Freitag, 12. März 2010

Manchmal möchte die Axt eine solche in der Handtasche haben.



Die Axt ist, das müsst Ihr jetzt einfach glauben, eine Nette. Sie ist lieb zu Tieren, leiht Freunden Geld und sorgt sich um die Befindlichkeiten wildfremder Menschen. Aber irgendwo ist halt Schluss. Wer glaubt, mir schon vor der Arbeit auf die Füße treten zu müssen, wird subito auf die schwarze Liste verschoben.

Dabei wollte ich mir doch lediglich den Tag mit einem Buchkauf verschönern, aber nein, selbst solche simplen Vergnügungen bleiben einem verwehrt. Ich schweife ab. Tatort: eine kleine feine Buchhandlung, die mir durch ihr ordentlich ausgewähltes Sortiment aufgefallen war. Ich also rein, Buch ausgesucht und zur Kasse gebracht. Weil ich höflich bin, grüßte ich beim Betreten des Ladens. Was von der erschreckend verkniffenen Buchhändlerin mit einem abschätzigen Blick erwidert wurde – so’n richtiges Mustern von unten nach oben. Anmerkung: ich trug nicht etwa einen neongrünen Müllbeutel mit eingewebten Straußenfedern oder einen spektakulären Kaftan aus Schweinedarm, sondern Jeans, Stiefel, Lederjacke und roten Lippenstift. Außerdem bin ich nicht hager, das suggeriert Genuss. Dies fand die Buchhändlerin aber offenbar unverschämt von mir. Zu wenig intellektuell vielleicht. Zu prollig für die heiligen Hallen.

Aufwallendes Missfallen meinerseits. Aber gut, man ist ja kein Unmensch, und jeder darf mal einen schlechten Tag haben, also legte ich mein Buch auf die Theke, schenkte der eisernen Jungfrau ein Lächeln und erkundigte mich nebenbei, ob denn schon ein Erscheinungstermin für das neue Buch von Charlaine Harris feststünde. Sie zog eine naturbelassene Augenbraue hoch und wechselte einen viel sagenden Blick mit dem blutleeren Kollegen in Breitcordhose.

– Wen meinen Sie?
– Charlaine Harris. Ich möchte gerne wissen, wann der nächste Band der Sookie Stackhouse Reihe erscheint. Das ist diese Vampirgeschichte, wissen Sie.
– Fantasy führen wir nicht. (dies mit größtmöglicher Verachtung)
– Das sehe ich, aber vielleicht würden Sie für mich in Ihrem System nachgucken. Ich könnte das Buch ja dann vorbestellen, nicht? (noch freundlich)
– Das könnten Sie wohl. (Regungslos)
– Verstehe. Hier gibt es nur richtige Literatur? (sarkastisch)
– Wenn Sie das so sehen wollen, ja. (genüsslich)
– Dann geh ich jetzt mal lieber. (verächtlich)

Ich ließ das Buch auf der Theke liegen und verließ den Laden mit Wut im Bauch: ich war an einen Büchersnob geraten. Büchersnobs sind Menschen, die glauben, sie seien Teil der intellektuellen Oberschicht und das Lesen eine so hehre Aufgabe, dass es lediglich einer selbst definierten Elite gestattet sein dürfte.

Und das ist der Grund, wieso es die Axt gibt: weil ich der unerschütterlichen Überzeugung bin, dass Lesen ein Grundrecht ist, und es darüber hinaus keine Rolle spielt, was einer liest, sondern dass er überhaupt liest. Welche Bücher einer liebt oder hasst, ist unerheblich; nur phantasielose Menschen ohne einen Funken Toleranz im Leib haben literarische Hierarchien nötig. Die einen bevorzugen eben schwere Gedanken, die anderen leichte, und die meisten setzen auf eine solide Mischung.

Es ist scheißegal, was Du liest – Hauptsache, Du hast Spaß dabei.

Kommentare:

leniinel hat gesagt…

das ist echt eine krasse Geschichte... unmöglich! Und ich dachte, Buchhändler dürfen sich solche Überheblichkeit in Zeiten von Amazon und Co. garnicht erlauben, es gehen täglich Buchhandlungen Pleite. Hochmut kommt vor dem Fall :-/

b is for beauty hat gesagt…

Unglaublich! Bei so einer Dreistigkeit weiß man echt nicht was man noch sagen soll. Da wünsche ich mir immer ein Time-Out um ganz kreativ zu konntern. Beider klappt abher nie.

Bina hat gesagt…

Ohne die "Kollegin" (falls es überhaupt eine war, was nicht heißen soll, dass es nicht auch unter Buchhändlern schwarze Schafe gibt) in Schutz nehmen zu wollen - vielleicht war sie auch einfach nur so geschockt, dass ein Kunde beim Betreten des Ladens tatsächlich grüßt, dass ihr deshalb die Gesichtszüge entglitten sind. ;-)

lizzz hat gesagt…

Ich hatte das Gefühl, das ist einfach eine Frau, die ihr Selbstbild dadurch erhöht, dass sie sich über vermeintlich weniger gebildete Leute stellt.

Es gibt einfach Menschen, die brauchen das, um sich gut zu fühlen, die haben sonst Komplexe.

Aber sowas ist mir in einer Buchhandlung auch noch nie passiert, ich habe Buchhändler sonst meist als besonders liebenswerte und hilfsbereite Spezies kennen gelernt ;)

In dieser Buchhandlung war ich schon einige Male drin, aber nur zum gucken, und da ist mir auch schon diese Blasiertheit der Beiden aufgefallen, hab mir nicht viel dabei gedacht.

lizzz hat gesagt…

Ach ja, Nachtrag: habe das Gefühl, diesen Mechanismus vorwiegend an Frauen festzustellen. Die hier hat mich einfach auf den ersten Blick gehasst. Keine Ahnung warum.

Vielleicht ist sie dafür ja besonders nett zu vertrockneten alten Schachteln, die laufen außer Konkurrenz *Augen roll*

irina hat gesagt…

Nicht zu fassen, dass sich heutzutage noch irgendein Einzelhändler solchen Hochmut leisten kann! Find ich gut, dass du ohne das Buch gegangen bist.

Was Sookie angeht (auch wenn du vielleicht inzwischen schon nachgeschaut hast): Band 9, Dead and Gone, erscheint im April auf Englisch; für die deutsche Ausgabe gibts noch keinen Termin.

Dr. Borstel hat gesagt…

Wow, so was habe ich echt noch nie erlebt. Dass es sich Buchhändler heute überhaupt noch erlauben können, Kunden zu vergraulen ... Ich meine, ich kenne mich da ein wenig aus und weiß ganz gut, wie sehr vor allem kleinere Buchhandlungen (ich meine jetzt nicht diese aufgeblasenen Thalia-Monstren) auf jeden einzelnen Kunden angewiesen sind und sich deshalb auch nicht mehr leisten können, denen irgendeinen Service zu verweigern. Der Buchhändler meines Vertrauens z.B. macht sich seit Längerem einen ungeheuren Aufwand mit Online-Bestellungen, Antiquariat usw., nur um mit seinem Kundenstamm halbwegs über die Runden zu kommen und von Amazon und co. nicht vollends ausgebootet zu werden. Solche Arroganz an den Tag zu legen würde ich mir als Buchhändler deshalb zweimal überlegen ...

lizzz hat gesagt…

Ja, das stimmt: allein schon der ökonomische Aspekt würde es verbieten, sich dermaßen unprofessionell aufzuführen. Ich weiß ja auch nicht.

Wie gesagt, ich war schon einige Male in dieser Buchhandlung, und mir fiel zwar auf, dass man dort seine Herzlichkeit sehr selektiv an die Kunden verteilt – aber der Laden scheint trotzdem zu laufen.

Vielleicht liegt's auch an Berlin. Hab mich hier schon öfter gewundert, dass zum Beispiel Cafes oder Restaurant mit grauenhaftem Service trotzdem proppenvoll sind, insofern sie grad gehypt werden. Hm.

Dr. Borstel hat gesagt…

Naja, Berlin, komisches Trend-Kaff halt. ;-)

inFemme hat gesagt…

diese spezies von vertrockneten verkäuferinnen, die meinen, sich über andere stellen zu können, weil ihre produkte entweder sehr teuer oder geistig anspruchsvoll sind, werde ich auch nie verstehen.
danke für den tollen text, für das weggehen ohne buch und für die axt!!

lizzz hat gesagt…

Danke, allerliebste inFemme.

Normalerweise bin ich ja glatt jemand, der dann ein bösartiges Krawallgespräch anfängt, aber ich hatte da echt keinen Nerv.

Ich hatte auch keine Lust, Ihr auf die Nase zu binden, dass ich selbst einen Magister in Neuerer Deutscher Literatur habe, irgendwie wäre das genau das gleiche Niveau gewesen.

Jenny hat gesagt…

Aus dem Grund lasse ich mir häufiger Bücher als Geschenk verpacken, die ich selber lesen will...

friistyle hat gesagt…

Boah, dein Artikel hat mich echt geärgert, weil ich auch schon einmal so behandelt worden bin in einem Buchladen. Einfach schrecklich, so ein Verhalten. Solche Leute fühlen sich dann wirklich besser, wenn sie andere niedergemacht haben! Und das schlimmste ist, dass man sich über so eine Behandlung immer so ärgern muss. Also ich jedenfalls finde es total schwer, Arroganz bzw Intoleranz zu ignorieren... Zu gehen und das Buch woanders zu kaufen war jedenfalls ne gute Entscheidung :-)
Viele Grüße!

lizzz hat gesagt…

@ Jenny: siehste, genau das darf nicht passieren! Keiner soll sich bitte seiner Lektüre genieren! Nicht mal, wenn man unbedingt Hera Lind nach Hause tragen will. Oh, diese intellektuellen Sauertöpfe, wie ich die doch verachte.

@ fri: Ich ärgere mich auch immer über solche Zwischenfälle. Obwohl ich weiß, dass es den Ärger nicht wert ist. Andererseits treibt mich dieser spezielle Ärger hier auch an, diese Seite am Laufen zu halten. Zumindest ein positiver Aspekt.

rebhuhn hat gesagt…

@lizzz
ich hatte den kommentar von Jenny eher so verstanden, als daß sie den verkäuferinnen extra arbeit macht... das wäre jedenfalls auch mein stil ;). echt schöner blog, ich fräse mich so langsam durch die letzten artikel :).

lizzz hat gesagt…

Danke, Rebhuhn!

Wenn sie denen extra Arbeit macht, ist das natürlich lobenswert!

Anonym hat gesagt…

http://www.otherland-berlin.de/contenido/cms/front_content.php?idart=8

...vielleicht ist der laden was für Dich :-)

lizzz hat gesagt…

Das ist mein Lieblingsbuchladen aller Zeiten!

Der ist fast schon einen eigenen Artikel wert. Ich glaub, das mach ich.

Anonym hat gesagt…

Wir haben ein bisschen Schwierigkeiten den RSS abonnieren, jedenfalls habe ich Buch markiert diese tolle Seite, ist sehr nützlich plus gefüllt mit Informationen.

lizzz hat gesagt…

das ist sehr lieb, danke!

Anonym hat gesagt…

Vielen Dank für den guten Sachen.