Donnerstag, 25. März 2010

Lyrik zum Anfassen, Teil 10.



Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber dieses Gedicht macht mich so unsagbar traurig, dass ich es nur selten lesen kann, obwohl ich es sehr mag. Komisch, damals in der Schule hat es mich kaum berührt.



Der Panther

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille -
und hört im Herzen auf zu sein.



Rainer Maria Rilke, 6.11.1902, Paris

Dienstag, 23. März 2010

David Foster Wallace: A supposedly fun thing I'll never do again.




Lieber David Foster Wallace,
bitte verzeihen Sie, dass ich mich brieflich an Sie wende. Ich nehme an, Sie haben auch jetzt noch Besseres zu tun, als Fanpost zu lesen. Nach ausführlicher Diskussion mit mir selbst habe ich beschlossen, Sie zu siezen, auch wenn Ihnen als Amerikaner dies ohnehin mumpe sein dürfte. Das Du scheint mir, auch wenn Sie sich so rücksichtslos wie ungefragt in meinem Kopf und meinem Herzen einquartiert haben und ich außerdem zu flapsigen Formulierungen neige, eine Schippe zu distanzlos.

Ich schreibe Ihnen überhaupt nur, lieber David Foster Wallace, weil ich nach der Lektüre Ihres Essays A supposedly fun thing I’ll never do again* überzeugt davon bin, niemals auch nur einen einzigen geraden Satz aufschreiben zu können. Dass ich nicht als Romancier geboren wurde, war mir soweit klar und beschert mir weder Minderwertigkeitskomplexe noch Alpträume. Aber das Beobachten und Kommentieren kann ja wohl so schwer nicht sein? Anscheinend doch. Im Vergleich zu Ihnen, nehmen Sie das ruhig für bare Münze, bin ich blind, taub und grenzdebil. Ich möchte auf der Stelle alles, was ich je geschrieben habe, zerreißen und mich in Grund und Boden dafür schämen. Halten Sie mich ruhig für theatralisch.

Eines weiß ich sicher: auf ein Kreuzfahrtschiff voller Amerikaner kriegt mich nicht einmal der Teufel persönlich, und für diese Erkenntnis bin ich Ihnen zu tiefem Dank verpflichtet. Sie sind schon ein Phänomen, mein Lieber (jetzt sind wir schon bei „mein“ und „Lieber“), weil Sie es nämlich auf irgendeine geheimnisvolle Art schaffen, Ihre Beobachtungen, die selbstverständlich genau auf die Zwölf sind, ebenso traurig wie extrem witzig zu formulieren.

Das Thema Tragik in der Komik und vice versa usw. ist ja ein alter Hut, aber ich kenne sonst niemanden, der diese beiden Pole so weit voneinander entfernt und trotzdem zusammen in einen Satz packt. Sie verleihen selbst der Beschreibung einer Unterdrucktoilette eine Metaebene – das ist geradezu unverschämt von Ihnen, denn wenn ich über ein Klo schreibe, klingt es lediglich vulgär oder gestelzt (Sehen Sie? Das Wort „Klo“ war schon der erste Fehler!). Ich muss Ihnen ja wohl kaum sagen, dass Sie ein Genie sind, denn das sagen alle anderen ja ständig, und Sie mögen das bestimmt überhaupt nicht.

Lieber David Foster Wallace, es ist schrecklich schade um Sie. Ich wünschte, wir hätten uns früher kennen gelernt. Dann würde ich dies hier in schlechtem Englisch und per Hand schreiben, es in den nächsten Briefkasten werfen und wochenlang auf Antwort warten wie damals, als ich mit 12 einen Liebesbrief an Joey von den New Kids On The Block verfasst habe oder wie damals, als ich mit 13 die vermeintliche Telefonnummer von Michael J. Fox ausfindig machte und ihm Liebesschwüre auf den Anrufbeantworter stotterte.

Ich hoffe, es geht Ihnen gut.

Sincerely yours,
the axe



* Die Übersetzung ist wirklich sehr brauchbar, auch wenn der grauenhafte Titel Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich anderes vermuten lässt.

Freitag, 19. März 2010

Grimme Online Award: Versteckte Kamera?



Die Axt hat mindestens einen Fan alter Schule! Das kann ich sogar beweisen, denn dieser Fan hat die Axt für die Nominierung zum Grimme Online Award vorgeschlagen. Gut, mit einem Vorschlag zur Nominierung ist man noch lange nicht nominiert und hat noch lange keinen Blumentopf gewonnen.

Aber es ist eine fabelhafte, ermutigende Geste und freut mich über die Maßen.

Danke, lieber unbekannter Fan, Du hast meinen Freitag perfektioniert. Wenn Du Dich glaubhaft zu erkennen gibst, schick ich Dir ein schönes Buch.

(Oder vielleicht ist dies eine von langer Hand geplante Aktion von Paola und Kurt-Felix, und sobald ich mich auf meinem Schreibtischstuhl umdrehe, springt ein Kameramann aus dem Aktenregal.)


Freitag, 12. März 2010

Manchmal möchte die Axt eine solche in der Handtasche haben.



Die Axt ist, das müsst Ihr jetzt einfach glauben, eine Nette. Sie ist lieb zu Tieren, leiht Freunden Geld und sorgt sich um die Befindlichkeiten wildfremder Menschen. Aber irgendwo ist halt Schluss. Wer glaubt, mir schon vor der Arbeit auf die Füße treten zu müssen, wird subito auf die schwarze Liste verschoben.

Dabei wollte ich mir doch lediglich den Tag mit einem Buchkauf verschönern, aber nein, selbst solche simplen Vergnügungen bleiben einem verwehrt. Ich schweife ab. Tatort: eine kleine feine Buchhandlung, die mir durch ihr ordentlich ausgewähltes Sortiment aufgefallen war. Ich also rein, Buch ausgesucht und zur Kasse gebracht. Weil ich höflich bin, grüßte ich beim Betreten des Ladens. Was von der erschreckend verkniffenen Buchhändlerin mit einem abschätzigen Blick erwidert wurde – so’n richtiges Mustern von unten nach oben. Anmerkung: ich trug nicht etwa einen neongrünen Müllbeutel mit eingewebten Straußenfedern oder einen spektakulären Kaftan aus Schweinedarm, sondern Jeans, Stiefel, Lederjacke und roten Lippenstift. Außerdem bin ich nicht hager, das suggeriert Genuss. Dies fand die Buchhändlerin aber offenbar unverschämt von mir. Zu wenig intellektuell vielleicht. Zu prollig für die heiligen Hallen.

Aufwallendes Missfallen meinerseits. Aber gut, man ist ja kein Unmensch, und jeder darf mal einen schlechten Tag haben, also legte ich mein Buch auf die Theke, schenkte der eisernen Jungfrau ein Lächeln und erkundigte mich nebenbei, ob denn schon ein Erscheinungstermin für das neue Buch von Charlaine Harris feststünde. Sie zog eine naturbelassene Augenbraue hoch und wechselte einen viel sagenden Blick mit dem blutleeren Kollegen in Breitcordhose.

– Wen meinen Sie?
– Charlaine Harris. Ich möchte gerne wissen, wann der nächste Band der Sookie Stackhouse Reihe erscheint. Das ist diese Vampirgeschichte, wissen Sie.
– Fantasy führen wir nicht. (dies mit größtmöglicher Verachtung)
– Das sehe ich, aber vielleicht würden Sie für mich in Ihrem System nachgucken. Ich könnte das Buch ja dann vorbestellen, nicht? (noch freundlich)
– Das könnten Sie wohl. (Regungslos)
– Verstehe. Hier gibt es nur richtige Literatur? (sarkastisch)
– Wenn Sie das so sehen wollen, ja. (genüsslich)
– Dann geh ich jetzt mal lieber. (verächtlich)

Ich ließ das Buch auf der Theke liegen und verließ den Laden mit Wut im Bauch: ich war an einen Büchersnob geraten. Büchersnobs sind Menschen, die glauben, sie seien Teil der intellektuellen Oberschicht und das Lesen eine so hehre Aufgabe, dass es lediglich einer selbst definierten Elite gestattet sein dürfte.

Und das ist der Grund, wieso es die Axt gibt: weil ich der unerschütterlichen Überzeugung bin, dass Lesen ein Grundrecht ist, und es darüber hinaus keine Rolle spielt, was einer liest, sondern dass er überhaupt liest. Welche Bücher einer liebt oder hasst, ist unerheblich; nur phantasielose Menschen ohne einen Funken Toleranz im Leib haben literarische Hierarchien nötig. Die einen bevorzugen eben schwere Gedanken, die anderen leichte, und die meisten setzen auf eine solide Mischung.

Es ist scheißegal, was Du liest – Hauptsache, Du hast Spaß dabei.

Dienstag, 9. März 2010

Eva Menasse: Lässliche Todsünden.



Hmmmm. Tja. Schwieriger Fall, das.

Lässliche Todsünden von Eva Menasse ist eine Kurzgeschichtensammlung, deren Einzelteile nach den biblischen Todsünden Trägheit, Gefräßigkeit, Wollust, Zorn, Hochmut, Neid und Habgier benannt sind. Eine Idee, die mir grundsätzlich gefällt, die mich jedoch sofort an David Finchers Film "Sieben" erinnert  und damit eine gewisse Erwartungshaltung erzeugt hat. Entsprechend gespannt war ich auf die Lektüre.

Wie soll ich sagen: etwa in der Mitte der zweiten Geschichte fühlte ich mich deutlich abgekühlt, um nicht zu sagen, gelangweilt. Zu öde fand ich Handlung und Figuren, zu blass, zu wenig prägnant. Weitergelesen habe ich trotzdem, aber das ist halt mein Job hier.

Denis Scheck vom ARD-Magazin "Druckfrisch" (Video hier), dessen Empfehlungen ich normalerweise mit Interesse verfolge, vertritt hingegen eine ganz andere Meinung, nämlich diese: "Der Schauplatz ihrer sechs großartigen und gleichermaßen erbarmungslosen Kurzgeschichten ist Wien. Die Protagonisten, deren gebrochene Biographien im Mittelpunkt der Erzählungen stehen, stammen allesamt aus dem Kulturbetrieb. Sinnlose Affären und ungewollt gezeugte Kinder, gescheiterte Ehen, absurde standesgemäße Verbindungen und pseudo-niveauvolle Existenzen – ironisch seziert Menasse verfehlte Lebensläufe und liefert ein entlarvendes Porträt ihrer eigenen Generation."

Das heißt wohl, dass ich Lässliche Todsünden in seiner Intention nicht verstanden habe. Weder habe ich seine Herangehensweise noch seine Protagonisten verstanden. Wenn ich mich hinsetze und über das Buch nachdenke, dann verstehe ich aber, was Scheck meint – eine gewisse elegante Subtilität baut Eva Menasse hier auf. Todsünden: diesen Begriff setzen wir mit Apokalypse, mit Drama, mit Donnerschlägen gleich, und kaum mit nicht gelebtem Leben bürgerlicher Kulturveteranen. Von Geschichten über Todsünden erwarten wir ordentlich Rumms und atemlose Unterhaltung. Da ist es quasi ein Stilmittel an sich, wenn diese Erwartungshaltung mit einer nüchternen Gesellschaftsanalyse brüskiert wird.

Wahrscheinlich ist dies der Coup der Eva Menasse; ihre Figuren ohne jede Aussicht auf Erlösung strampeln zu lassen, ohne jede Aussicht auf wahre Selbsterkenntnis. Das ist nämlich, vielleicht will uns das die Autorin fühlen lassen, die eine echte Todsünde: das eigene Leben als gigantischer Selbstbetrug. Überflüssig zu erwähnen, dass der Leser mit keiner einzigen Figur zu sympathisieren vermag. Das empfinde ich in meiner grenzenlosen leserischen Naivität normalerweise als verstörend, aber hier muss es sein, das verstehe ich, denn hier findet eine Autopsie statt.

Es bleibt mir am Ende nichts zu sagen als dies: Auf intellektueller Ebene ist Lässliche Todsünden ein großer Wurf, das ist keine Frage. Das Buch beschäftigt nachhaltig, sofern man sich darauf einlassen mag, denn es fordert auch zum in Frage stellen des eigenen Werte- und Beurteilungssystems auf. Das Nachdenken, das nach der letzten Seite eingesetzt hat, ist für mich der eigentliche Wert des Werkes.

Unterhalten hat es mich nicht.

Montag, 8. März 2010

Susanna Clarke: Jonathan Strange & Mr. Norell

 


 


Ey, ist hier noch einer?

Ich weiß, das darf man nicht erwarten, wenn man sich drei Wochen lang totstellt. Hmmm, ich könnte jetzt behaupten, ich hätte die Zeit damit verbracht, das heutige Buch zu lesen, aber das stimmt nicht. Und damit wären wir schon beim Thema: Das Ding hat über 1.000 Seiten.

Wenn ich jetzt sage: Jonathan Strange & Mr. Norell ist nichts für Feiglinge, dann liegt das allerdings weniger am Umfang des Romans, sondern an seiner überwältigenden Opulenz. Wahrlich, das Buch ist wirklich nichts für Feiglinge! Das fängt schon damit an, dass sich 1.021 Seiten als Hardcover irre schlecht transportieren lassen. Zwei Wochen lang lief ich mit einem zusätzlichen Jutebeutel herum, da dieses Brikett nicht in die Axt'sche Handtasche passte. Unhandlich. Schwer. Das Buch hat Selbstbewusstsein, das macht sich sperrig.

Und das nicht nur von außen, sondern auch von innen. Jonathan Strange & Mr. Norell spielt im England des 19. Jahrhunderts und ist auch sprachlich dort angesiedelt – sehr verspielt, sehr detailreich. Die Rahmenhandlung lässt sich folgendermaßen umreißen: Die englische Zauberei ist aus England so gut wie verschwunden. Zauberer begnügen sich mit dem theoretischen Studium des Vergangenen, und alle Magie scheint das Königreich verlassen zu haben, bis ein schräger älterer Herr aus Yorkshire vor einem fassungslosem Publikum beweist, dass die Zauberei noch immer lebt.

Der schräge ältere Herr heißt Mr. Norell und tritt alsbald eine steile Karriere als Englands einziger praktizierender Zauberer an, der sogar die Regierung in Kriegsangelegenheiten (Napoleon! Ha!)  magisch berät. Als ein zweiter Zauberer auf den Plan tritt, sieht Mr. Norell seine Alleinherrschaft gefährdet, weshalb er diesen jungen Jonathan Strange als Schüler unter seine Fittiche nimmt. Klassischer Fall von Kontrollwahn.

Strange jedoch ist eines ganz anderen Geistes Kind als sein trockener Lehrmeister, und seine Faszination vom größten Zauberer aller Zeiten, dem mysteriösen "Rabenkönig", dem verkniffenen Mr. Norell ein steter Dorn im Auge. Es kommt, wie es kommen muss – die beiden Zauberer entzweien sich und werden zu bitteren Kontrahenten.

Es ist wohl so, dass man dieses Buch liebt oder hasst. Dazwischen gibt es nicht viel. Jonathan Strange & Mr. Norell ist kein Burger, sondern ein 5-Gänge-Menü, und zwar ein französisches. Den tatsächlichen historischen Rahmen und die eigene Fiktion verknüpft Susanna Clarke so gekonnt und raffiniert, dass es eine helle Freude ist (inklusive einiger erhellender Einsichten über Napoleons Kriegstaktik und deren magische Vereitelung durch die beiden Zauberer). Zahlreiche Fußnoten garnieren die Story aufs Unterhaltsamste – diese Ergänzung findet man nur toll oder nur nervig. Ich find's toll, weil gewagt und gewonnen.

Vielleicht nur eine weitere Fußnote, aber ich finde sowas ja wichtig: Das Buch ist in zwei Ausführungen erhältlich, nämlich in schwarz und weiß, wobei das Hardcover so richtig was hermacht. Sehr schöne Gestaltung. Allerdings dürfte die broschierte Version leichter zu handhaben sein.

Ein wahllos herausgegriffener Satz lautet: "Sie trug ein Gewand in der Farbe von Stürmen, Schatten und Regen und ein Halsband aus gebrochenen Versprechen und Bedauern."

Wem das gefällt, der sollte dringend zugreifen.