Mittwoch, 28. Oktober 2009

Shortlist, Teil 3









Eine Rubrik, die ich eigentlich regelmäßig bestücken wollte. Wenn ich nicht vergessen hätte, dass es sie gibt. Aber jetzt ist sie mir ja wieder eingefallen, und deshalb serviere ich im Anschluss diese beiden Snacks:


Haruki Murakami: Gefährliche Geliebte.

Ich lese derzeit permanent Murakami, weil ich Trost brauche. Gefährliche Geliebte allerdings fällt da ein wenig aus der Reihe. Grob gesagt, geht es darum, dass der Protagonist sich als Kind in seine beste Freundin verliebt, sie dann aus den Augen verliert, aber nicht vergessen kann. 25 Jahre später taucht die Frau urplötzlich wieder in seinem geordneten Leben auf und wirbelt es gehörig durcheinander. Der Held hat inzwischen Frau und Kinder und gerät in ein herzhaftes Gefühlschaos. Murakami entwirft hier ein meines Erachtens recht teeniehaftes Bild von der perfekten Seelenverwandschaft, das in seiner unreflektierten Naivität nie wirklich berührt. Es gibt ein paar gelungene Sexszenen. "Gefährlich" ist aber was anderes.


Jeffrey Eugenides: Middlesex.

Ein Bestseller, der es verdient. Tatsächlich wünscht man diesem Buch, dass es von vielen Menschen gelesen und geliebt wird. Ich persönlich mag solche Mehr-Generationen-Familienporträt Romane gar nicht, aber Middlesex ist ein Juwel. Eugenides erzählt so warmherzig, humorvoll und präzise, dass es eine reine Freude ist. Handlungsfäden werden sorgfältig verwoben und verknüpft, an Bizarrem wird nicht gespart, und auch nicht an sauberer Recherche und großer Liebe zu den Figuren. Ach ja, der Plot: Calliope leidet unter einem seltenen Gendefekt – sie wird als Mädchen geboren und erzogen, aber ihr Hormonhaushalt ist der eines Mannes. Bis außer ihr selbst jemand merkt, dass da etwas nicht stimmt, vergehen Jahre der Ungewissheit und Identitätsdiffusion. Eugenides erzählt Calliopes Schicksal sehr feinfühlig von der Wurzel an, und das auch noch richtig spannend.

Kommentare:

donpozuelo hat gesagt…

Murakami ist wirklich toll. "Gefährliche Geliebte" habe ich zwar im Schrank stehen, aber auch noch nicht gelesen.

Mit "Middlesex" hast du vollkommen Recht. Nach meinem Fiasko mit "Die Buddenbrooks" hatte ich überhaupt keine Lust mehr auf irgendwelche Familien-Generationen-Geschichten. Aber nachdem ich von Eugenides "The Virgin Suicides" gelesen hatte und begeistert war, habe ich mich auch an "Middlesex" getraut - und ich liebe es, es ist wirklich ein tolles Buch. Ich kann mich deiner Empfehlung, was den Roman angeht, nur anschließen. Den muss man mal gelesen haben - ganz großartig...

Ronald hat gesagt…

Dass Reich- Ranicki auf dem Cover von Murakami die Erotik des Romanes lobt, würde mich vom Kauf eher abhalten. Reich- Ranicki und Erotik passt für mich nicht zusammen. Da hab ich sofort diese quäkende Stimme im Kopf.

lizzz hat gesagt…

Ja, gell. Reich-Ranicki ist ja nicht grad der pure Sex.

Meine Stellungsnahme dazu: die Sexszenen sind wirklich erotisch, aber ich würde sie jetzt nicht als Gipfel der literarischen Lust bezeichnen.

Was für Reich-Ranicki 100% Erotik ist, schlägt auf unserer Skala halt anders aus. Was solls.