Donnerstag, 20. Mai 2010

Tag 2: Welches Buch ich als Nächstes lesen will.



Letztens unterhielt ich mich mit einem Menschen darüber, dass man Kurzgeschichtenbände oft nur einigermaßen etablierten Autoren zugesteht. Mir fällt gerade kein zeitgenössischer Schrifsteller ein, der als Debüt eine Sammlung von Kurzgeschichten vorgelegt hat. Ich glaube, das liegt in erster Linie an den Verlagen: Kurzgeschichten verkaufen sich nämlich nicht so toll.

Warum dem so ist, darüber kann ich an dieser Stelle nur spekulieren. Ich schätze, die meisten Menschen bevorzugen einfach Romane – weil man sich in einen solchen tiefer fallen lassen, vermeintlich intensiver in die Handlung eindringen kann. Vielleicht auch das vage Gefühl, dass man von einem Roman "einfach mehr hat". Mehr Buch. Mehr Entspannung. Mehr Vergnügen. So in etwa stelle ich mir das vor.

David Foster Wallace ist (oder traurigerweise: war) bekanntermaßen auch ein Meister der kurzen Form. Ich vergötterte seinen Kreuzfahrt-Essay so sehr, dass ich mich zu einem Liebesbrief hinreißen ließ. Entsprechend hohe Erwartungen habe ich an Kleines Mädchen mit komischen Haaren.

Schalten Sie wieder ein, wenn es heißt: Noch mehr peinliche Liebessschwüre an Mr Wallace.


(Ihr merkt schon: ich versuche, mir selbst ein Schnippchen zu schlagen, indem ich unauffällig mehrere Aufgaben an einem Tag abkaspere. Betrachte man es als lachhaften Versuch, meine Abwesenheit in der nächsten Woche zu kaschieren.)

Tag 1: Das Buch, das ich zur Zeit lese.



Die Vermessung der Welt von Daniel Kehlmann.

Man darf mich meinetwegen oberflächlich nennen, aber Romane mit historischen Themen sind nicht gerade meine Tasse Tee. Auch nicht, wenn sie wie Die Vermessung der Welt globale Erfolg zu verzeichnen haben. Deshalb schlug ich das Werk in der Buchhandlung nur so nebenbei auf. Weil mir das Cover ausnahmsweise mal gefiel (gut gemacht, Rowohlt). Ja, Schande über mein Haupt. Von mir aus.

Ich las die erste Seite, Kehlmanns Schreibstil packte mich, ich kaufte das Ding. Gegenstand des Buches ist die fiktive Biografie des Mathematikers Carl Friedrich Gauß und des Naturforsches Alexander von Humboldt. Kehlmann verflicht die Lebensläufe der beiden Ausnahmewissenschaftler zu einer amüsanten, ironisch erzählten Mischung aus Fiktion und Fakt.

Besonders gut passt dazu, dass fast alle Dialoge in indirekter Rede gehalten sind. Das finde ich eine sehr elegante Lösung; sie unterstreicht formal die Distanz des Erzählers zu seinen Protagonisten.

Derzeit befinde ich mich im letzten Drittel des Buchs und muss gestehen: es gefällt mir richtig gut. Das Thema ist kurzweilig und amüsant verpackt, die Langeweile darf draußen bleiben, und ich denke darüber nach, mich von einem weiteren Vorurteil zu trennen.

31 Tage – 31 Bücher.

Kürzlich entdeckte ich bei my life in reverse ein Projekt, das ich extrem mitmachenswert finde.
Es heißt 31 Tage – 31 Bücher und passt hierher wie die Faust auf's Auge.

Ich muss Euch gleich gestehen: ich schaffe es keinesfalls, so viele Artikel in so wenigen Tagen zu posten, zumal ich eine stinkfaule Amöbe nächste Woche auf Reisen bin – aber ich mümmele mich halt nach und nach durch. Übermäßige Hektik zeichnete mich sowieso noch nie aus.

(Und ehrlich gesagt frage ich mich ja immer, wie die anderen Buchblogger es schaffen, trotz Job, Privatleben und Nahrungsaufnahme so oft zu posten. Schlafen die nie? Bewunderswert.)


Tag 1 – Das Buch, das du zurzeit liest
Tag 2 – Das Buch, das du als nächstes liest/lesen willst
Tag 3 – Dein Lieblingsbuch
Tag 4 – Dein Hassbuch
Tag 5 – Ein Buch, das du immer und immer wieder lesen könntest
Tag 6 – Ein Buch, das du nur einmal lesen kannst (egal, ob du es hasst oder nicht)
Tag 7 – Ein Buch, das dich an jemanden erinnert
Tag 8 – Ein Buch, das dich an einen Ort erinnert
Tag 9 – Das erste Buch, das du je gelesen hast
Tag 10 – Ein Buch von deinem Lieblingsautoren/deiner Lieblingsautorin
Tag 11 – Ein Buch, das du mal geliebt hast, aber jetzt hasst
Tag 12 – Ein Buch, das du von Freunden/Bekannten/… empfohlen bekommen hast
Tag 13 – Ein Buch, bei dem du nur lachen kannst
Tag 14 – Ein Buch aus deiner Kindheit
Tag 15 – Das 4. Buch in deinem Regal v.l.
Tag 16 – Das 9. Buch in deinem Regal v.r.
Tag 17 – Augen zu und irgendein Buch aus dem Regal nehmen
Tag 18 – Das Buch, mit dem schönsten Cover, das du besitzt
Tag 19 – Ein Buch, das du schon immer lesen wolltest
Tag 20 – Das beste Buch, das du während der Schulzeit als Lektüre gelesen hast
Tag 21 – Das blödeste Buch, das du während der Schulzeit als Lektüre gelesen hast
Tag 22 – Das Buch in deinem Regal, das die meisten Seiten hat
Tag 23 – Das Buch in deinem Regal, das die wenigsten Seiten hat
Tag 24 – Ein Buch, von dem niemand gedacht hätte, dass du es liest/gelesen hast
Tag 25 – Ein Buch, bei dem die Hauptperson dich ziemlich gut beschreibt
Tag 26 – Ein Buch, aus dem du deinen Kindern vorlesen würdest
Tag 27 – Ein Buch, dessen Hauptperson dein „Ideal“ ist
Tag 28 – Zum Glück wurde dieses Buch verfilmt!
Tag 29 – Warum zur Hölle wurde dieses Buch verfilmt?
Tag 30 – Das Buch, das du zurzeit liest
Tag 31 – Das Buch, das du als nächstes liest/lesen willst

Freitag, 7. Mai 2010

Das Buch-Camp.

Da behaupten die ganzen Intellektuellen ständig, es würde zu wenig gelesen, und alle Welt hätte deshalb lediglich noch einen Pipi-Kaka-Wortschatz –  und die Jugendlichen, ach!, diese Jugendlichen verwahrlosen sexuell und sprechen nur noch in SMS, verstehe die mal einer. So oder ähnlich wird in der Öffentlichkeit lamentiert.

Ich habe mir deshalb ein Konzept überlegt, dass ich gerne der Bundesregierung oder RTL II verkaufen würde, um damit Millionen zu scheffeln. Es ist nämlich so, dass ich in jahrelangen, repräsentativen Studien unter Einsatz meines eigenen Lebens herausgefunden habe, wie man Menschen zum Buch bekehrt. Gewaltfrei, versteht sich.

Der Ansatz funktioniert so. Man sucht sich eine Gruppe sexuell verwahrloster Jugendlicher, gerne aus prekären Verhältnissen. Und die müssen dann einen Monat lang werktags von 6-9 Uhr morgens in ausgewählten Linien der Berliner U-Bahn mitfahren. Freilich ohne Handy und immer einzeln. Es ist nämlich folgendermaßen – im morgendlichen Berufsverkehr einiger Bahnlinien sitzen die härtesten und aggressivsten Leser der Welt. Die infiltrieren mit der Zeit auch den beharrlichsten SMS-Schreiber. Denn diese Hardcore-Leser haben verstanden, dass ein Buch die EINZIGE dauerhaft funktionierende Waffe gegen die lebensfeindliche Umgebung der Berliner U-Bahn darstellt.

Ich erläutere: Der Mikrokosmos der BVG wird von Wahnsinn, Gestank und Lärm unterschiedlichster Quellen dominiert, dessen Zusammensetzung sich im schlimmsten Fall bei jedem Halt neu generiert. Zum Beispiel steigt am Kottbusser Tor der krätzige, inkontinente, lallende Junkie auf Horrortrip zu. Am Moritzplatz steigt er wieder aus, nicht ohne vorher saftig auf den Boden gerotzt zu haben. Abgelöst wird er vom schlechtesten Akkordeonspieler auf Gottes Erden, der den Fahrgästen zwecks Kollekte seinen speckigen Pappbecher ins Nasenloch rammt. Zwischendurch immer wieder die unvermeidlichen Obdachlosenzeitungsverkäufer, unterbrochen von Kreuzberger Schulklassen auf Exkursion. Das ein oder andere kreischende Alkoholikerpaar. Die ganze Szenerie liegt unter einem beharrlichen Filter von sanftem Dönernebel.

Und das alles VOR Ankunft am Arbeitsplatz. Fakt ist: wer bei Verstand bleiben will, muss zum Buch greifen. Der MP3-Player übertüncht womöglich den Lärm, aber nicht den Gestank und nicht den Anblick. Ein wirklich gutes Buch dagegen ist ein Bollwerk. Schlägt man den Buchdeckel auf, schlägt die Tür zur Außenwelt zu – die ganzen Penner und Irren müssen draußen bleiben. Dies ist, sofern man nicht Dalai Lama heißt, die einzige Möglichkeit, in den Öffentlichen sein seelisches Gleichgewicht zu bewahren.

Entsprechend grimmig klammert sich der Fahrgast an sein Buch. So konzentriert und stur habe ich selten Menschen lesen sehen. In der Berliner U-Bahn wird nicht selten so verzweifelt oder mit kalter Wut gelesen, als hinge das eigene Leben davon ab. Und das stimmt ja irgendwie auch.

Darauf basiert jedenfalls mein Boot-Buch-Camp für Pubertierende: Handy weg, Player weg, reinschubsen in die Bahn und Tür zu. Einzige Ausstattung ist ein Jutebeutel mit fünf ausgewählten Titeln drinne. Friss oder stirb ist das zugrundeliegende Prinzip. Das muss vier Wochen durchgezogen werden, damit das Anfixen auch klappt.

Da guckste, Reich-Ranicki.

btw: lol.

Donnerstag, 6. Mai 2010

Cock Girl.

Ob denn nun ein Comic, oder schöner gesagt, eine Graphic Novel, Literatur ist oder nicht, an dieser Frage entflammen immer wieder die allerschönsten, allerhitzigsten und allerüberflüssigsten Diskussionen. Überflüssig für mich persönlich, denn ich finde: das ist doch wohl vollkommen mumpe. Denn in den letzten Jahren bemächtigte sich meiner eine spirituelle und allumfassende Toleranz gegenüber den unterschiedlichen Daseinsformen einer Botschaft. Auch wenn sie optisch direkt von der Müllhalde zu kommen scheint.

Ich mag Trash. Weil dessen Interpretation dem Denker so unendlich viel Freiheit lässt. Ein Spielplatz für Theorien quasi. Und hiermit erkläre ich den heutigen Donnerstag zum offiziellen Axt-Tag-der-kuriosen-Postings.



Sicherlich keine Graphic Novel:  
Cock Girl.
{Klicken zur Vergrößerung.}


Bastelstunde, Teil whatever.




Hallo Lieblingspublikum. Der Leo hat mir einen Beitrag zu Michael Lentz' Roman Pazifik Exil geschickt, den ich Euch hiermit ohne weiteres Geschwätz weiterreiche. Lediglich den Klappentext würde ich zur Erläuterung noch voranstellen wollen:

"Viele Intellektuelle und Künstler flohen während der Herrschaft der Nationalsozialisten ins Exil an die amerikanische Pazifikküste. Michael Lentz findet mit den Mitteln der Erinnerung und der Fiktion diese Leben wieder, in denen jeder Blick an der Vergangenheit haftet, die Gegenwart des Exils aber im Gegenlicht der Verunsicherung steht: Heinrich Mann überquert die Pyrenäen; Brecht verabschiedet sich im Gedicht von einer verstorbenen Mitarbeiterin; Feuchtwanger streitet sich im Geiste mit Thomas Mann über Pelikane und entdeckt seltsame Zeichen in seiner Bibliothek; Thomas Mann wimmelt einen Reporter ab, der in sein Haus geschlichen war; Schönberg trauert einem verliehenen Sessel nach, den er längst zurückbekommen hat."


{Und los geht's mit dem Gastbeitrag.}

Einst wunderte es mich, wieso der Goethe 3 Einleitungen zu seinem Faust brauchte – lag wohl in seinem Bezug zu dieser Krümelkackerei von wegen gut & böse. Das Exildingens wär wohl demnach mein Pendant dazu, konkreter: dieses Buch mit den Palmen & der verlockenden Form des Wortes Pazifik Exil.

Und wärmstens ins Bilde gerückt:

"Minus dreiundreißig Grad. Rekordtief. Zahlreiche Tote bei Auffahrunfällen. Die Straße mit einer Abfahrtspiste verwechselt. Schnee schippen oder Tee drinken. Für beides keine Zeit. Also noch früher raus als gestern. Den Hals brechen. Der Schnee liegt mittlerweile so hoch, der hat sich jetzt so aufgetürmt, in eine Höhe begeben, der ist so hoch geweht worde, dahin folgt kein Fahrzeug mehr, kein Kettengerät. Hier herrscht Naturgewalt. Man möchte diesen Satz herausbrüllen. Den Berg hoch mit Sorgfalt und Geduld und hoch oben dann gegen die Natur anbrüllen: "Hier herrscht Naturgewalt". Das muss ganz vehement kommen, man darf sich da nichts schenken und der Natur schon gar nicht, das muss ganz raus aus der Lunge, die Lunge muss knarren, rausfliegen wollen, die Stimme versagt fast, es reißt die Stimmbänder weg, man ist sprachlos. Warum hast du den Mund offen, fragt man sich. Warum stehst du mit offenem Mund denn da, ohne ein Wort zu sagen, ein Sterbenswörtchen." (aus: Pazifik Exil, S. Fischer Verlag, FfM 2007)

Und des weitet der dann zu einem erst kapitelfüllenden, dann Jahre und Persönlickeiten umfassenden Rahmen, der wie eine Honigschleuder zuerst süssen, dickflüssigen, dann erstickend klebrigen, emotionsgeladenen Lesestoff extrahiert. Freaky, lyrisch, amüsant, belastend, authentisch, fragwürdig, lesenswert: passt alles, gleichzeitig.

Für alle, die der Politik schwachsinnig gegenüber eingestellt sind, weil, das ist sie nunmal in anbetracht der eigenen Abgründe. Und für die, die das dann auch mal aushalten, dieses mit sich selbst beschäftigt sein. Für alle Todesmutigen, die sich darauf einlassen und denen im letzten Fünftel die emotionalen Stimmbänder zu reißen drohen: Durchhalten! Alles andere zu diesem Monster gibts bei den langweiligen Buchkritiken wonanders im Internet.