Donnerstag, 18. Februar 2010

Philipp Sonntag: Ketzermusical.




Letztes Wochenende war ich endlich mal wieder auf einer Lesung. Memo an mich: Man müsste das wirklich sehr viel öfter machen. Die Lesung fand außerdem statt im fabelhaften Cafe Melusine in Neukölln (das ich ohnehin jedem Menschen auf der Welt ans Herz lege), also fühlte ich mich doppelt motiviert.

Das Buch: Ketzermusical von Philipp Sonntag. Ja, das ist der Schauspieler aus der „Lindenstraße“, der mit Ketzermusical seinen ersten Roman vorgelegt hat. Das Buch spielt in Neukölln und München und erzählt die Geschichte des alternden Drehbuchautors Harry, der seine persönliche Erlösung in der Beziehung mit der jungen afrikanischen Asylbewerberin Turchu sucht. Harry trägt einen ausgewachsenen Schuldkomplex mit sich herum, den er aufzulösen sucht, indem er sich als Erretter der jungen Afrikanerin generiert. Aber die Liebschaft entwickelt sich schon bald zum zerstörerischen Alptraum, denn Turchu wird immer wieder von Anfällen von Wahn und Aggression heimgesucht, die Harry zunehmend zerrütten. Verlassen will er das Mädchen trotzdem nicht, gäbe er doch damit seine eigene Utopie von bedingungsloser Liebe auf.

Ich hatte vor allem eine Schwierigkeit mit dem Roman: es gibt darin keine einzige sympathische Figur, die dem Leser als Identifikationspunkt dient. Alle Protagonisten fühlen sich schwer beschädigt an, was eine unüberwindliche Distanz zu ihnen herstellt. Wenn das gewollt war, dann ist es gelungen. Mich persönlich irritiert es stets, wenn ich trotz aller Spannung und dem Wissen-wollen-was-gleich-passiert (und spannend ist das Buch!) keiner Figur so nahe komme, dass ich ihre Motivation verstehe. Entsprechend zwiespältig bleibe ich zurück: sprachlich und thematisch ist das ein ungewöhnlicher und konsequenter Roman mit vielen guten Gedanken und offenen Enden, über die es sich zu philosophieren lohnt. Andererseits hat er mich auf Distanz gehalten, aber so was ist eben Geschmackssache.

Die Lesung selbst war toll. Philipp Sonntag als altgedienter Schauspieler hat seinem Buch das Leben eingehaucht, das ich beim Lesen vermisst habe. Nun ist er ja auch Bluesmusiker und hat seinen Vortrag entsprechend musikalisch untermalt, was ich wirklich gelungen fand. Unterstützt hat den Autor dabei die afrikanische Sängerin Grace Kathomi Guye mit eigenen Liedern. Das Cafe Melusine ist ziemlich kompakt, was für eine ziemlich intime Atmosphäre gesorgt hat – in diesem Fall war das der Lesung sehr zuträglich.

Jetzt fällt mir kein kluger abschließender Satz ein. Na, was soll's.

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