Mittwoch, 25. November 2009

Jeffrey Eugenides: The Virgin Suicides








Jeffrey Eugenides und ich – das ist eine späte Liebe. Weil man ja auch als Axt ab und zu mal Schuhe kaufen, Geld verdienen und Knutschen muss, passiert es allzu oft, dass wundervolle Bücher oder gar ganze Autoren an mir vorbeirauschen.

Eugenides’ fabelhafter Roman Middlesex  war ein Weihnachtsgeschenk und hat mich für alle Zeiten mit dem Sujet des historisch angehauchten Familienporträts versöhnt. Und deshalb, nur deshalb, bin ich absolut willens und bereit, meine eherne Das-Buch-zum-Film-Regel zu brechen und hier über einen Roman zu faseln, den es im Bewusstsein der meisten Leute nicht gibt. Dies wiederum liegt am gleichnamigen Film von Sofia Coppola, der 1999 die Existenz des Buches medial überstrahlt hat. Und ich gebe in diesem Fall sehr gerne zu, dass der Film der literarischen Vorlage in nichts nachsteht.

Was Coppola jedoch nicht einzufangen vermag – aber das ist nicht ihre Schuld, sondern die der Gattung – ist Jeffrey Eugenides’ ganz spezielle Tonalität. Eugenides ist ein lyrischer, sensibler Erzähler, ohne jemals ins Kitschige abzudriften. Eine Kunst, die meiner bescheidenen Meinung nach nur wenige so gut beherrschen. Der Mann versteht es, große Themen wie Trauer, Schmerz und Schuld gleichermaßen feinfühlig wie pragmatisch anzufassen. Vermutlich liegt darin sein Talent: Emotionale Tornados werden greifbarer, sobald man sie auf die alltägliche Ebene herunterbricht.

The Virgin Suicides behandelt die unerklärlichen Selbstmorde von fünf Schwestern innerhalb eines Jahres in einer namenlosen Kleinstadt. Die „Lisbon-Mädchen“ üben auf die beobachtenden Nachbarsjungen eine mysteriöse Faszination aus, weshalb diese noch viele Jahre später anhand akribisch gesammelter „Beweisstücke“ versuchen, eine sinnvolle Deutung für die Selbstmorde zu rekonstruieren. Erzählt wird retrospektiv aus der Sicht der Nachbarsjungen, wobei der Leser nicht erfahren wird, wer dieser Ich-Erzähler eigentlich ist.

Wer einen schnellen Plot und einen potenten Stimmungsbogen sucht, für den ist The Virgin Suicides nichts. Denn das Ende des Romans wird schon am Anfang erzählt, es bleiben etliche Fragen offen, und eine Moral von der Geschicht’ gibt es auch nicht. Wenn ich mich festlegen müsste, würde ich sagen, dies ist ein Bonbon für die Fans von Donna Tartt . Aber zum Glück darf man ja Donna Tartt und Charlie Huston gleichzeitig mögen. 







Ach ja: Eugenides lebt übrigens in Berlin. Quasi um die Ecke. Liest hier jemand mit, der mir einen Interviewtermin besorgen kann? Irgendein Verlagsmensch, oder ein Zauberer? Wenn ja, dann...ja, was dann...also dann würde ich mir was fantastisches als Gegenleistung einfallen lassen.

Freitag, 13. November 2009

Außer Haus.





Besucher der "Axt" heute bitte bei der Astronautenbar klingeln.

Dort sitzt sie mürrisch am Tresen und lamentiert.

Donnerstag, 12. November 2009

Podcast Literatur






Das wollte ich schon längst mal erwähnt haben, aber da ich zur Zeit bis zum Hals in Arbeit stecke, vergesse ich glatt alles. O Gott, was ein langweiliger Satz.

Jedenfalls: nebenan in der Astronautenbar gibt es ja regelmäßig den 5x2= Podcast von Benno und Kobi zu hören, und der beschäftigt sich jetzt schon zum zweiten Mal mit dem Thema Literatur. Lieblingsbücher und so.

Könnt Ihr Euch hier anhören!

Zum Thema Lieblingsbücher bereite ich derzeit ebenfalls was vor. Voll interaktiv und so. Außerdem schwebt die Option "Video-Axt" sachte im Raum und ich bin zu Gast in der Astronautenbar. Nicht, dass Ihr denkt: Boah, diese Axt macht ja so GAR NICHTS mehr, das faule Stück, schrecklich. Wer das glaubt, ist ein konsumwütiges passiv-aggressives Brot mit zu viel Zeit irrt. Ich mach nämlich, oh ja. *Rechtfertigungsmodus aus*

Jedenfalls, viel Spaß beim Hören.

Freitag, 6. November 2009

Lyrik zum Anfassen, Teil 8






Nicht unbedingt leichte Kost zum Wochenende: Die Todesfuge von Paul Celan.

Bin gestern beim Zeitverplempern Aufräumen in meinem Archiv drüber gestolpert und finde, abseits des Deutschunterrichts lohnt eine Auseinandersetzung mit dem Werk Celans unbedingt. Eine "multimediale Annäherung" versucht das Celan Projekt  auf der gleichnamigen Website – ich kann nur empfehlen, bei Interesse mal vorbeizuschauen. Wow, ich bin heute wahnsinnig seriös. Was soll's...die Literaturwissenschaftlerin in mir ist halt nicht totzukriegen.



Die Todesfuge

Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete
er schreibt es und tritt vor das Haus und es blitzen die Sterne er pfeift seine Rüden herbei
er pfeift seine Juden hervor läßt schaufeln ein Grab in der Erde
er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete
Dein aschenes Haar Sulamith wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng

Er ruft stecht tiefer ins Erdreich ihr einen ihr andern singet und spielt
er greift nach dem Eisen im Gurt er schwingts seine Augen sind blau
stecht tiefer die Spaten ihr einen ihr andern spielt weiter zum Tanz auf

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags und morgens wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith er spielt mit den Schlangen
Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meister aus Deutschland
er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft
dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags der Tod ist ein Meister aus Deutschland
wir trinken dich abends und morgens wir trinken und trinken
der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau
er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
er hetzt seine Rüden auf uns er schenkt uns ein Grab in der Luft
er spielt mit den Schlangen und träumet der Tod ist ein Meister aus Deutschland

dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith

Mittwoch, 4. November 2009

Und Lesen ist doch cool.






Wer sich gerade zu faul fühlt zum Selberlesen, oder sich komisch vorkommt, wenn er während der Arbeitszeit mit einem Buch erwischt wird, und darüber hinaus medienaffin veranlagt ist, dem möchte ich das folgende Projekt ans Herz legen.

Auf Liebestänze lesen allerlei Menschen jeweils eine Seite des gleichnamigen Romans von Rainer Schmidt. Dabei kann man ihnen nicht nur zuhören, sondern auch zugucken. Paul van Dyk bis Benjamin von Stuckrad-Barre : die Liste der Vorleser ist lang und bunt.

Hübsch, das.

Über den Roman als solches kann ich nichts sagen. Es ist natürlich möglich, dass das ganze Projekt eine schöne Seifenblase mit entsprechendem Inhalt ist, aber ich will ja nicht den Teufel an die Wand malen (übrigens meine Lieblingsphrase aller Zeiten).