Donnerstag, 13. August 2009

Lyrik zum Anfassen, Teil 5: Kurt Schwitters













Als die Axt vor einigen Jahren in ihrer Abschlussprüfung für Neuere Deutsche Literatur saß, fiel sie vor allem durch eines auf: durch unanständiges, unterdrücktes und immer wieder eruptiv hervorbrechendes Kichern, und zwar über die ganze Prüfungsdauer von drei Stunden. Alle anderen saßen ernst und konzentriert über ihren Blättern, während die Axt selbst am liebsten laut gelacht hätte vor Begeisterung.

Weil ich nämlich in genau diesem Moment Kurt Schwitters' "Ursonate" verstand und zu schätzen lernte. Dabei hatte ich mir die als Prüfungsthema selbst ausgesucht und mich seriös darauf vorbereitet. Und mitten in der Prüfung traf mich die grenzenlose Albernheit und Genialität des Werkes wie eine Gerade von Axel Schulz. So kann's gehen. Ich habe danach noch monatelang viele arme Menschen in meiner Umgebung an die Grenzen Ihrer Geduld getrieben, durch wiederholte Vorträge des kompletten, nun ja, Gedichtes in maximaler Lautstärke.

Wenn Du heute also schlecht drauf bist, verschlafen hast, mit dem Fahrrad durch eine dreckige Pfütze geradelt bist und deshalb Dein rechter Fuß durchnässt ist, Dein idiotischer Traum Dir immer noch auf der Seele liegt (all das trifft beispielsweise auf mich zu), dann empfehle ich Dir dringend, die Ursonate möglichst laut und mit viel Leidenschaft zu rezitieren. Hand drauf, dann geht's Dir besser.

Die vollständige Ursonate und viele andere wunderbare Schwitters-Werke findet Ihr hier. Wem es zu blöd ist, sich selbst durch die Sonate zu grunzen und zu jodeln, der kann sich dort auch Schwitters anhören, wie er es selbst tut. Großes Kino, das.


Es gibt übrigens unzählige Möglichkeiten, sich der Ursonate zu nähern – hier hat es jemand digital versucht:







Oder halt die klassische Performance:


Kommentare:

Helena hat gesagt…

Genial.
Danke fürs drauf aufmerksam machen...

anoi hat gesagt…

Ganz Grossartig!!

lizzz hat gesagt…

Immer gerne, Ihr Lieben.

Sergeant W. hat gesagt…

Stammt von Kurt Schwitters nicht auch der fabelhafte Vers:

Wohl kann ich dich zum Schokoladen-Laden laden,
aber nicht mit dir in Baden-Baden baden.

lizzz hat gesagt…

Das klingt zumindest schwer nach ihm. Ach, der Mann war fantastisch.