Montag, 8. März 2010

Susanna Clarke: Jonathan Strange & Mr. Norell

 


 


Ey, ist hier noch einer?

Ich weiß, das darf man nicht erwarten, wenn man sich drei Wochen lang totstellt. Hmmm, ich könnte jetzt behaupten, ich hätte die Zeit damit verbracht, das heutige Buch zu lesen, aber das stimmt nicht. Und damit wären wir schon beim Thema: Das Ding hat über 1.000 Seiten.

Wenn ich jetzt sage: Jonathan Strange & Mr. Norell ist nichts für Feiglinge, dann liegt das allerdings weniger am Umfang des Romans, sondern an seiner überwältigenden Opulenz. Wahrlich, das Buch ist wirklich nichts für Feiglinge! Das fängt schon damit an, dass sich 1.021 Seiten als Hardcover irre schlecht transportieren lassen. Zwei Wochen lang lief ich mit einem zusätzlichen Jutebeutel herum, da dieses Brikett nicht in die Axt'sche Handtasche passte. Unhandlich. Schwer. Das Buch hat Selbstbewusstsein, das macht sich sperrig.

Und das nicht nur von außen, sondern auch von innen. Jonathan Strange & Mr. Norell spielt im England des 19. Jahrhunderts und ist auch sprachlich dort angesiedelt – sehr verspielt, sehr detailreich. Die Rahmenhandlung lässt sich folgendermaßen umreißen: Die englische Zauberei ist aus England so gut wie verschwunden. Zauberer begnügen sich mit dem theoretischen Studium des Vergangenen, und alle Magie scheint das Königreich verlassen zu haben, bis ein schräger älterer Herr aus Yorkshire vor einem fassungslosem Publikum beweist, dass die Zauberei noch immer lebt.

Der schräge ältere Herr heißt Mr. Norell und tritt alsbald eine steile Karriere als Englands einziger praktizierender Zauberer an, der sogar die Regierung in Kriegsangelegenheiten (Napoleon! Ha!)  magisch berät. Als ein zweiter Zauberer auf den Plan tritt, sieht Mr. Norell seine Alleinherrschaft gefährdet, weshalb er diesen jungen Jonathan Strange als Schüler unter seine Fittiche nimmt. Klassischer Fall von Kontrollwahn.

Strange jedoch ist eines ganz anderen Geistes Kind als sein trockener Lehrmeister, und seine Faszination vom größten Zauberer aller Zeiten, dem mysteriösen "Rabenkönig", dem verkniffenen Mr. Norell ein steter Dorn im Auge. Es kommt, wie es kommen muss – die beiden Zauberer entzweien sich und werden zu bitteren Kontrahenten.

Es ist wohl so, dass man dieses Buch liebt oder hasst. Dazwischen gibt es nicht viel. Jonathan Strange & Mr. Norell ist kein Burger, sondern ein 5-Gänge-Menü, und zwar ein französisches. Den tatsächlichen historischen Rahmen und die eigene Fiktion verknüpft Susanna Clarke so gekonnt und raffiniert, dass es eine helle Freude ist (inklusive einiger erhellender Einsichten über Napoleons Kriegstaktik und deren magische Vereitelung durch die beiden Zauberer). Zahlreiche Fußnoten garnieren die Story aufs Unterhaltsamste – diese Ergänzung findet man nur toll oder nur nervig. Ich find's toll, weil gewagt und gewonnen.

Vielleicht nur eine weitere Fußnote, aber ich finde sowas ja wichtig: Das Buch ist in zwei Ausführungen erhältlich, nämlich in schwarz und weiß, wobei das Hardcover so richtig was hermacht. Sehr schöne Gestaltung. Allerdings dürfte die broschierte Version leichter zu handhaben sein.

Ein wahllos herausgegriffener Satz lautet: "Sie trug ein Gewand in der Farbe von Stürmen, Schatten und Regen und ein Halsband aus gebrochenen Versprechen und Bedauern."

Wem das gefällt, der sollte dringend zugreifen.

Kommentare:

Nehalenia hat gesagt…

Ich bin noch hier ;)
Das klingt doch gut, wird auf meiner Leseliste vermerkt. Ich hab keine Angst vor dicken Büchern und Fantasy wurde in letzter Zeit leider sträflich vernachläßigt.

Anonym hat gesagt…

Hatte schon Angst dass du dich verabschiedet hast...
Also das hört sich doch mal Lesenswert an- ist schon bestellt!

Gruß
Panacea

Elfin hat gesagt…

Auch ich bin noch hier. Schöne Vorstellung des Buches. Hat mein Interesse geweckt.

Liebe Grüße,
Elfin

lizzz hat gesagt…

Ach toll, Ihr seid noch da!

Nehalenia, das war aber ein Wink mit einem ganz dicken Zaunpfahl, hm? Ich werd's mir zu Herzen nehmen :-)

Panacea und Elfin: Wenn Ihr das Buch lesen solltet, dann schreibt doch mal, wie es Euch gefallen hat.

doris hat gesagt…

Huhu, ich bin auch da! Ich habe mir vor einiger Zeit eine (engl.) Ausgabe dieses Buches bei Jokers bestellt (5 Euro! :-)). Es sind drei Paperbacks (dunkelrot, schwarz,weiß) in einem schwarzen Schuber. Sehr schön und portable - theoretisch, denn ich hab's noch nicht gelesen. Bin gespannt darauf und nehme mir nun echt vor, es im Frühling noch zu lesen.

Nehalenia hat gesagt…

So, ich habs mir jetzt in der Bücherei bestellt, in ner Woche gehts dann los :)

Kokoperli hat gesagt…

Hallo Lizz,
ich bin süchtig nach Ihren Leseempfehlungen !
Bewundernde Grüße aus der kühlen Beinahe-Mitte Deutschlands
Kokoperli ( Claudia )

lizzz hat gesagt…

Also wenn Ihr das jetzt alles lest, dann bin ich aber so richtig gespannt auf Eure Meinungen!

@ Claudia: vielen lieben Dank für das tolle Kompliment. Das geht mir natürlich runter wie Öl :-)

friistyle hat gesagt…

Hallo Lizzz,
ich lese deinen Blog schon länger und freue mich dass diesmal ein Buch dran war, das ich schon kenne! Ich habe auch die unhandliche Version und habs deshalb immer nur abends im Bett gelesen :-)
Also ich war auch begeistert davon, es ist zwar ein richtig dicker Wälzer, aber mir wurde es trotzdem nicht langweilig, und an vielen Stellen habe ich mich köstlich amüsiert. Kennst du auch die Kurzgeschichten von Susanna Clarke, "The Ladies of Grace Adieu"? Das ist auch nicht schlecht, da kommen viele Charaktere aus Jonathan Strange & Mr. Norrel nochmal vor...
Viele Grüße, Fri

lizzz hat gesagt…

Hi Fri,
ich habe gerade überlegt, ob ich mir die Kurzgeschichten kaufen soll. Ist der Stil ähnlich wie der des Romans?

Dr. Borstel hat gesagt…

Hey, bin auch noch da. "Jonathan Strange and Mr. Norell" ist ein wirklich großartiger Roman, für seinen Umfang unglaublich unterhaltsam: Eine fabelhaft humorige Mischung aus Fantasy und historischem Roman, den ich wirklich sehr genossen habe. "The Ladies of Grace Adieu" steht allerdings immer noch hier im Regal, sollte ich mir wohl endlich mal vornehmen.

friistyle hat gesagt…

Hey lizzz,
Die Kurzgeschichten "The Ladies of Grace Adieu" sind in einiger Hinsicht anders als "Jonathan Strange and Mr. Norell": Hier geht es um die in "Jonathan Strange and Mr. Norell" vernachlässigte, weibliche Seite der Magie. Die Geschichten handeln von weiblichen "Fairies" und sind kurz, witzig und originell, und man trifft einige altbekannte Gestalten. So tolle und lustige Fußnoten wie in "Jonathan Strange and Mr. Norell" gibts aber leider nicht :-)
Viele Grüße! Fri

lizzz hat gesagt…

Vielen Dank, Fri!

Klingt irgendwie sehr interessant so für zwischendurch. Werd ich wohl kaufen :)

(oder mir von Borstel schicken lassen, da er seines ja eh nicht liest, hihi)

Anonym hat gesagt…

So, jetzt ist es geschafft und das Buch gelesen. Hat mir sehr gut gefallen, ich liebe Fantasy und sie fard auch gern in dieser altmodischen Schreibart daher kommen. Danke Axt für diese Empfehlung!

Grüße
Panacea

Nehalenia hat gesagt…

Auch ich bin, vor zwei Wochen schon, mit dem Buch durchgewesen. Wirklich sehr schöne Fantasy, auch weiterverschenkenswert! Einzig dass fast nur Männer die Heldenrollen übernahmen stört mich etwas, ich hoffe, das ist in dem anderen Buch der Autorin anders. Das werde ich noch überprüfen...
Danke für den Tip.

lizzz hat gesagt…

Hey ihr zwei!

Cool, dass es Euch gefallen hat. Das mit den Heldenrollen ist in dem anderen Buch ein wenig anders gelagert. Ich denke mal, es ist eben der damaligen Zeit geschuldet.

Ich finde ja die Frauenfiguren Arabella und Lady Pole ohnehin viel stärker und klüger dargestellt als die Zauberer. So auf eine subtile, smarte Weise...

Danyeela hat gesagt…

Ja, das war ein fettes Lesevergnügen. Ging nicht wirklich schnell, aber so hatte ich mehr davon. Mir hat diese Ernsthaftigkeit gefallen, mit der sie die abstrusen Geschehnisse schildert. Die Geschichte driftet nicht ins Alberne ab, das mag ich sehr. Den Kurzgeschichtenband von ihr kenne ich noch nicht, den besorg ich mir.