Dienstag, 6. Juli 2010

Frédéric Beigbeder: 39,90.




Oder:

Tag 13. Ein Buch, bei dem ich nur lachen kann.
(Ihr merkt schon, das ständige "Tag XY" in der Überschrift beginnt mich zu stressen)

Keine Ahnung, was das heißen soll: bei dem ich nur lachen kann. "Da kann ich nur lachen" ist ja eine Formulierung, die Herablassung bis Verachtung impliziert. Versteht man die heutige Aufgabe nicht als Redewendung, sondern nimmt sie wörtlich, müsste es wiederum ein Buch sein, bei dem ich aus dem Lachen nicht mehr herauskomme. Ein ganz lustiger Schinken.

Ich entscheide mich für keines von beidem oder aber für beide Optionen auf einmal, und wähle 39,90 von Frédéric Beigbeder. Der eine oder andere mag die Lustigkeit dieses Romans in Frage stellen.

Wie verhält es sich nun mit 39,90 von Monsieur Beigbeder? Man muss wissen, dass der Typ die Freundschaft des seinerseits skandalumwitterten Monsieur Houellebecq genießt, der ihn zu dem Roman angestiftet haben soll. Passt natürlich prima zu dessen Gewohnheiten - schreibe ein Nestbeschmutzerbuch, um Deine Kündigung herbeizuführen und mit großem Knall aus der ach so verhassten Werbebranche auszusteigen. Getöse und Skandale, wunderbar. Beigbeders Alter Ego Octave tut in 39,90 also genau dies – er verrät die vermeintlichen Geheimnisse der Szene an die arglose Öffentlichkeit in dem Versuch, sich damit selbst zu dekonstruieren und die bösen Werbeleute gleich mit. Die Ratte verlässt das Schiff nicht, sondern bringt es zum sinken, das scheint mir ungefähr die Absicht zu sein.

Der Titel muss natürlich so sein und gefällt mir ziemlich gut: der Wert der Ware definiert sich über den Verkaufspreis, der Verkaufspreis definiert das Wesen der Ware. Überhaupt zieht Octave alle Register, um den Leser von der absoluten Ruchlosigkeit der Branche zu überzeugen und lässt dabei kein Klischee aus. Dicke Autos, Frauen, das unvermeidliche Kokain bebildern Octaves hingebungsvollen Hedonismus, dem er auf der anderen Seite so dringend zu entrinnen sucht (man muss wissen: Werbeleute suchen nach einigen Jahren im Job immer ganz konsequent den höheren Sinn in allem und pflegen eine gewisse Melancholie). Beigbeder schildert hübsch plastisch, man sollte aber im Hinterkopf behalten, dass der Roman bereits zehn Jahre auf dem Buckel hat und es heutzutage nicht mehr wirklich spektakulär in Werbeagenturen zugeht. Mir ist soweit kein Fall bekannt, in dem Kreative die Bürowände des Kunden mit ihren eigenen Körperflüssigkeiten verziert oder in einer ausgeflippten Laune irgendwelche Rentner umgebracht hätten. Ich würde schätzen, Beigbeder romantisiert hier ein bißchen die frühen Neunziger. Da hat der gute Mann ein wenig zu tief in die Glamourkiste gegriffen, auch wenn er wirklich mitreißend formuliert und den Leser recht gut zu unterhalten versteht.

Was 39,90 allerdings ganz wunderbar schafft, ist, das Vorhandensein schlechter Werbung zu erklären. Die Strukturen innerhalb der Agenturen und deren Beziehungsgeflecht zu milliardenschweren Kunden zeichnet der Autor mit großer Präzision und amüsantem Realismus (was ich aus erster Hand bestätigen kann, denn ich habe den Roman quasi aus professionellem Interesse gelesen und musste ständig fassungslos auflachen, weil es wirklich so zugeht im Tagesgeschäft einer Agentur, also jetzt ohne das ganze Blut und das Koks). Ich zweifele ein wenig daran, ob ein Leser außerhalb der Branche echten Spaß an 39,90 haben kann – eigentlich ist das Buch nur dann wirklich lustig, wenn man einigermaßen vertraut mit den Abläufen einer Agentur ist. Oder vielleicht es ist gerade deshalb spannend für alle anderen, weil sie einen quasi-geheimen Einblick hinter die Kulissen erhalten? Ich kann's nicht objektiv beurteilen.

Aber letzten Endes ist das ganze Buch ein kalkulierter Skandal, und das ist es, was mich daran stört: die vermeintliche Vorführung einer vermeintlich veracheteten Branche in Romanform bedient sich genau der werblichen Instrumente, die Octave/Beigbeder so theatralisch an den Pranger stellt. Das macht für mich das gesamte Projekt bei aller formalen Richtigkeit moralisch unglaubwürdig.

Abgesehen davon frage ich mich wirklich, was an 39,90 als so unheimlich skandalös empfunden wurde. Das Koks? Die Nutten? Der Markenfetischismus der Protagonisten? Der größenwahnsinnige Mord? Hmmmm, nicht wirklich, schließlich ist es immer noch Belletristik. Beigbeder mag (eventuell!) lautere Absichten gehabt haben, präsentiert sich aber lediglich als weiterer profilneurotischer Klischee-Werber, der es nicht lassen kann, permanent um den eigenen Bauchnabel zu kreisen, in Talkshows provokante Dinge zu sagen und sich zu einem seltsamen französischen American Psycho zu stilisieren. Langweilig. 

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