Freitag, 11. Dezember 2009

Visuelle Leseproben





Zugegeben: ich bin faul. Manche würden sogar behaupten: stinkfaul. Deshalb freue ich mich immer ganz außerordentlich, wenn ich mit keinem Aufwand ein passables Ergebnis erziele. Und obwohl das Lesen als lebenswichtig erachtet werden kann, ödet es mich meistens an, unzählige Leseproben durchzuwühlen, um neuen Stoff ausfindig zu machen.

Aus diesem Grund bin ich sehr angetan von dem kürzlich entdeckten Zehn Seiten Projekt. Hier lesen Autoren zehn Seiten aus dem eigenen Werk, und zwar auf Video. Das ist manchmal sehr lustig anzusehen, manchmal ein wenig rührend, manchmal so fesselnd, dass man sich wünscht, der oder die läse jetzt bitte das komplette Buch vor.

Schöne Idee. Angucken.

Donnerstag, 10. Dezember 2009

Banana Yoshimoto: Tsugumi









Heute komme ich mal sofort zum Punkt: Dies ist die Geschichte vom letzten gemeinsamen Sommer zweier japanischer Mädchen auf der Halbinsel Izu. Die Ich-Erzählerin Maria ist ein höfliches, empathisches, fleißiges Wesen, ihre Freundin Tsugumi das teuflische Gegenteil. Zusammen aufgewachsen in einem kleinen Gasthof, der nach dem Sommer dem Bau einer Hotelanlage zum Opfer fallen wird, verbringen die beiden einen allerletzten Sommer am Ort ihrer Kindheit.

Das ist keine Handlung, die einen auf den ersten Blick vom Hocker reißt. Tatsächlich klingen die bloßen Fakten langweilig. Ist das Buch aber mitnichten. Yoshimoto versteht es nämlich sehr gut, ihre Figuren mit hochinteressanten Eigenschaften auszustatten. Tsugumi zum Beispiel ist todkrank und hat aus nicht näher geklärten Gründen keine allzu hohe Lebenserwartung. Diesem gebrechlichen Körper steht ein unbändiger, wütender und lebenshungriger Geist gegenüber – eine Diskrepanz, die viel Raum für Überraschungen lässt.

Im Kern ist Tsugumi ein Buch über den Abschied von der Kindheit. Darüber, dass man erwachsen wird, obwohl man sich noch gar nicht bereit dafür fühlt und über die Seelenschmerzen, die diesen Prozess begleiten. Es ist ein Buch vom Erinnern und der Melancholie, vom Loslassen und vom Wiederfinden.

Ich bin mir sicher, dass es unter uns nicht wenige gibt, die noch sehr genau wissen, wie das eigentlich war mit der elenden Pubertät und den ständigen Kämpfen mit sich selbst und der Welt. Ich weiß es jedenfalls noch: nie wusste man, wohin man denn nun gehören soll und sicher war man sich, dass man keinesfalls älter als 30 werden kann. Eher sterben als Spießertum! Eltern wissen gar nichts! Und niemand im Universum hat jemals solchen Weltschmerz empfunden oder wird ihn je empfinden! Hach ja. Für’s Protokoll: ich bin 31. Mein 16-jähriges Ich fände mich hoffentlich nicht völlig scheiße. Ist aber vermutlich bloß ein frommer Wunsch.


Freitag, 4. Dezember 2009

Bastelstunde mal anders.

Heute gibt es keine Rezension, sondern eine kleine Geschichte. Ein Mini-Märchen. Das fand ich so hübsch, dass ich es Euch nicht vorenthalten will. Bitteschön:








Windhundeleben.

Nachts schneite es, zum ersten Mal in diesem Jahr. Ich stand an meinem Küchenfenster, die Beine an die glucksende Heizung gelehnt, und schaute mit lautloser Begeisterung in das Rieseln draußen. Das Fenster gegenüber blinkte rot und grün und sternförmig, denn meine Nachbarn hielten nichts von dezenter Adventsbeleuchtung. Es war die Nacht vor Nikolaus: ein magisches Konzentrat der Vorweihnachtszeit. Die Welt roch nach Keks. Mir wurde prompt heimelig zumute, und sogar durch die Doppelverglasung drückte sich die Stille des Schneefalls in meine warme Küche. Ich dachte, dass ich jetzt gerne eine Patchworkdecke hätte, auch ein Kamin wäre schön gewesen.

Der zerkratzte Dielenboden knarrte. Ein passendes Geräusch. Um den Türstock bog der Hund und näherte sich auf seine übliche unaufdringliche Art. Ich drehte mich nicht um, als er leise heran kam und meine Kniekehle mit der Schnauze anstupste. Der Hund stellte sich an meine Seite und kommentierte gewohnt sarkastisch die nachbarliche Fensterdekoration. Ich schalt ihn scherzhaft einen Zyniker. Er belustigte sich über meine Schwäche für Kitsch. Eine Weile standen wir nur da, aus dem Fenster schauend, die jeweiligen Vorderpfoten auf die Fensterbank gestützt.

Ich schlug vor, morgen ganz früh aufzustehen, damit wir die ersten im Schnee wären, denn die Verwüstung einer unberührten Schneedecke war des Hundes liebstes Hobby. Der Hund zögerte, und zumindest rückblickend erscheint mir schon dieses Zögern unheilvoll. "Dieses Jahr muss ich passen, tut mir echt leid", sagte der Hund schließlich und sah mir mit seinen mitfühlenden Windhundaugen in die Seele. Ich muss verwirrt ausgesehen haben, denn der Hund sprach schnell weiter. "Ich wollt es Dir gar nicht sagen, aber jetzt wo Du so guckst...also, es ist so, dass ich morgen früh nicht mehr lebe. Das ist mein letzter Tag." Ich musste es glauben, weil Hunde nicht lügen können, wie jeder weiß. Trotzdem fragte ich ihn mit meiner in Watte gepackten Zunge, warum er das sage, warum erst jetzt, warum ausgerechnet jetzt, und warum so banal, was das denn bitte solle, ich fände das nicht lustig. Der Hund schwieg. Woher er denn überhaupt wisse, dass er sterbe, fragte ich bockig.

"Wir wissen das eben. Ist so. Nicht weiter schlimm. Hundekram, kann ich nicht erklären" lächelte er und legte mir mit einem knappen Verweis auf sein hundeunübliches Alter tröstend die Schnauze aufs Knie. Ich strich fassungslos und mit einiger Zwanghaftigkeit über das warme Fell und wartete auf irgendeinen Gedanken. Es kam keiner. Ich wünschte mir, der Hund hätte seine vorlaute Klappe gehalten und verfluchte mein blödes Glücklichsein ein paar Minuten zuvor.


Dann sagte ich zum Hund, wir müssten jetzt ja wohl ausnahmslos alle Minuten nutzen, die wir noch zusammen hätten, außerdem gäbe es da noch eine unberührte Schneedecke zu verwüsten. Er schüttelte den grauen Kopf (denn Hunde haben keine Angst vorm Sterben) aber verstand mein junges Herz, das den Tod nicht kannte. Schweigend zogen wir uns also an und knarzten durch das stille Treppenhaus, knirschten Seite an Seite über den flauschigweißen Innenhof auf die leere Straße. Bäume trugen Lichterketten, und selbst der einsame Polizeiwagen, der lautlos vorbei schlich, hatte rot-grüne Blaulichter. Am Ende der Straße betraten wir den mondhellen Park.

Der Hund verwüstete ordnungsgemäß die glitzernde Schneefläche und schnappte nach Flocken, um mich zum Lachen zu bringen; er wies mich auf die scheuen silbernen Geister der Hasen, Füchse und Vögel hin und mahnte mich zum Mundhalten. Traurig war ich nicht, denn die Trauer würde ohnehin zu früh kommen, das wusste ich so sicher, wie dass die Erkenntnis zu spät kommen würde. Der Hund vollzog seine undurchschaubaren Abschiedsrituale, er schnüffelte hier und kratzte da; ich folgte ihm, wie ich ihm immer gefolgt war. "Ich habe alles gesehen, ich möchte nach Hause" sagte er am Ende, ich hörte Schmerz in seiner Stimme und erschrak. Auf dem Weg die Treppen hoch trug ich ihn.

Ich schloss unsere Wohnungstür auf und kümmerte mich nicht um den Schnee, den wir herein trugen, der kleine kalte Pfützen auf dem Holzboden hinterließ. Die Küche lag so still und warm da, wie wir sie verlassen hatten, das Nachbarfenster blinkte noch immer – ein einsamer Außenposten in der Dunkelheit. Ich dachte darüber nach, wie sehr ich das mochte. Der Hund sah es und verdrehte die Augen. Als wir nebeneinander auf dem knautschigen Sofa lagen, Arm in Arm, schöpfte ich Hoffnung: die Dämmerung würde bald kommen, und die Nacht würde den Hund nicht mitgenommen haben. Ich beschloss, einfach wach zu bleiben. Und sackte gleich darauf weg, eingelullt vom Schnaufen des träumenden Hundes.

Noch bevor ich die Augen öffnete, wusste ich, dass ich allein in der Küche war. Die Hülle des Hundes lag warm an meiner Schulter. Ich drückte mein Gesicht in das Fell, es roch noch nach Schnee. Die Trauer winkte von weitem. Etwas verfing sich in meinem Augenwinkel, und ich schaute zum Fenster.

Was vorher eine kalte Fläche war, hing jetzt voller blinkender Sterne, rot und grün. Lichterketten wanden sich um den Fensterrahmen.

Ich konnte nicht anders, ich musste lächeln.

Dienstag, 1. Dezember 2009

Bastelstunde, Teil 4.





Ich freue mich immer wie Bolle, wenn sich jemand an der Bastelstunde beteiligt. Weil ich dann nämlich nicht selber schreiben muss und trotzdem veröffentlichen darf. Deshalb heißen Dank an L*****, der seinen Namen dem Internet lieber nicht verrät (ich weiß ihn, sage aber nichts weiter).

Das offenbar recht skurrile Werk stammt von Marc-Uwe Kling und heißt Die Känguru-Chroniken. Ein wenig Hintergrundinfo gibt es hier. Jetzt halte ich aber meinen Mund. Bitteschön:


Hi!
Bei der Axt zu Gast möchte ich euch dieses Buch vorstellen.
Es handelt von dem Teppich, der das Zimmer erst so richtig gemütlich machte, vom Herrschafts-Knechtschafts-Verhältnis, der Jüdisch-Bolschewistische Weltverschwörung e.V., von kritischen Klingeltönen und der Sprache der Dummen – kurz, es geht um Zweisamkeit.
Ja, das mag zunächst etwas abschreckend wirken an einem Novembermontag, liest sich aber köstlich, zumal es keine Liebesgeschichte ist, sondern eine WG-Geschichte zweier ungleicher Mitbewohner.
Den Verfasser und Protagonist kannte ich zuvor nicht, er selber liest übrigens auch auf youtube daraus.
Aber, um des Buches willen, nicht empfehlenswert! Zu lahm, zu lieblos.
Doch hat das Buch auch seine Schwachstellen. Es präsentiert sich in ca. 100 Episoden, man könnte auch Dialogen sagen (nur träfe das nicht ganz den Kern) von denen die letzteren langsam an Sprutz verlieren. Da wird so das ein oder andere alte Thema neu verpackt. Naja. Für kurzweil hat es aber bei mir allemal getaugt, es liest sich recht angenehm, unbeschwert und greift dennoch mehr oder weniger gesellschaftskritische Themen auf: Nationalsozialismus, Knabis, Schnapspralinen, Gott, verdachtsunabhängige Personenkontrollen usf.
Für den Lesesessel eher weniger geeignet, eher mehr so für zwischendurch, für Bus, Bahn, Bachelorarbeit (ihr armen Schweine), dabei zaubert es euch ein Lächeln ins Gesicht.
Nun, ich war begeistert.


Dankeschön!