Montag, 19. Juli 2010

Håkan Nesser: Das grobmaschige Netz.



Eines nicht so schönen Morgens erwacht Janek Mitter mit dem schlimsten Kater aller Zeiten, dafür ohne jegliche Erinnerung an die letzte Nacht. Das wäre für sich genommen zwar unangenehm, geht aber vorbei. Mitters Zechtrauma ist da allerdings etwas härter gelagert: als er nämlich benommen ins Badezimmer torkelt, findet er dort seine tote Ehefrau in der Badewanne. Ermordet.

Janek ist überzeugt, dass er Eva nicht umgebracht hat, aber das kann ja jeder sagen, der sich an nichts erinnert. Deshalb nimmt Håkan Nessers Kommissar Van Veeteren in Das grobmaschige Netz zum ersten Mal die Ermittlungen auf, um Janek Mitters (Un-)Schuld zu beweisen.

Klingt wie eine spannende Story, ist auch solide gemacht, der Kommissar ist so ein typischer Schwedenkauz ohne Privatleben, die übrigen Ermittler chronisch überarbeitet. Eindeutig, hier haben wir es mit der recht jungen Gattung "Schwedenkrimi" zu tun. Das grobmaschige Netz ist kein Roman, der mich mit offenem Mund zurücklässt, vermutlich werde ich ihn kein zweites Mal lesen, was an dem meiner Meinung nach abrupten, holprigen Schluss liegt – da hätte Nesser sich ein paar raffiniertere Wendungen aus dem Ärmel zaubern können. Wenn man sich aber die Verkaufszahlen des Autors zu Gemüte führt, hat Nesser diesen Mangel in den Folgeromanen beheben können: die gehen weg wie geschnitten Brot.

Eine Sache ist mir allerdings unangenehm aufgefallen: Bei der Recherche zu diesem Artikel stellte ich fest, dass unzählige Rezensenten, gerade unter den "Hobbykritikern", das Debüt vom armen Nesser mit Henning Mankells Wallander-Reihe in einen Sack zu stecken suchten. Die hatten offenbar alle ihre Wallanders ausgelesen und sich frustig auf den nächsten Schweden gestürzt, auf dass er gefälligst die Lücke fülle bis zum nächsten Wallander. Mehrfach las ich Sätze wie "Das Buch hat mich wirklich enttäuscht, weil es gar nicht mit Mankell zu vergleichen ist" oder "Der Van Veeteren ist überhaupt nicht wie der Wallander, wie enttäuschend." Nein, Håkan Nesser ist kein Mankell-Klon.

Nesser schreibt nicht wie Mankell, weil er nun mal Nesser ist. Einen Roman schlecht zu bewerten, weil der Autor es wagt, einen anderen Autoren NICHT baugleich zu kopieren, ist ja wohl abseits von jeglicher Bücherliebe. Wer unbedingt Wallanders lesen will, soll halt Wallanders kaufen, und wenn es keine mehr gibt: Pech. Persönlich gefällt mir Nessers Schreibe besser, weil weniger depressiv. Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber die Wallander'sche Tristesse macht mich irgendwie fertig.

Ich würde ja folgendes Setting empfehlen: Waldsee an einem schwülen Sommerabend. Letzte Badegäste, vereinzelte Stechmücken, eine Flasche kalter Weißwein in der Kühlbox. Dunkelgrünes Wasser, Grillenzirpen. Leichter Sonnebrand, dafür gemütliche Wolldecke. Und fertig ist das Leseerlebnis.

Kommentare:

lizzz hat gesagt…

Hmmmm. Hier hat wohl das gefürchtete Sommerloch ein selbiges hinterlassen. Wo seid Ihr denn alle hin?

Wir alle hat gesagt…

Wir sind halt ein launisches, zickiges Blog- Publikum und antworten nicht auf jeden Deiner Posts. pfft. Wär ja noch schöner.

lizzz hat gesagt…

Das muss sie wohl sein, die sprichwörtliche, vielzitierte Konsumgesellschaft.

*traurig kopfschüttelnd ab*