Mittwoch, 23. September 2009

Arto Paasilinna: Der Sommer der lachenden Kühe.





Bevor er denn nun endgültig den Löffel abgibt, der dahinsiechende Sommer, möchte ich ihm noch dringend ein besonders sonniges Buch ans Herz legen – vielleicht ist er ja dann nächstes Jahr besser gelaunt. (Ich glaube, es ist altersbedingt, den jeweils aktuellen Sommer scheiße zu finden. Und in heiß-trockenen Kindheitserinnerungen zu schwelgen, mit Auf-der-Straße-spielen und staubigen Füßen und Wassereis.)

Und augenscheinlich gelingt es ausgerechnet den sonnenarmen Finnen, besonders leichtfüßig durchs Leben zu springen und selbst Themen wie Suizid und Demenz mit guter Laune zu verbrämen. Ich spreche natürlich vom wunderbaren Arto Paasilinna, der mit Der Sommer der lachenden Kühe einen ganz respektablen Erfolg gelandet hat, völlig zu Recht. Denn Paasilinnas tollen skurrilen Charakteren kann man sich nicht entziehen, und will es auch gar nicht, zumal Romanfiguren oft manchmal interessanter sind als richtige Menschen.

Seppo Sorjonen, Taxifahrer in Helsinki, überfährt um ein Haar einen verwirrten alten Typen, der außer seinem Namen nichts mehr weiß: Taavetti Rytkønen. Weil der gutherzige Seppo den armen Greis nicht einfach seinem Schicksal überlassen kann, rekrutiert er ihn eben als Fahrgast. Dumm nur, dass Taavetti gar kein Ziel hat: "Immer gradeaus!" ist die Ansage.

Also brausen der Taxifahrer und sein Kunde quer durch Südfinnland, den blitzartig auftauchenden Eingebungen Rytkønens folgend, der sich mosaikhaft an kuriose Details seines Leben erinnert. Unterwegs wird ein Bauernhof systematisch dem Erdboden gleichgemacht und eine feministische vegetarische Wandergruppe vor dem Verhungern gerettet. Die Alzheimerkrankheit des selbstvergessenen Fahrgastes gibt nun mal die Richtung vor, und Seppo muss sich fügen.

Jemand beschwerte sich online darüber, dass das Buch irgendwie naiv geschrieben sei und ihm an Tiefe mangele und außerdem Leser mit hoher textlicher Erwartung enttäusche. Antwort: Da ist offenbar jemand ein phantasieloses Emotions-Kastenbrot ohne Ahnung nicht ganz so überzeugt von Paasilinnas federleichtem Schreibstil. Unverständlich auch, dass eine hohe Komplexität in der Syntax von manchen Leuten mit hohem Niveau verwechselt wird: wenn ich diesen Satz jetzt einfach nicht enden lasse, obwohl ich mein Pulver schon verschossen habe und eigentlich in die Küche gehen müsste, um mir einen Kaffee zu kochen – fairer Handel ist übrigens eine feine Sache – weil mich gerade mein übliches 14-Uhr-Tief ereilt und ich dringend gegensteuern sollte, also wenn dieser Satz länger als fünf Zeilen ist, sollte ich dann nicht auf der Stelle den Literaturnobelpreis kriegen?

Jetzt habe ich mich wieder in langatmiger Kratzbürstigkeit verloren. Und noch gar nicht gesagt, was ich längst sagen wollte: Der Sommer der lachenden Kühe ist ein wunderbares Buch. Sollte man die ersten Anflüge einer Herbstdepression herannahen spüren, dann kauft man sich am besten dieses sehr erschwingliche Sommermethadon (oder gewinnt es, indem man dieses Gedicht öffentlich interpretiert).

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