Montag, 10. August 2009

Bastelstunde, Teil 2: Sergeant W.





Huhu, liest dit hier noch eener? Will ick hoffen.

Denn das gute alte Haus Sergeant W. hat uns mit einem famosen Artikel die Ehre gegeben. Und jetzt ziert Euch nicht so und applaudiert! Schließlich habe ich den Jungs hier ordentlich Ruhm und Ehre versprochen. Wo kommen wir denn hin, wenn ich das nicht halten kann.



Stanisław Lem: Lokaltermin

„Der einzige Mensch, für den ich im Laufe mehrerer Jahre dieses Buch schrieb, bin ich selber.“ In der Tat ist sein vorletzter Roman recht eigenwillig, fragmentarisch und über weite Strecken schwer zu lesen. Man merkt ihm an, daß er bergeweise Notizen verschlungen hat. Er ist auch nicht so in sich abgerundet wie die bekannteren Werke Lems, besitzt manch alberne, überflüssig anmutende Passage und überhaupt viel Unverständliches. Und dennoch – selbst wenn ich im Alter einmal geistig umnachtet darniederliege und mir der eigene Name nicht mehr einfällt – dieses Buch werde ich nicht vergessen. Es gehört zu den allerseltensten Werken, die man als ein anderer Mensch beendet, als der man sie begonnen hat.

Worum geht’s? Wir befinden uns in einer nicht näher bezeichneten Zukunft, der Erzähler, ein kosmopolitischer Weltraumreisender, kehrt soeben aus dem Sternbild des Kalbes auf die Erde zurück und will etwas ausspannen, als er von einer anderen Zivilisation erfährt. Radioteleskope haben entsprechende Signale empfangen, die Nachrichten sind naturgemäß unklar, werden in Bibliotheken archiviert und mit Hilfe statistischer Programme zu entschlüsseln versucht. Unser Erzähler begibt sich nun tage-, wochen-, monatelang in die Bibliothek und studiert diese Manuskripte; er versteht sie genauso wenig wie wir als Leser, denen er sie mitteilt, und das Ganze zieht sich über gute 120 Seiten. Man gewinnt bestenfalls eine dunkle, verschwommene Ahnung, was es mit dieser fremden Welt namens Entia auf sich hat.

Später verdichtet sich der Eindruck, daß dies eine der Erde ähnliche, aber weiter fortgeschrittene Zivilisation ist, darin bestimmte, für unsereins utopische Ideen Wirklichkeit geworden sind. So ist es etwa unmöglich, jemand anderem ein Leid zuzufügen, die Bewohner scheinen die Sterblichkeit überwunden zu haben, und einiges mehr. Schließlich, der Erzähler hat genug gelesen, besteigt er sein Raumschiff und bricht in Richtung Entia auf, zu einem Lokaltermin.

Im Stil schwankt dieses Buch zwischen Satire, philosophischem Traktat und Abenteuerroman, aber das eigentlich Bestürzende ist sein unwiderlegbarer, sozusagen wasserdichter Pessimismus: Wer das Böse eliminiert, eliminiert zugleich auch das Gute, und „dank allzuviel Tugend siegen die Kräfte der Hölle“. Lem beschreibt eine Welt des „Danach“, die verwirklicht hat, wovon wir nur träumen können, und die so lächerlich traurig und herz-zerreißend albern zugrunde geht, daß selbst der Satire das Lachen im Halse stecken bleibt. Viele seiner bereits in früheren Romanen variierten Themen tauchen abermals auf, um auf einen, wie es scheint, letzten Punkt gebracht zu werden. Ich hatte den Eindruck, sein Vermächtnis zu lesen, einen ebenso geistreichen wie resignierten Abgesang auf alle unsere Bemühungen, das Bessere zu wollen.

Kommentare:

Ronald hat gesagt…

ach, der Lem. Ich als alter SF- Fan habe mehrere Bücher von ihm gelesen, natürlich Klassiker wie "Solaris" oder auch ziemlich schwache Werke wie "Gast im Weltraum". Dieses hier kenn ich gar nicht, klingt spannend.

donpozuelo hat gesagt…

ich dachte, ich kenn schon alles von Lem, aber das Buch hier scheint sich an mir vorbeigeschlichen zu haben.

nun gut, fehler kann man ja schnell wieder gut machen :) hört sich nämlich gut an.