Dienstag, 16. Februar 2010

Axolotl Roadkill: Der Hype frisst seine Kinder.



Das ist übrigens ein Axolotl.


Aufmerksam verfolgte ich den stetig ansteigenden, am Ende tosenden Hype um die adoleszente Autorin Helene Hegemann und ihr Debüt Axolotl Roadkill. Immer, wenn sich die Feuilletonisten überschlagen, werde ich zuerst skeptisch und dann trotzig. Liegt wahrscheinlich daran, dass sie sich nie wegen mir überschlagen – ein psychoanalytisches Problem, vermute ich.

Jedenfalls habe ich mich aufgrund der medialen Verseuchung nicht überwinden können, das Buch zu kaufen oder auch nur zu lesen. Ging mir mit Feuchtgebiete auch schon so. Okay, es war also wie oft: da kommt ein junges Mädchen des Weges und schreibt wortgewandt und zynisch über Dinge, von denen junge Mädchen zum einen im normalen Leben nicht so arg viel wissen und zum anderen nicht so wortgewandt und zynisch sind. Das schafft Aufmerksamkeit. Generell scheint man Kindern und Jugendlichen Lebenserfahrung oder auch Lebensklugheit insofern abzuerkennen, dass es eine unerhörte Sensation ist, wenn so ein unverbrauchtes Wesen mit einer Portion Härte um die Ecke biegt.

Diese Mechanik finde ich extrem vorhersehbar, und der Kulturbetrieb fällt subito darauf herein. Dreckiges Thema kombiniert mit Fast-noch-Kind: lecker. Gut, nun gönne ich so ziemlich jedem Autoren den Erfolg. Jeder, der privat oder beruflich gewohnheitsmäßig schreibt, kennt die Qual, die hinter so ein paar Seiten Text stecken kann. Schön, wenn man damit Öffentlichkeit generiert. Ehrlich.

Nun begab es sich aber so: nachdem erst einmal alle großen Tageszeitungen und Magazine in gerührte Weinkrämpfe über ihre sensationelle Entdeckung ausgebrochen sind, betritt das Blog Gefühlskonserve die Bühne und bezichtigt die Hegemann des Plagiats. Eine Seifenoper allererste Güte. Offenbar hat sich die Autorin à la Wühltisch bei diversen Werken bedient: bei der Gefühlskonserve belegt man dies konkret für den Roman "Strobo" des Bloggers Airen, indem Textstellen direkt miteinander verglichen werden. In Axolotl Roadkill fehlen jedoch die üblichen Quellenangaben.

Die ganze Chose schlägt Wellen, der Verlag entschuldigt sich, die Autorin entschuldigt sich, die einst freudigen Rezensenten fühlen sich vermutlich ernüchtert und in Katerstimmung. Und ich kann mich immer noch nicht zum Lesen überreden, sondern begnüge mich mit allerlei Leseproben und sporadischem Mitlesen in der U-Bahn.

Dass die Hegemann nun Teile des Buches geklaut hat, sagt mir irgendwie gar nichts. Mal ehrlich, das Mädchen ist 17. Meine böse Theorie: sie fand diese Textstellen passend und dachte halt, das wird keiner merken. Pech gehabt. Die Presse erklärt den peinlichen Fehltritt gerne mit der These, die Autorin gehöre nun einmal zu einer Generation, für die das "Samplen" ganz normal sei, und heutzutage wüchsen die Kinder eben damit auf, dass das Netz als großer Selbstbedienungsladen erscheine usw usw.

Das Plagiat wird also kulturell erklärt. Dabei ist es doch bloß ein schnöder Klau, der leider Gottes aufgeflogen ist. Wär ja auch zu schön gewesen, dass da ein Teenagermädchen vom geistigen Olymp herabsteigt und uns langweiligen Kultursnobs mal so richtig die Seele zurechtrückt. Ja, das wäre schön gewesen.

Dabei will ich eigentlich nur wissen, ob das Buch, wenn man den ganzen Medienschmodder mal wegwischt, wirklich lesenswert ist. Ist es?

Kommentare:

LeseLustFrust hat gesagt…

Ich habe mich schon vor den Plagiatsvorwürfen entschieden, das Buch nicht zu lesen. Bei dieser Art Story samt jungem Autor habe ich bis jetzt immer das Gefühl gehabt, Ähnliches schon gelesen zu haben. Beim ebenfalls hochgelobten "Zwölf" von McDonell (http://leselustfrust.wordpress.com/2009/07/09/nick-mcdonell-zwolf/) zB klang's wie eine Mischung aus "Unter Null" von Easton Ellis und "Der Fänger im Roggen" - ganz ohne Plagiatsverdacht. Aber das brauch ich wirklich nicht.

Almut hat gesagt…

Tut mir leid, ich kann Dir nix dazu sagen, der »Alle-lesen-es-das-gefällt-mir-bestimmt-nicht«-Mechanismus funktioniert bei mir auch.

donpozuelo hat gesagt…

Vielleicht sollten wir alle einfach anfangen, Bücher zusammenzuschreiben und uns dann dahinter verstecken, wir wären doch die weltoffene, facebook-liebende Gesellschaft. Und hat Brecht selbst nicht gesagt, dass geistiger Diebstahl okay ist????

Warum also nicht so???

Zumal ich mich auch ganz ehrlich frage, ob diese Plagiatsgeschichte nicht einfach nur so weit ausgenutzt wird, um eben mal noch schnell ein paar mehr von den Büchern zu verkaufen.

lizzz hat gesagt…

Ach, das mit dem Plagiat finde ich nicht mal ausschlaggebend bei diesem Buch. Mich ödet eher diese Junge-Autorin-schreibt-harten-Stoff-Story an.

Aber klar, lass uns alle zusammen ein Buch schreiben! Jeder paraphrasiert eine Seite aus seinem Lieblingsroman und dann schmeißen wir das in die Moulinette *lach*

@ Leselust, danke für den Link!

Marienka hat gesagt…

Hi, habe ich deinem Text richtig entnommen, dass du die mediale Diskussion um die Plagiatsvorwürfe übertrieben findest, da das Mädchen noch recht jung und unerfahren ist?

lizzz hat gesagt…

@ Marienka: nein, ich meinte, dass ich es übertrieben finde, den Textklau kulturell zu erklären. Dieses "Sie gehört eben einer Generation an, die das Internet als Gratis-Supermarkt versteht." Diese Erläuterung finde ich (subjektiv) höchst seltsam.

Ich spekuliere eher so: sie ist jung und unerfahren (wobei der Terminus "unerfahren" mich nicht ganz zufrieden stellt), fand die Texte des anderen Autors toll, hat sich nichts dabei gedacht, die einfach umzubauen mit dem Gedanken "Das Buch ist so unbekannt, das merkt bestimmt keiner." Und dann hat es eben doch einer gemerkt.

Wie gesagt, Spekulation.

Wie siehst Du das Ganze?

Marienka hat gesagt…

Hey,
ich finde die Ausflüchte von Hegemann unverschämt!

Ich will ihr selbst nicht unbedingt Kalkül unterstellen, denn dafür ist sie vielleicht tatsächlich zu unerfahren.
Aber man sollte unbedingt folgendes im Hinterkopf behalten: ihr Vater ist Professor für Dramaturgie an der Hochschule Leipzig und das Buch wurde von Lektor sowie vom Verleger wohl mal gelesen.
Keiner merkt was?
Warum wollten alle diese Geschichte glauben?
Ich weiß nicht mal, ob sie das Buch selbst geschrieben hat oder doch der Vater mitgeholfen hat? Anscheinend wurde das Buch von Airen sogar über den Namen von Helenes Vater bestellt.
Er kannte es mit Sicherheit.

Sobald ich ein T-Shirt mit einer Wolfstatze verkaufe, habe ich eine Klage von Jack Wolfskin am Hals. Der Bounty Riegel wir aufgrund seiner besonderen dreidimensionalen Form geschützt.
Ein 17 Jähriges Mädchen schreibt ein Buch (wer weiß, ob sie es wirklich selbst geschrieben hat) und bedient sich ungeniert am Buch eines anderen und wird dann noch für den Leipziger Buchpreis nominiert!

Ich werde mir das Buch nicht kaufen, denn entweder unterstütze ich dumme, dreiste oder mediengeile Menschen dahinter.

Entschuldige meinen langen Text.

lizzz hat gesagt…

Ich mag lange Texte :)

Ist grundsätzlich auch meine Meinung. Das mit dem Kalkül ist ohnehin Stochern im Dunkeln, aber ich bin geneigt zu glauben, dass sie das halt so ganz unauffällig abkupfern wollte. Deshalb ist man ja kein böser Mensch – aber vielleicht einer, der es sich zu leicht gemacht hat und damit auf die Schnauze gefallen ist.

Ich find halt die Ausrede mit der "Inspiration" so hirnverbrannt. Und die Erklärungen der Medien: "Ach naja, die ist so ein Digital Native, da macht man sowas eben." Das ist Augenwischerei. Da will einfach keiner zugeben, dass man den Tag vor dem Abend gelobt hat.

Was den Lektor bzw den Verlag angeht...da kenne ich mich im Prozedere zu wenig aus, aber: kann es auch einfach sein, dass der Lektor das Buch von Airen schlichtweg nicht kannte und deshalb keinen Verdacht geschöpft hat? Ist ja eher so'n Underground-Werk, ich kannte das auch nicht.

Und der Vater hat das Airen-Buch bestellt? Gibt es dazu eine Quelle?

Dr. Borstel hat gesagt…

Diese Plagiatsgeschichte, naja ... ist doch auch wieder nur eine Möglichkeit, ein Buch länger in den Schlagzeilen zu halten, als es das eigentlich verdient hätte. Vor diesem ganzen Theater hatte das Buch mein Interesse durchaus geweckt, aber nachdem ich dann ein Interview mit der Hegemann lesen musste, in dem sie sich präsentiert hat wie eine Fünfzehnjährige, die versucht zu schreiben wie Günter Grass, der dabei aber gelegentlich die intellektuell klingenden Worte ausgehen, habe ich diesen Schmarrn entgültig abgehakt. Ich bin durchaus der Meinung, dass 17-Jährige nicht weniger dazu in der Lage sind, gute Bücher zu schreiben, als - sagen wir - 40-Jährige. Dette hier muss aber nicht sein. Zumal der Mainstream-Geschmack zumeist ohnehin nicht meiner ist.

Marienka hat gesagt…

Wo genau ich das gelesen oder gehört habe, weiß ich leider nicht mehr. Da ich jedoch nur WDR 5 bzw. DLF höre und die FAZ lese, stammt es mit Sicherheit aus einer dieser Quellen, die doch recht seriös und fundiert Bericht erstatten.

Grüße

lizzz hat gesagt…

Danke, Marienka.

Dr. Borstel, ich sehe das wie Du: junge Leute schreiben per se nicht schlechter als alte Leute.

Diese Geschichte hier ist halt so peinlich und irgendwie öde. Ich würde sehr gerne mal die Helene persönlich treffen und herausfinden, wie sie so drauf ist. Wahrscheinlich verbietet einem dann die PR-Tante alle Fragen zu dem Thema.

Jedenfalls bleibe ich dabei: Inspiration? Quatsch. Die hat abgeschrieben und ist davon ausgegangen, dass es keiner merkt. Außerdem hat es mit Inspiration denkbar wenig zu tun, wenn man lediglich paraphrasiert, wie im Fall Airen geschehen. Fertisch.

inFemme hat gesagt…

Amen.