Dienstag, 9. März 2010

Eva Menasse: Lässliche Todsünden.



Hmmmm. Tja. Schwieriger Fall, das.

Lässliche Todsünden von Eva Menasse ist eine Kurzgeschichtensammlung, deren Einzelteile nach den biblischen Todsünden Trägheit, Gefräßigkeit, Wollust, Zorn, Hochmut, Neid und Habgier benannt sind. Eine Idee, die mir grundsätzlich gefällt, die mich jedoch sofort an David Finchers Film "Sieben" erinnert  und damit eine gewisse Erwartungshaltung erzeugt hat. Entsprechend gespannt war ich auf die Lektüre.

Wie soll ich sagen: etwa in der Mitte der zweiten Geschichte fühlte ich mich deutlich abgekühlt, um nicht zu sagen, gelangweilt. Zu öde fand ich Handlung und Figuren, zu blass, zu wenig prägnant. Weitergelesen habe ich trotzdem, aber das ist halt mein Job hier.

Denis Scheck vom ARD-Magazin "Druckfrisch" (Video hier), dessen Empfehlungen ich normalerweise mit Interesse verfolge, vertritt hingegen eine ganz andere Meinung, nämlich diese: "Der Schauplatz ihrer sechs großartigen und gleichermaßen erbarmungslosen Kurzgeschichten ist Wien. Die Protagonisten, deren gebrochene Biographien im Mittelpunkt der Erzählungen stehen, stammen allesamt aus dem Kulturbetrieb. Sinnlose Affären und ungewollt gezeugte Kinder, gescheiterte Ehen, absurde standesgemäße Verbindungen und pseudo-niveauvolle Existenzen – ironisch seziert Menasse verfehlte Lebensläufe und liefert ein entlarvendes Porträt ihrer eigenen Generation."

Das heißt wohl, dass ich Lässliche Todsünden in seiner Intention nicht verstanden habe. Weder habe ich seine Herangehensweise noch seine Protagonisten verstanden. Wenn ich mich hinsetze und über das Buch nachdenke, dann verstehe ich aber, was Scheck meint – eine gewisse elegante Subtilität baut Eva Menasse hier auf. Todsünden: diesen Begriff setzen wir mit Apokalypse, mit Drama, mit Donnerschlägen gleich, und kaum mit nicht gelebtem Leben bürgerlicher Kulturveteranen. Von Geschichten über Todsünden erwarten wir ordentlich Rumms und atemlose Unterhaltung. Da ist es quasi ein Stilmittel an sich, wenn diese Erwartungshaltung mit einer nüchternen Gesellschaftsanalyse brüskiert wird.

Wahrscheinlich ist dies der Coup der Eva Menasse; ihre Figuren ohne jede Aussicht auf Erlösung strampeln zu lassen, ohne jede Aussicht auf wahre Selbsterkenntnis. Das ist nämlich, vielleicht will uns das die Autorin fühlen lassen, die eine echte Todsünde: das eigene Leben als gigantischer Selbstbetrug. Überflüssig zu erwähnen, dass der Leser mit keiner einzigen Figur zu sympathisieren vermag. Das empfinde ich in meiner grenzenlosen leserischen Naivität normalerweise als verstörend, aber hier muss es sein, das verstehe ich, denn hier findet eine Autopsie statt.

Es bleibt mir am Ende nichts zu sagen als dies: Auf intellektueller Ebene ist Lässliche Todsünden ein großer Wurf, das ist keine Frage. Das Buch beschäftigt nachhaltig, sofern man sich darauf einlassen mag, denn es fordert auch zum in Frage stellen des eigenen Werte- und Beurteilungssystems auf. Das Nachdenken, das nach der letzten Seite eingesetzt hat, ist für mich der eigentliche Wert des Werkes.

Unterhalten hat es mich nicht.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

"es fordert auch zum in Frage stellen des eigenen Werte- und Beurteilungssystems auf"
in wie weit?
Der Scheck gäbe dazu zwar Auskunft ("Biographien", "Kulturbetrieb" etc.), da du ja aber seine Ansichten nicht so ganz zu teilen scheinst... ???

lizzz hat gesagt…

Hallo Anonym.

Des Scheckens Meinung habe ich ja oben zitiert, und ich teile oder teilte sie gar nicht, denn mich hat das Buch so angeödet. Ich musste ziemlich lange drüber nachdenken, um nachfühlen zu können, was er meint.

Das meine ich auch mit dem "in Frage stellen" – ich war gelangweilt, dann fand ich die Kritik vom Scheck, und da ich den immer klug finde, habe ich meine Langeweile in Frage gestellt und überlegt, was mir das Buch wohl sagen möchte.

Dieser Denkprozess macht für mich den eigentlichen Gewinn aus. Aber das ist natürlich sehr, sehr subjektiv.

Anonym hat gesagt…

Wie geil ist dass denn:
"Auf intellektueller Ebene ist Lässliche Todsünden ein großer Wurf, das ist keine Frage."
=
Es langweilt dermaßen, es ist kaum zu glauben, es "fordert" förmilch dazu auf die eigene Weltanschauung zu hinterfragen, ("das ist keine Frage.")

PS: Aber danke für die Antwort:)
Bin jetzt zwar etwas irritiert, ob mich sowas beunruhigen darf oder nicht... & doch irgendwie (schwer) beeindruckt.

lizzz hat gesagt…

Ja mei, ich weiß grad nicht so richtig, was Du von mir willst.

Ich bin sehr überzeugt davon, dass ein Werk (Buch, Film, whatever) gleichzeitig intellektuell anspruchsvoll und todlangweilig sein kann.

Ich versuch es nochmal: Ich las das Buch, es hat mich gräßlich gelangweilt. Habe dann ein bißchen recherchiert und mir dem Scheck seine Meinung zu Gemüte geführt. Der sieht das anders, das mit der Langeweile. Habe daraufhin drüber nachgedacht, ob ich mich durch das Unspektakuläre habe abschrecken lassen und ob da nicht eine tiefere Ebene drinsteckt, die mir aus diversen Gründen verborgen blieb. Bin zu dem Schluss gekommen, dass es wohl so ist.

Fazit: Zwiespältigkeit. Anerkennung der scharfsinnigen Leistung der Autorin einerseits, subjektiv gefühlte Langweile andererseits. Bin nicht in der Lage, mir eine eindeutige Meinung zu bilden und gebe das gerne zu.

Besser?

Anonym hat gesagt…

Ein ja oder nein, wenn überhaupt, hätte völlig gereicht. Im schlimmsten Falle gäbs ne Rückfrage.

Herzlos ist zwar schlimmer als kopflos, aber kein Grund sie Fassung zu verlieren.
(Hier werden ja keine Mrd. für Schuhe vernichtet.)

Also bitte tief durchatmen & sich nicht so schnell aus der Reserve locken lassen, danke.

lizzz hat gesagt…

Wenn Schuhe vernichtet würden, wäre das allerdings sehr schlimm. Zum Glück macht das hier ja keiner.

Anonym hat gesagt…

Schön fand ich auch mal:
"Lieber würd ich erfrieren, als ein Buch zu verbrennen(respektive vernichten)"...
hmmm ein Sommerregen wär jetzt schön

lizzz hat gesagt…

Fandest Du mal? Findest Du nicht mehr?

Ich hätte hier Herbstregen anzubieten. Schön schiefergrau, inklusive böigem Wind. Besitzt die einzigartige Fähigkeit, Stimmungen zu verdunkeln. Umtausch ausgeschlossen.

Anonym hat gesagt…

Bevor hier n doofer sich als anonym ausgibt:
ja doch, s gibt find ich auch reichlich schundwerke, auf die ich ablehnend verzichten kann.
ich merk das so in meinem studium. da wusste mal wer was, dann war das doof -versuche die thematik zu vereinfachen scheiterten- & jahre später, quasi jetzt, heißt es: nö, war gar ni mal so doof!
(es handelt sich um strömungseigenschaften in nachklärbecken)

...da wurden quasi bände an fachliteratur für den scheiterhaufen geschrieben, en masse.

guddi, ich dreh den rücken in den wind, seh meine schritte sich rekonstruieren & versuch nicht zu vergessen, wo ich war

lizzz hat gesagt…

Überhaupt passiert es anscheinend regelmäßig, dass Sachen, die zuerst doof gefunden werden, gar nicht mal so doof sind, und Sachen, die zuerst alle geil finden, dann am Ende doch doof sind.

Und man selbst fällt auch drauf rein. Beispiel: geringelte Shirts. Sind in phänomenaler Geschwindigkeit von "heißer Scheiss" zu "ich kanns nicht mehr ertragen" mutiert. Tja.