Montag, 18. Oktober 2010

Marina Lewycka: Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch.



Hmmmm. Intensives Grübeln. Vernehmliches Seufzen. Händeringen. So ungefähr geht es mir, während ich diesen Artikel schreibe. Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch ist nämlich ein ganz, ganz schwieriger Fall. Es verhält sich so, dass dieses Buch einer meiner typischen Bahnhofsbuchhandlungkäufe ist, die sich durch ein unvorhersehbares Ergebnis auszeichnen. Mir gefiel das Cover und mir gefiel der Titel. Kurzer Blick auf den Klappentext – ah ja, klingt skurril und witzig und wird vom Feuilleton gelobt, scheint aber unkomplizierte Lektüre zu sein. Sowas will man ja im Zug.

50 Seiten später war ich verwirrt und ungehalten. Das Äußere des Buches darf als irreführend kategorisiert werden. Ironie und feine Subtilität hatte es mir versprochen, geliefert wurde „ein Sketch, vorgeführt auf dem bunten Abend eines Landfrauenvereins,“ wie Stefan Mesch auf literaturkritik.de ätzt. Dabei scheint mir der Plot nicht übel: Nadia Majevski ist eine Universitätsdozentin Ende 40. Seit dem Tod ihrer Mutter lebt Nadias greiser Vater Nikolai, ein ukrainischstämmiger Ingenieur, allein in seinem Häuschen. Zur älteren Schwester Vera hat Nadia wegen diverser Nickeligkeiten keinen Kontakt.

Bis, ja bis der eigenwillige Nikolai sich in die 50 Jahre jüngere ukrainische Dampframme Valentina verknallt und das blonde Busenwunder um jeden Preis ehelichen will, um ihr eine britische Aufenthaltsgenehmigung zu verschaffen. Im Angesicht des Feindes schließen Nadia und Vera einen brüchigen Frieden: die materialistische Zecke muss weg, unter allen Umständen.

Die Familiengeschichte der Majevskis wird in Rückblenden erzählt – das gefiel mir wirklich gut, weil sensibel und verständnisvoll erzählt. Marina Lewycka versucht nun aber, ihre Story als Slapstick UND als Gesellschaftskritik zu verpacken. In meinen Augen geht das volles Rohr schief. Ich habe eine Komödie erwartet – es wäre sogar in Ordnung gewesen, wenn sie sich als Vollblutdrama entpuppt, aber dies ist eine unentschlossene Mischung, die zwischen schwarzen Humor, Tragödie und Generationenroman pendelt. Diverse Rezensenten halten das für die eigentliche Leistung der Autorin, mich nervt diese halbgare Stilmélange.

Valentina, das ukrainische material girl, nervt mich am allermeisten. Es ist schon richtig, eine Figur widersprüchlich und facettenreich darzustellen, aber im Fall Valentina verwirrt mich der Versuch. Die Atmosphäre zwischen Nadia und Valentina wechselt scheinbar willkürlich zwischen Verachtung und Mitleid, Härte und Verständnis. Das Grau fehlt.

Disclaimer: es ist möglich, dass ich das Buch nicht verstanden habe. Es ist möglich, dass mir das feine Gespür für Nuancen fehlt und ich die gute Absicht der Autorin unterschätze. Es ist weiterhin möglich, dass ich die Ernsthaftigkeit des Buches als trockene Bravheit fehlinterpretiere. Meinetwegen.

Kommentare:

idie hat gesagt…

Schön, dass Du wieder da bist. Und offenbar ganz die Alte ;-)

Elfin hat gesagt…

Hmmmm, ich fand das Buch damals sehr unterhaltsam und habe mich amüsiert.
Allerdings habe ich es auch nicht soooo genau analysiert. Jetzt muss ich darüber nachdenken, ob ich oberflächlich und leicht zufrieden zu stellen bin...*am Kopf kratz*....

Was sagst Du denn zu "Hendrikje, vorrübergehend erschossen", falls Du es kennst?

Liebe Grüße von Elfin

lizzz hat gesagt…

@idie: kann ich so zurückgeben :)

@elfin: Nee, ich befürchte ja, dass vielmehr ich die Oberflächliche bin, die nach flachem Konsumspaß giert und gleich am Rad dreht, wenn mich mal eine Lektüre nicht belustigt. Vorübergehend erschossen zu sein stelle ich mir aber interessant vor. Wie ist das Buch?

donpozuelo hat gesagt…

Ach, da bin ich aber froh. Ich habe das Buch auch gelesen und wußte nicht wirklich, was ich davon halten soll. Der Klappentext hat da mehr versprochen als das eigentliche Buch dann bieten kann.

Ich glaube, da interpretierst du nix falsch.

kleineethnologin hat gesagt…

Mir ging es ganz genauso - hatte mich nach den ganzen überschwänglichen Kritiken sehr aufs Lesen gefreut und habe das Buch eher ratlos zugeklappt und mich gefragt, was das jetzt wohl war. Ich habe nicht verstanden, ob das nun eher lustig oder eher kritisch zu verstehen sein soll. Und den Ton der Autorin mochte ich auch nicht, ich fand ihn sehr ältlich und gar nicht originell.
Schade, der Titel ist wirklich lustig und der Plot gäbe viel mehr her.

lizzz hat gesagt…

@ ethnologin und don: dann ist ja gut! haargenauso hab ich mich auch gefühlt. und "ältlich" ist wirklich ein sehr treffender begriff.

hatte einfach stark den eindruck, dass die autorin sich krampfhaft bemüht, originell und hip zu sein. es hat mich jedenfalls nicht gewundert, als ich herausgefunden habe, dass sie 60 jahre alt ist und diverse fachliteratur über altenpflege veröffentlicht hat.

Almut hat gesagt…

Ich hatte das Buch in der Buchhandlung etwas intensiver… äh… angesehen und entschieden, dass es mir nicht gefällt. Die Hymnen in diversen Medien haben mich zwar irritiert, aber offenbar bin ich nicht die Einzige, die mit dieser Art zu schreiben nicht viel anfangen kann...

MrsBrightside hat gesagt…

Ich mag es auch nicht, degegen LIEBE ich "Caravan" von Marina Lewyck!
Sehr lesenswert.

Luna hat gesagt…

Hallo!

Deine Bewertung über das Buch ist zwar schon länger her, aber ich muss den anderen Recht geben- ich hab das Buch auch nicht so ganz durchschaut.
Ein, zwei Stellen waren ja ganz amüsant; im Gesamten aber recht... nun ja, nicht-meine-Erwartungen-erfüllend.

Gruß
Luna