Sonntag, 17. Oktober 2010

Michael Marano: Dawn Song.



Wir sind in Boston, 1990, Vorweihnachtszeit. Krieg liegt in der Luft. Der sensible Buchhändler Lawrence ist in die Stadt am Charles River geflüchtet, um über die Trennung von seinem Lebensgefährten hinweg zu kommen. Lawrence hat keinen Schimmer, dass derweil auf dem Dach seines Hauses eine Succuba ihre Wohnstatt bezieht – eine Kreatur der Hölle, Gestaltwandlerin und sich von menschlichen Seelen nährend. Die Succuba ist die Tochter Belials, dem Todfeind Leviathans. Schon bald entbrennt der Kampf zwischen den Kräften des Bösen auf den Straßen Bostons, und wir Menschen sind nicht mehr als bestenfalls Ressourcen.

Dawn Song fordert den Leser mit einem großen Fundus an Figuren und Handlungssträngen. Es gilt, dieses Buch mit großer Aufmerksamkeit zu lesen, denn wie ich selbst erfahren musste, schwimmt man gnadenlos auf der Stelle, wenn man es in bequemen Häppchen zu verkonsumieren sucht. Doch die Anstrengung lohnt, denn Michael Marano ist ein virtuoser und atmosphärischer Erzähler des Horrorgenres. Die beklemmende Endzeitstimmung auf Bostons Straßen übersetzt er in düstere Bilder und feine, poetische Metaphern.

Während Lawrence sich allmählich selbst verliert und die Stadt in Brutalität und Hoffnungslosigkeit versinkt, schreitet die Succuba planvoll und unaufhaltsam voran – de facto pflastern Leichen ihren Weg, doch so banal kann man das gar nicht sagen, denn in Wirklichkeit ist es viel, viel schlimmer. Oft lässt Dawn Song seinen Leser verwirrt zurück; das Buch erklärt wenig und begründet noch weniger, dennoch ist es keines dieser verkopften Machwerke, die ihr Geheimnis aus ihrer Unverständlichkeit beziehen. Ich würde es am ehesten so ausdrücken: man kann diesen Roman weniger lesen, man muss ihn erfühlen. Wem es gelingt, die ständige Frage nach dem Warum einen Moment loszulassen, den belohnt Dawn Song mit einem lange nachhallenden, intensiven Leseerlebnis.

1 Kommentar:

lizzz hat gesagt…

Irgendwie hab ich so das Gefühl, Ihr mögt schwere deprimierende Kost nicht so sehr. Nun ja, damit müssen wir wohl alle leben.