Dienstag, 22. September 2009

Bastelstunde bei der Axt, Teil 3




Wenn das mal kein unschlagbarer Service seitens meiner prima Leser ist: Die liebe Susan war so gut, mir aus meiner T.C. Boyle-Pleite herauszuhelfen. Endlich kann ich das Buch reinen Gewissens aus der "Warteliste" in der Sidebar entfernen. Bitteschön:

Dreier Handlungsstränge bedient sich T.C. Boyle, um den Leser auf eine haarsträubende Tour de force mitzunehmen, die einen bis zur letzten Seite in Atem hält. Zeitlich angesiedelt gegen Ende des 18. Jahrhunderts, begleiten wir drei Protagonisten auf ihrer Suche nach dem Glück:

Mungo Park, den jungen schottischen Entdecker, der eine Afrika-Expedition anführt mit dem Ziel, den Niger zu finden. Boyle malt Afrika als Kontinent, dessen Gefährlichkeit in seiner Fremdheit begründet liegt – eine Gefahr, der sich Mungo Park nie wirklich bewusst ist und die er nur durch die beherzte Hilfe des Ex-Sklaven Johnson überlebt (was er jedoch niemals begreifen wird). So stolpert Mungo mit tragischer Ungeschicklichkeit durch den unverständlichen Kontinent, immer nah an der Grenze zum tödlichen Zwischenfall.

Dann ist da Ned Rise, ein Londoner Kleinkrimineller, der sich mit Witz und Bauerschläue durch die Gossen der Großstadt laviert. Die Straßen Londons stehen in Wassermusik der Gefährlichkeit Afrikas in nichts nach, und so muss der arme Ned durch allerlei Unbill, bevor sich schließlich sein Schicksal mit dem des Entdeckungsreisenden verflicht. Eine besondere Würdigung verdient hier die Sprache Boyles, der den Gossenslang großartig und mit Liebe zum Detail eingefangen hat.

Ailie, die Verlobte des Entdeckungsreisenden, wartet unterdessen in den schottischen Highlands auf dessen Rückkehr, hartnäckig bedrängt vom Liebeswerben eines weiteren seltsamen Verehrers. Eindringlich schildert der Autor die Seelenqualen der jungen Frau.

Nach unzähligen tollkühnen Wendungen des Schicksals vereinen sich die drei Handlungsstränge zu einem furiosen Finale, und natürlich ist Afrika der Schauplatz, an dem diverse Protagonisten schließlich aufeinander treffen – an dieser Stelle darf mehr nicht verraten werden.

Nur soviel sei noch gesagt: Wassermusik ist ein schillerndes, buntes, lebendiges und unglaublich mitreißendes Buch, das Witz und Tragik auf unnachahmliche Weise vereint. Und eine böse Satire auf die westliche Überheblichkeit gegenüber den "Primitiven" ist es obendrein.


Also, fast krieg ich Lust, es noch einmal mit Wassermusik zu versuchen. 




Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Aber vielleicht solltest Du es auch einfach lassen. Das ist wie mit einem Gericht, das man nicht mag. Die ganze Welt kann davon schwärmen, aber Du findest es trotzdem ekelhaft. (Ich persönlich finde zum Beispiel Austern widerlich, ich finde sie schmecken wie Rotz.)

eve hat gesagt…

Ja, mein T.C.Boyle-Zölibat wurde auch durch genau dieses Buch aufgehoben. Spannend fand ich ja, dass dieser atmosphärische Titel derb in die Irre führt. Der Inhalt ist so anti-kaffekränzchen-mäßig, herb und männlich gedacht, dass mir beim Lesen ganz warm ums Herz wurde. Fand ich gut.

Bin schon gespannt auf "Die Wächter der Nacht"-Kritik - da eiert meine Meinung noch etwas herum (darf ich mir einen Standpunkt leihen?). Um Welten besser (aber aus dem gleichen Genre und Land) fand ich "Metro 2033" von Dmitri Glukhovsky.