Freitag, 7. Mai 2010

Das Buch-Camp.

Da behaupten die ganzen Intellektuellen ständig, es würde zu wenig gelesen, und alle Welt hätte deshalb lediglich noch einen Pipi-Kaka-Wortschatz –  und die Jugendlichen, ach!, diese Jugendlichen verwahrlosen sexuell und sprechen nur noch in SMS, verstehe die mal einer. So oder ähnlich wird in der Öffentlichkeit lamentiert.

Ich habe mir deshalb ein Konzept überlegt, dass ich gerne der Bundesregierung oder RTL II verkaufen würde, um damit Millionen zu scheffeln. Es ist nämlich so, dass ich in jahrelangen, repräsentativen Studien unter Einsatz meines eigenen Lebens herausgefunden habe, wie man Menschen zum Buch bekehrt. Gewaltfrei, versteht sich.

Der Ansatz funktioniert so. Man sucht sich eine Gruppe sexuell verwahrloster Jugendlicher, gerne aus prekären Verhältnissen. Und die müssen dann einen Monat lang werktags von 6-9 Uhr morgens in ausgewählten Linien der Berliner U-Bahn mitfahren. Freilich ohne Handy und immer einzeln. Es ist nämlich folgendermaßen – im morgendlichen Berufsverkehr einiger Bahnlinien sitzen die härtesten und aggressivsten Leser der Welt. Die infiltrieren mit der Zeit auch den beharrlichsten SMS-Schreiber. Denn diese Hardcore-Leser haben verstanden, dass ein Buch die EINZIGE dauerhaft funktionierende Waffe gegen die lebensfeindliche Umgebung der Berliner U-Bahn darstellt.

Ich erläutere: Der Mikrokosmos der BVG wird von Wahnsinn, Gestank und Lärm unterschiedlichster Quellen dominiert, dessen Zusammensetzung sich im schlimmsten Fall bei jedem Halt neu generiert. Zum Beispiel steigt am Kottbusser Tor der krätzige, inkontinente, lallende Junkie auf Horrortrip zu. Am Moritzplatz steigt er wieder aus, nicht ohne vorher saftig auf den Boden gerotzt zu haben. Abgelöst wird er vom schlechtesten Akkordeonspieler auf Gottes Erden, der den Fahrgästen zwecks Kollekte seinen speckigen Pappbecher ins Nasenloch rammt. Zwischendurch immer wieder die unvermeidlichen Obdachlosenzeitungsverkäufer, unterbrochen von Kreuzberger Schulklassen auf Exkursion. Das ein oder andere kreischende Alkoholikerpaar. Die ganze Szenerie liegt unter einem beharrlichen Filter von sanftem Dönernebel.

Und das alles VOR Ankunft am Arbeitsplatz. Fakt ist: wer bei Verstand bleiben will, muss zum Buch greifen. Der MP3-Player übertüncht womöglich den Lärm, aber nicht den Gestank und nicht den Anblick. Ein wirklich gutes Buch dagegen ist ein Bollwerk. Schlägt man den Buchdeckel auf, schlägt die Tür zur Außenwelt zu – die ganzen Penner und Irren müssen draußen bleiben. Dies ist, sofern man nicht Dalai Lama heißt, die einzige Möglichkeit, in den Öffentlichen sein seelisches Gleichgewicht zu bewahren.

Entsprechend grimmig klammert sich der Fahrgast an sein Buch. So konzentriert und stur habe ich selten Menschen lesen sehen. In der Berliner U-Bahn wird nicht selten so verzweifelt oder mit kalter Wut gelesen, als hinge das eigene Leben davon ab. Und das stimmt ja irgendwie auch.

Darauf basiert jedenfalls mein Boot-Buch-Camp für Pubertierende: Handy weg, Player weg, reinschubsen in die Bahn und Tür zu. Einzige Ausstattung ist ein Jutebeutel mit fünf ausgewählten Titeln drinne. Friss oder stirb ist das zugrundeliegende Prinzip. Das muss vier Wochen durchgezogen werden, damit das Anfixen auch klappt.

Da guckste, Reich-Ranicki.

btw: lol.

Kommentare:

Mondenkind hat gesagt…

Fantastischer Plan!
Viva los Buchos ;D
[Vorraussetzung ist natürlich, dass die Jugend über die Fähigkeit, Buchstaben zu erkennen und aneinander zu reihen verfügt. Wobei in einigen Fällen auch ein Bilderbuch schon ein Fortschritt ist.]

Julia hat gesagt…

Haha, wunderbar!
Ich amüsiere mich gerade prächtig über diesen Beitrag. Und dein Blog mag ich sowieso überaus gerne. :)
Viele Grüße aus dem ach-so-beschaulichen Freiburg, wo aber auch manchmal grausige Gestalten im ÖPNV unterwegs sind (dafür dauern die Fahrten dann in der Regel nicht so lang...)!
Julia

Anna hat gesagt…

Habe mich gerade tot gelacht:) Alles stimmt:)

Klappentexterin hat gesagt…

ein großartiger plan! dabei denke ich übrigens auch an den jugendrichter, christoph mangelsdorf, der junge straftäter zum lesen verurteilt. vielleicht solltet ihr euch zusammentun. ; ) hier ist ein interview mit ihm: http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,690802,00.html

lieben gruß zum samstagmorgen

mauzini hat gesagt…

Hihi, sehr schön. Auch wenn es mir in Hamburg nicht ganz so schlimm vorkommt, brauche ich das Buch in der U-Bahn, um dem peinlichen "Wo-guck-ich-hin" (verdammte 4er Sitze) zu entgehen.
Liebe Grüße

elin hat gesagt…

find ich gut. :)
was wären denn die fünf ausgewählten bücher, damit die sich auch nach dem "experiment" ihre leselust ausbauen können?

Dr. Borstel hat gesagt…

Sehr schön durchdacht. Die schleichende Intellektualisierung des U-Bahn-Betriebes, vielleicht inklusive integrierter Kleinbibliotheken? Würde ich unbedingt bei den zuständigen Politikern einreichen.

Doro hat gesagt…

Sehr guter Plan. Seit ich täglich S-Bahn fahre ist dies die einzige Waffe gegen all die von dir beschriebenen Störfaktoren am frühen Morgen.
Lesen hilft. Stinken tut der Penner von nebenan zwar trotzdem noch, aber das passt dann zum Thriller, in dem gerade die verstümmelte Leiche geborgen wird.

Super Beitrag. Super Blog.
Ach - mittlerweile kann man in der Ring-Bahn neben der Motz schon Bücher kaufen. Und das für einen Euro. Ich finds klasse.

lizzz hat gesagt…

@ Mondenkind:in ganz harten Fällen würd ich auch Bilderbücher gelten lassen. Man muss ja klein anfangen.

@ Julia und Anna: Dankeschön :)

@ Klappentexterin: schreibt der denen auch vor, was genau sie lesen müssen? Ich guck gleich mal in den Artikel rein!


@ mauzini: Oh ja, die 4-Sitzer. Schlimm. Da ist man sich immer so unfreiwillig nah, und man berührt sich zwangsläufig mit den Knien (den gegenüber) UND mit den Hüften (den nebendran). Schauder.

@ elin: ganz schwierige Frage. Muss ich mal drüber nachdenken. Ich glaube, jeder Jugendliche sollte vorher einen Fragebogen zu Vorlieben und Abneigungen ausfüllen, dann kann man gleich was passendes raussuchen.

@ Borstel: Einen Kommentar weiter unten sagt Doro, dass man in der Ringbahn jetzt auch Bücher kaufen kann! Da ist uns anscheinend jemand zuvor gekommen.

@ Doro: Echt jetzt? Haben die Motzverkäufer ihr Angebot erweitert oder laufen da verarmte Buchhändler durch die Waggons? Also Bücher statt Motz, das finde ich toll, da würd ich auch glatt zugreifen.

Doro hat gesagt…

Naja, die Motz wird trotzdem noch verkauft, aber als ich in der Bahn saß ist schon mehrmals eine Dame vorbeigekommen und wollte mir eines von ihren Büchern verkaufen. Sie hatte einen Stapel älterer Exemplare dabei - jedes für einen Euro.
Vielleicht hat sie ja bei sich zu Hause ausgemistet?!
Oder es ist der Außendienst vom 1-Euro-Buchladen um die Ecke?!

Anonym hat gesagt…

Oh-je!
Da freuzt es sich (über den Artikel).
Der Bogen wird weit gespannt, man fühlt förmlich die stinkenden Sitze der pfeilschnellen Bahn, wie die Realitäten neben den Gleisen einfach nur wegbrechen.
Um dann rücklings dem gleißendem stechen,
druckabfall,
Zwerchfell,
es lugt das Alien,
just btw:)

lizzz hat gesagt…

Anonym – Du solltest wirklich weniger Käse essen!

Und fahr doch bitte mal rechts ran.

Klappentexterin hat gesagt…

liebe liz,
wie du ja sicherlich bestimmt schon selbst gelesen hast, können das nicht irgendwelche bücher sein, sondern welche, die schon bezug auf die jeweilige straftat nehmen. der erfolg, der dadurch aber bereits eingetroffen ist, ist echt beeindruckend. vielleicht sollte es dann für jeden noch "deutschstunde" von herrn lenz dazugeben. was meinst du?

viele grüße

lizzz hat gesagt…

liebe klappentexterin,
ich find's eigentlich gar nicht schlecht. bevor ich den artikel gelesen habe, habe ich befürchtet, das könnte schon wieder so eine zwangsmaßnahme sein, die den jugendlichen dann die lust am lesen für immer verhagelt.

mein u-bahn-projekt basiert ja gewissermaßen auch auf freiwilligkeit: die kriegen den beutel mit büchern zwar mit, aber keiner muss die lesen. die sollen dann selbst drauf kommen, dass es ihnen gut tun würde *lach*

und in einer idealen welt würden sie das buch dann wertschätzen lernen. erzwungene freiwilligkeit, hihi.



@doro: hm, das ist ja kurios. vielleicht sollte ich meine alten bücher auch mal in der bahn versilbern. wobei ich mich eigentlich fast nie von einem buch wieder trennen mag, wenn es erstmal hier steht.


liebe grüße!

ceebee hat gesagt…

Ooooohja, ich weiß genau, was du meinst. Bei mir ist es zwar nicht der BVG, sondern der RMV (also Frankfurt), aber ansonsten gibt es erstaunlich viele Parallelen. Jeden Morgen und Abend verschanze ich mich hinter der aktuellen Lektüre und überstehe so die Fahrt relativ unbeschadet. Und besonders dann, wenn ich lustigen Lesestoff mit in die Bahn nehme und dann schenkelklopfend und unvermittelt losgröle, haben mich schon häufiger Menschen neugierig gefragt, was ich denn da eigentlich lese. Das grenzt schon fast an virales Marketing. Ich habe mich übrigens auch schon mal gefragt, ob ich, um gewisse Handydauerquatscher zu überraschen, einfach mal laut vorlesen soll... bisher habe ich mich aber noch nicht getraut. Herzlichen Dank für den erfrischenden Beitrag.

lizzz hat gesagt…

Laut vorlesen! Ganz hervorragende Idee! Ich fände das ja super, wenn ein Mitfahrer aus seinem aktuellen Buch vorliest. Hat dann gleich so was von Event :)