Dienstag, 23. März 2010

David Foster Wallace: A supposedly fun thing I'll never do again.




Lieber David Foster Wallace,
bitte verzeihen Sie, dass ich mich brieflich an Sie wende. Ich nehme an, Sie haben auch jetzt noch Besseres zu tun, als Fanpost zu lesen. Nach ausführlicher Diskussion mit mir selbst habe ich beschlossen, Sie zu siezen, auch wenn Ihnen als Amerikaner dies ohnehin mumpe sein dürfte. Das Du scheint mir, auch wenn Sie sich so rücksichtslos wie ungefragt in meinem Kopf und meinem Herzen einquartiert haben und ich außerdem zu flapsigen Formulierungen neige, eine Schippe zu distanzlos.

Ich schreibe Ihnen überhaupt nur, lieber David Foster Wallace, weil ich nach der Lektüre Ihres Essays A supposedly fun thing I’ll never do again* überzeugt davon bin, niemals auch nur einen einzigen geraden Satz aufschreiben zu können. Dass ich nicht als Romancier geboren wurde, war mir soweit klar und beschert mir weder Minderwertigkeitskomplexe noch Alpträume. Aber das Beobachten und Kommentieren kann ja wohl so schwer nicht sein? Anscheinend doch. Im Vergleich zu Ihnen, nehmen Sie das ruhig für bare Münze, bin ich blind, taub und grenzdebil. Ich möchte auf der Stelle alles, was ich je geschrieben habe, zerreißen und mich in Grund und Boden dafür schämen. Halten Sie mich ruhig für theatralisch.

Eines weiß ich sicher: auf ein Kreuzfahrtschiff voller Amerikaner kriegt mich nicht einmal der Teufel persönlich, und für diese Erkenntnis bin ich Ihnen zu tiefem Dank verpflichtet. Sie sind schon ein Phänomen, mein Lieber (jetzt sind wir schon bei „mein“ und „Lieber“), weil Sie es nämlich auf irgendeine geheimnisvolle Art schaffen, Ihre Beobachtungen, die selbstverständlich genau auf die Zwölf sind, ebenso traurig wie extrem witzig zu formulieren.

Das Thema Tragik in der Komik und vice versa usw. ist ja ein alter Hut, aber ich kenne sonst niemanden, der diese beiden Pole so weit voneinander entfernt und trotzdem zusammen in einen Satz packt. Sie verleihen selbst der Beschreibung einer Unterdrucktoilette eine Metaebene – das ist geradezu unverschämt von Ihnen, denn wenn ich über ein Klo schreibe, klingt es lediglich vulgär oder gestelzt (Sehen Sie? Das Wort „Klo“ war schon der erste Fehler!). Ich muss Ihnen ja wohl kaum sagen, dass Sie ein Genie sind, denn das sagen alle anderen ja ständig, und Sie mögen das bestimmt überhaupt nicht.

Lieber David Foster Wallace, es ist schrecklich schade um Sie. Ich wünschte, wir hätten uns früher kennen gelernt. Dann würde ich dies hier in schlechtem Englisch und per Hand schreiben, es in den nächsten Briefkasten werfen und wochenlang auf Antwort warten wie damals, als ich mit 12 einen Liebesbrief an Joey von den New Kids On The Block verfasst habe oder wie damals, als ich mit 13 die vermeintliche Telefonnummer von Michael J. Fox ausfindig machte und ihm Liebesschwüre auf den Anrufbeantworter stotterte.

Ich hoffe, es geht Ihnen gut.

Sincerely yours,
the axe



* Die Übersetzung ist wirklich sehr brauchbar, auch wenn der grauenhafte Titel Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich anderes vermuten lässt.

Kommentare:

Ralf Wasselowski hat gesagt…

Schön geschrieben!

Es ist überall zu lesen, dass Doc Wallace' Wahrnehmung unglaublich geschärft war und dass das raus mußte in seine Geschichten und Bücher. Sein Ende ist wohl auch darauf zurückzuführen - die Schattenseite des Genieantentum...

donpozuelo hat gesagt…

Jetzt hast du mich ja echt neugierig gemacht. Wer so viel Lob von dir bekommt, muss ja wirklich großartig sein. Da werde ich morgen wohl gleich mal in den Buchladen meines Vertrauens laufen müssen, um das zu verifizieren. :)

Anonym hat gesagt…

DU bist wunderbar! Was für ein toller Brief an einen großartigen Autor.
Danke an dich für den guten Start in den Tag.
Und: bitte weiter machen!

lizzz hat gesagt…

Oh, wenn ich so tollen Zuspruch bekomme, dann kann ich ja gar nicht anders, als weiter zu machen.


@ don: von mir bekommen immer diejenigen so großes Lob, die diese extreme Präzision im Schreibstil haben. Gaiman, Murakami und Wallace zum Beispiel. Da steh ich voll drauf – dieses spröde und unfassbar genaue Beobachten, hinter dem ein tiefer Schmerz sitzt...

@ Ralf: Ich muss es mal recherchieren, aber kann es sein, dass Wallace abgesehen von seinen Depressionen ohnehin zu den Hochsensiblen gehörte? Ist ja so selten gar nicht und kommt mir bei ihm recht wahrscheinlich vor.

Ralf hat gesagt…

Ja, Wallace gehörte zu den Leuten, die Schwierigkeiten hatten, Informationen zu filtern. Man konnte über ihn lesen, dass alles, was er mitbekam, auf ihn einprasselte und dass ihm das Schmerzen bereitet hat. Nur so sind Umfang und Detailfülle seines letzten Buches überhaupt erklärbar.

Katharina hat gesagt…

Hab mir das Buch gerade bestellt. Schon bei "Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt" konnte ich mich auf dich verlassen.

Bin so sehr gespannt, das erste Mal etwas von ihm zu lesen, nachdem ich in letzter Zeit so viel über ihn gelesen habe.

lizzz hat gesagt…

Dann hoffe ich, dass ich Dich auch diesmal nicht enttäusche :)

Schöne Website hast Du übrigens!


@ Ralf: irgendwie kann ich das sehr gut nachvollziehen, das mit den ungefilterten Informationen, die Schmerzen bereiten. Vielleicht hat mich deshalb sein Stil so berührt.

donpozuelo hat gesagt…

ich sehe, wir haben einen sehr ähnlichen autoren-geschmack, wenn du auch noch gaiman und murakami hinzufügst ... die sind wirklich klasse

lizzz hat gesagt…

In Neil Gaiman bin ich ja schon seit einer Ewigkeit unsterblich verliebt.

Und Murakami, ja, der ist ne Klasse für sich. Auch wenn ich von dem nicht alles mag – dafür gehören Hard Boiled Woderland, Mister Aufziehvogel und Wilde Schafsjagd zu meinen persönlichen Sternstunden.

donpozuelo hat gesagt…

So, das Buch liegt jetzt bei mir auf dem Schreibtisch :)

Allerdings war ich doch sehr bestürzt, als die nette Dame bei Dussmann zu mir meinte, dass Wallace sich wegen Depressionen relativ früh das Leben selbst genommen hat.

lizzz hat gesagt…

Eben deshalb ja mein Nachruf sozusagen. Ich hab ihn erst für mich entdeckt, als er schon tot war.