Mittwoch, 27. Oktober 2010

Die Axt will was wissen und Ihr müsst antworten.

Geschätzte Leser,

ich habe mich schon mehrmals gefragt, ob Ihr Euch vielleicht ein Bewertungssystem für die besprochenen Bücher wünscht. Denn wie Ihr wisst, neige ich ja zuweilen zum unentschlossenen Labern – da wird am Ende des Artikels nicht unbedingt klar, wie ich das Buch nun finde.

So ein Punktesystem hat ja Vor- und Nachteile (wie auch gerade beim Borstel diskutiert). Deshalb die Frage an Euch: was möchtet Ihr? Sollen bei der Axt ab jetzt Punkte vergeben werden? Sternchen? Pfannkuchen? Etwas ganz anderes?

In der Seitenleiste rechts könnt Ihr abstimmen, und über Anregungen per Kommentar freue ich mich ganz besonders. Wenn sich keiner beteiligt, bleibt zur Strafe alles so, wie es ist. Mindestens.


Es dankt
Eure Axt

Dienstag, 19. Oktober 2010

Working Axt.





So sieht das aus, wenn ich Überstunden mache, um kalifornische Reiseführer anspruchsvolle Literatur für Euch unter die Lupe zu nehmen.

Montag, 18. Oktober 2010

Marina Lewycka: Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch.



Hmmmm. Intensives Grübeln. Vernehmliches Seufzen. Händeringen. So ungefähr geht es mir, während ich diesen Artikel schreibe. Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch ist nämlich ein ganz, ganz schwieriger Fall. Es verhält sich so, dass dieses Buch einer meiner typischen Bahnhofsbuchhandlungkäufe ist, die sich durch ein unvorhersehbares Ergebnis auszeichnen. Mir gefiel das Cover und mir gefiel der Titel. Kurzer Blick auf den Klappentext – ah ja, klingt skurril und witzig und wird vom Feuilleton gelobt, scheint aber unkomplizierte Lektüre zu sein. Sowas will man ja im Zug.

50 Seiten später war ich verwirrt und ungehalten. Das Äußere des Buches darf als irreführend kategorisiert werden. Ironie und feine Subtilität hatte es mir versprochen, geliefert wurde „ein Sketch, vorgeführt auf dem bunten Abend eines Landfrauenvereins,“ wie Stefan Mesch auf literaturkritik.de ätzt. Dabei scheint mir der Plot nicht übel: Nadia Majevski ist eine Universitätsdozentin Ende 40. Seit dem Tod ihrer Mutter lebt Nadias greiser Vater Nikolai, ein ukrainischstämmiger Ingenieur, allein in seinem Häuschen. Zur älteren Schwester Vera hat Nadia wegen diverser Nickeligkeiten keinen Kontakt.

Bis, ja bis der eigenwillige Nikolai sich in die 50 Jahre jüngere ukrainische Dampframme Valentina verknallt und das blonde Busenwunder um jeden Preis ehelichen will, um ihr eine britische Aufenthaltsgenehmigung zu verschaffen. Im Angesicht des Feindes schließen Nadia und Vera einen brüchigen Frieden: die materialistische Zecke muss weg, unter allen Umständen.

Die Familiengeschichte der Majevskis wird in Rückblenden erzählt – das gefiel mir wirklich gut, weil sensibel und verständnisvoll erzählt. Marina Lewycka versucht nun aber, ihre Story als Slapstick UND als Gesellschaftskritik zu verpacken. In meinen Augen geht das volles Rohr schief. Ich habe eine Komödie erwartet – es wäre sogar in Ordnung gewesen, wenn sie sich als Vollblutdrama entpuppt, aber dies ist eine unentschlossene Mischung, die zwischen schwarzen Humor, Tragödie und Generationenroman pendelt. Diverse Rezensenten halten das für die eigentliche Leistung der Autorin, mich nervt diese halbgare Stilmélange.

Valentina, das ukrainische material girl, nervt mich am allermeisten. Es ist schon richtig, eine Figur widersprüchlich und facettenreich darzustellen, aber im Fall Valentina verwirrt mich der Versuch. Die Atmosphäre zwischen Nadia und Valentina wechselt scheinbar willkürlich zwischen Verachtung und Mitleid, Härte und Verständnis. Das Grau fehlt.

Disclaimer: es ist möglich, dass ich das Buch nicht verstanden habe. Es ist möglich, dass mir das feine Gespür für Nuancen fehlt und ich die gute Absicht der Autorin unterschätze. Es ist weiterhin möglich, dass ich die Ernsthaftigkeit des Buches als trockene Bravheit fehlinterpretiere. Meinetwegen.

Sonntag, 17. Oktober 2010

Michael Marano: Dawn Song.



Wir sind in Boston, 1990, Vorweihnachtszeit. Krieg liegt in der Luft. Der sensible Buchhändler Lawrence ist in die Stadt am Charles River geflüchtet, um über die Trennung von seinem Lebensgefährten hinweg zu kommen. Lawrence hat keinen Schimmer, dass derweil auf dem Dach seines Hauses eine Succuba ihre Wohnstatt bezieht – eine Kreatur der Hölle, Gestaltwandlerin und sich von menschlichen Seelen nährend. Die Succuba ist die Tochter Belials, dem Todfeind Leviathans. Schon bald entbrennt der Kampf zwischen den Kräften des Bösen auf den Straßen Bostons, und wir Menschen sind nicht mehr als bestenfalls Ressourcen.

Dawn Song fordert den Leser mit einem großen Fundus an Figuren und Handlungssträngen. Es gilt, dieses Buch mit großer Aufmerksamkeit zu lesen, denn wie ich selbst erfahren musste, schwimmt man gnadenlos auf der Stelle, wenn man es in bequemen Häppchen zu verkonsumieren sucht. Doch die Anstrengung lohnt, denn Michael Marano ist ein virtuoser und atmosphärischer Erzähler des Horrorgenres. Die beklemmende Endzeitstimmung auf Bostons Straßen übersetzt er in düstere Bilder und feine, poetische Metaphern.

Während Lawrence sich allmählich selbst verliert und die Stadt in Brutalität und Hoffnungslosigkeit versinkt, schreitet die Succuba planvoll und unaufhaltsam voran – de facto pflastern Leichen ihren Weg, doch so banal kann man das gar nicht sagen, denn in Wirklichkeit ist es viel, viel schlimmer. Oft lässt Dawn Song seinen Leser verwirrt zurück; das Buch erklärt wenig und begründet noch weniger, dennoch ist es keines dieser verkopften Machwerke, die ihr Geheimnis aus ihrer Unverständlichkeit beziehen. Ich würde es am ehesten so ausdrücken: man kann diesen Roman weniger lesen, man muss ihn erfühlen. Wem es gelingt, die ständige Frage nach dem Warum einen Moment loszulassen, den belohnt Dawn Song mit einem lange nachhallenden, intensiven Leseerlebnis.

Dienstag, 21. September 2010

Kristof Magnusson: Das war ich nicht.



Das war ich nicht ist ein wunderbarer, leicht skurriler Unterhaltungsroman. Kristof Magnusson beweist Sinn für Alltags-Irritationen und einen rasanten Plot, der als nicht allzu kompliziert, aber auch nicht übermäßig banal beschrieben werden kann. Wenn ich es schnörkellos sagen darf: die Geschichte macht Spaß.

Und die Figuren machen Spaß:
 Jasper Lüdemann ist ein Investmentbanker um die 30, ernährt sich von Snickers und Kaffee und ist ganz schön paranoid. Insgeheim versteht er sich als Rockstar des Händlersaals, ein schöner Verweis auf die “Masters of the Universe” in Tom Wolfes Fegefeuer der Eitelkeiten.
Henry LaMarck ist ein Weltklasseschriftsteller, gerade 60 geworden. Alle Welt wartet auf seinen neuen Roman, aber den gibt es gar nicht. Statt dessen verschwindet Henry von seinem eigenen Geburtstag und ward nicht mehr gesehen.
Meike Urbanski ist seine deutsche Übersetzerin, die vor dem Bio-Spießertum in Hamburgs Schanzenviertel in eine Bruchbude auf dem Land geflohen ist und dort verzweifelt auf Henrys Manuskript wartet.

Das Schicksal der drei Glücksritter verwebt Magnusson in Chicago; die Finanzkrise bildet die angemessene Rahmenhandlung für die emotionale Verwirrung der Figuren. Die Erzählperspektive wechselt zwischen Jasper, Henry und Meike, kurze zeitliche Überblendungen in der Dramaturgie halten die Spannung. Von der ersten Seite an war ich drin im Plot – das ist ja nun keine Selbstverständlichkeit.

Eine besondere Erwähnung verdient der Weinklimaschrank im Haushalt von Meikes Hamburger Pärchenfreunden. Hier wurde der klassische Bio-Markt-Hipster über 30 präzise beobachtet.

Undramatisches Fazit: liest sich ratzefatze weg, unterhält bestens. Kaufen.

Samstag, 18. September 2010

Alice Sebold: In meinem Himmel.




So, Freunde. Da isse wieder. Die Axt hat in den letzten zwei Monaten wie bescheuert für Euch gelesen. Nein, das stimmt nicht: sie hat in den letzten zwei Monaten wie bescheuert für sich gelesen. Das macht aber nichts, denn sie teilt ihre strikt subjektiven Erkenntnisse sowieso mit Euch.

Fein, legen wir los. In meinen Himmel ist nicht das letzte Buch, das in neuerdings gelesen habe, aber bei weitem das prägnanteste. Man könnte sagen, es hat mir bis heute quergesteckt wie ein kapitaler Pups, Verzeihung. Unter anderem aus diesem Grund habe ich bis zu dieser Sekunde keine einzige andere Rezension des Buches gelesen – ich musste es alleine verdauen. Und jetzt ist auch gut mit den Kackmetaphern.

Susie Salmon ist 14 Jahre alt, als sie von einem Nachbarn vergewaltigt und ermordet wird. Und sie ist unsere Ich-Erzählerin – eine allwissende Beobachterin von einer höheren Warte aus: ihrem Himmel. Der Begriff "Himmel" darf hier nicht missverstanden werden. Wir reden nicht von einem Ort ewiger Glückseligkeit und sphärischer Schmerzfreiheit. Nein. Kein Engel ist da, um das Trauma des eigenen Todes und des Abschiednehmens gnädig von Susies Schultern zu nehmen. Sie beobachtet ihre Familie und ihre Freunde aus dem diffusen Nichts, ohne Handlungsmöglichkeit.

Trotzdem und deshalb ist In meinem Himmel kein deprimierendes Buch. Alice Sebold gelingt es, mit großem Einfühlungsvermögen und großer Sprachgewalt die Geschichte einer Familie zu erzählen, die an der Trauer zerbricht, ohne jemals das Gefühl von Hoffnungslosigkeit aufkommen zu lassen. Wir begleiten Sebolds Figuren, die lebenden und die toten, in ihrer Entwicklung und lernen womöglich eine wichtige Lektion menschlichen Daseins: Leid geschieht. Einfach so. Und uns bleibt nichts anderes übrig, als weiterzuleben.

Alice Sebold beweist ein sehr sicheres Gespür für Balance. Ehrlich: das Thema Tod verleitet wie kaum ein anderes zu großformatigem Pathos. Und gerade bei diesem Thema Tod verzeiht man großformatiges Pathos am ehesten. Umso mehr hat es mich berührt, geradezu mitgenommen, wie aufrichtig, wie schmerzhaft schlicht Alice Sebold die Tragik ihrer Geschichte auf den Punkt bringt.

Abschied zu nehmen, von Menschen, Dingen, Ideen – das ist eine zentrale Herausforderung unserer irdischen Existenz. In meinem Himmel war für das Axt'sche Universum eine wichtige Zutat des Verstehens. Ich wünsche mir, dass dieses Buch jemandem da draußen ebensoviel Trost spendet wie mir.


Das heißt wohl: Die Axt ist zurück. Hoffentlich seid Ihr noch da. (Don und Dr. Borstel: Danke.)


P.S.
Wie immer, wenn ein Buch verfilmt wurde, hänge ich Euch den Trailer an. Hierfür ist Peter Jackson verantwortlich, 2009. Ich werde mir den Film nicht ansehen, aber das heißt ja nix.





Donnerstag, 26. August 2010

Wasserstandsmeldung

Liebe Leser,

die Axt ist derzeit aus persönlichen Gründen nicht verfügbar.
Im September geht's wie gewohnt weiter, versprochen!
Wer in der Zwischenzeit einen Lesetipp für Urlaub oder Regenwetter
oder für sonst alle Gelegenheiten braucht, der muss ganz unbedingt
"In meinem Himmel" von Alice Sebold lesen. Wahnsinnsbuch. Großartig.
Emotionen ohne Kitsch. Kein Happy End, aber irgendwie doch. Ganz
traurig und ganz wahr. Es ist vollkommen unmöglich, die Lektüre weg
zu legen, sobald man die ersten zehn Seiten konsumiert hat.
Rezension folgt dann nächsten Monat.

Bisoux,
Eure Axt

Sonntag, 25. Juli 2010

Haruki Murakami: Kafka am Strand.



Zuerst die Pflicht: der 15-jährige Kafka Tamura haut von Zuhause ab, weg von seinem lieblosen Vater, dem inhaltslosen Dasein. Mutter und Schwester haben die Familie so früh verlassen, dass Kafka sich nicht mehr an sie erinnern kann. Geführt von einer diffusen Schicksalsmacht sucht sich Kafka der ödipalen Prophezeiung zu entziehen, die ihm sein Vater vorausgesagt hat: dass er sich mit seiner Mutter und Schwester vereinigen wird, den Vater jedoch töten. Quer durch Japan reist Kafka, um schließlich in einer kleinen Bibliothek zu landen, die von der rätselhaften Frau Saeki geleitet wird.

Zeitgleich folgen wir dem vermeintlich debilen Herrn Nakata, der mit Katzen reden kann und der, offenbar von einem fremden Willen gelenkt, unwissentlich Kafkas Spur aufnimmt. Die zunächst parallelen Linien laufen langsam aufeinander zu, während Kafka und Nakata ihr Schicksal erfüllen und dabei die Grenzen des Bewusstseins überschreiten. Da wir es ja hier mit Herrn Murakami zu tun haben, darf man sich nicht wundern, wenn es auch mal Sardinen und Blutegel regnet, Johnny Walker umgebracht werden möchte und Kafka Tamura ohnehin viel zu schlau ist für einen 15-Jährigen.

Und damit komme ich zur Kür, denn worüber ich hier eigentlich sprechen möchte, ist meine Faszination für das Verhältnis des Autors zu seinen Helden. Ach, verehrter Murakami-san! Niemand entwirft seine Protagonisten mit so viel Liebe, Wärme und ohne Angst vor Etiketten. Murakami leistet sich den Glauben an die absolute Liebe, er leistet sich die schlichte Frage nach dem Sinn des Lebens, er leistet sich hehre Absichten, und er leistet sich zerbrechliche, einsame, liebesbedürftige Figuren, die das Potential haben, die eigenen Ängste zugunsten einer höheren Aufgabe zu überwinden.

Es ist ja so, dass einige Rezensenten dies "Kitsch" nennen, weil sie mit einer so vollen Packung nichts anfangen können. Andere hingegen lieben die surrealen Welten des Haruki Murakami (vermutlich eine klassische Love-it-or-leave-it-Sache), und es dürfte jetzt keine Überraschung sein, dass die Axt zur zweiten Gruppe zählt. Ein Roman von Murakami muss eigentlich mehrfach gelesen werden, weil er so reich an bemerkenswerten Gedanken ist, dass man sie beim ersten Lesen gar nicht allesamt erfasst. Murakami-san hat die seltene Gabe, tiefe Ideen simpel zu erzählen und sie damit jedem Leser zugänglich zu machen – eine Eigenschaft, die ich ganz besonders schätze. Bücher, die mir neue Gedanken schenken, wünsche ich mir viel, viel öfter.

Montag, 19. Juli 2010

Håkan Nesser: Das grobmaschige Netz.



Eines nicht so schönen Morgens erwacht Janek Mitter mit dem schlimsten Kater aller Zeiten, dafür ohne jegliche Erinnerung an die letzte Nacht. Das wäre für sich genommen zwar unangenehm, geht aber vorbei. Mitters Zechtrauma ist da allerdings etwas härter gelagert: als er nämlich benommen ins Badezimmer torkelt, findet er dort seine tote Ehefrau in der Badewanne. Ermordet.

Janek ist überzeugt, dass er Eva nicht umgebracht hat, aber das kann ja jeder sagen, der sich an nichts erinnert. Deshalb nimmt Håkan Nessers Kommissar Van Veeteren in Das grobmaschige Netz zum ersten Mal die Ermittlungen auf, um Janek Mitters (Un-)Schuld zu beweisen.

Klingt wie eine spannende Story, ist auch solide gemacht, der Kommissar ist so ein typischer Schwedenkauz ohne Privatleben, die übrigen Ermittler chronisch überarbeitet. Eindeutig, hier haben wir es mit der recht jungen Gattung "Schwedenkrimi" zu tun. Das grobmaschige Netz ist kein Roman, der mich mit offenem Mund zurücklässt, vermutlich werde ich ihn kein zweites Mal lesen, was an dem meiner Meinung nach abrupten, holprigen Schluss liegt – da hätte Nesser sich ein paar raffiniertere Wendungen aus dem Ärmel zaubern können. Wenn man sich aber die Verkaufszahlen des Autors zu Gemüte führt, hat Nesser diesen Mangel in den Folgeromanen beheben können: die gehen weg wie geschnitten Brot.

Eine Sache ist mir allerdings unangenehm aufgefallen: Bei der Recherche zu diesem Artikel stellte ich fest, dass unzählige Rezensenten, gerade unter den "Hobbykritikern", das Debüt vom armen Nesser mit Henning Mankells Wallander-Reihe in einen Sack zu stecken suchten. Die hatten offenbar alle ihre Wallanders ausgelesen und sich frustig auf den nächsten Schweden gestürzt, auf dass er gefälligst die Lücke fülle bis zum nächsten Wallander. Mehrfach las ich Sätze wie "Das Buch hat mich wirklich enttäuscht, weil es gar nicht mit Mankell zu vergleichen ist" oder "Der Van Veeteren ist überhaupt nicht wie der Wallander, wie enttäuschend." Nein, Håkan Nesser ist kein Mankell-Klon.

Nesser schreibt nicht wie Mankell, weil er nun mal Nesser ist. Einen Roman schlecht zu bewerten, weil der Autor es wagt, einen anderen Autoren NICHT baugleich zu kopieren, ist ja wohl abseits von jeglicher Bücherliebe. Wer unbedingt Wallanders lesen will, soll halt Wallanders kaufen, und wenn es keine mehr gibt: Pech. Persönlich gefällt mir Nessers Schreibe besser, weil weniger depressiv. Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber die Wallander'sche Tristesse macht mich irgendwie fertig.

Ich würde ja folgendes Setting empfehlen: Waldsee an einem schwülen Sommerabend. Letzte Badegäste, vereinzelte Stechmücken, eine Flasche kalter Weißwein in der Kühlbox. Dunkelgrünes Wasser, Grillenzirpen. Leichter Sonnebrand, dafür gemütliche Wolldecke. Und fertig ist das Leseerlebnis.

Mittwoch, 7. Juli 2010

Leonie Swann: Glennkill.




Oder:

Tag 14. Ein Buch, bei dem ich regelmäßig "Och, wie nett!" rufen möchte.

Eines schönen Morgens machen die Schafe von Glennkill eine gruselige Entdeckung: Jemand hat ihren Schäfer George mit einem Spaten ermordet! Miss Maple, das wahrscheinlich klügste Schaf der Welt, überredet ihre Herde, selbst die Ermittlungen aufzunehmen. Denn die Dorfgemeinschaft scheint an der Aufklärung des Mordes nicht interessiert zu sein – und ein Motiv für den fiesen Anschlag haben auch fast alle.

Miss Maple nutzt kriminologisch geschickt die unterschiedlichen Talente ihrer Artgenossen, um den Fall aufzuklären. Glennkill ist ein leichter, unterhaltsamer Roman mit viel Wortwitz: das perfekte Buch für einen Tag am Strand oder am See oder auf dem Balkon (stellt Euch halt einen schönen Ort vor). Das Buch ist konsequent aus Schafsperspektive geschrieben, was den eigentlichen Reiz der Geschichte ausmacht: Uns Menschen und unsere seltsamen Verhaltensmacken aus der Sicht von Wiederkäuern zu betrachten, hat schon was für sich. Die Schafe von Glennkill sind ein eigenwilliger, bauernschlauer Haufen – keine Frage, dass sie in ihrem ersten Mordfall letzlich die richtigen Schlüsse ziehen.

Wer ernsten Tiefgang sucht, braucht Glennkill gar nicht erst aufzuschlagen. Haarsträubende Spannung und irrwitzige Wendungen wird man hier vergebens suchen. Mit milder Herblassung reagierten dann auch die Rezensenten der großen Tageszeitungen auf Swanns Debüt: zu niedlich, zu nett, zu treuherzig. Kurz gesagt, das Buch ist denen zu wenig intellektuell. Ja mei, dann sollten die vielleicht mal in dieser Buchhandlung vorbeischauen und mit der hageren Frau verkniffene Gesichter ziehen.

Es muss doch nun weiß Gott nicht immer große Literatur sein, ich wiederhole mich in dieser Hinsicht gerne noch ein paar hundert Mal und verdrehe dazu genervt die Augen. Glennkill unterhält mich freundlich und lustig an einem viel zu heißen Sommertag, und ich kann der Handlung auch mit drei Gläsern eiskaltem Rosé im Kopp noch folgen. Ab und an will man gar nicht mehr als das.

Manchmal beschleicht mich die dunkle Ahnung, die feuilletonistische Elite sei irgendwie konsequent spaßbefreit. Na bitte. Wenn's schee macht.

Dienstag, 6. Juli 2010

Frédéric Beigbeder: 39,90.




Oder:

Tag 13. Ein Buch, bei dem ich nur lachen kann.
(Ihr merkt schon, das ständige "Tag XY" in der Überschrift beginnt mich zu stressen)

Keine Ahnung, was das heißen soll: bei dem ich nur lachen kann. "Da kann ich nur lachen" ist ja eine Formulierung, die Herablassung bis Verachtung impliziert. Versteht man die heutige Aufgabe nicht als Redewendung, sondern nimmt sie wörtlich, müsste es wiederum ein Buch sein, bei dem ich aus dem Lachen nicht mehr herauskomme. Ein ganz lustiger Schinken.

Ich entscheide mich für keines von beidem oder aber für beide Optionen auf einmal, und wähle 39,90 von Frédéric Beigbeder. Der eine oder andere mag die Lustigkeit dieses Romans in Frage stellen.

Wie verhält es sich nun mit 39,90 von Monsieur Beigbeder? Man muss wissen, dass der Typ die Freundschaft des seinerseits skandalumwitterten Monsieur Houellebecq genießt, der ihn zu dem Roman angestiftet haben soll. Passt natürlich prima zu dessen Gewohnheiten - schreibe ein Nestbeschmutzerbuch, um Deine Kündigung herbeizuführen und mit großem Knall aus der ach so verhassten Werbebranche auszusteigen. Getöse und Skandale, wunderbar. Beigbeders Alter Ego Octave tut in 39,90 also genau dies – er verrät die vermeintlichen Geheimnisse der Szene an die arglose Öffentlichkeit in dem Versuch, sich damit selbst zu dekonstruieren und die bösen Werbeleute gleich mit. Die Ratte verlässt das Schiff nicht, sondern bringt es zum sinken, das scheint mir ungefähr die Absicht zu sein.

Der Titel muss natürlich so sein und gefällt mir ziemlich gut: der Wert der Ware definiert sich über den Verkaufspreis, der Verkaufspreis definiert das Wesen der Ware. Überhaupt zieht Octave alle Register, um den Leser von der absoluten Ruchlosigkeit der Branche zu überzeugen und lässt dabei kein Klischee aus. Dicke Autos, Frauen, das unvermeidliche Kokain bebildern Octaves hingebungsvollen Hedonismus, dem er auf der anderen Seite so dringend zu entrinnen sucht (man muss wissen: Werbeleute suchen nach einigen Jahren im Job immer ganz konsequent den höheren Sinn in allem und pflegen eine gewisse Melancholie). Beigbeder schildert hübsch plastisch, man sollte aber im Hinterkopf behalten, dass der Roman bereits zehn Jahre auf dem Buckel hat und es heutzutage nicht mehr wirklich spektakulär in Werbeagenturen zugeht. Mir ist soweit kein Fall bekannt, in dem Kreative die Bürowände des Kunden mit ihren eigenen Körperflüssigkeiten verziert oder in einer ausgeflippten Laune irgendwelche Rentner umgebracht hätten. Ich würde schätzen, Beigbeder romantisiert hier ein bißchen die frühen Neunziger. Da hat der gute Mann ein wenig zu tief in die Glamourkiste gegriffen, auch wenn er wirklich mitreißend formuliert und den Leser recht gut zu unterhalten versteht.

Was 39,90 allerdings ganz wunderbar schafft, ist, das Vorhandensein schlechter Werbung zu erklären. Die Strukturen innerhalb der Agenturen und deren Beziehungsgeflecht zu milliardenschweren Kunden zeichnet der Autor mit großer Präzision und amüsantem Realismus (was ich aus erster Hand bestätigen kann, denn ich habe den Roman quasi aus professionellem Interesse gelesen und musste ständig fassungslos auflachen, weil es wirklich so zugeht im Tagesgeschäft einer Agentur, also jetzt ohne das ganze Blut und das Koks). Ich zweifele ein wenig daran, ob ein Leser außerhalb der Branche echten Spaß an 39,90 haben kann – eigentlich ist das Buch nur dann wirklich lustig, wenn man einigermaßen vertraut mit den Abläufen einer Agentur ist. Oder vielleicht es ist gerade deshalb spannend für alle anderen, weil sie einen quasi-geheimen Einblick hinter die Kulissen erhalten? Ich kann's nicht objektiv beurteilen.

Aber letzten Endes ist das ganze Buch ein kalkulierter Skandal, und das ist es, was mich daran stört: die vermeintliche Vorführung einer vermeintlich veracheteten Branche in Romanform bedient sich genau der werblichen Instrumente, die Octave/Beigbeder so theatralisch an den Pranger stellt. Das macht für mich das gesamte Projekt bei aller formalen Richtigkeit moralisch unglaubwürdig.

Abgesehen davon frage ich mich wirklich, was an 39,90 als so unheimlich skandalös empfunden wurde. Das Koks? Die Nutten? Der Markenfetischismus der Protagonisten? Der größenwahnsinnige Mord? Hmmmm, nicht wirklich, schließlich ist es immer noch Belletristik. Beigbeder mag (eventuell!) lautere Absichten gehabt haben, präsentiert sich aber lediglich als weiterer profilneurotischer Klischee-Werber, der es nicht lassen kann, permanent um den eigenen Bauchnabel zu kreisen, in Talkshows provokante Dinge zu sagen und sich zu einem seltsamen französischen American Psycho zu stilisieren. Langweilig. 

Freitag, 2. Juli 2010

So ganz ohne Papier.



Kurzer Einwurf von der Seitenlinie: Die Axt hat da was entdeckt, was diejenigen unter Euch erfreuen wird, die neben dem Lesefimmel auch eine Vorliebe für die gepflegte Tätowierung hegen.

Contrariwise. literary tattoos sammelt schöne Fotos von tätowierten literarischen Zitaten. Der Träger des jeweiligen Tattoos verliert ein paar Worte zu Entstehung und Hintergrund. Ein sehr interessantes und schönes Projekt!

Mit welcher Textstelle verbindet Ihr so viel, dass Ihr sie Euch tätowieren lassen würdet, oder habt Ihr es vielleicht sogar schon getan?

Mittwoch, 30. Juni 2010

Tag 10, 11 & 12



Niemand, der mich kennt, wird sonderlich überrascht sein, dass ich gerne, sagen wir mal, kreativ mit langwierigen Aufgaben wie dem "31 Tage"-Projekt umgehe. Deshalb freut es mich über die Maßen, dass ich hier gleich drei Tage in einem Post zusammenfassen kann (okay, wirklich vorwärts komme ich mit dieser Maßnahme auch nicht).

Tag 10 – Ein Buch von deinem Lieblingsautoren/deiner Lieblingsautorin
Tag 11 – Ein Buch, das du mal geliebt hast, aber jetzt hasst
Tag 12 – Ein Buch, das du von Freunden/Bekannten/… empfohlen bekommen hast

Ich werfe also Tag 10 mit Tag 12 in einen Topf, füge hinzu, dass ich keinen Lieblingsautoren habe, sondern eine ganze Handvoll, danke meiner lieben Doro für den wunderbaren Buchtipp, rühre kräftig um und heraus kommt: Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt von Haruki Murakami.

Und...Überaschung! Dazu habe ich doch glatt schonmal einen Artikel geschrieben. So ein Zufall aber auch. Weil das aber Posting schon älter ist und es dementsprechend nicht jeder kennen oder suchen mag, steht es jetzt noch einmal genau hier:

Nicht zum ersten Mal wünsche ich mir einen gestandenen ZEIT-Kritiker hierher. Der könnte mich dann abwinkend ins Café schicken und einen Text aus dem Handgelenk schütteln, während ich Minzfrappé trinke. Der ZEIT-Kritiker fände problemlos die richtigen Worte und Gedanken, die einem, ja, einem Meisterwerk wie diesem gerecht würden, und er hätte genug Routine, um eine einschüchternde und beruhigende Professionalität auszustrahlen.

Leider kann mir so jemanden nicht leisten, und deshalb sitze ich seit zwei Wochen (okay, mit Unterbrechungen) vor diesem Bildschirm und verzweifele an der Schönheit des Buches von Haruki Murakami. Allein der Titel ist in seiner Sperrigkeit einfach fantastisch: Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt. Das musste ich einfach lesen, kein Zweifel.

Und als ich es dann gelesen hatte, da wusste ich, dass es mir auf gar keinen Fall möglich sein wird, das zu beschreiben, was ich beim Lesen gefühlt habe. Dafür fehlt mir zweifellos das Werkzeug. Trotzdem will ich versuchen, wenigstens ein kleines Stück davon weiterzugeben – denn es könnte ja durchaus sein, dass dieses Buch für jemanden da draußen ein so großes Geschenk wird wie für mich, und diese Möglichkeit darf nicht ignoriert werden.

Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt spielt in zwei parallelen Handlungssträngen, zwischen denen kapitelweise hin- und hergewechselt wird. Hard-boiled Wonderland scheint ein Tokio der (fernen?) Gegenwart zu sein: Ein Datenkrieg ist ausgebrochen. Das so genannte System versucht, diese Daten zu verschlüsseln, die so genannte Firma versucht sie zu hacken. Der namenlose Protagonist ist dafür zuständig, diese Daten in seinem eigenen Gehirn so zu „waschen“, dass sie nicht mehr gestohlen werden können – das ist sein ganz alltäglicher Job, damit verdient er sein Geld. Das Ende der Welt ist hingegen eine seltsame, zeit- und seelenlose Parallelwelt ohne Gefühle, ohne Drama, ohne Wünsche, umgeben von einer unüberwindlichen und allwissenden Mauer.

Murakami lässt die beiden Erzählstränge langsam und mit Bedacht aufeinander zu laufen, Faden für Faden wird zwischen den Welten geknüpft, bis zum gemeinsamen Finale. Ein komplexes Gewebe ist dieses Buch, ohne jemals sperrig zu sein. Eine perfekte Komposition von Form und Inhalt, herausragend klug und sensibel erzählt, lakonisch und witzig und voller wunderschöner Gedanken. Mal waren es kleine Beobachtungen, die mich berührt haben, mal waren es große Ideen – Murakami kann zweifellos beides.

Mehr gibt es nicht zu sagen.


Ach ja, wer sich jetzt fragt, was denn nun mit Tag 11 ist: Den ignoriere ich. Es gibt keine Bücher, die ich mal geliebt habe, aber jetzt hasse. Das sind doch keine Ex-Freunde, Mensch! So ne Scheißfrage.

Tag 9: Mein erstes Buch.



Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer. Da gibt es nichts, und wirklich gar nichts, hinzuzufügen. Ist schließlich so'n Über-Klassiker der Kinderliteratur. Aber eine kleine Anekdote hab ich, falls es wen interessiert. Die Axt hat mit diesem Buch das Lesen gelernt: als der Großvater des ständigen Vorlesens müde wurde, beharrte die kleinkindtrotzige Axt darauf, das dann eben selbst zu können. Um nicht länger von den vernachlässigenswerten Befindlichkeiten des gebeutelten Großvaters abhängig zu sein! Dem armen Mann blieb also nichts anderes übrig, als dem ungeduldigen Balg beizubringen, wie das mit dem Lesen so geht. Zum Glück war er von Beruf – man ahnt es – Deutschlehrer.

Seitdem ist ein Buch mein ständiger Begleiter. Und mein allererstes Exemplar von Jim Knopf besitze ich bis heute, sogar der Einband ist noch dran. Dafür, dass es bald 30 Jahre auf dem Buchrücken hat, ist es in verhältnismäßig besserem Zustand als ich.

Donnerstag, 17. Juni 2010

Tag 8: Ein Buch, das mich an einen Ort erinnert.



Wenn ich die Kriterien ein wenig erweitere, gibt es höchstens ein Buch, das mich an sowas ähnliches wie einen Ort erinnert: an die ICE-Strecke zwischen Berlin und Hamburg. Eine Zeitlang bin ich die oft gefahren, und dieses Reisegefühl verbinde ich akustisch ganz eindeutig mit Massive Attack (Mezzanine) und literarisch eher vage mit Ein Fall für Kay Scarpetta von Patricia Cornwell. Die Scarpetta-Reihe erfreut sich ja weltweit einer riesigen Fangemeinde, und auch ich habe einige Bände gelesen. Dieser hier blieb mir im Gedächtnis, weil er wirklich spannend ist. Nullkommnix war die Zugfahrt vorbei.

Wie immer geht es bei Kay Scarpetta um Mord (sie ist halt Pathologin), gerne auch inklusive Serienkiller und seltenen psychischen Störungen. Hier hat es mal wieder jemand auf Frauen abgesehen, die er in ihren eigenen Häusern überwältigt und brutal tötet. An sich kein Brüller von Storyline, aber die Cornwell hat ihre Hausaufgaben gemacht und erzählt atmosphärisch dicht mit glaubhaften Figuren. Mädels mit viel Einbildungskraft werden sich nach der Lektüre allein zuhause eventuell nicht ganz so wohlfühlen.

Mittwoch, 16. Juni 2010

Tag 7: Ein Buch, das mich an jemanden erinnert.



Leck mich am Arsch, ist das anstrengend. Dieses permanente Nachdenken über Bücher macht mich ganz ungehalten. Sagt mal, wollt Ihr überhaupt, dass ich diese Aktion bis zum Ende durchziehe? Oder ist die langweilig für Euch? Macht ja keinen Sinn, wenn ich mir hier das Hirn zerbreche, und am Ende liest das kein Mensch. Also bitte an dieser Stelle Meinung sagen, ja? Danke.

So, zum Thema: Ein Buch, das mich an jemanden erinnert, ist In the cut von Susanna Moore. Damals war ich unheimlich verliebt, und was gibt es Schöneres, als diesen wunderbaren Zustand mit einem Roman über einen sadistischen Serienkiller zu unterfüttern?

Die Protagonistin lebt allein in New York, ist Lehrerin für Linguistik und, sagen wir, sexuell aufgeschlossen. In einer Bar beobachtet sie heimlich ein Intermezzo zwischen einer rothaarigen Schönheit und einem Typen, dessen Gesicht aber verborgen bleibt. Nicht viel später wird der Kopf der Schönen in der Nachbarschaft der Lehrerin gefunden und sie von einem ziemlich coolen Detective befragt, mit dem sie eine Affäre beginnt. Dumm ist nur: die Anzeichen mehren sich, dass der Polizist der Killer sein könnte. Doch unsere schräge Lehrerin ist schon viel zu tief drin im Verwirrspiel – und der Kreis der Bedrohung wird langsam immer enger.

In the Cut, zu deutsch Aufschneider betitelt, ist ein harter, präzise geschrieber Thriller mit undurchsichtigen und nicht unbedingt sympathischen Figuren. Allerdings liegt in dieser Härte aufgrund Moores ungewöhnlichem Schreibstil auch eine gewisse raue Poesie. Die Absichten und Motivationen der Protagonisten werden nicht immer erläutert oder verstehbar gemacht, was insgesamt zu einem sehr stimmigen und leicht verstörenden Gesamtbild beiträgt. Ich mochte den Roman gerne genug, um ihn drei Mal zu lesen.


Vor einigen Jahren wurde er mit einer erstaunlich unspießigen Meg Ryan verfilmt (allerdings war ich überhaupt nicht einverstanden mit dem abgewandelten weichgespülten Finale), hier ein Ausschnitt:

Montag, 14. Juni 2010

Tag 6: Ein Buch, das ich nur ein Mal lesen kann...

...egal ob ich es hasse oder nicht.

Also bitte, was sollen denn diese Umkehrfragen. Lieblingsbuch, Hassbuch, oft lesen, selten lesen. Willst Du mit mir gehen, ja nein vielleicht. Na schön, ich antworte und spare mir trotziges Verweigerungsgehabe.

Ich stelle also fest: Ich kann Die Vermessung der Welt von Tag 1 nicht nochmal lesen. Tatsächlich würde ich gerne wissen, ob die wahnsinnig vielen Menschen, die das Buch gekauft haben (Bestseller-Alarm an dieser Stelle), es ebenfalls nur ein einziges Mal gelesen haben. Das würde mich irgendwie trösten.

Ich jedenfalls habe letztlich an diesem Roman geknabbert wie an einer Karotte, die man lediglich in einem Anfall von Gesundheitsbewusstsein in die Lunchbox gelegt hat. Dem Buch ging jede Spannung ab. Und ich brauche Spannung – schöne Sprache hin, hintergründiger Humor her. Entweder die oder eine große Portion zynische Alltagsbeobachtungen.

Tag 5: Ein Buch, das ich immer wieder lesen könnte.



De facto tue ich das regelmäßig. Also, Bücher immer und immer wieder lesen. Ein heißgeliebtes Stück Literatur nochmals zur Hand zu nehmen, ist nämlich ein klein wenig wie nach Hause kommen. Die Protagonisten grüßen Dich wie einen alten Freund, im Satzbau verläufst Du Dich erst gar nicht mehr und Deinem reizüberfluteten Alltag zum Trotz bleibt die hermetisch versiegelte Welt Deines Buches eine tröstliche Konstante, über Jahre hinweg, über Jahrzehnte, für immer.

Ich besitze etliche Bücher, die ich sehr oft gelesen habe, aber eines der abgegriffensten Werke in meinem Bücherhaufen dürfte mit Sicherheit High Fidelity von Nick Hornby sein. Der Humor, die Wahrhaftigkeit und die Wärme, die diesem Buch eigen sind, lassen mich an deprimierteren Tagen zielgerichtet nach dem verschrammelten roten Einband Ausschau halten. Hier gibt es ein ausführlicheres Posting dazu.

Tag 4: Mein Hassbuch.



Nein, dies ist es nicht, das Hassbuch. Das ist nur die Hinleitung. Auf die Gefahr hin, widerlich anmaßend zu klingen: ich hasse gar kein Buch.

Zugegeben, hier und da packt mich mal eine Art fassungslose Verachtung, aber im Grunde genommen waren mir auch dieses Bücher ein perverses Vergnügen, weil meiner Abneigung eine gewisse Leidenschaft innewohnte. Hat ja auch was.

Tag 3: Mein Lieblingsbuch




Ist das jetzt nicht ein Ding? Sollte ich mich tatsächlich aufraffen, einen neuen Artikel zu verfassen? Wie wird der Börsenmarkt auf diese Ankündigung reagieren?

Okay. Gut. Mein Lieblingsbuch. Das ist eine Frage, die mir in meiner Tätigkeit als Axt nicht sooo selten gestellt wird, und immer setzt sie mich dermaßen unter Druck, dass ich den Fragesteller am liebsten dafür ohrfeigen würde, mich in eine so unangenehme Situation gebracht zu haben.

Das liegt nicht daran, dass da ein unheimlich peinlicher Romantikschinken inkl. unheimlich gräßlichem Cover auf der Nummer 1 sitzt, sondern es ist einfach so: ich habe kein Lieblingsbuch. Wirklich nicht. Was Literatur angeht, bin ich skandalös promisk. Ich bevorzuge die Affäre, nicht das Eheversprechen. Strohfeuer statt Langzeitbeziehung. Und so weiter.

Es ist ja nun so, dass unterschiedliche Lebensphasen, Stimmungen, Anlässe oder Uhrzeiten jeweils unterschiedliche Ansprüche an die begleitende Literatur stellen. Oder wer von Euch liest im frischverliebten Hormonrausch begeistert Houellebecq?

Aber weil ich andererseits kein Spielverderber sein will bin, habe ich immerhin eine kleine willkürliche Liste einiger All-Time-Evergreens angefertigt, generöserweise mit Link zur passenden Rezension:


David Foster Wallace: A supposedly fun thing I'll never do again. 

Neil Gaiman: Anansi Boys.  

Haruki Murakami: Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt. 

Willy Russell: The Wrong Boy. 

Arto Paasilinna: Der wunderbare Massenselbstmord. 

Donnerstag, 20. Mai 2010

Tag 2: Welches Buch ich als Nächstes lesen will.



Letztens unterhielt ich mich mit einem Menschen darüber, dass man Kurzgeschichtenbände oft nur einigermaßen etablierten Autoren zugesteht. Mir fällt gerade kein zeitgenössischer Schrifsteller ein, der als Debüt eine Sammlung von Kurzgeschichten vorgelegt hat. Ich glaube, das liegt in erster Linie an den Verlagen: Kurzgeschichten verkaufen sich nämlich nicht so toll.

Warum dem so ist, darüber kann ich an dieser Stelle nur spekulieren. Ich schätze, die meisten Menschen bevorzugen einfach Romane – weil man sich in einen solchen tiefer fallen lassen, vermeintlich intensiver in die Handlung eindringen kann. Vielleicht auch das vage Gefühl, dass man von einem Roman "einfach mehr hat". Mehr Buch. Mehr Entspannung. Mehr Vergnügen. So in etwa stelle ich mir das vor.

David Foster Wallace ist (oder traurigerweise: war) bekanntermaßen auch ein Meister der kurzen Form. Ich vergötterte seinen Kreuzfahrt-Essay so sehr, dass ich mich zu einem Liebesbrief hinreißen ließ. Entsprechend hohe Erwartungen habe ich an Kleines Mädchen mit komischen Haaren.

Schalten Sie wieder ein, wenn es heißt: Noch mehr peinliche Liebessschwüre an Mr Wallace.


(Ihr merkt schon: ich versuche, mir selbst ein Schnippchen zu schlagen, indem ich unauffällig mehrere Aufgaben an einem Tag abkaspere. Betrachte man es als lachhaften Versuch, meine Abwesenheit in der nächsten Woche zu kaschieren.)

Tag 1: Das Buch, das ich zur Zeit lese.



Die Vermessung der Welt von Daniel Kehlmann.

Man darf mich meinetwegen oberflächlich nennen, aber Romane mit historischen Themen sind nicht gerade meine Tasse Tee. Auch nicht, wenn sie wie Die Vermessung der Welt globale Erfolg zu verzeichnen haben. Deshalb schlug ich das Werk in der Buchhandlung nur so nebenbei auf. Weil mir das Cover ausnahmsweise mal gefiel (gut gemacht, Rowohlt). Ja, Schande über mein Haupt. Von mir aus.

Ich las die erste Seite, Kehlmanns Schreibstil packte mich, ich kaufte das Ding. Gegenstand des Buches ist die fiktive Biografie des Mathematikers Carl Friedrich Gauß und des Naturforsches Alexander von Humboldt. Kehlmann verflicht die Lebensläufe der beiden Ausnahmewissenschaftler zu einer amüsanten, ironisch erzählten Mischung aus Fiktion und Fakt.

Besonders gut passt dazu, dass fast alle Dialoge in indirekter Rede gehalten sind. Das finde ich eine sehr elegante Lösung; sie unterstreicht formal die Distanz des Erzählers zu seinen Protagonisten.

Derzeit befinde ich mich im letzten Drittel des Buchs und muss gestehen: es gefällt mir richtig gut. Das Thema ist kurzweilig und amüsant verpackt, die Langeweile darf draußen bleiben, und ich denke darüber nach, mich von einem weiteren Vorurteil zu trennen.

31 Tage – 31 Bücher.

Kürzlich entdeckte ich bei my life in reverse ein Projekt, das ich extrem mitmachenswert finde.
Es heißt 31 Tage – 31 Bücher und passt hierher wie die Faust auf's Auge.

Ich muss Euch gleich gestehen: ich schaffe es keinesfalls, so viele Artikel in so wenigen Tagen zu posten, zumal ich eine stinkfaule Amöbe nächste Woche auf Reisen bin – aber ich mümmele mich halt nach und nach durch. Übermäßige Hektik zeichnete mich sowieso noch nie aus.

(Und ehrlich gesagt frage ich mich ja immer, wie die anderen Buchblogger es schaffen, trotz Job, Privatleben und Nahrungsaufnahme so oft zu posten. Schlafen die nie? Bewunderswert.)


Tag 1 – Das Buch, das du zurzeit liest
Tag 2 – Das Buch, das du als nächstes liest/lesen willst
Tag 3 – Dein Lieblingsbuch
Tag 4 – Dein Hassbuch
Tag 5 – Ein Buch, das du immer und immer wieder lesen könntest
Tag 6 – Ein Buch, das du nur einmal lesen kannst (egal, ob du es hasst oder nicht)
Tag 7 – Ein Buch, das dich an jemanden erinnert
Tag 8 – Ein Buch, das dich an einen Ort erinnert
Tag 9 – Das erste Buch, das du je gelesen hast
Tag 10 – Ein Buch von deinem Lieblingsautoren/deiner Lieblingsautorin
Tag 11 – Ein Buch, das du mal geliebt hast, aber jetzt hasst
Tag 12 – Ein Buch, das du von Freunden/Bekannten/… empfohlen bekommen hast
Tag 13 – Ein Buch, bei dem du nur lachen kannst
Tag 14 – Ein Buch aus deiner Kindheit
Tag 15 – Das 4. Buch in deinem Regal v.l.
Tag 16 – Das 9. Buch in deinem Regal v.r.
Tag 17 – Augen zu und irgendein Buch aus dem Regal nehmen
Tag 18 – Das Buch, mit dem schönsten Cover, das du besitzt
Tag 19 – Ein Buch, das du schon immer lesen wolltest
Tag 20 – Das beste Buch, das du während der Schulzeit als Lektüre gelesen hast
Tag 21 – Das blödeste Buch, das du während der Schulzeit als Lektüre gelesen hast
Tag 22 – Das Buch in deinem Regal, das die meisten Seiten hat
Tag 23 – Das Buch in deinem Regal, das die wenigsten Seiten hat
Tag 24 – Ein Buch, von dem niemand gedacht hätte, dass du es liest/gelesen hast
Tag 25 – Ein Buch, bei dem die Hauptperson dich ziemlich gut beschreibt
Tag 26 – Ein Buch, aus dem du deinen Kindern vorlesen würdest
Tag 27 – Ein Buch, dessen Hauptperson dein „Ideal“ ist
Tag 28 – Zum Glück wurde dieses Buch verfilmt!
Tag 29 – Warum zur Hölle wurde dieses Buch verfilmt?
Tag 30 – Das Buch, das du zurzeit liest
Tag 31 – Das Buch, das du als nächstes liest/lesen willst

Freitag, 7. Mai 2010

Das Buch-Camp.

Da behaupten die ganzen Intellektuellen ständig, es würde zu wenig gelesen, und alle Welt hätte deshalb lediglich noch einen Pipi-Kaka-Wortschatz –  und die Jugendlichen, ach!, diese Jugendlichen verwahrlosen sexuell und sprechen nur noch in SMS, verstehe die mal einer. So oder ähnlich wird in der Öffentlichkeit lamentiert.

Ich habe mir deshalb ein Konzept überlegt, dass ich gerne der Bundesregierung oder RTL II verkaufen würde, um damit Millionen zu scheffeln. Es ist nämlich so, dass ich in jahrelangen, repräsentativen Studien unter Einsatz meines eigenen Lebens herausgefunden habe, wie man Menschen zum Buch bekehrt. Gewaltfrei, versteht sich.

Der Ansatz funktioniert so. Man sucht sich eine Gruppe sexuell verwahrloster Jugendlicher, gerne aus prekären Verhältnissen. Und die müssen dann einen Monat lang werktags von 6-9 Uhr morgens in ausgewählten Linien der Berliner U-Bahn mitfahren. Freilich ohne Handy und immer einzeln. Es ist nämlich folgendermaßen – im morgendlichen Berufsverkehr einiger Bahnlinien sitzen die härtesten und aggressivsten Leser der Welt. Die infiltrieren mit der Zeit auch den beharrlichsten SMS-Schreiber. Denn diese Hardcore-Leser haben verstanden, dass ein Buch die EINZIGE dauerhaft funktionierende Waffe gegen die lebensfeindliche Umgebung der Berliner U-Bahn darstellt.

Ich erläutere: Der Mikrokosmos der BVG wird von Wahnsinn, Gestank und Lärm unterschiedlichster Quellen dominiert, dessen Zusammensetzung sich im schlimmsten Fall bei jedem Halt neu generiert. Zum Beispiel steigt am Kottbusser Tor der krätzige, inkontinente, lallende Junkie auf Horrortrip zu. Am Moritzplatz steigt er wieder aus, nicht ohne vorher saftig auf den Boden gerotzt zu haben. Abgelöst wird er vom schlechtesten Akkordeonspieler auf Gottes Erden, der den Fahrgästen zwecks Kollekte seinen speckigen Pappbecher ins Nasenloch rammt. Zwischendurch immer wieder die unvermeidlichen Obdachlosenzeitungsverkäufer, unterbrochen von Kreuzberger Schulklassen auf Exkursion. Das ein oder andere kreischende Alkoholikerpaar. Die ganze Szenerie liegt unter einem beharrlichen Filter von sanftem Dönernebel.

Und das alles VOR Ankunft am Arbeitsplatz. Fakt ist: wer bei Verstand bleiben will, muss zum Buch greifen. Der MP3-Player übertüncht womöglich den Lärm, aber nicht den Gestank und nicht den Anblick. Ein wirklich gutes Buch dagegen ist ein Bollwerk. Schlägt man den Buchdeckel auf, schlägt die Tür zur Außenwelt zu – die ganzen Penner und Irren müssen draußen bleiben. Dies ist, sofern man nicht Dalai Lama heißt, die einzige Möglichkeit, in den Öffentlichen sein seelisches Gleichgewicht zu bewahren.

Entsprechend grimmig klammert sich der Fahrgast an sein Buch. So konzentriert und stur habe ich selten Menschen lesen sehen. In der Berliner U-Bahn wird nicht selten so verzweifelt oder mit kalter Wut gelesen, als hinge das eigene Leben davon ab. Und das stimmt ja irgendwie auch.

Darauf basiert jedenfalls mein Boot-Buch-Camp für Pubertierende: Handy weg, Player weg, reinschubsen in die Bahn und Tür zu. Einzige Ausstattung ist ein Jutebeutel mit fünf ausgewählten Titeln drinne. Friss oder stirb ist das zugrundeliegende Prinzip. Das muss vier Wochen durchgezogen werden, damit das Anfixen auch klappt.

Da guckste, Reich-Ranicki.

btw: lol.

Donnerstag, 6. Mai 2010

Cock Girl.

Ob denn nun ein Comic, oder schöner gesagt, eine Graphic Novel, Literatur ist oder nicht, an dieser Frage entflammen immer wieder die allerschönsten, allerhitzigsten und allerüberflüssigsten Diskussionen. Überflüssig für mich persönlich, denn ich finde: das ist doch wohl vollkommen mumpe. Denn in den letzten Jahren bemächtigte sich meiner eine spirituelle und allumfassende Toleranz gegenüber den unterschiedlichen Daseinsformen einer Botschaft. Auch wenn sie optisch direkt von der Müllhalde zu kommen scheint.

Ich mag Trash. Weil dessen Interpretation dem Denker so unendlich viel Freiheit lässt. Ein Spielplatz für Theorien quasi. Und hiermit erkläre ich den heutigen Donnerstag zum offiziellen Axt-Tag-der-kuriosen-Postings.



Sicherlich keine Graphic Novel:  
Cock Girl.
{Klicken zur Vergrößerung.}


Bastelstunde, Teil whatever.




Hallo Lieblingspublikum. Der Leo hat mir einen Beitrag zu Michael Lentz' Roman Pazifik Exil geschickt, den ich Euch hiermit ohne weiteres Geschwätz weiterreiche. Lediglich den Klappentext würde ich zur Erläuterung noch voranstellen wollen:

"Viele Intellektuelle und Künstler flohen während der Herrschaft der Nationalsozialisten ins Exil an die amerikanische Pazifikküste. Michael Lentz findet mit den Mitteln der Erinnerung und der Fiktion diese Leben wieder, in denen jeder Blick an der Vergangenheit haftet, die Gegenwart des Exils aber im Gegenlicht der Verunsicherung steht: Heinrich Mann überquert die Pyrenäen; Brecht verabschiedet sich im Gedicht von einer verstorbenen Mitarbeiterin; Feuchtwanger streitet sich im Geiste mit Thomas Mann über Pelikane und entdeckt seltsame Zeichen in seiner Bibliothek; Thomas Mann wimmelt einen Reporter ab, der in sein Haus geschlichen war; Schönberg trauert einem verliehenen Sessel nach, den er längst zurückbekommen hat."


{Und los geht's mit dem Gastbeitrag.}

Einst wunderte es mich, wieso der Goethe 3 Einleitungen zu seinem Faust brauchte – lag wohl in seinem Bezug zu dieser Krümelkackerei von wegen gut & böse. Das Exildingens wär wohl demnach mein Pendant dazu, konkreter: dieses Buch mit den Palmen & der verlockenden Form des Wortes Pazifik Exil.

Und wärmstens ins Bilde gerückt:

"Minus dreiundreißig Grad. Rekordtief. Zahlreiche Tote bei Auffahrunfällen. Die Straße mit einer Abfahrtspiste verwechselt. Schnee schippen oder Tee drinken. Für beides keine Zeit. Also noch früher raus als gestern. Den Hals brechen. Der Schnee liegt mittlerweile so hoch, der hat sich jetzt so aufgetürmt, in eine Höhe begeben, der ist so hoch geweht worde, dahin folgt kein Fahrzeug mehr, kein Kettengerät. Hier herrscht Naturgewalt. Man möchte diesen Satz herausbrüllen. Den Berg hoch mit Sorgfalt und Geduld und hoch oben dann gegen die Natur anbrüllen: "Hier herrscht Naturgewalt". Das muss ganz vehement kommen, man darf sich da nichts schenken und der Natur schon gar nicht, das muss ganz raus aus der Lunge, die Lunge muss knarren, rausfliegen wollen, die Stimme versagt fast, es reißt die Stimmbänder weg, man ist sprachlos. Warum hast du den Mund offen, fragt man sich. Warum stehst du mit offenem Mund denn da, ohne ein Wort zu sagen, ein Sterbenswörtchen." (aus: Pazifik Exil, S. Fischer Verlag, FfM 2007)

Und des weitet der dann zu einem erst kapitelfüllenden, dann Jahre und Persönlickeiten umfassenden Rahmen, der wie eine Honigschleuder zuerst süssen, dickflüssigen, dann erstickend klebrigen, emotionsgeladenen Lesestoff extrahiert. Freaky, lyrisch, amüsant, belastend, authentisch, fragwürdig, lesenswert: passt alles, gleichzeitig.

Für alle, die der Politik schwachsinnig gegenüber eingestellt sind, weil, das ist sie nunmal in anbetracht der eigenen Abgründe. Und für die, die das dann auch mal aushalten, dieses mit sich selbst beschäftigt sein. Für alle Todesmutigen, die sich darauf einlassen und denen im letzten Fünftel die emotionalen Stimmbänder zu reißen drohen: Durchhalten! Alles andere zu diesem Monster gibts bei den langweiligen Buchkritiken wonanders im Internet.

Donnerstag, 22. April 2010

Helen FitzGerald: Furchtbar lieb.



Ein Buch mit einer Axt auf dem Cover – da könnte man glatt eine gewisse Voreingenommenheit erwarten, vor allem nach dem letzten Eintrag. Aber was soll’s, ich bin bekennender Fan dieses Romans und erlaube mir dreist, die ersten Sätze zu zitieren:

"Manche Menschen finden auf einen Schlag zu sich selbst, wie bei einer Explosion. Ich selbst habe Stück für Stück zu mir selbst gefunden, mehr oder weniger durch eine Reihe von Zufällen. Das erste Stück habe ich in einem Zelt auf dem West Highland Way gefunden. Meine beste Freundin Sarah schlief. Ihr Mann lag neben ihr, und ich schluckte sein Sperma. Ich entdeckte das nächste Stück von mir am Grund einer Klippe, als ich Sarahs toten Körper dort entlangschleifte, während ihr Kopf gegen die Felsen schlug.“

Das sagt uns: zarten Gemütern gefällt Furchtbar lieb aller Wahrscheinlichkeit nach weniger. Krass, sperrig, unbarmherzig und in nicht geringen Teilen echter Splatter, so präsentiert Helen FitzGerald ihre Geschichte um die durchgeknallte Krissie, die sich seelenlos durch die Gegend vögelt und bei einer Ecstasy-Orgie auf Teneriffa ungewollt schwanger wird, und ihre beste Freundin Sarah, eine Vorzeige-Ehefrau, die sich nichts sehnlicher wünscht als ein Kind, deren Eierstöcke ihr aber hartnäckig den Dienst versagen.

Ich spreche das Offensichtliche aus, wenn ich feststelle: das gibt Stress. Krissie ist als Mutter nicht gerade ein Hauptgewinn, Sarah ruiniert ihre Ehe mit gnadenloser Zeugungswut – und der Campingurlaub, der Krissie und dem gebeutelten Ehepaar endlich die verdiente Auszeit verschaffen soll, gerät zum sprichwörtlichen Höllentrip.

Mir gefällt, wie geschickt die Erzählstränge verflochten sind. Vermeintliche Nebenschauplätze unterfüttern mit fortschreitender Handlung die psychologischen Strukturen der Protagonisten, erläutern einzelne Motivationen und führen einigermaßen elegant zum furiosen Finale hin. Man darf das Buch jetzt nicht zu arg sezieren, sonst verdirbt man sich selbst den Spaß. Eher empfehle ich, gnädig über den einen oder anderen küchenpsychologischen Ansatz hinwegzusehen und sich stattdessen der beträchtlichen Spannung hinzugeben, die diese rasante Geschichte aufzubauen vermag. Ich habe Furchtbar lieb an einem einzigen Abend gelesen, weil ich es kaum aus der Hand legen konnte. Das passiert mir eher selten. Und mehr will ich an dieser Stelle auch gar nicht verraten.

Mittwoch, 21. April 2010

Lea Wilde: Männer aus zweiter Hand




Oh bitte, lieber Fischer Verlag, tut es Dir nicht mal ein kleines bißchen leid um die armen Bäume, die für diesen ungeheuer spritzigen Blödsinnsschund sterben mussten? Erscheinen Dir keine betrogenen Kundinnen im Schlaf, die zornig ihr Geld zurück fordern? Kannst Du morgens noch in den Spiegel schauen?

Diese oder ähnliche Gedanken gingen mir bei der Lektüre des Romans Männer aus zweiter Hand durch den Kopf. Nicht, dass mich das überrascht hätte, ich hege nicht erst seit heute eine gesunde Abneigung gegen Freche-Frauen-Romane (wer einen Beweis braucht: das Label Frauenkram anklicken). Ich weiß selbst nicht, warum ich immer wieder Zeit auf solche Dinger verschwende*, aber immerhin gebe ich kein Geld dafür aus. Dieses Schmuckstück hier habe ich im Bücherregal meiner Mutter gefunden. Zu ihrer Verteidigung muss ich sagen, es sah ungelesen aus.

Kein Wunder bei dem Cover. Spinnst Du eigentlich, Fischer Verlag? Wer macht denn bei Euch die Umschlaggestaltung?! Und dann steht da auch noch "Die Frau in der Gesellschaft" als übergreifendes Thema drauf. Ich will für mich und meine Mitfrauen in der Gesellschaft schwer hoffen, dass Du Dir da einen Scherz erlaubt hast.

So, ich schreite zur Inhaltsangabe. Sarah Urban ist Mitte 30, geschieden und alleinerziehend (wobei der Fünfjährige permanent Sätze von sich gibt, die kein Fünfjähriger jemals sagen würde). Weil ihr Exmann ein Vollhonk ist, verzichtet sie fürderhin auf feste Beziehungen und schmeißt sich statt dessen als Geliebte an verheiratete Männer ran. Hervorragender und total durchdachter Plan, das. Wieso sollte frau auch ein ungebundenes Exemplar bevorzugen, wenn es doch so viel erfrischender ist, im Vorbeigehen ein paar Ehen zu zerstören?

Natürlich ist Sarah so unglaublich sexy, schlau und unabhängig, dass die Ehemänner prompt erkennen, welche langweiligen Vogelscheuchen ihre Ehefrauen eigentlich sind. Es gibt auf Erden einfach kein besseres Weib, und deshalb verknallen sich die Ehemänner zwangsläufig in die Geliebte, die übrigens nicht nur stutenbissig, sondern auch manipulativ und berechnend ist (das nur unter uns gesagt). Zur Belohnung wird am Ende alles gut für Sarah, das versteht sich doch von selbst.

Die Männerfiguren in diesem Buch sind allesamt schauderhafte, eindimensionale Abziehbilder ohne jegliche Tiefe, die Protagonistin ein selbstbezogenes Miststück, das man keinesfalls zur Freundin haben möchte. Böse Figuren finde ich im Allgemeinen ganz amüsant, aber Sarah ist ja gar nicht böse angelegt, sondern soll halt weibliche Stärke verkörpern.

Hmmm, irgendwie hat hier jemand was missverstanden beim Thema Emanzipation. Da geht es nämlich NICHT darum, dass alle Männer schwache Trottel sind und "starke" Frauen über Leichen gehen. Dafür gibt's ne Sechs. Setzen.


* plötzliche Erkenntnis: ich brauche es, mich ärgern zu können. Ist ja kein Charakterfehler.

Freitag, 16. April 2010

Spiel mir das Lied von der Uninspiriertheit

 Danke, Getty Images!




Sorry, Dudes!

Ich komm grad kaum zum Lesen und Denken. Schlimm.

Aber ich bin bald zurück – ich hoffe, es ist dann noch einer hier.

Habe noch einen mickrigen Artikel auf Lager, den krieg Ihr baldestmöglich.

Leseempfehlungen sehr, sehr gerne hier ablegen.

Donnerstag, 25. März 2010

Lyrik zum Anfassen, Teil 10.



Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber dieses Gedicht macht mich so unsagbar traurig, dass ich es nur selten lesen kann, obwohl ich es sehr mag. Komisch, damals in der Schule hat es mich kaum berührt.



Der Panther

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille -
und hört im Herzen auf zu sein.



Rainer Maria Rilke, 6.11.1902, Paris

Dienstag, 23. März 2010

David Foster Wallace: A supposedly fun thing I'll never do again.




Lieber David Foster Wallace,
bitte verzeihen Sie, dass ich mich brieflich an Sie wende. Ich nehme an, Sie haben auch jetzt noch Besseres zu tun, als Fanpost zu lesen. Nach ausführlicher Diskussion mit mir selbst habe ich beschlossen, Sie zu siezen, auch wenn Ihnen als Amerikaner dies ohnehin mumpe sein dürfte. Das Du scheint mir, auch wenn Sie sich so rücksichtslos wie ungefragt in meinem Kopf und meinem Herzen einquartiert haben und ich außerdem zu flapsigen Formulierungen neige, eine Schippe zu distanzlos.

Ich schreibe Ihnen überhaupt nur, lieber David Foster Wallace, weil ich nach der Lektüre Ihres Essays A supposedly fun thing I’ll never do again* überzeugt davon bin, niemals auch nur einen einzigen geraden Satz aufschreiben zu können. Dass ich nicht als Romancier geboren wurde, war mir soweit klar und beschert mir weder Minderwertigkeitskomplexe noch Alpträume. Aber das Beobachten und Kommentieren kann ja wohl so schwer nicht sein? Anscheinend doch. Im Vergleich zu Ihnen, nehmen Sie das ruhig für bare Münze, bin ich blind, taub und grenzdebil. Ich möchte auf der Stelle alles, was ich je geschrieben habe, zerreißen und mich in Grund und Boden dafür schämen. Halten Sie mich ruhig für theatralisch.

Eines weiß ich sicher: auf ein Kreuzfahrtschiff voller Amerikaner kriegt mich nicht einmal der Teufel persönlich, und für diese Erkenntnis bin ich Ihnen zu tiefem Dank verpflichtet. Sie sind schon ein Phänomen, mein Lieber (jetzt sind wir schon bei „mein“ und „Lieber“), weil Sie es nämlich auf irgendeine geheimnisvolle Art schaffen, Ihre Beobachtungen, die selbstverständlich genau auf die Zwölf sind, ebenso traurig wie extrem witzig zu formulieren.

Das Thema Tragik in der Komik und vice versa usw. ist ja ein alter Hut, aber ich kenne sonst niemanden, der diese beiden Pole so weit voneinander entfernt und trotzdem zusammen in einen Satz packt. Sie verleihen selbst der Beschreibung einer Unterdrucktoilette eine Metaebene – das ist geradezu unverschämt von Ihnen, denn wenn ich über ein Klo schreibe, klingt es lediglich vulgär oder gestelzt (Sehen Sie? Das Wort „Klo“ war schon der erste Fehler!). Ich muss Ihnen ja wohl kaum sagen, dass Sie ein Genie sind, denn das sagen alle anderen ja ständig, und Sie mögen das bestimmt überhaupt nicht.

Lieber David Foster Wallace, es ist schrecklich schade um Sie. Ich wünschte, wir hätten uns früher kennen gelernt. Dann würde ich dies hier in schlechtem Englisch und per Hand schreiben, es in den nächsten Briefkasten werfen und wochenlang auf Antwort warten wie damals, als ich mit 12 einen Liebesbrief an Joey von den New Kids On The Block verfasst habe oder wie damals, als ich mit 13 die vermeintliche Telefonnummer von Michael J. Fox ausfindig machte und ihm Liebesschwüre auf den Anrufbeantworter stotterte.

Ich hoffe, es geht Ihnen gut.

Sincerely yours,
the axe



* Die Übersetzung ist wirklich sehr brauchbar, auch wenn der grauenhafte Titel Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich anderes vermuten lässt.

Freitag, 19. März 2010

Grimme Online Award: Versteckte Kamera?



Die Axt hat mindestens einen Fan alter Schule! Das kann ich sogar beweisen, denn dieser Fan hat die Axt für die Nominierung zum Grimme Online Award vorgeschlagen. Gut, mit einem Vorschlag zur Nominierung ist man noch lange nicht nominiert und hat noch lange keinen Blumentopf gewonnen.

Aber es ist eine fabelhafte, ermutigende Geste und freut mich über die Maßen.

Danke, lieber unbekannter Fan, Du hast meinen Freitag perfektioniert. Wenn Du Dich glaubhaft zu erkennen gibst, schick ich Dir ein schönes Buch.

(Oder vielleicht ist dies eine von langer Hand geplante Aktion von Paola und Kurt-Felix, und sobald ich mich auf meinem Schreibtischstuhl umdrehe, springt ein Kameramann aus dem Aktenregal.)


Freitag, 12. März 2010

Manchmal möchte die Axt eine solche in der Handtasche haben.



Die Axt ist, das müsst Ihr jetzt einfach glauben, eine Nette. Sie ist lieb zu Tieren, leiht Freunden Geld und sorgt sich um die Befindlichkeiten wildfremder Menschen. Aber irgendwo ist halt Schluss. Wer glaubt, mir schon vor der Arbeit auf die Füße treten zu müssen, wird subito auf die schwarze Liste verschoben.

Dabei wollte ich mir doch lediglich den Tag mit einem Buchkauf verschönern, aber nein, selbst solche simplen Vergnügungen bleiben einem verwehrt. Ich schweife ab. Tatort: eine kleine feine Buchhandlung, die mir durch ihr ordentlich ausgewähltes Sortiment aufgefallen war. Ich also rein, Buch ausgesucht und zur Kasse gebracht. Weil ich höflich bin, grüßte ich beim Betreten des Ladens. Was von der erschreckend verkniffenen Buchhändlerin mit einem abschätzigen Blick erwidert wurde – so’n richtiges Mustern von unten nach oben. Anmerkung: ich trug nicht etwa einen neongrünen Müllbeutel mit eingewebten Straußenfedern oder einen spektakulären Kaftan aus Schweinedarm, sondern Jeans, Stiefel, Lederjacke und roten Lippenstift. Außerdem bin ich nicht hager, das suggeriert Genuss. Dies fand die Buchhändlerin aber offenbar unverschämt von mir. Zu wenig intellektuell vielleicht. Zu prollig für die heiligen Hallen.

Aufwallendes Missfallen meinerseits. Aber gut, man ist ja kein Unmensch, und jeder darf mal einen schlechten Tag haben, also legte ich mein Buch auf die Theke, schenkte der eisernen Jungfrau ein Lächeln und erkundigte mich nebenbei, ob denn schon ein Erscheinungstermin für das neue Buch von Charlaine Harris feststünde. Sie zog eine naturbelassene Augenbraue hoch und wechselte einen viel sagenden Blick mit dem blutleeren Kollegen in Breitcordhose.

– Wen meinen Sie?
– Charlaine Harris. Ich möchte gerne wissen, wann der nächste Band der Sookie Stackhouse Reihe erscheint. Das ist diese Vampirgeschichte, wissen Sie.
– Fantasy führen wir nicht. (dies mit größtmöglicher Verachtung)
– Das sehe ich, aber vielleicht würden Sie für mich in Ihrem System nachgucken. Ich könnte das Buch ja dann vorbestellen, nicht? (noch freundlich)
– Das könnten Sie wohl. (Regungslos)
– Verstehe. Hier gibt es nur richtige Literatur? (sarkastisch)
– Wenn Sie das so sehen wollen, ja. (genüsslich)
– Dann geh ich jetzt mal lieber. (verächtlich)

Ich ließ das Buch auf der Theke liegen und verließ den Laden mit Wut im Bauch: ich war an einen Büchersnob geraten. Büchersnobs sind Menschen, die glauben, sie seien Teil der intellektuellen Oberschicht und das Lesen eine so hehre Aufgabe, dass es lediglich einer selbst definierten Elite gestattet sein dürfte.

Und das ist der Grund, wieso es die Axt gibt: weil ich der unerschütterlichen Überzeugung bin, dass Lesen ein Grundrecht ist, und es darüber hinaus keine Rolle spielt, was einer liest, sondern dass er überhaupt liest. Welche Bücher einer liebt oder hasst, ist unerheblich; nur phantasielose Menschen ohne einen Funken Toleranz im Leib haben literarische Hierarchien nötig. Die einen bevorzugen eben schwere Gedanken, die anderen leichte, und die meisten setzen auf eine solide Mischung.

Es ist scheißegal, was Du liest – Hauptsache, Du hast Spaß dabei.

Dienstag, 9. März 2010

Eva Menasse: Lässliche Todsünden.



Hmmmm. Tja. Schwieriger Fall, das.

Lässliche Todsünden von Eva Menasse ist eine Kurzgeschichtensammlung, deren Einzelteile nach den biblischen Todsünden Trägheit, Gefräßigkeit, Wollust, Zorn, Hochmut, Neid und Habgier benannt sind. Eine Idee, die mir grundsätzlich gefällt, die mich jedoch sofort an David Finchers Film "Sieben" erinnert  und damit eine gewisse Erwartungshaltung erzeugt hat. Entsprechend gespannt war ich auf die Lektüre.

Wie soll ich sagen: etwa in der Mitte der zweiten Geschichte fühlte ich mich deutlich abgekühlt, um nicht zu sagen, gelangweilt. Zu öde fand ich Handlung und Figuren, zu blass, zu wenig prägnant. Weitergelesen habe ich trotzdem, aber das ist halt mein Job hier.

Denis Scheck vom ARD-Magazin "Druckfrisch" (Video hier), dessen Empfehlungen ich normalerweise mit Interesse verfolge, vertritt hingegen eine ganz andere Meinung, nämlich diese: "Der Schauplatz ihrer sechs großartigen und gleichermaßen erbarmungslosen Kurzgeschichten ist Wien. Die Protagonisten, deren gebrochene Biographien im Mittelpunkt der Erzählungen stehen, stammen allesamt aus dem Kulturbetrieb. Sinnlose Affären und ungewollt gezeugte Kinder, gescheiterte Ehen, absurde standesgemäße Verbindungen und pseudo-niveauvolle Existenzen – ironisch seziert Menasse verfehlte Lebensläufe und liefert ein entlarvendes Porträt ihrer eigenen Generation."

Das heißt wohl, dass ich Lässliche Todsünden in seiner Intention nicht verstanden habe. Weder habe ich seine Herangehensweise noch seine Protagonisten verstanden. Wenn ich mich hinsetze und über das Buch nachdenke, dann verstehe ich aber, was Scheck meint – eine gewisse elegante Subtilität baut Eva Menasse hier auf. Todsünden: diesen Begriff setzen wir mit Apokalypse, mit Drama, mit Donnerschlägen gleich, und kaum mit nicht gelebtem Leben bürgerlicher Kulturveteranen. Von Geschichten über Todsünden erwarten wir ordentlich Rumms und atemlose Unterhaltung. Da ist es quasi ein Stilmittel an sich, wenn diese Erwartungshaltung mit einer nüchternen Gesellschaftsanalyse brüskiert wird.

Wahrscheinlich ist dies der Coup der Eva Menasse; ihre Figuren ohne jede Aussicht auf Erlösung strampeln zu lassen, ohne jede Aussicht auf wahre Selbsterkenntnis. Das ist nämlich, vielleicht will uns das die Autorin fühlen lassen, die eine echte Todsünde: das eigene Leben als gigantischer Selbstbetrug. Überflüssig zu erwähnen, dass der Leser mit keiner einzigen Figur zu sympathisieren vermag. Das empfinde ich in meiner grenzenlosen leserischen Naivität normalerweise als verstörend, aber hier muss es sein, das verstehe ich, denn hier findet eine Autopsie statt.

Es bleibt mir am Ende nichts zu sagen als dies: Auf intellektueller Ebene ist Lässliche Todsünden ein großer Wurf, das ist keine Frage. Das Buch beschäftigt nachhaltig, sofern man sich darauf einlassen mag, denn es fordert auch zum in Frage stellen des eigenen Werte- und Beurteilungssystems auf. Das Nachdenken, das nach der letzten Seite eingesetzt hat, ist für mich der eigentliche Wert des Werkes.

Unterhalten hat es mich nicht.

Montag, 8. März 2010

Susanna Clarke: Jonathan Strange & Mr. Norell

 


 


Ey, ist hier noch einer?

Ich weiß, das darf man nicht erwarten, wenn man sich drei Wochen lang totstellt. Hmmm, ich könnte jetzt behaupten, ich hätte die Zeit damit verbracht, das heutige Buch zu lesen, aber das stimmt nicht. Und damit wären wir schon beim Thema: Das Ding hat über 1.000 Seiten.

Wenn ich jetzt sage: Jonathan Strange & Mr. Norell ist nichts für Feiglinge, dann liegt das allerdings weniger am Umfang des Romans, sondern an seiner überwältigenden Opulenz. Wahrlich, das Buch ist wirklich nichts für Feiglinge! Das fängt schon damit an, dass sich 1.021 Seiten als Hardcover irre schlecht transportieren lassen. Zwei Wochen lang lief ich mit einem zusätzlichen Jutebeutel herum, da dieses Brikett nicht in die Axt'sche Handtasche passte. Unhandlich. Schwer. Das Buch hat Selbstbewusstsein, das macht sich sperrig.

Und das nicht nur von außen, sondern auch von innen. Jonathan Strange & Mr. Norell spielt im England des 19. Jahrhunderts und ist auch sprachlich dort angesiedelt – sehr verspielt, sehr detailreich. Die Rahmenhandlung lässt sich folgendermaßen umreißen: Die englische Zauberei ist aus England so gut wie verschwunden. Zauberer begnügen sich mit dem theoretischen Studium des Vergangenen, und alle Magie scheint das Königreich verlassen zu haben, bis ein schräger älterer Herr aus Yorkshire vor einem fassungslosem Publikum beweist, dass die Zauberei noch immer lebt.

Der schräge ältere Herr heißt Mr. Norell und tritt alsbald eine steile Karriere als Englands einziger praktizierender Zauberer an, der sogar die Regierung in Kriegsangelegenheiten (Napoleon! Ha!)  magisch berät. Als ein zweiter Zauberer auf den Plan tritt, sieht Mr. Norell seine Alleinherrschaft gefährdet, weshalb er diesen jungen Jonathan Strange als Schüler unter seine Fittiche nimmt. Klassischer Fall von Kontrollwahn.

Strange jedoch ist eines ganz anderen Geistes Kind als sein trockener Lehrmeister, und seine Faszination vom größten Zauberer aller Zeiten, dem mysteriösen "Rabenkönig", dem verkniffenen Mr. Norell ein steter Dorn im Auge. Es kommt, wie es kommen muss – die beiden Zauberer entzweien sich und werden zu bitteren Kontrahenten.

Es ist wohl so, dass man dieses Buch liebt oder hasst. Dazwischen gibt es nicht viel. Jonathan Strange & Mr. Norell ist kein Burger, sondern ein 5-Gänge-Menü, und zwar ein französisches. Den tatsächlichen historischen Rahmen und die eigene Fiktion verknüpft Susanna Clarke so gekonnt und raffiniert, dass es eine helle Freude ist (inklusive einiger erhellender Einsichten über Napoleons Kriegstaktik und deren magische Vereitelung durch die beiden Zauberer). Zahlreiche Fußnoten garnieren die Story aufs Unterhaltsamste – diese Ergänzung findet man nur toll oder nur nervig. Ich find's toll, weil gewagt und gewonnen.

Vielleicht nur eine weitere Fußnote, aber ich finde sowas ja wichtig: Das Buch ist in zwei Ausführungen erhältlich, nämlich in schwarz und weiß, wobei das Hardcover so richtig was hermacht. Sehr schöne Gestaltung. Allerdings dürfte die broschierte Version leichter zu handhaben sein.

Ein wahllos herausgegriffener Satz lautet: "Sie trug ein Gewand in der Farbe von Stürmen, Schatten und Regen und ein Halsband aus gebrochenen Versprechen und Bedauern."

Wem das gefällt, der sollte dringend zugreifen.

Donnerstag, 18. Februar 2010

Philipp Sonntag: Ketzermusical.




Letztes Wochenende war ich endlich mal wieder auf einer Lesung. Memo an mich: Man müsste das wirklich sehr viel öfter machen. Die Lesung fand außerdem statt im fabelhaften Cafe Melusine in Neukölln (das ich ohnehin jedem Menschen auf der Welt ans Herz lege), also fühlte ich mich doppelt motiviert.

Das Buch: Ketzermusical von Philipp Sonntag. Ja, das ist der Schauspieler aus der „Lindenstraße“, der mit Ketzermusical seinen ersten Roman vorgelegt hat. Das Buch spielt in Neukölln und München und erzählt die Geschichte des alternden Drehbuchautors Harry, der seine persönliche Erlösung in der Beziehung mit der jungen afrikanischen Asylbewerberin Turchu sucht. Harry trägt einen ausgewachsenen Schuldkomplex mit sich herum, den er aufzulösen sucht, indem er sich als Erretter der jungen Afrikanerin generiert. Aber die Liebschaft entwickelt sich schon bald zum zerstörerischen Alptraum, denn Turchu wird immer wieder von Anfällen von Wahn und Aggression heimgesucht, die Harry zunehmend zerrütten. Verlassen will er das Mädchen trotzdem nicht, gäbe er doch damit seine eigene Utopie von bedingungsloser Liebe auf.

Ich hatte vor allem eine Schwierigkeit mit dem Roman: es gibt darin keine einzige sympathische Figur, die dem Leser als Identifikationspunkt dient. Alle Protagonisten fühlen sich schwer beschädigt an, was eine unüberwindliche Distanz zu ihnen herstellt. Wenn das gewollt war, dann ist es gelungen. Mich persönlich irritiert es stets, wenn ich trotz aller Spannung und dem Wissen-wollen-was-gleich-passiert (und spannend ist das Buch!) keiner Figur so nahe komme, dass ich ihre Motivation verstehe. Entsprechend zwiespältig bleibe ich zurück: sprachlich und thematisch ist das ein ungewöhnlicher und konsequenter Roman mit vielen guten Gedanken und offenen Enden, über die es sich zu philosophieren lohnt. Andererseits hat er mich auf Distanz gehalten, aber so was ist eben Geschmackssache.

Die Lesung selbst war toll. Philipp Sonntag als altgedienter Schauspieler hat seinem Buch das Leben eingehaucht, das ich beim Lesen vermisst habe. Nun ist er ja auch Bluesmusiker und hat seinen Vortrag entsprechend musikalisch untermalt, was ich wirklich gelungen fand. Unterstützt hat den Autor dabei die afrikanische Sängerin Grace Kathomi Guye mit eigenen Liedern. Das Cafe Melusine ist ziemlich kompakt, was für eine ziemlich intime Atmosphäre gesorgt hat – in diesem Fall war das der Lesung sehr zuträglich.

Jetzt fällt mir kein kluger abschließender Satz ein. Na, was soll's.

Dienstag, 16. Februar 2010

Axolotl Roadkill: Der Hype frisst seine Kinder.



Das ist übrigens ein Axolotl.


Aufmerksam verfolgte ich den stetig ansteigenden, am Ende tosenden Hype um die adoleszente Autorin Helene Hegemann und ihr Debüt Axolotl Roadkill. Immer, wenn sich die Feuilletonisten überschlagen, werde ich zuerst skeptisch und dann trotzig. Liegt wahrscheinlich daran, dass sie sich nie wegen mir überschlagen – ein psychoanalytisches Problem, vermute ich.

Jedenfalls habe ich mich aufgrund der medialen Verseuchung nicht überwinden können, das Buch zu kaufen oder auch nur zu lesen. Ging mir mit Feuchtgebiete auch schon so. Okay, es war also wie oft: da kommt ein junges Mädchen des Weges und schreibt wortgewandt und zynisch über Dinge, von denen junge Mädchen zum einen im normalen Leben nicht so arg viel wissen und zum anderen nicht so wortgewandt und zynisch sind. Das schafft Aufmerksamkeit. Generell scheint man Kindern und Jugendlichen Lebenserfahrung oder auch Lebensklugheit insofern abzuerkennen, dass es eine unerhörte Sensation ist, wenn so ein unverbrauchtes Wesen mit einer Portion Härte um die Ecke biegt.

Diese Mechanik finde ich extrem vorhersehbar, und der Kulturbetrieb fällt subito darauf herein. Dreckiges Thema kombiniert mit Fast-noch-Kind: lecker. Gut, nun gönne ich so ziemlich jedem Autoren den Erfolg. Jeder, der privat oder beruflich gewohnheitsmäßig schreibt, kennt die Qual, die hinter so ein paar Seiten Text stecken kann. Schön, wenn man damit Öffentlichkeit generiert. Ehrlich.

Nun begab es sich aber so: nachdem erst einmal alle großen Tageszeitungen und Magazine in gerührte Weinkrämpfe über ihre sensationelle Entdeckung ausgebrochen sind, betritt das Blog Gefühlskonserve die Bühne und bezichtigt die Hegemann des Plagiats. Eine Seifenoper allererste Güte. Offenbar hat sich die Autorin à la Wühltisch bei diversen Werken bedient: bei der Gefühlskonserve belegt man dies konkret für den Roman "Strobo" des Bloggers Airen, indem Textstellen direkt miteinander verglichen werden. In Axolotl Roadkill fehlen jedoch die üblichen Quellenangaben.

Die ganze Chose schlägt Wellen, der Verlag entschuldigt sich, die Autorin entschuldigt sich, die einst freudigen Rezensenten fühlen sich vermutlich ernüchtert und in Katerstimmung. Und ich kann mich immer noch nicht zum Lesen überreden, sondern begnüge mich mit allerlei Leseproben und sporadischem Mitlesen in der U-Bahn.

Dass die Hegemann nun Teile des Buches geklaut hat, sagt mir irgendwie gar nichts. Mal ehrlich, das Mädchen ist 17. Meine böse Theorie: sie fand diese Textstellen passend und dachte halt, das wird keiner merken. Pech gehabt. Die Presse erklärt den peinlichen Fehltritt gerne mit der These, die Autorin gehöre nun einmal zu einer Generation, für die das "Samplen" ganz normal sei, und heutzutage wüchsen die Kinder eben damit auf, dass das Netz als großer Selbstbedienungsladen erscheine usw usw.

Das Plagiat wird also kulturell erklärt. Dabei ist es doch bloß ein schnöder Klau, der leider Gottes aufgeflogen ist. Wär ja auch zu schön gewesen, dass da ein Teenagermädchen vom geistigen Olymp herabsteigt und uns langweiligen Kultursnobs mal so richtig die Seele zurechtrückt. Ja, das wäre schön gewesen.

Dabei will ich eigentlich nur wissen, ob das Buch, wenn man den ganzen Medienschmodder mal wegwischt, wirklich lesenswert ist. Ist es?