Mittwoch, 27. Oktober 2010

Die Axt will was wissen und Ihr müsst antworten.

Geschätzte Leser,

ich habe mich schon mehrmals gefragt, ob Ihr Euch vielleicht ein Bewertungssystem für die besprochenen Bücher wünscht. Denn wie Ihr wisst, neige ich ja zuweilen zum unentschlossenen Labern – da wird am Ende des Artikels nicht unbedingt klar, wie ich das Buch nun finde.

So ein Punktesystem hat ja Vor- und Nachteile (wie auch gerade beim Borstel diskutiert). Deshalb die Frage an Euch: was möchtet Ihr? Sollen bei der Axt ab jetzt Punkte vergeben werden? Sternchen? Pfannkuchen? Etwas ganz anderes?

In der Seitenleiste rechts könnt Ihr abstimmen, und über Anregungen per Kommentar freue ich mich ganz besonders. Wenn sich keiner beteiligt, bleibt zur Strafe alles so, wie es ist. Mindestens.


Es dankt
Eure Axt

Dienstag, 19. Oktober 2010

Working Axt.





So sieht das aus, wenn ich Überstunden mache, um kalifornische Reiseführer anspruchsvolle Literatur für Euch unter die Lupe zu nehmen.

Montag, 18. Oktober 2010

Marina Lewycka: Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch.



Hmmmm. Intensives Grübeln. Vernehmliches Seufzen. Händeringen. So ungefähr geht es mir, während ich diesen Artikel schreibe. Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch ist nämlich ein ganz, ganz schwieriger Fall. Es verhält sich so, dass dieses Buch einer meiner typischen Bahnhofsbuchhandlungkäufe ist, die sich durch ein unvorhersehbares Ergebnis auszeichnen. Mir gefiel das Cover und mir gefiel der Titel. Kurzer Blick auf den Klappentext – ah ja, klingt skurril und witzig und wird vom Feuilleton gelobt, scheint aber unkomplizierte Lektüre zu sein. Sowas will man ja im Zug.

50 Seiten später war ich verwirrt und ungehalten. Das Äußere des Buches darf als irreführend kategorisiert werden. Ironie und feine Subtilität hatte es mir versprochen, geliefert wurde „ein Sketch, vorgeführt auf dem bunten Abend eines Landfrauenvereins,“ wie Stefan Mesch auf literaturkritik.de ätzt. Dabei scheint mir der Plot nicht übel: Nadia Majevski ist eine Universitätsdozentin Ende 40. Seit dem Tod ihrer Mutter lebt Nadias greiser Vater Nikolai, ein ukrainischstämmiger Ingenieur, allein in seinem Häuschen. Zur älteren Schwester Vera hat Nadia wegen diverser Nickeligkeiten keinen Kontakt.

Bis, ja bis der eigenwillige Nikolai sich in die 50 Jahre jüngere ukrainische Dampframme Valentina verknallt und das blonde Busenwunder um jeden Preis ehelichen will, um ihr eine britische Aufenthaltsgenehmigung zu verschaffen. Im Angesicht des Feindes schließen Nadia und Vera einen brüchigen Frieden: die materialistische Zecke muss weg, unter allen Umständen.

Die Familiengeschichte der Majevskis wird in Rückblenden erzählt – das gefiel mir wirklich gut, weil sensibel und verständnisvoll erzählt. Marina Lewycka versucht nun aber, ihre Story als Slapstick UND als Gesellschaftskritik zu verpacken. In meinen Augen geht das volles Rohr schief. Ich habe eine Komödie erwartet – es wäre sogar in Ordnung gewesen, wenn sie sich als Vollblutdrama entpuppt, aber dies ist eine unentschlossene Mischung, die zwischen schwarzen Humor, Tragödie und Generationenroman pendelt. Diverse Rezensenten halten das für die eigentliche Leistung der Autorin, mich nervt diese halbgare Stilmélange.

Valentina, das ukrainische material girl, nervt mich am allermeisten. Es ist schon richtig, eine Figur widersprüchlich und facettenreich darzustellen, aber im Fall Valentina verwirrt mich der Versuch. Die Atmosphäre zwischen Nadia und Valentina wechselt scheinbar willkürlich zwischen Verachtung und Mitleid, Härte und Verständnis. Das Grau fehlt.

Disclaimer: es ist möglich, dass ich das Buch nicht verstanden habe. Es ist möglich, dass mir das feine Gespür für Nuancen fehlt und ich die gute Absicht der Autorin unterschätze. Es ist weiterhin möglich, dass ich die Ernsthaftigkeit des Buches als trockene Bravheit fehlinterpretiere. Meinetwegen.

Sonntag, 17. Oktober 2010

Michael Marano: Dawn Song.



Wir sind in Boston, 1990, Vorweihnachtszeit. Krieg liegt in der Luft. Der sensible Buchhändler Lawrence ist in die Stadt am Charles River geflüchtet, um über die Trennung von seinem Lebensgefährten hinweg zu kommen. Lawrence hat keinen Schimmer, dass derweil auf dem Dach seines Hauses eine Succuba ihre Wohnstatt bezieht – eine Kreatur der Hölle, Gestaltwandlerin und sich von menschlichen Seelen nährend. Die Succuba ist die Tochter Belials, dem Todfeind Leviathans. Schon bald entbrennt der Kampf zwischen den Kräften des Bösen auf den Straßen Bostons, und wir Menschen sind nicht mehr als bestenfalls Ressourcen.

Dawn Song fordert den Leser mit einem großen Fundus an Figuren und Handlungssträngen. Es gilt, dieses Buch mit großer Aufmerksamkeit zu lesen, denn wie ich selbst erfahren musste, schwimmt man gnadenlos auf der Stelle, wenn man es in bequemen Häppchen zu verkonsumieren sucht. Doch die Anstrengung lohnt, denn Michael Marano ist ein virtuoser und atmosphärischer Erzähler des Horrorgenres. Die beklemmende Endzeitstimmung auf Bostons Straßen übersetzt er in düstere Bilder und feine, poetische Metaphern.

Während Lawrence sich allmählich selbst verliert und die Stadt in Brutalität und Hoffnungslosigkeit versinkt, schreitet die Succuba planvoll und unaufhaltsam voran – de facto pflastern Leichen ihren Weg, doch so banal kann man das gar nicht sagen, denn in Wirklichkeit ist es viel, viel schlimmer. Oft lässt Dawn Song seinen Leser verwirrt zurück; das Buch erklärt wenig und begründet noch weniger, dennoch ist es keines dieser verkopften Machwerke, die ihr Geheimnis aus ihrer Unverständlichkeit beziehen. Ich würde es am ehesten so ausdrücken: man kann diesen Roman weniger lesen, man muss ihn erfühlen. Wem es gelingt, die ständige Frage nach dem Warum einen Moment loszulassen, den belohnt Dawn Song mit einem lange nachhallenden, intensiven Leseerlebnis.