Sonntag, 25. Juli 2010

Haruki Murakami: Kafka am Strand.



Zuerst die Pflicht: der 15-jährige Kafka Tamura haut von Zuhause ab, weg von seinem lieblosen Vater, dem inhaltslosen Dasein. Mutter und Schwester haben die Familie so früh verlassen, dass Kafka sich nicht mehr an sie erinnern kann. Geführt von einer diffusen Schicksalsmacht sucht sich Kafka der ödipalen Prophezeiung zu entziehen, die ihm sein Vater vorausgesagt hat: dass er sich mit seiner Mutter und Schwester vereinigen wird, den Vater jedoch töten. Quer durch Japan reist Kafka, um schließlich in einer kleinen Bibliothek zu landen, die von der rätselhaften Frau Saeki geleitet wird.

Zeitgleich folgen wir dem vermeintlich debilen Herrn Nakata, der mit Katzen reden kann und der, offenbar von einem fremden Willen gelenkt, unwissentlich Kafkas Spur aufnimmt. Die zunächst parallelen Linien laufen langsam aufeinander zu, während Kafka und Nakata ihr Schicksal erfüllen und dabei die Grenzen des Bewusstseins überschreiten. Da wir es ja hier mit Herrn Murakami zu tun haben, darf man sich nicht wundern, wenn es auch mal Sardinen und Blutegel regnet, Johnny Walker umgebracht werden möchte und Kafka Tamura ohnehin viel zu schlau ist für einen 15-Jährigen.

Und damit komme ich zur Kür, denn worüber ich hier eigentlich sprechen möchte, ist meine Faszination für das Verhältnis des Autors zu seinen Helden. Ach, verehrter Murakami-san! Niemand entwirft seine Protagonisten mit so viel Liebe, Wärme und ohne Angst vor Etiketten. Murakami leistet sich den Glauben an die absolute Liebe, er leistet sich die schlichte Frage nach dem Sinn des Lebens, er leistet sich hehre Absichten, und er leistet sich zerbrechliche, einsame, liebesbedürftige Figuren, die das Potential haben, die eigenen Ängste zugunsten einer höheren Aufgabe zu überwinden.

Es ist ja so, dass einige Rezensenten dies "Kitsch" nennen, weil sie mit einer so vollen Packung nichts anfangen können. Andere hingegen lieben die surrealen Welten des Haruki Murakami (vermutlich eine klassische Love-it-or-leave-it-Sache), und es dürfte jetzt keine Überraschung sein, dass die Axt zur zweiten Gruppe zählt. Ein Roman von Murakami muss eigentlich mehrfach gelesen werden, weil er so reich an bemerkenswerten Gedanken ist, dass man sie beim ersten Lesen gar nicht allesamt erfasst. Murakami-san hat die seltene Gabe, tiefe Ideen simpel zu erzählen und sie damit jedem Leser zugänglich zu machen – eine Eigenschaft, die ich ganz besonders schätze. Bücher, die mir neue Gedanken schenken, wünsche ich mir viel, viel öfter.

Kommentare:

donpozuelo hat gesagt…

Murakamis "Kafka" habe ich noch nicht gelesen, aber steht schon im Regal.
Ich teile ja immer wieder deine Meinung über Murakami.
Zu Murakami mehrmals lesen kann ich nur eifrig mit dem Kopf nicken. Absolut richtg. Und so etwas kann man ja auch nicht über jeden Autor sagen.

Bibliophilin hat gesagt…

Eine schöne Rezension, der ich mich auch nur anschliessen kann. Ich habe das Buch auch gelesen. Vielleicht hast Du Lust bei meiner Rezension vorbei zu schauen: http://www.bibliophilin.de/?p=1842
Ein schöner Blog überigens!
Herzliche Grüsse
Bibliophilin

Olli hat gesagt…

Murakami gefällt mir auch sehr. Vor Jahren hatte ich mal ein schönes Zitat von ihm entdeckt. Er "schreibt quasi Jazz" ...

gruß vom olli =)

http://www.oliverahlbrecht.de/2007/07/14/murakami-schreibt-jazz/

Ronald hat gesagt…

sind die 31 Tage jetzt schon vorbei?

lizzz hat gesagt…

Ronald reibt es mir natürlich unter die Nase: Ja, die 31 Tage sind vorbei. Da ich von einem kleinen, dubiosen Planeten südlich der Milchstraße stamme, auf dem ein Monat leider nur 14 statt 31 Tage hat, ließ sich das nicht anders einrichten, ohne meine Herkunft zu beleidigen. Kein Grund, mir meine kulturellen Defizite so schmerzhaft um die Ohren zu schleudern. Das mit der Integration klappt halt nicht von heut auf morgen!

@ alle anderen: Danke! Da muss ich doch gleich mal auf Euren Links vorbeischauen. Bis gleich :)

Ronald hat gesagt…

Ich frag ja nur. Hätte ja sein können, dass Du nur zwei Bücher dazwischen schiebst und dann weiter machst oder so. In welchem Zeitraum die 31 Tage abzuarbeiten sind, stand ja nicht da. Oder war Dir das Korsett der Kriterien zu eng?

lizzz hat gesagt…

Stimmt, ich könnte die restlichen Tage auch entspannt auf die nächsten 10 Jahre verteilen.

Nee, der eigentliche Grund ist der, dass es mir da zu sehr um mich ging, und diese Schlagseite tut dem Blog nicht gut – finde ich. Zwar schreibe ich ohnehin immer sehr subjektiv, aber ich hatte irgendwann echt arge Bedenken, ob so eine krasse Fokussierung meiner Person Euch Leser nicht zu Tode langweilen würde.

Und da die "Axt" ja von der Beteiligung aller lebt und diese von mir auch überaus geschätzt wird, hab ich die Sache halt kurz und schmerzlos gekippt. War ein Experiment, dass sich in seinem Verlauf selbst ins Aus geschossen hat. Jetzt gehts einfach weiter wie bisher, ich hoffe das war im Sinne der Mehrheit. Wenn nicht, kann man sich gerne hier beschweren, und dann sehen wir weiter ;)

Friederike hat gesagt…

Ich habe das Buch auch gerade gelesen und möchte eine Rezension darüber schreiben, weiß aber nicht so recht, wie ich es fassen soll. Danke deshalb für die Rezension, sie ist mal etwas anderes als die bei Amazon!

Ich habe deinen Blog übrigens auch auf meinem Blog http://blauraum.net verlinkt (Pate ist hier auch ein Literaturzitat), weil mir dein Blog, aber vor allem auch das Motto von Kafka so gut gefällt! Das ist keine Pflicht mich rückzuverlinken, ich wollte dir nur Bescheid geben.

Friederike

lizzz hat gesagt…

Danke, Friederike! Ich schau gleich mal vorbei...

MrsBrightside hat gesagt…

Absolutes Lieblingsbuch!
Wie auch "Gefährliche Geliebte" und "Mister Aufziehvogel". Für mich große Kunst, wohingegen Freunde und Familie nur den Kopf schütteln :P

Übrigens, ich liebe deine Rezensionen!

lizzz hat gesagt…

hey, danke! ich seh deinen kommentar erst jetzt. wenn jemand zu älteren artikeln was schreibt, dann krieg ich das leider gottes manchmal erst spät oder gar nicht mit. sorry.

Dr. Borstel hat gesagt…

Liebe Lizzz, nun habe ich mich auch endlich einmal an Murakami herangewagt und kann nur sagen: Ich bin begeistert! Ein wirklich wunderbares Buch, ein fabelhafter Autor! Zwar muss ich zugeben, dass "Hard-Boiled Wonderland und das Ende der Welt" mich im Anschluss daran ein wenig enttäuscht hat, aber das wird sicher nicht der letzte Murakami sein, den ich in mein Regal stellen werde. Vielen Dank für die Empfehlung!