Donnerstag, 13. August 2009

Willy Russell: The Wrong Boy.




Der Fliegenfänger heißt Willy Russels Buch in der deutschen Übersetzung. Das ist zwar nicht falsch, aber der Originaltitel trifft es um Längen besser. Denn dies ist eine Außenseitergeschichte, eine Geschichte über das nicht-verstanden-werden, über die Arroganz der so genannten Erwachsenen und das Gefühl, nicht mehr in die Welt zu passen.

Raymond Marks ist erstmal ein ziemlich normaler 11-jähriger Junge. Natürlich bleibt das nicht so, denn sonst hätte Russel ja keine Geschichte zu erzählen. Deshalb lässt er seinen Protagonisten ein pubertäres kleines Jungsspiel namens „Fliegenfangen“ erfinden. Und das ist der Dominostein, der eine hässliche Kettenreaktion in Gang setzt – denn ab diesem Punkt hat der arme Raymond sprichwörtlich die Scheiße am Hacken, es geht bergab, und immer weiter bergab, und noch weiter bergab. Von der Sonderschule in die Psychiatrie, bergab in die tiefsten Abgründe der Menschlichkeit.

Raymond ist der Außenseiter, der Irre, der Perverse, und es schmerzt weiß Gott, ihn lesend zu begleiten. Die ganze Zeit möchte man ins Buch hineinrufen „Meine Güte, lasst Ihn doch endlich in Ruhe!“, aber nein, sie lassen ihn nicht in Ruhe, keine Chance. Der arme Raymond kriegt die volle Packung menschlicher Überheblichkeit mitten ins Gesicht, und man beginnt um seinetwillen auf ein Wunder zu hoffen.

Ich klinge vermutlich selbst pervers, wenn ich jetzt sage, dass Raymonds Story in ihrer ganzen Traurigkeit extrem witzig ist. Russell erzählt warmherzig, einfühlsam und mit einem unheimlichen Gespür für Situationskomik. Allein schon die Rahmenhandlung ist fantastisch: Der durch den Wolf gedrehte, mittlerweile 19-jährige Antiheld soll einen schrecklichen Job auf einer Baustelle antreten und erzählt seine Geschichte, unterwegs dorthin, in Briefform – in Briefen an sein Idol Morrisey. Ja, DER Morissey.

Dieses Buch ist für alle, die sich jemals wie ein Alien unter Robotern gefühlt haben, die nirgends hinein zu passen scheinen, die manchmal die Mechanismen der Gesellschaft nicht verstehen. Eine wundervollere Botschaft kann ein Buch nicht überbringen: Es ist okay, zu fühlen. Es ist okay, anders zu ticken als Deine Kollegen, Geschwister, Freunde. Es ist sogar viel mehr als nur okay. Und manchmal ist das Anderssein das größte Geschenk, das das Schicksal Dir überhaupt machen kann.

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