Dienstag, 21. September 2010

Kristof Magnusson: Das war ich nicht.



Das war ich nicht ist ein wunderbarer, leicht skurriler Unterhaltungsroman. Kristof Magnusson beweist Sinn für Alltags-Irritationen und einen rasanten Plot, der als nicht allzu kompliziert, aber auch nicht übermäßig banal beschrieben werden kann. Wenn ich es schnörkellos sagen darf: die Geschichte macht Spaß.

Und die Figuren machen Spaß:
 Jasper Lüdemann ist ein Investmentbanker um die 30, ernährt sich von Snickers und Kaffee und ist ganz schön paranoid. Insgeheim versteht er sich als Rockstar des Händlersaals, ein schöner Verweis auf die “Masters of the Universe” in Tom Wolfes Fegefeuer der Eitelkeiten.
Henry LaMarck ist ein Weltklasseschriftsteller, gerade 60 geworden. Alle Welt wartet auf seinen neuen Roman, aber den gibt es gar nicht. Statt dessen verschwindet Henry von seinem eigenen Geburtstag und ward nicht mehr gesehen.
Meike Urbanski ist seine deutsche Übersetzerin, die vor dem Bio-Spießertum in Hamburgs Schanzenviertel in eine Bruchbude auf dem Land geflohen ist und dort verzweifelt auf Henrys Manuskript wartet.

Das Schicksal der drei Glücksritter verwebt Magnusson in Chicago; die Finanzkrise bildet die angemessene Rahmenhandlung für die emotionale Verwirrung der Figuren. Die Erzählperspektive wechselt zwischen Jasper, Henry und Meike, kurze zeitliche Überblendungen in der Dramaturgie halten die Spannung. Von der ersten Seite an war ich drin im Plot – das ist ja nun keine Selbstverständlichkeit.

Eine besondere Erwähnung verdient der Weinklimaschrank im Haushalt von Meikes Hamburger Pärchenfreunden. Hier wurde der klassische Bio-Markt-Hipster über 30 präzise beobachtet.

Undramatisches Fazit: liest sich ratzefatze weg, unterhält bestens. Kaufen.

Samstag, 18. September 2010

Alice Sebold: In meinem Himmel.




So, Freunde. Da isse wieder. Die Axt hat in den letzten zwei Monaten wie bescheuert für Euch gelesen. Nein, das stimmt nicht: sie hat in den letzten zwei Monaten wie bescheuert für sich gelesen. Das macht aber nichts, denn sie teilt ihre strikt subjektiven Erkenntnisse sowieso mit Euch.

Fein, legen wir los. In meinen Himmel ist nicht das letzte Buch, das in neuerdings gelesen habe, aber bei weitem das prägnanteste. Man könnte sagen, es hat mir bis heute quergesteckt wie ein kapitaler Pups, Verzeihung. Unter anderem aus diesem Grund habe ich bis zu dieser Sekunde keine einzige andere Rezension des Buches gelesen – ich musste es alleine verdauen. Und jetzt ist auch gut mit den Kackmetaphern.

Susie Salmon ist 14 Jahre alt, als sie von einem Nachbarn vergewaltigt und ermordet wird. Und sie ist unsere Ich-Erzählerin – eine allwissende Beobachterin von einer höheren Warte aus: ihrem Himmel. Der Begriff "Himmel" darf hier nicht missverstanden werden. Wir reden nicht von einem Ort ewiger Glückseligkeit und sphärischer Schmerzfreiheit. Nein. Kein Engel ist da, um das Trauma des eigenen Todes und des Abschiednehmens gnädig von Susies Schultern zu nehmen. Sie beobachtet ihre Familie und ihre Freunde aus dem diffusen Nichts, ohne Handlungsmöglichkeit.

Trotzdem und deshalb ist In meinem Himmel kein deprimierendes Buch. Alice Sebold gelingt es, mit großem Einfühlungsvermögen und großer Sprachgewalt die Geschichte einer Familie zu erzählen, die an der Trauer zerbricht, ohne jemals das Gefühl von Hoffnungslosigkeit aufkommen zu lassen. Wir begleiten Sebolds Figuren, die lebenden und die toten, in ihrer Entwicklung und lernen womöglich eine wichtige Lektion menschlichen Daseins: Leid geschieht. Einfach so. Und uns bleibt nichts anderes übrig, als weiterzuleben.

Alice Sebold beweist ein sehr sicheres Gespür für Balance. Ehrlich: das Thema Tod verleitet wie kaum ein anderes zu großformatigem Pathos. Und gerade bei diesem Thema Tod verzeiht man großformatiges Pathos am ehesten. Umso mehr hat es mich berührt, geradezu mitgenommen, wie aufrichtig, wie schmerzhaft schlicht Alice Sebold die Tragik ihrer Geschichte auf den Punkt bringt.

Abschied zu nehmen, von Menschen, Dingen, Ideen – das ist eine zentrale Herausforderung unserer irdischen Existenz. In meinem Himmel war für das Axt'sche Universum eine wichtige Zutat des Verstehens. Ich wünsche mir, dass dieses Buch jemandem da draußen ebensoviel Trost spendet wie mir.


Das heißt wohl: Die Axt ist zurück. Hoffentlich seid Ihr noch da. (Don und Dr. Borstel: Danke.)


P.S.
Wie immer, wenn ein Buch verfilmt wurde, hänge ich Euch den Trailer an. Hierfür ist Peter Jackson verantwortlich, 2009. Ich werde mir den Film nicht ansehen, aber das heißt ja nix.