzt es frohgemut mit moderner Neurobiologie. Auch Der Seelenbrecher befasst sich – kaum überraschend – mit der Verletzlichkeit des menschlichen Seelenlebens: Ein geheimnisvoller Irrer entführt nette junge Frauen. Als sie nach einigen Tagen wieder auftauchen, sind sie zwar noch am Leben, aber psychisch vollkommen zerstört. Klingt das nach einem unterhaltsamen Abend oder was? Die Enden beider Bücher sind übrigens gleichermaßen wahnwitzig. Wundert jetzt sicher keinen.  

Im Axt’schen Bücherregal werden vermutlich noch ein oder zwei weitere Fitzeks einziehen und damit die Dawn Songs dieser Welt ein wenig erden. Ich mag ja bekanntermaßen alle Bücher, die Spaß machen. Habt Ihr Sebastian Fitzek schon gelesen? Welchen Thriller könnt Ihr mir besonders empfehlen?

Freitag, 21. Januar 2011

Elizabeth Haydon: Die Rhapsody Saga.

Wer hier schon länger dabei ist, kennt das Phänomen ja bereits: manchmal überkommt die Axt ein Bedürfnis nach seltsamer Literatur, derer man sich in der U-Bahn schämen muss. Und so ist es auch gar nicht weiter schockierend, dass ich aus meinen Bücherstapeln eine haarsträubende Fantasy-Trilogie herausgefischt habe, die ich mit Euch teilen will. Achtung, Kollegen, das wird lang:

Es handelt sich dabei um die Rhapsody Saga von Elizabeth Haydon. Mittlerweile dürften es sechs oder sieben Teile sein, hier beziehe ich mich auf die ersten drei Bände.  In Deutschland ist die Reihe unter den total sinnlosen Titeln Tochter der Erde, Tochter des Feuers und Tochter des Windes erhältlich. Vorweg: der Klappentext klang ganz interessant, deshalb hab ich den Kram seinerzeit gekauft (und weil es ein langer Winter  und ich extrem auf Realitätsflucht war).

Es geht um die drei Gefährten Rhapsody (Sängerin), Achmed (Meuchelmörder) und Grunthor (Riese), die vor ihren Verfolgern durch die Erde auf die andere Seite der Welt fliehen. Dabei vergeht irgendwie die Zeit viel schneller und sie kommen erst 1400 Jahre später auf der anderen Seite wieder heraus. In der Zwischenzeit ist ihre Heimatinsel untergegangen, zurück können sie nicht. Man muss also das Beste draus machen und sich in der neuen Welt einrichten. Der gute Achmed unterwirft mal eben ein ganzes Volk und wird König. Rhapsody lernt mal eben an einem Tag eine neue Sprache.

Ach ja, Rhapsody. Haydon wird nicht müde, seitenweise über Rhapsodys Schönheit, Güte und Sanftheit zu schwadronieren. Die Heldin ist nämlich ab-so-lut überirdisch schön, man fasst es kaum! Das blendend güldene Haar, die schlanke Gestalt, die abwechselnd smaragd- und laubgrünen Augen. Hach. Und so naiv: sie weiß nicht einmal, wie schön sie ist, während alle Welt bei ihrem bloßen Anblick den Verstand verliert. Haydon ist selbst so verknallt in ihre Heldin, dass es einen gruselt.

Natürlich trägt Rhapsody das Herz voll Trauer – denn dummerweise ist sie mit 14 von Zuhause weggelaufen und Prostituierte geworden. Grund: auf einem Fest hat das gute Kind einen Typen kennengelernt, nach einer halben Stunde mit dem geschlafen und ihm ewige Liebe geschworen. Und dann taucht der Kerl nicht mehr auf. Liebeskummer! Weltuntergang! Weil man mit 14 natürlich schon weiß, dass man dem Knilch ein ganzes Leben lang hinterhertrauern wird, kann man auch gleich weglaufen und Hure werden.

Da Rhapsody in der neuen Welt das Weglaufen bitter bereut, die Familie aber zwischenzeitlich mit der Heimatinsel in den Fluten versunken ist, adoptiert sie als Ersatz ständig irgendwelche fremden Leute (voll psycho, wenn Ihr mich fragt). Dieses sanfte, engelsgleiche Wesen mit den laubgrünen Augen und dem gebrochenen Herzen. Uaaaaahhhhh!

Ich muss zugeben, dass ich den Weltenentwurf raffiniert und durchdacht finde, und die Grundzüge der Geschichte gefallen mir auch sehr gut. Aber die Autorin erzählt so unfassbar weitschweifig vor sich hin, dass die Story sich im Schneckentempo entrollt. Man könnte glauben, die Romane seien entsprechend detailverliebt, aber Haydon verlobhudelt ihre Zeilen hauptsächlich an die unfassbar schöne Rhapsody (erwähnte ich schon, dass sie laubgrüne Augen hat?). Die übrigen Charaktere sind ihr wohl wurscht, die bleiben farblos bis durchgeknallt.

Kurzum: Der Kitschfaktor ist astronomisch. Die verwirrende Übersetzung tut ihr Übriges dazu – noch nie hat ein Mensch in einem Roman so inflationär „geschmunzelt“. Die Liebesszenen sind mir furchtbar peinlich gewesen: Regenbogenorgasmen, Seelenclinch und inneres Feuer, hhrrrrrrr!

Am lustigsten ist eigentlich, dass irgendein Kritiker im Klappentext die Romane mit Tolkien vergleicht. Ich weiß nicht, was sie dem gezahlt haben. Vielleicht hat er ein paar laubgrüne Kontaktlinsen bekommen.

Donnerstag, 20. Januar 2011

Audrey Niffenegger: Die Frau des Zeitreisenden.

Es ist vor Weihnachten (ist es nicht, aber da habe ich den Artikel angefangen). Ich war einen Monat auf Reisen. Ich habe einen Stapel Bücher durch, und fast alle habe ich gemocht. Ich habe Gedanken angestaut. In meinem Postfach fand ich bei meiner Rückkehr seltsamerweise eine Handvoll Werbeanfragen – ich habe alle abgelehnt, denn ich will nichts produzieren müssen. Denn: alles, was Ihr hier lest, soll von Herzen kommen.

Fast zwei Jahre gibt es die Axt, und ich muss gestehen: es fällt mir oft schwer, dem Netz zu genügen. Manchmal braucht mein Kopf Pausen, und so mancher Auftrag in meinem Hauptberuf (ja, den gibt es) geht an meine Grenzen. Dennoch, allen, die hier noch mitlesen, möchte ich sagen: es geht weiter bei der Axt. Manchmal geht es langsam, manchmal ist sie uninspiriert, manchmal ratlos. Aber es geht weiter. Vielleicht eher in analogem Tempo. Whatever.

Statt sentimental zu werden, lege ich Euch lieber Die Frau des Zeitreisenden von Audrey Niffenegger ans Herz. Der Roman wurde vor nicht allzu langer Zeit verfilmt, allerdings habe ich den Film nicht angeschaut und beziehe mich ausschließlich auf das Buch.

So ganz vorneweg und unintellektuell – wer gerade diese melancholische Wintersehnsucht da drinnen spürt, kann sich der Frau des Zeitreisenden kaum entziehen. Wer jemals heftig vermisst hat, geträumt und geliebt hat, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit während der Lektüre seinen Verstand in eine Kammer sperren und sich hemmungslos dem Kitsch hingeben wollen. Kitsch ist natürlich ein böses Wort für so einen zarten Roman; dennoch muss ich hier anmerken, dass man liebesmäßig schon ein Idealist sein sollte, um die Story so richtig genießen zu können.

Das unwiderstehliche Sujet des Seelenverwandten packt also diejenigen von uns im Nacken, die nicht aufhören wollen, von der einen, der wirklich großen und unvergänglichen Liebe zu träumen. Was soll's, manchmal will man sowas, und Audrey Niffenegger macht das fabelhaft.

Und darum geht es: Henry DeTamble hat einen unkontrollierbaren Gendefekt, der ihn zwingt, spontan durch die Zeit zu reisen. Auf diesen Zeitreisen begegnet er der sechsjährigen Clare, der zukünftigen Frau seines späteren Ichs. Die verschiedenen Versionen von Henry besuchen die heranwachsende Clare immer wieder auf seinen Zeitreisen, denn sein gegenwärtiges Unterbewusstsein scheint ihn zuverlässig dorthin zurück zu schicken. Weil Henry ja weiß, was in der Zukunft passieren wird, verrät er Clare zu ihrem eigenen Schutz kaum etwas von sich – und doch ist er es, der letztendlich ihre erste "erwachsene" Begegnung völlig unbedarft erlebt. Denn der Henry, dem die mittlerweile erwachsene Clare in einer Bibliothek begegnet, hat seine erste Zeitreise zu ihr noch gar nicht erlebt, während Clare Henry schon fast ihr ganzes Leben lang kennt.

Ob man Liebesgeschichten nun mag oder nicht – Die Frau des Zeitreisenden ist eine wirklich tolle, konsequent umgesetzte Idee. Und ich glaube, dass auch Realisten an dieser unkonventionellen boy-meets-girl-story Gefallen finden werden. Denn Audrey Niffenegger verknüpft die Vielzahl an Zeitfäden geschickt miteinander und bemüht sich merklich um Klischeevermeidung (davon abgesehen, dass die schicksalhafte Liebe als solches schon eines ist; aber wir sind ja hier nicht bei der Financial Times).

Ein toller Roman für einen melancholischen Nachmittag mit Tee und Keksen, wenn der Partner gerade auf Reisen ist und von uns vermisst wird. Und wer gar keinen Partner hat, kann sich bei der Lektüre wunderbar vorstellen, dass der zukünftige Liebste jeden Moment aus der Zukunft anreisen könnte. Ist ja auch nicht schlecht.



Dieser Artikel ist übrigens für Kristina, die mir neulich ein wenig Motivation abgab.