Mittwoch, 23. September 2009

Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Viele Medienschaffende, das ist kein Geheimnis, wollen im Grunde selbst Künstler sein. Was dem Art Director sein Fotografentraum, ist des Journalisten Autorenwunsch. Und auch der Lokomotivführer ist im Herzen ein Bildhauer. Soweit.

Deshalb wundert sich keiner, dass alle Welt im Zweitberuf fotografiert und schriftstellert und mit Muddi Privatpornos dreht. Irgendwo muss die Kreativität ja schließlich hin, die der Berufsalltag so oft ausbremst.

Nun haben aber einige deutlich bessere Ausgangspositionen als andere: Wie sonst darf ich Dich, SPIEGEL ONLINE, verstehen, der Du mir in Deiner Literatur-Ecke ganz ungeniert Romane anpreist, die Deine eigenen Redakteure verfasst haben?

Fühle nur ich mich davon verarscht? Ist das nicht blödes Holzhammer-Marketing? Wird jemals ein von Deinen Redakteuren verfasstes Buch eine negative Kritik, die wiederum von Deinen Redakteuren verfasst wird, erhalten? (Das Bild vom sich selbst auffressenden Fuchs in "Antichrist" drängt sich mir auf)

Ach Mensch. Kann ja sein, dass ich zickig bin, weil ich mir unabhängige Literaturtipps wünsche. Aber was Du da treibst, Spiegel Online, ist doch auch bloß Vetternwirtschaft. Und jetzt erzähl mir bitte nicht, die genannten Bücher seien offizielle hauseigene Spiegel Online Produkte und dürften damit moralisch rechtens dort beworben werden. Das ist nämlich Quatsch.

Lebt im idealistisch-naiven Marshmellow-Land:
Deine Axt






Am nächsten Morgen in gelassenerer Stimmung: Ich stelle fest, dass ich in diesem Eintrag Spiegel Online Redakteure als Möchtegern-Kreative verunglimpft habe, die ohne das Trottelmarketing des Konzerns und dessen Beziehungen zu einschlägigen Verlagen keine Kohle mit ihrer Schriftstellerei einstreichen würden. Mit mir selbst hart ins Gericht gehend, eruiere ich, dass ich keinerlei Bedürfnis habe, diese Aussagen zu revidieren.

Kommentare:

inFemme hat gesagt…

das ist überhaupt nicht zickig, sondern dein gutes recht. wahrscheinlich hat der spiegel selbst die romane in auftrag gegeben, damit die endlich mal was positives schreiben, bei dem arroganten verreisse von allem. wie dem auch sei, buchrezensionen les ich eh lieber hier, und ich freu mich, wenn du mit der idealistenfahne schwenkst. ich winke begeistert mit!

elbenno hat gesagt…

Auch eine Art von Medienkompetenz, vielen würde das gar nicht auffallen. Ich lese nur ganz selten auf SpOn, und die Spiegel Bestsellerlisten in den Buchhandlungen interessieren mich überhaupt nicht. Ich besorge mir meist blind, besser: intuitiv, Bücher.

lizzz hat gesagt…

Ach, Ihr Lieben! inFemme und elbenno, ich freue mich gerade sehr, dass Ihr mir so solidarisch zur Seite springt! Ich hatte schon den Gedanken, dass ich mich hier total unnötig mit lachhafter Naivität über etwas echauffiere, was längst Massenmedienstandard und somit total uninteressant für die meisten ist. Aber es ist sehr gut zu hören, dass andere Leute das genauso sehen wie ich.

Was die Spiegel-Bestsellerliste betrifft: die ist ein Instrument des Teufels (ja gut, das ist überspitzt). An der kann man sehr gut sehen, wie manipulativ das Ergebnis des Zusammenspiels zwischen Verlagen ist. Wie da mit Gewalt Bücher in den Markt gepusht werden, da bleibt mir zuweilen die Spucke weg.

Es ist extrem schade, dass es mittlerweile nur noch so wenige völlig unabhängige Rezensenten/Autoren gibt, deshalb finde ich es umso wichtiger, was wir alle hier mit unseren Websites versuchen.

Jetzt bin ich gerührt. Ich finde uns toll.

elbenno hat gesagt…

Mensch Lizzz, dein Kommentar brennt! Jawohl, wir sind die guten!! Und ich sollte wieder mehr lesen.