Mittwoch, 14. Dezember 2011

Rainer Wolf: Der Aurora Effekt.

Vielleicht liegt es daran, dass ich vorweihnachtlich mild gestimmt bin. Anders kann ich mir gerade nicht erklären, warum es mir so schwer fällt, dem Roman Der Aurora Effekt von Rainer Wolf das mitzugeben, was er verdient. Das Buch ist im Selbstverlag über Books On Demand erschienen – das kann, muss aber kein Merkmal minderer Qualität sein (Nele Neuhaus, weiter unten, hat zum Beispiel ebenfalls ihre wunderbaren Taunuskrimis zunächst selbst verlegt).

Die Grundidee des Buches ist eigentlich toll: es geht um das real existierende HAARP-Projekt, ein militärisch-wissenschaftliches Forschungsprogramm, das hochfrequente Radiowellen zur Untersuchung der Ionosphäre einsetzt. Verschwörungstheoretiker behaupten, dass mit HAARP nicht nur Naturkatastrophen wie Erdbeben oder Überschwemmungen ausgelöst werden können, sondern dass die USA mit niederfrequenten Radiowellen auch Gedanken manipulieren. Ein sehr schönes Thema, wie ich finde. Hätte auch gut zu Frank Schätzing gepasst. Frank Schätzing hat das Buch aber nicht geschrieben. Das hat Rainer Wolf auf haarsträubende Weise für ihn erledigt.

Als Hauptfiguren treten an: Mark Winter, Art Director einer kleinen Werbeagentur, und Angelique Brockhaus, PR-Lady des Instituts für Luft- und Raumfahrt (DLR). Der arme Mark ist geschieden und leidet vor sich hin, als er bei einer Präsentation seine neue Kundin Angelique kennenlernt und, ganz Profi, sofort mit ihr anbändelt. Währenddessen oder davor oder danach, ist auch egal, verschwindet ein Forschungsschiff unter mysteriösen Umständen, mit dem Marks Ex-Frau unterwegs war. Ebenso ergeht es einem Luxusliner, der zuvor einen seltsamen Hilferuf abgesetzt hatte.

Mark googelt alarmiert ein bißchen herum und zack, fliegt der IT-Mensch der Agentur zur Strafe vom Dach! Uiuiui, da hat der Mark aber eine heiße Sache aufgedeckt. Grund genug, mit der Kundin, die er erst zwei Tage kennt und deren Motivation mit menschlichem Ermessen nicht zu erklären ist, nach Alaska zu fliegen und sich dort in Regierungsprojekte der USA einzumischen. Das geschieht selbstverständlich mit dem Segen des Agenturchefs, der es erstaunlich locker nimmt, dass sein Art Director mal eben mit der Kundin abhaut und der ganze Etat dadurch den Bach runtergeht. Was solls, ist ja nur Geld und der Mark ist ja auch überhaupt nicht durchgeknallt.

Für Angelique und Mark wird es derweil gefährlich, klar. Ein narbiger Typ vom CIA (das nimmt Mark einfach mal an) verfolgt die naiven Aufklärer, die sich in der Zwischenzeit auch ein bißchen verknallt haben. Es gilt hier zu betonen, dass ausnahmslos alle Figuren das sind, was sie zu sein scheinen. Und wenn sie sich seltsam benehmen, dann ist das nicht strategisch begründet, sondern liegt an ihrem offenbar sehr labilen Gefühlsleben, das der Autor ihnen verpasst hat.

Sehr schöne Situationen ergeben sich da: Angelique hat schlimme Todesangst, daraufhin setzt Mark ein "verspieltes Lächeln" (sic!) auf, und schon macht Angelique einen verführerischen Schmollmund. In einem Moment ist die böse Ex-Frau knallhart wie Steven Seagal, nur um Sekunden später in verweifelter Reue zu vergehen. Minütliche Wechselbäder werden ausgestanden, zwischen unbändigem Glück, tiefer Traurigkeit, rasender Wut und rosa Brille. Zwischendurch spricht die exotisch-puppige Angelique halbwissenschaftliche Sätze aus, die klingen, als hätte man Wikipedia auf Lautsprecher gestellt.

Um ja die Spannung nicht zu verlieren, lockt uns der Autor mit geheimnisvollen Andeutungen wie "Aber da ahnten sie noch nicht, was ihnen gleich bevorstehen würde." Nein, sie ahnten es nicht, die Armen. Und damit wir keinesfalls vergessen, wie die Hauptfiguren heißen, sprechen sie sich in fast jedem Satz mit Namen an, manchmal auch doppelt. Etwa so: "Mark, ich habe große Flugangst, deshalb werde ich mich vielleicht während des Fluges an Deinem Arm festkrallen müssen, Mark." Daraufhin fährt Mark Angelique zärtlich durchs Haar, wie er es alle zehn Sekunden tut.

Der Aurora Effekt, das kann man mit Fug und Recht behaupten, ist echter Trash. Und das Schöne an gutem Trash ist, wie der Axt'sche Gatte an dieser Stelle bemerkt, dass er sich um die Logik der Emotionen gar keine Gedanken machen muss. Deshalb dürfen die Romanfiguren heftigere Stimmungs- und Logikschwankungen erleiden als jeder Borderline-Patient.

Die 99 Cent, die das eBook bei Amazon oder iTunes kostet, waren eine prima Investition. So gelacht habe ich beim Lesen schon lange nicht mehr. Ergänzend empfehle ich die Rezension eines gewissen Jack North auf Amazon. Der hat das Buch mit bewundernswerter Akribie auseinander genommen und dabei unter anderem belegt, dass Mark Winter die psychiatrischen Kriterien eines Soziopathen erfüllt.

Um wieder zum Anfang zu kommen: ich kann hier einfach keinen ernsthaften Verriss schreiben. Ich kann nicht einmal davon abraten, das Buch zu lesen. Im Gegenteil, ich lege es all jenen warm ans Herz, die auch Ed Wood lieben oder Formate wie Schwiegertochter gesucht. Die Axt hat traditionell ein großes Herz für Schwachsinn. Und das hier ist Schwachsinn für Kenner. Es ist der Olymp des Schwachsinns. Gut, dass es sowas noch gibt.

Mittwoch, 23. November 2011

Nele Neuhaus: Schneewittchen muss sterben.

Es ist Winter, weshalb ich mich traditionell in meiner Krimi-Phase befinde. Nachdem Harry Hole ja erstmal nach Bangkok ausgewandert ist, brauchte ich eine Ersatzbegleitung für die vielen dunklen Abende (Gesundheitstipp: Ein Buch ist hierbei gesünder als eine Flasche Schnaps). Auf Nele Neuhaus‘ Roman Schneewittchen muss sterben bin ich allerdings aus purem Geiz gestoßen: er war als eBook im Angebot. Handlung klang gut, also zack, runtergeladen. Geht ja heute so scheißeschnell mit dem Geldausgeben.

Wer jetzt glaubt, er bekäme im Anschluss eine schöne Rezension besagten Kriminalromans, hat sich glatt getäuscht. Ich habe Schneewittchen nur als Aufhänger missbraucht, ha! Mittlerweile habe ich mir nämlich noch drei weitere Teile der Neuhaus’schen Reihe gegönnt. Es handelt sich hier um ein regionales Krimikonzept – die sind ja mittlerweile recht verbreitet – und spielt um Frankfurt herum, also im Taunus.

Es ermitteln Pia Kirchhoff und Oliver von Bodenstein in den Hauptrollen: sie die Ex-Frau eines genialen Rechtsmediziners, er ein blaublütiger Hauptkommissar mit Schlips und Kragen. Da tummeln sich überhaupt allerlei Adlige in den vier Romanen, die ich bisher gelesen habe. Keine Ahnung, ob das bloß Glamour vermitteln soll, oder ob um Frankfurt tatsächlich so viele Von_und_Zu_s wohnen. Reiche kommen bei Nele Neuhaus jedenfalls schlecht weg und werden gerne auch ermordet. Gefällt mir.

Spannend waren die vier Fälle auch, aaaaber: nach ungefähr dem zweiten Taunuskrimi kennt man seine Pappenheimer. Wer also liebend gerne bis zum Schluss rätselt, um dann doch vom Autor in die Irre geführt zu werden, wird vielleicht enttäuscht sein. Auch diejenigen unter uns, die es extrem böse und menschenverachtend mögen, werden mit Pia und Bodenstein nicht glücklich. Wer aber wird denn mit denen glücklich?

Ich zum Beispiel. Ich lasse mich nämlich gerne auch unterhalten, ohne dauernd vor Grusel oder Anspruch im Viereck zu springen. Mich beruhigen Charaktere, die sympathisch und relativ unkaputt sind. Bisschen heile Welt mit einer Menge Leichen und ein paar bürgerlichen Abgründen. Ich mag  die regionale Färbung und die bunt gezeichneten Figuren. Der Winter ist ja ohnehin düster, was soll ich da mit deprimierender Unterhaltung? (Exkurs: wenn Unterhaltung deprimiert, ist sie dann noch Unterhaltung, oder irgendetwas anderes?)

Die Axt jedenfalls freut sich über ihre neuen Begleiter. Sie harmonieren fabelhaft mit Keksen, Tee und Wollsocken. Nach Weihnachten ziehe ich dann wieder mit den literarischen Schnapsfritten dieser Welt um die Häuser.



(Benno, diesen Artikel habe ich nur geschrieben, damit Du nicht dauernd Karl Dall Didi Hallervorden in Tomas Tranströmers Potrait erblicken musst.)

Montag, 7. November 2011

Die Lyrik des Tomas Tranströmer.



Ich weiß nicht genau, wie ich anfangen soll. Und dass ich sage, dass ich nicht weiß, wie ich anfangen soll, ist schon mal überflüssig. Es geht nämlich um eine Sache, der ich sehr gerne jedes überflüssige Wort ersparen würde. Schon falsch: Es geht um gar keine Sache, sondern um ein Gedicht und den Mann, der es geschrieben hat.

Dieser Mann verfügt über die sehr seltene und wunderschöne Gabe, keine überflüssigen Worte zu machen. Meister der Sprachverdichtung wird der Schwede Tomas Tranströmer genannt. Gerade hat er den Nobelpreis für Literatur erhalten, im Alter von 80 Jahren. Ich habe mich gefragt, ob man wirklich alt werden muss, um so eine zenmäßige lyrische Reduktion zu erschaffen. Ob es diese Jahrzehnte der gedanklichen Ausrichtung braucht, um so sicher das Überflüssige vom Nicht-Überflüssigen zu trennen. Es scheint so.

Weil wir hier bei der Axt sind und nicht auf einer Intellektuellenparty, verzichten wir auf das Gequatsche von kühnen Metaphern und sapphischen Stanzen und lassen lieber ein Werk Tranströmers auf uns wirken:




Großer und langsamer Wind


aus der Bibliothek des Meeres.


Hier darf ich ruhen.




(Jetzt folgt keine Interpretation, sondern lediglich ein paar sehr subjektive und private Assoziationen, die ich aus lauter Rücksicht und Zuneigung um 99% gekürzt habe.)

Der "große und langsame Wind." Man spürt ihn auf der Haut, nicht? Ein großer und langsamer Wind kann nicht kalt oder scharf oder stechend sein. Man fühlt sich winzig im Angesicht dieses Windes, aber vielleicht gerade deshalb geborgen. Sanft sein würde er, mineralisch und mild, dabei unermesslich viel größer als wir.

Aus der "Bibliothek des Meeres" kommt der Wind. Von dort, wo die Geheimnisse des Universums wohnen könnten. Das Wissen aus der Bibliothek des Meeres wäre unverständlich für unsere kleinen Hirne. Ich stelle es mir vor wie eine Sprache ohne Worte.

Wer hier ruhen darf, dem wird die größte Gnade gewährt. Wer endlich ruhen darf. Endlich ankommen, loslassen. Wie nach einer sehr, sehr langen Reise. Endlich das Selbst sich auflösen lassen in diesem Wind, der größer ist als alles, was je wichtig war.

Wenn ich dieses Gedicht lese, möchte ich weinen. So schön ist es. Grund genug, es mit Euch zu teilen: Vielleicht möchtet Ihr ja auch weinen. Oder lachen. Oder mir sagen, dass ich einen Ratsch am Kappes habe. Nur zu, nur zu. Dazu sind Gedichte da.

Mittwoch, 2. November 2011

Magazine: Splatting Image.





Wer hier sowas wie ein Stammgast ist, der weiß, dass man im Hause Axt nicht nur Romane, sondern auch Magazine liest. Manchmal aus bloßer Lust am Schrecklichen (Hallo, FHM und Grazia!), manchmal aus Überzeugung (Hallo Missy!). To make a long story short: In schöner Regelmäßigkeit landet auf dem axt'schen Beistelltisch ein Magazin, dem ich sehr viele Leser wünsche. So wie diesem hier.

Splatting Image gehört zu der Handvoll Kuriositäten, die zusammen mit Herrn Axt in mein Leben Einzug gehalten haben. Splatting Image ist ebenso des Herrn Axt heiliger Gral seines Lebensthemas "Film". Angesprochen auf das Magazin, fällt es ihm schwer, seine sonstige Gemütsruhe zu bewahren: Dass es in Deutschland überhaupt ein Filmmagazin gibt, dass sich auf diese Weise mit Genrekino befasst! Und erst die Art der Weise! Wo doch Deutschland als solches unter cineastischer Mangelernährung leidet! Und überhaupt, der Christian Kessler: Priceless.

Nun neigt Herr Axt wahrlich nicht zur Übertreibung, weshalb ich an dieser Stelle lediglich bestätigen kann, dass er Recht hat. Und das sage ich, die bekanntermaßen eher dem Buch als dem Film zugeneigt ist. Ich würde soweit gehen zu sagen: Filme oder gar Filmtheorie haben mich nur mäßig bewegt, bevor ich eines Abends aus Langeweile zu diesem Magazin griff, das optisch wirklich kein Leckerbissen ist. Das Layout. Die unfassbaren Bleiwüsten von Text. Nee, schön ist anders. Als erstes las ich einen mehrseitigen Artikel über das "Kino der Angst" und war fasziniert. Dann las ich einige aktuelle Filmkritiken. Dann las ich staunend eine fabelhafte Porno-Rezension (sind ja schließlich auch Filme, nech) und beschloss daraufhin, mir noch ein paar Ausgaben vorzunehmen. Langweilig war mir nicht mehr.

Seitdem freue ich mich diebisch, wenn ich die neue Splatting Image aus dem Briefkasten ziehe, bevor Herr Axt ihrer habhaft werden kann. Das Heft ist immer erhellend, immer unterhaltsam, stellenweise brillant. Die Leidenschaft, mit der es gemacht wird, überstrahlt mühelos die - man kann es nicht anders sagen - sehr unattraktive Gestaltung (wobei man wirklich sagen muss, hier wird kein Millimeter Platz verschwendet). Ich bin immer noch kein Cineast, aber Splatting Image hat mir einen Zugang zum Film eröffnet, mit dem ich gar nicht gerechnet hätte. Sehr oft lese ich einen Text in diesem papiernen Kleinod und denke "Den Film möchte ich sehen". Manchmal mache ich das dann, manchmal nicht. Manchmal gefällt mir der Film, manchmal nicht. Mittlerweile ist Splatting Image für mich ein lieb gewonnenes Kaleidoskop von Denkanstößen, das ich nicht mehr missen mag. Oben genannter Christian Kessler ist sowieso für mehr als einen Lacher gut.

Ich habe mich schon gefragt, ob ich, wenn mir an jenem Abend, sagen wir mal: ein Magazin für Perserteppiche oder Dialysegeräte in die Hände gefallen wäre, das mit so viel Kopf und Herz gemacht ist wie dieses - ob ich dann wohl folgerichtig ein Interesse für Perserteppiche oder Dialysegeräte entwickelt hätte. Ich glaube, ja. Deutlicher geht's wohl nicht mehr.

Mittwoch, 19. Oktober 2011

Petra Hammesfahr: Die Sünderin.



Bis vor zwei Sekunden war ich ja der festen Überzeugung, ich hätte „Erinnerung an einen Mörder“ hier schon vorgestellt. Oder wenigstens „Ein fast perfekter Plan“. Habe ich aber offenbar nicht, und deshalb möchte ich Euch den dritten Hammesfahr’schen Roman, den ich mir just ins Gehirn geleert habe, umso wärmer ans Herz legen.

Petra Hammesfahr muss eine ganz schön nette Frau sein, denn sie lässt ja die ganzen gemeinen Sachen an ihren eigenen Figuren aus. Da bleibt bestimmt nicht mehr viel Fiesheit für das reale Leben übrig. Auch im vorliegenden Roman Die Sünderin scheint der jungen Mutter und Ehefrau Cora nicht unbedingt die Sonne aus der Rückseite. Wir begegnen Cora in einer Situation, in der sie keine andere Möglichkeit sieht, als sich das Leben zu nehmen. Also plant sie, ganz pragmatisch-patente Ehefrau, mit Mann und Kind einen netten Selbstmordausflug zum See, um sich auf dessen Grund zu versenken. Am Endes des Tages lebt Cora noch, dafür ist jemand anders tot, nämlich der junge Mann, den sie aus heiterem Himmel erstochen hat.

Während Cora behauptet, den Toten noch nie vorher gesehen zu haben, schwant dem ermittelnden Kommissar Böses. Beweisen lässt sich jedoch erst einmal gar nichts, denn Cora schlingert in den Verhören auf dem schmalen Pfad zwischen Realität, Phantasie und Irrsinn. Stück für Stück arbeitet sich der hartnäckige Polizist durch die Lebensgeschichte der unwahrscheinlichen Mörderin. Und offenbart eine alptraumhafte Biografie zwischen religiösem Wahn und spießbürgerlichem Muff.

Ja gut, das ist jetzt nicht viel informativer als ein schnöder Klappentext, aber ich kann wirklich nicht viel mehr verraten, ohne zuviel zu verraten. Ich sag nur: jesusfreakige Mutter, Alice im Wunderland wird in einem Blecheimer verbrannt, und ein blau angelaufenes Kind ist gar nicht so bemitleidenswert. Klingt das gut oder was.

Es wurde sicher schon oft festgestellt, dass Petra Hammesfahr eine sehr präzise Erzählerin ist. Das stimmt auch. Alle Romane, die ich von ihr gelesen habe, zeichnen sich durch eine große Sprödigkeit und Distanz aus. Das liest sich lange nicht so humorlos und anstrengend, wie man vielleicht fürchten möge. Gar nicht, denn Frau Hammesfahr hat einen guten Sinn für Humor und boshafte Ironie, und einen ganz klaren, treffsicheren Stil sowieso.

Die Sünderin ist spannend bis zum Schluss und gut verträglich mit einem oder zehn Schluck Rotwein. Das perfekte Buch für regnerische Herbstabende.

Samstag, 15. Oktober 2011

Jo Nesbø live.

So sieht das bei Benno in der Astronautenbar aus.                               


Welch unfassbar tolle Leser sich hier herumtreiben, wurde mir gerade wieder gewahr:

Der Benno liest nämlich ab jetzt den ersten Band von Jo Nesbø und Harry Hole, und zwar "live" in seiner super Astronautenbar. Das geht so: Benno zieht sich das Buch rein und lässt uns über Updates an seinem Leseerlebnis teilhaben.

Jetzt bin ich aber äußerst gespannt, ob er Harry Hole sympathisch findet. Wenn nicht, wäre mir das stellvertretend echt unangenehm, aber so ist es halt mit der Liebe (auch mit der zu Romanfiguren): man macht sich verwundbar.

Donnerstag, 6. Oktober 2011

Auferstanden von den Toten: Die Axt und Harry Hole.



Ich gebe zu: Ich war versucht, die „Axt“ eines langsamen, unprätentiösen Todes sterben zu lassen. Fast wäre es mir gelungen. Monatelang siechte sie fröhlich dahin, welkte und müffelte. Irgendwann entdeckte ich da einen Kommentar unter dem letzten Posting.

„Ich vermisse hier Neues. :(  Will wieder!!! Ganz dringend.“

Das war am 9. September. Diese freundliche und dringende Unmutsbekundung diffundierte den Axt’schen Geist einige Wochen lang. Dann erhob sich der halbverweste Zombie mit knarrenden Gliedern.

Deshalb sprechen wir (das heißt, ich und alle, die noch da sind) heute über Jo Nesbø und Harry Hole. Jo Nesbø ist ein norwegischer Autor und Harry Hole ein norwegischer Hauptkommissar. Jo Nesbø ist ein Mensch und Harry Hole eine Romanfigur. Harry Hole ist die Erfindung von Jo Nesbø. Um Harry Hole gibt es bislang neun Romane, acht davon habe ich gelesen, der letzte Band ist kürzlich als Hardcover erschienen.

Es ist vermutlich unsinnig, ein einziges Buch aus dem Kontext zu reißen – wer den jungen, leicht kaputten Harry Hole in Band 1 mag, wird ihn auch als älteren, schwer kaputten Harry in Band 8 mögen und umgekehrt. Ich selbst habe die Reihe in chaotischer Reihenfolge gelesen, was nicht unbedingt wahnsinnig sinnvoll ist, aber whatever. Die (Kriminal-) Fälle sind auf einer Ebene zwar in sich geschlossen, aber die Nebenstränge wie auch die Figur als solche entwickeln sich entlang Harrys Biografie. Romanfiguren sind auch nur Menschen.

Und damit endet jegliche Distanz zum Subjekt, denn ich habe mich nach zehnmal Umblättern einseitig und unwiderruflich in die Figur Harry Hole verliebt. Das würde mir im wahren Leben auf gar keinen Fall zum Vorteil gereichen, denn Harry ist Alkoholiker, verstrickt sich in ungute Dinge und ist nicht mal schön.

Insofern überrascht es kaum, dass Harry auf dem Revier nicht gerade als Lieblingskollege und Menschenfreund brilliert. Während ich das so schreibe, denke ich selbst: welch Klischee! Und ja, Harry Hole (allein der Name!) mag über so manch vorhersehbare Eigenschaft verfügen. Aber da gibt es ja auch noch Jo Nesbø, und der behandelt seinen Charakter so sensibel und schonungslos, dass man sich dennoch schwer entziehen kann. Das Geheimnis liegt vielleicht darin, dass Harry Holes Welt voller Grautöne ist. Jenseits von Schwarz und Weiß gibt es viel Raum zur Entfaltung für die Hauptfiguren.

Womöglich ist das überhaupt so eine Eigenschaft dieser vielbesungenen skandinavischen Kriminalliteratur, dass die Rauheit der Natur sich in den Geschichten und Figuren widerspiegelt. Das ist spekuliert, denn tatsächlich kenne ich Skandinavien hauptsächlich über seine Literatur.

Harry Hole, dieser kaputte und integre Mensch, ist mir ein lieb gewonnener Begleiter. Dessen Alkoholismus übrigens keineswegs amerikanischen Glamour versprüht: Hier wird gelegentlich gekotzt und gekatert und selbst bestraft, dass es eine wahre Freude ist. Harry bleibt tatsächlich wenig erspart; und auch er macht sich seinerseits schuldig, das muss sein. Sich der Wahrheit zu verpflichten, bedeutet Erbarmungslosigkeit gegenüber sich selbst. Die Weste darf nicht weiß sein, sie muss besudelt sein. Moral ist ein frei verhandelbarer Wert.

Auch gefällt mir, wie mit den Bösen umgegangen wird. Fast liebevoll dürfen auch sie sich entfalten mit ihren Nöten und Werten. Zuweilen ist am Ende nicht klar, wer denn nun der Böse ist. Und es spielt auch gar keine Rolle.

Montag, 18. April 2011

Die "Axt" bei Girls Can Blog.




Die wunderbare Annina hat mit Girls Can Blog eine wunderbare Idee gehabt: Sie stellt Blogs von Frauen vor, die sie lesens- und bemerkenswert findet. Viele tolle Frauen mit tollen Blogs sind das mittlerweile.

Und zu meiner sehr großen Freude und Ehre hat Annina auch mich kürzlich mit der "Axt" zum Gespräch geladen. Wir finden beide, dass es ein schönes Interview geworden ist (englisch und deutsch). Ihr auch?

Dienstag, 12. April 2011

Nagel: Was kostet die Welt.

 Ist übrigens ein schönes Cover. Mit Sticker drauf und viel Pappe.
Heyne Hardcore Edition nennt sich das. Jefällt ma.


Wie vermeide ich das Spießertum – ein Klassiker unter den Rebellenfragen. „Das alte Problem“, nickt auch wissend der axt’sche Gatte, als zwischen erstem und zweitem Kaffee die Sprache auf Nagels Roman Was kostet die Welt kommt. Hier können wir uns nämlich trefflich davon überzeugen, dass sich auch der gestandene Punker kopfalt zeigt, wenn es um gegensätzliche Lebensentwürfe geht.

Der Protagonist, an dem dies zu beweisen gilt, heißt Meise. Er lebt in Berlin, arbeitet in einer Kneipe und hat vom verstorbenen Vater gerade ein erkleckliches Sümmchen geerbt. Weil der Papa generell ein eher freudloser Charakter war und dem Geldausgeben nicht zugetan, beschließt Meise, die ganze Summe für eine Weltreise auf den Kopf zu hauen – weil das sein Vater nämlich niemals getan oder auch nur gutgehießen hätte.

Soweit absolut verständlich und sympathisch. Meise kommt also irgendwann (hier befinden wir uns zeitlich) von seiner Welttournee nach Hause, fühlt sich dort vage fehl am Platz und flüchtet von den letzten paar Euros in die – doch doch, ich sage das Wort – deutsche PROVINZ.

Gastgeber des rastlosen Wanderers ist seine Reisebekanntschaft Flo, der als Jungwinzer mit Eltern und Verlobter in einem idyllischen Moseltal lebt. Hier hätten wir dann also den bürgerlichen Gegenentwurf: Flo wohnt gerne mit seinen Eltern zusammen (auf dem DORF! Igitt!), kloppt am laufenden Band schlimme Phrasen und hat einen doofen Humor. Die dazugehörigen Eltern kann sich wohl jeder vorstellen. Der Papa ein jovialer Schulterklopfer, die Mutti macht Schnittchen. Alles in allem nicht gerade kosmopolitisch, eher so Landleben und Familienverbund. Muss man nicht mögen.

Und da ist er, der springende Punkt: Muss man nicht mögen – darf man aber akzeptieren. Das ist so ziemlich die einzige Handlungsoption, die dem guten Meise auf seinem Kurzurlaub nicht in den Sinn kommt. Statt dessen verschluckt er sich permanent an seiner Verachtung für die blöden, merkbefreiten Dorfbewohner, trinkt entsprechend viel Schnaps, landet bei einer Wohnwagennutte und führt sich generell auf wie die letzte Arschgeige. Zu guter Letzt versteigt er sich noch in eine romantische Wahnvorstellung. Schlussakkord mit großem Getöse, Abmarsch nach Berlin.

Das ist so ziemlich die Essenz meiner Erkenntnisse aus Was kostet die Welt. Übrig blieben vor allem eine Handvoll offener Fragen. Muss man sich an der vermeintlichen Spießigkeit anderer und der vermeintlichen Freigeistigkeit seiner selbst dermaßen aufreiben? Kann man Leute nicht einfach so leben lassen, wie es denen passt? Haben die Dörfler nicht auch das Recht, sich so anständig selbst zu belügen wie die Großstädter? Sind am Ende nicht immer diejenigen die Intoleranten, die von den anderen die größte Toleranz einfordern?

Die Lektüre war mir, trotz schwelenden Ärgers über ihre Hauptfigur, trotzdem angenehm. Zum einen kann Nagel furchtbar lustig sein. Viel Sprachwitz, sowas mag ich. Und zum anderen regte das Buch viele interessante Gespräche an. Mit Bürgern und Punkern, in Kneipen und Wohnzimmern, nüchtern und gnadenlos betrunken. Das sind gute Dinge, denn sie sind im besten Fall produktiv. Man muss das Buch nicht mögen – aber ich tu’s.

Ah ja, fast vergessen: Melancholie und Übermut hat Was kostet die Welt ebenfalls rezensiert, und zwar ganz toll. Schaut unbedingt mal da rein!

Montag, 11. April 2011

Lyrik zum Anfassen, Teil 11.



Frühling! Sonne! Knospende Bäume! Romantik! Novalis!

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Sind Schlüssel aller Kreaturen
Wenn die so singen, oder küssen,
Mehr als die Tiefgelehrten wissen,
Wenn sich die Welt ins freye Leben
Und in die Welt wird zurück begeben,
Wenn dann sich wieder Licht und Schatten
Zu ächter Klarheit wieder gatten,
Und man in Mährchen und Gedichten
Erkennt die wahren Weltgeschichten,
Dann fliegt vor Einem geheimen Wort
Das ganze verkehrte Wesen fort.
 

Das Versmaß ist ein vierhebiger Jambus. Aber wen interessiert's.

Memo an mich: öfter mal ein 'y' statt einem 'ü' verwenden. Oder einem 'i'. Macht meine Texte womöglich interessanter – Klobyrste. Toll.

Freitag, 8. April 2011

Einzlkind: Harold.



Ihr wisst ja, ich habe es nicht so mit Pseudonymen, abgesehen von meinem eigenen. Trotzdem spare ich mir und Euch einen langatmigen Monolog über Einzelkinder, und wieso wohl bei diesem hier ein ‚e‘ fehlt – denn ein Buch mit dem Satz „Ich möchte wissen, wie der Pöbel feiert“, ausgesprochen von einem Elfjährigen beim Betreten einer Unterschichten-Bar, so ein Buch kann man ja nur mögen.

Der Elfjährige heißt Melvin, ist ein Savant und hat seinen Vater nie kennengelernt. Titelgebender Harold, ein älterer englischer Fleischereifachverkäufer, verehrt Audrey Hepburn und pflegt als einziges Hobby den monatlichen Suizid im Treppenhaus (erfolglos allerdings, es geht ihm dabei eher um die Eleganz seiner Performance). Als Melvins Mutter für eine Woche verreisen muss und dem sich sträubenden Harold den Babysitterjob zuschanzt, wittert Melvin die perfekte Chance, unbehelligt auf Vatersuche zu gehen. Eine Handvoll vielversprechender Kandidaten hat der Neunmalkluge bereits aufgetan, die mit Harold als Chauffeur und partner in crime jetzt abgefrühstückt werden müssen.

Das ist jetzt kein hochkomplexer Plot, zum Glück nicht! Denn dann könnte man die hochgradig groteske Situationskomik mit ihren fantastischen Pointen ja gar nicht in Ruhe genießen.

Melvin kracht wie ein Sprengsatz in Harolds melancholisch-beschaulichen Alltag: er ruiniert den sympathischen Kauz beim Pferderennen, schickt ihn auf LSD-Trips („Sie glauben nicht, wie teuer dieses Lysergsäurediäthylamid ist ... Ich habe übrigens Ihnen und mir jeweils ein Stück Löschpapier in den Kakao getan“) und Tuntenparties. All das ist so leichtherzig erzählt, so rasant und mit viel, viel Liebe zu den eigenen Figuren. Toll. Unbedingte Empfehlung.

Freitag, 18. Februar 2011

Some L.O.V.E.



ein buch muss die axt sein  
hat geburtstag.

champagne for my real friends 
and real pain for my sham friends!



Schön, dass Ihr seit zwei Jahren dabei seid,
Ihr freundlichsten Leser überhaupt.



Donnerstag, 10. Februar 2011

Nicht Franz, sondern Rainer.

Cooler Hund: Wilder Blick und zerzaustes Haupthaar;
man hätte es wirklich schlechter treffen können. Ich sag nur, Ildiko von Kürthy.


Die Axt schreibt übrigens neuerdings wie Rilke. Wehe dem, der das anzweifelt! Habe ich doch ein offizielles Zertifikat von der FAZ, zu begutachten in der Seitenleiste.

Wer auch solch ein tolles Dokument möchte, gibt seine Schriftprobe hier ein und erfährt wenige Sekunden später, wes Geistes Kind er ist. Und wenn er es mir danach noch verrät, bin ich ganz besonders glücklich.

Donnerstag, 3. Februar 2011

Michael Robotham: Dein Wille geschehe.


Das mit dem Seelenbrechen scheint bei Krimiautoren hoch im Kurs zu stehen. Ist ja auch eine faszinierende Sache: Mord aus der Ferne und ohne schmutzige Hilfsmittel wie Messer, Kanonen oder auch, jawohl, Äxte. Das Mordopfer gibt sich von selbst den Rest, wie angenehm für den Mörder.

So ist das auch bei Michael Robotham. Joe McLoughlin, Kriminalpsychologe, wird zu einer Selbstmordsituation gerufen: Eine nackte Frau in roten Pumps steht auf einer Brücke, sie telefoniert mit einem Handy. Joe zieht die ganze Psychologennummer durch – aber die Frau scheint isoliert von der Welt, nicht ansprechbar. Sie springt. 

Kurz darauf findet man ihre Geschäftsparterin tot im Park – auch sie hat vor ihrem Tod telefoniert. Joe ruft seinen alten Bullenkumpel Ruiz aus dem Ruhestand zurück, denn dem ermittelnden Polizeiteam will es erstmal nicht in den Kopf, dass da ein Frauenmörder unterwegs ist. Blöd nur, dass der Psychologe durch seine Ermittlungstätigkeit selbst ins Fadenkreuz des Sadisten gerät.

Dein Wille geschehe ist vor allem: ein sehr, sehr spannendes Buch. Man möchte es nicht mehr zuklappen und verpasst dabei diverse Bahn- oder Busstationen. Sprachlich geht Michael Robotham um einiges feinfühliger vor als Sebastian Fitzek, dessen sympathisch polternde Plots wir hier besprachen.

Dein Wille geschehe präsentiert sich im Vergleich vielschichtiger, detailreicher und eleganter als der Fitzek’sche Seelenbrecher, schrammt allerdings stellenweise haarscharf am Pathos vorbei – aber zugegeben, ich bin da wirklich übermpfindlich. Jedenfalls: Das schmälert den Lesespaß nicht, denn die oben gepriesene Spannung reißt kleine Mankos (Manki? Manken?) ganz locker wieder raus. Zum Cover schüttele ich nur wortlos den Kopf.

Ein wunderbares Buch für verregnete Wochenenden, wenn man gerade aus dem stürmischen Park kommt und sich einen Tee mit Scotchgeschmack aufsetzt. Das englische Landhaus wäre die perfekte Kulisse, aber wer hat das schon.

Mittwoch, 26. Januar 2011

Magazine: Grazia.

Es muss ja nicht immer ein Buch sein. Frauen kaufen gerne auch Frauenzeitschriften, da beißt die Maus keinen Faden ab. Es gibt natürlich Frauen, die gar keine Frauenzeitschriften kaufen, aus Prinzip schon nicht. Dieser Ausfall wird dann von denjenigen Frauen kompensiert, die richtig viele Frauenzeitschriften kaufen, schon aus Prinzip. Am Ende des Tages rentiert sich der Kram, sonst würde er nicht gedruckt.

Ich bin selbst keine Ausnahme, das brauch ich gar nicht erst zuzugeben, das sage ich ohne rot zu werden. Mein Gott, manchmal will ich eben Tipps zu den hottesten Sale-Items internationaler Onlineshops, da will ich die Must-Haves für das kommende Frühjahr wissen, und auch, ob eine teure Anti-Aging-Creme besser ist als die billige.

Ich schrecke auch vor absolut unterirdischen Magazinen nicht zurück. Der Beweis: Grazia. Grazia ist ein haarsträubendes Konglomerat von Starklatsch, Mode und Betroffenheitsberichten a la „Mein Mann geht zu einer Hure.“ Das ist jetzt noch kein Alleinstellungsmerkmal. Allerdings hat tatsächlich nur Grazia diesen unnachahmlich passiv-aggressiven Tonfall, wenn es um fett gewordene, drogensüchtige oder sonstwie in Ungnade gefallene Prominente geht.

Und nur Grazia schafft es, quoten-ernste „Reportagen“ sensationsheischend und gleichzeitig pupslangweilig zu präsentieren. Wahrscheinlich will man nicht, dass wirklich einer liest, wie Manuela, 33, von ihrer Mutter als Baby ausgesetzt wurde. Würde einem ja vielleicht den Spaß am Begutachten der neuen It-Bags versauen. Die Artikel sind also nur im Heft, damit frau sich besser fühlt, wenn sie mit Grazia in der Hand gen Kasse schweift.

Liebe Grazia, meinetwegen kannst Du diese überflüssigen Berichte aus dem Leben (das muss ein sehr böses und deprimierendes Leben sein) sofort weglassen. Ist mir egal, dass der Heike aus Bottrop ihr Mann auf schlimmen SM-Sex steht. Stattdessen hätte ich lieber noch mehr Vorher-Nachher-Bilder moppeliger Vi-Ei-Pies, damit mir meine Tarte zum Kaffee noch besser schmeckt. Möglichst mit Gewichtsangabe. Und ganz viele Bilder von Schuhen. Möglichst mit Bezugsadressen.

Machen wir uns doch nichts vor, Grazia: Du bist oberflächlich, und ich will Dich oberflächlich. Du musst nicht erst so tun, als ob Du mir wirklich was zu sagen hättest. Wenn ich das will, kaufe ich Missy.

Dienstag, 25. Januar 2011

Sebastian Fitzek: Splitter & Der Seelenbrecher.

Eins vorneweg: wer auf brillante Stilisten und fein nuancierte Tonlagen steht, wird mit Sebastian Fitzek nicht sehr glücklich. Seine Schreibe erinnert mich irgendwie an einen gut gelaunten Labrador, der krachend durchs Geäst rumpelt. Das soll heißen, der Mann lässt es an handfester Dynamik wahrlich nicht mangeln. Dass die sprachliche Eleganz der rasanten Handlung gelegentlich zum Opfer fällt, stört eingefleischte Fitzek-Fans dabei überhaupt nicht.

Mich störte es überraschenderweise auch nicht, und dabei bin ich ja sonst eher von der wortverliebten Fraktion. Aber ich muss zugeben, Fitzeks Psychothriller haben was. Ich finde es nachgerade sympathisch, wie enthusiastisch die Protagonisten durch die Handlung poltern, ohne sich oder gar dem Leser ein Päuschen zu gönnen. Ob diese Handlung denn an jeder Stelle plausibel oder realistisch ist, fragt man sich bei dem Tempo erst gar nicht. Und das finde ich gar nicht schlecht: ist doch schön, wenn ein Buch sich mal gar nicht ziert, sondern im Gegenteil den Leser einfach mitschleift.  

Angenommen, man liegt leicht vergrippt und voller Selbstmitleid zuhause herum, dann möchte man eh keine tausend Ebenen und komplizierte Zeitreisen und Firlefanz. Oder wenn man in einem ICE voll singender Rentnerreisegruppen sitzt. Oder auf der Couch mit Schokolade und Rotwein (ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber wenn ich mich beim Lesen anzwitschern will, greife ich nicht zu Thomas Mann).

Splitter behandelt das dankbare Thema „Was wäre, wenn wir unsere schlimmsten Erinnerungen löschen könnten?“ und kreuzt es frohgemut mit moderner Neurobiologie. Auch Der Seelenbrecher befasst sich – kaum überraschend – mit der Verletzlichkeit des menschlichen Seelenlebens: Ein geheimnisvoller Irrer entführt nette junge Frauen. Als sie nach einigen Tagen wieder auftauchen, sind sie zwar noch am Leben, aber psychisch vollkommen zerstört. Klingt das nach einem unterhaltsamen Abend oder was? Die Enden beider Bücher sind übrigens gleichermaßen wahnwitzig. Wundert jetzt sicher keinen.  

Im Axt’schen Bücherregal werden vermutlich noch ein oder zwei weitere Fitzeks einziehen und damit die Dawn Songs dieser Welt ein wenig erden. Ich mag ja bekanntermaßen alle Bücher, die Spaß machen. Habt Ihr Sebastian Fitzek schon gelesen? Welchen Thriller könnt Ihr mir besonders empfehlen?

Freitag, 21. Januar 2011

Elizabeth Haydon: Die Rhapsody Saga.

Wer hier schon länger dabei ist, kennt das Phänomen ja bereits: manchmal überkommt die Axt ein Bedürfnis nach seltsamer Literatur, derer man sich in der U-Bahn schämen muss. Und so ist es auch gar nicht weiter schockierend, dass ich aus meinen Bücherstapeln eine haarsträubende Fantasy-Trilogie herausgefischt habe, die ich mit Euch teilen will. Achtung, Kollegen, das wird lang:

Es handelt sich dabei um die Rhapsody Saga von Elizabeth Haydon. Mittlerweile dürften es sechs oder sieben Teile sein, hier beziehe ich mich auf die ersten drei Bände.  In Deutschland ist die Reihe unter den total sinnlosen Titeln Tochter der Erde, Tochter des Feuers und Tochter des Windes erhältlich. Vorweg: der Klappentext klang ganz interessant, deshalb hab ich den Kram seinerzeit gekauft (und weil es ein langer Winter  und ich extrem auf Realitätsflucht war).

Es geht um die drei Gefährten Rhapsody (Sängerin), Achmed (Meuchelmörder) und Grunthor (Riese), die vor ihren Verfolgern durch die Erde auf die andere Seite der Welt fliehen. Dabei vergeht irgendwie die Zeit viel schneller und sie kommen erst 1400 Jahre später auf der anderen Seite wieder heraus. In der Zwischenzeit ist ihre Heimatinsel untergegangen, zurück können sie nicht. Man muss also das Beste draus machen und sich in der neuen Welt einrichten. Der gute Achmed unterwirft mal eben ein ganzes Volk und wird König. Rhapsody lernt mal eben an einem Tag eine neue Sprache.

Ach ja, Rhapsody. Haydon wird nicht müde, seitenweise über Rhapsodys Schönheit, Güte und Sanftheit zu schwadronieren. Die Heldin ist nämlich ab-so-lut überirdisch schön, man fasst es kaum! Das blendend güldene Haar, die schlanke Gestalt, die abwechselnd smaragd- und laubgrünen Augen. Hach. Und so naiv: sie weiß nicht einmal, wie schön sie ist, während alle Welt bei ihrem bloßen Anblick den Verstand verliert. Haydon ist selbst so verknallt in ihre Heldin, dass es einen gruselt.

Natürlich trägt Rhapsody das Herz voll Trauer – denn dummerweise ist sie mit 14 von Zuhause weggelaufen und Prostituierte geworden. Grund: auf einem Fest hat das gute Kind einen Typen kennengelernt, nach einer halben Stunde mit dem geschlafen und ihm ewige Liebe geschworen. Und dann taucht der Kerl nicht mehr auf. Liebeskummer! Weltuntergang! Weil man mit 14 natürlich schon weiß, dass man dem Knilch ein ganzes Leben lang hinterhertrauern wird, kann man auch gleich weglaufen und Hure werden.

Da Rhapsody in der neuen Welt das Weglaufen bitter bereut, die Familie aber zwischenzeitlich mit der Heimatinsel in den Fluten versunken ist, adoptiert sie als Ersatz ständig irgendwelche fremden Leute (voll psycho, wenn Ihr mich fragt). Dieses sanfte, engelsgleiche Wesen mit den laubgrünen Augen und dem gebrochenen Herzen. Uaaaaahhhhh!

Ich muss zugeben, dass ich den Weltenentwurf raffiniert und durchdacht finde, und die Grundzüge der Geschichte gefallen mir auch sehr gut. Aber die Autorin erzählt so unfassbar weitschweifig vor sich hin, dass die Story sich im Schneckentempo entrollt. Man könnte glauben, die Romane seien entsprechend detailverliebt, aber Haydon verlobhudelt ihre Zeilen hauptsächlich an die unfassbar schöne Rhapsody (erwähnte ich schon, dass sie laubgrüne Augen hat?). Die übrigen Charaktere sind ihr wohl wurscht, die bleiben farblos bis durchgeknallt.

Kurzum: Der Kitschfaktor ist astronomisch. Die verwirrende Übersetzung tut ihr Übriges dazu – noch nie hat ein Mensch in einem Roman so inflationär „geschmunzelt“. Die Liebesszenen sind mir furchtbar peinlich gewesen: Regenbogenorgasmen, Seelenclinch und inneres Feuer, hhrrrrrrr!

Am lustigsten ist eigentlich, dass irgendein Kritiker im Klappentext die Romane mit Tolkien vergleicht. Ich weiß nicht, was sie dem gezahlt haben. Vielleicht hat er ein paar laubgrüne Kontaktlinsen bekommen.

Donnerstag, 20. Januar 2011

Audrey Niffenegger: Die Frau des Zeitreisenden.

Es ist vor Weihnachten (ist es nicht, aber da habe ich den Artikel angefangen). Ich war einen Monat auf Reisen. Ich habe einen Stapel Bücher durch, und fast alle habe ich gemocht. Ich habe Gedanken angestaut. In meinem Postfach fand ich bei meiner Rückkehr seltsamerweise eine Handvoll Werbeanfragen – ich habe alle abgelehnt, denn ich will nichts produzieren müssen. Denn: alles, was Ihr hier lest, soll von Herzen kommen.

Fast zwei Jahre gibt es die Axt, und ich muss gestehen: es fällt mir oft schwer, dem Netz zu genügen. Manchmal braucht mein Kopf Pausen, und so mancher Auftrag in meinem Hauptberuf (ja, den gibt es) geht an meine Grenzen. Dennoch, allen, die hier noch mitlesen, möchte ich sagen: es geht weiter bei der Axt. Manchmal geht es langsam, manchmal ist sie uninspiriert, manchmal ratlos. Aber es geht weiter. Vielleicht eher in analogem Tempo. Whatever.

Statt sentimental zu werden, lege ich Euch lieber Die Frau des Zeitreisenden von Audrey Niffenegger ans Herz. Der Roman wurde vor nicht allzu langer Zeit verfilmt, allerdings habe ich den Film nicht angeschaut und beziehe mich ausschließlich auf das Buch.

So ganz vorneweg und unintellektuell – wer gerade diese melancholische Wintersehnsucht da drinnen spürt, kann sich der Frau des Zeitreisenden kaum entziehen. Wer jemals heftig vermisst hat, geträumt und geliebt hat, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit während der Lektüre seinen Verstand in eine Kammer sperren und sich hemmungslos dem Kitsch hingeben wollen. Kitsch ist natürlich ein böses Wort für so einen zarten Roman; dennoch muss ich hier anmerken, dass man liebesmäßig schon ein Idealist sein sollte, um die Story so richtig genießen zu können.

Das unwiderstehliche Sujet des Seelenverwandten packt also diejenigen von uns im Nacken, die nicht aufhören wollen, von der einen, der wirklich großen und unvergänglichen Liebe zu träumen. Was soll's, manchmal will man sowas, und Audrey Niffenegger macht das fabelhaft.

Und darum geht es: Henry DeTamble hat einen unkontrollierbaren Gendefekt, der ihn zwingt, spontan durch die Zeit zu reisen. Auf diesen Zeitreisen begegnet er der sechsjährigen Clare, der zukünftigen Frau seines späteren Ichs. Die verschiedenen Versionen von Henry besuchen die heranwachsende Clare immer wieder auf seinen Zeitreisen, denn sein gegenwärtiges Unterbewusstsein scheint ihn zuverlässig dorthin zurück zu schicken. Weil Henry ja weiß, was in der Zukunft passieren wird, verrät er Clare zu ihrem eigenen Schutz kaum etwas von sich – und doch ist er es, der letztendlich ihre erste "erwachsene" Begegnung völlig unbedarft erlebt. Denn der Henry, dem die mittlerweile erwachsene Clare in einer Bibliothek begegnet, hat seine erste Zeitreise zu ihr noch gar nicht erlebt, während Clare Henry schon fast ihr ganzes Leben lang kennt.

Ob man Liebesgeschichten nun mag oder nicht – Die Frau des Zeitreisenden ist eine wirklich tolle, konsequent umgesetzte Idee. Und ich glaube, dass auch Realisten an dieser unkonventionellen boy-meets-girl-story Gefallen finden werden. Denn Audrey Niffenegger verknüpft die Vielzahl an Zeitfäden geschickt miteinander und bemüht sich merklich um Klischeevermeidung (davon abgesehen, dass die schicksalhafte Liebe als solches schon eines ist; aber wir sind ja hier nicht bei der Financial Times).

Ein toller Roman für einen melancholischen Nachmittag mit Tee und Keksen, wenn der Partner gerade auf Reisen ist und von uns vermisst wird. Und wer gar keinen Partner hat, kann sich bei der Lektüre wunderbar vorstellen, dass der zukünftige Liebste jeden Moment aus der Zukunft anreisen könnte. Ist ja auch nicht schlecht.



Dieser Artikel ist übrigens für Kristina, die mir neulich ein wenig Motivation abgab.