Freitag, 14. August 2009

Maria Sveland: Bitterfotze.




Wieder so ein Buch, das seine Leser konsequent in zwei feindliche Lager spaltet: In der einen Ecke diejenigen, die sich endlich verstanden fühlen und ihr Sprachrohr dankbar in die Höhe halten. Aus der anderen Ecke wabert Zigarrenrauch, und aus dem Rauch tönt neben dumpfen Schulterklopf-Geräuschen ein leises Murmeln: „Verbittert“, „Emanzenscheiß“, „Opferrolle“.

Bitterfotze ist keine schwedische Neuauflage von Feuchtgebiete, das mal vorweg (zum Glück, denn noch mehr muschifokussierte Experimente hätte ich nicht verkraftet). Schon der Titel erregte die Gemüter aufs Heißeste: Ein kurzer Rundblick von Googles Leuchtturm aus fördert Stimmen von „unerträglich vulgär“ bis zu „angemessene Härte“ zutage. Ich selbst tendiere, was den Buchtitel angeht, deutlich zu Letzterem. 

Es darf einen nicht wundern, dass auch die Kritik zwischen Lob- und Abgesängen schwankt, denn Bitterfotze ist ein unverhohlen wütendes und extrem persönliches Buch. Subtil ist anders – Sveland scheut die deutlichen Worte nicht, von gewohnt weiblicher Zurückhaltung ist hier nichts zu spüren. Und das macht das Buch so ungeheuer wertvoll.

Der Rahmen: Die Journalistin Sara fährt für eine Woche nach Teneriffa, eine kurze Verschnaufpause von Mann und Kind. Sie ist erschöpft, desillusioniert und krank vor Schuldgefühlen darüber, dass sie einerseits dringend eine Auszeit von der Mutterschaft braucht, aber andererseits deshalb das Gefühl hat, ihr Kind im Stich zu lassen.

Mit sich allein im Touristenghetto versucht Sara nachzuvollziehen, wie das passieren konnte: Dass sie so „bitterfotzig“, unendlich sauer und enttäuscht ist, entfremdet von ihrer Persönlichkeit und ohnmächtig im Angesicht der Fremdbestimmung, die ihr aufgrund ihres Frauseins widerfährt.

Diese Gedankengänge sind es, die Bitterfotze so polarisierend machen. Der bloße Fakt, dass sich eine erschöpfte Mutter eine Auszeit auf einer Ferieninsel nimmt, lockt noch keinen Hund hinter dem Ofen hervor. Aber das unnachgiebige Bohren in gesellschaftlichen Konventionen, das Offenlegen von Mann-Frau-Mechanismen mag auf manchen wie eine ungeheuerliche Provokation wirken. Ich kann mir gut vorstellen, dass vor allem Männer in einer Abwehrreaktion die „Emanzenkarte“ ziehen: Verbitterte Feministinnen muss man(n) nicht ernst nehmen, die mit ihrem ewigen Opfergehabe und so weiter und so fort. Doch auch Frauen müssen das Buch nicht zwangsläufig lieben – vieles wird hier aufgerissen, womit so manche Frau sich lieber nicht auseinander setzen würde. Der Bequemlichkeit halber?

So oder so ist Bitterfotze ein sehr, sehr wichtiges Buch. Meiner unmaßgeblichen Meinung nach sollten es alle Männer lesen, und zwar ohne unmittelbar danach eine Meinung auszukotzen. Hier bietet sich die Chance einer ernsthaften, betroffenen Auseinandersetzung zwischen „dem Mann“ und „der Frau“, und es wäre sträflich, dieses Potential nicht zu nutzen.


Edit: Hier gibt's eine Leseprobe!


Ach ja: Ich sagte gerade in den Kommentaren: Das Buch ist jetzt nicht so gnadenlos un-optimistisch, wie es sich auf den ersten Seiten liest. Das wär mir noch wichtig. Und wieso rechtfertige ich mich denn jetzt? Hm.

Kommentare:

donpozuelo hat gesagt…

da bin ich ja jetzt mal neugierig und werde mal schauen, mir das buch zu zulegen. "feuchtgebiete" hätte ich ja nie gelesen, aber "bitterfotze" hört sich ja tatsächlich eher nach etwas an, dass ich mir auch antun könnte.

interessieren würde mich ja nur: ist der deutsche titel eine werkgetreue übersetzung oder wurde da gezielt etwas versucht (quasi als konkurrenz zu "feuchtgebiete")?

lizzz hat gesagt…

Nee, das ist der Originaltitel, wörtlich übersetzt. Gut, ne?

Ich versuch mal eben, eine Leseprobe zu beschaffen. Wobei es ja mit Leseproben immer so ne Sache ist: ganz oft wählt der Verlag ausnehmend blöde Stellen im Buch dafür aus.

donpozuelo hat gesagt…

Wörtlich übersetzt, wie??? Ich bin sehr beeindruckt - noch mehr als vorher :)

Sandra hat gesagt…

Ich stand heute verzweifelt im Buchladen auf der Suche nach was neuem zum lesen. Hab mir aufgrund deiner Empfehlung das Buch gekauft. Bin gespannt.

lizzz hat gesagt…

Oh je, jetzt gehts um die Wurst! Ist ja immer scheiße, wenn man ein Buch empfiehlt und jemand das dann kauft und es am Ende schrecklich findet. Hoffentlich geht es Dir mit diesem Buch nicht so, liebe Sandra.

Wenn doch, schreib doch eine Rezension, die veröffentlichen wir dann hier als Kontra-Stimme!

donpozuelo hat gesagt…

danke für die leseprobe

lizzz hat gesagt…

bittegerne, mein lieber.

und, was sagste so auf den ersten "blick"? man sollte vielleicht noch ergänzen, dass das buch nicht so un-optimistisch ist, wie es sich auf den ersten seiten liest!

Sandra hat gesagt…

Ich kann dich beruhigen Lizzz, ich fand das Buch toll! Ich hab so oft gedacht: "Verdammt genau so ist es!" Musste heute auf der Arbeit sehr lachen, weil da genau die Situation aufkam, die in dem Buch beschrieben wird - dass sich Männer aufplustern und Ideen, die für eine Frau selbstverstänlich, naheliegend und nicht weiter erwähnenswert sind, anpreisen und sich auf der Brust rumtrommeln. Das nicht noch ein Urschrei plus der Satz "Guck mal, hab ich gemacht!" dabei war, war aber auch alles. Tolles Buch, werde es weiterempfehlen.

lizzz hat gesagt…

Das freut mich, liebe Sandra. Ist schön, dass nicht nur ich das Buch in so großen Teilen als wahr empfunden habe.

Ich dachte beim Lesen sehr, sehr oft: Endlich sagt es mal einer!

Und alle Männer, die die Lektüre vorurteilsfrei auf sich wirken lassen (denn männerfeindlich ist sie tatsächlich NICHT), können verdammt viel über den Kosmos einer Frau lernen.

Anonymous hat gesagt…

Liebe Axt,

der Titel hat mich schon lange abgeschreckt, ich habs gekauft, verschlungen, teilweise Tränen gelacht und mir noch öfter gedacht: so is es. Und festgestellt, dass ich bitterfotzig sein kann ganz ohne Kinder... Vielen Dank für die Empfehlung, mir wär dieses geniale Buch entgangen!

Panacea

lizzz hat gesagt…

Panacea,
das freut mich jetzt außerordentlich! (sind immer sehr tolle Momente, wenn jemand ein Buch auf meinen Text hin gekauft hat und es dann mag)

Ich bin auch ohne Kinder bitterfotzig! Wie soll das denn dann erst MIT Kindern werden? Da laufen die Leute auf der Straße schreiend vor mir davon, nehm ich an. Und die Milch wird sauer.

Paleica hat gesagt…

hab nur mal den titel gehört. klingt aber interessant, was du da schreibst. dass es nichts mit feuchtgebiete zu tun hat, ist auf jeden fall positiv zu vermerken (meiner meinung nacht)