Montag, 31. August 2009

Sag zum Abschied leise Kafka...



Ihr sehr lieben und unheimlich tollen Leser (das sage ich selbstverständlich nur, damit Ihr wieder zurück kommt), die Axt hat frei und beglückt bis Mitte September das wirklich Leben mit ihrer Anwesenheit.

Vielleicht schaue ich zwischendurch mal rein, in dieser Hinsicht gebe ich mich mysteriös.

Bis ganz bald, habt schöne Sommertage, so lange noch welche übrig sind.

Freitag, 28. August 2009

Gefrierbrand am Nachmittag: Hera Lind's Champagner-Diät





Ich weiß nicht, welche Persönlichkeitsstruktur man sein Eigen nennen muss, um arglosen Mitmenschen solcherlei Fallen zu stellen: ein offenbar antisozial gestörter Kollege oder - geben wir's zu - eine Kollegin ließ heute das Buch Die Champagner-Diät von Hera Lind in der Büroküche liegen, wo ich es mir beim Kaffee kochen in die Hände fiel.

Und da ich (muss ein Gendefekt sein) wirklich ALLES lese, was bedruckt ist, konnte ich nicht umhin, mir den Roman auf der Stelle mit Elan zu Gemüte zu führen.

Oh. Mein. Gott.

Nach einer halben Stunde paralysierten Seitenumblätterns schleppte ich mich mit viel Weiß in den Augen zurück an meinen Schreibtisch, um mit zitternden Fingern eine Warnung vor dem dumpfesten Machwerk zu verfassen, das ich in meinem ganzen Leben jemals halb gelesen habe:

Eva ist fett und übererfüllt jedes, aber auch jedes Klischee aller Fetten dieser Welt. Natürlich leidet sie unter einem jupitergroßen Minderwertigkeitskomplex. Natürlich spannt das dünne blonde Schweden-Aupair ihr den Mann aus. Natürlich liegt das nur am Fettsein der armen Eva. Natürlich nimmt sie dann circa eine Tonne ab. Und verliebt sich per Mail in einen Schiffskoch, wobei sie sich als Modedesignerin ausgibt (und natürlich als schlank, denn wie wir alle wissen, sind schlanke Frauen das Salz der Erde und alle anderen mögen bitte im Staube kriechen). Natürlich hält der Koch ebenfalls nicht, was er verspricht. Natürlich mögen sie sich gerade deshalb und werden glücklich für immer und ewig. Fertig.

Die Champagner-Diät bezirzt mit allerlei HÖCHST überraschenden Wendungen und Kochrezepten (!) und infantilen Mails, die sich die unfassbar bescheuerten Protagonisten schreiben sowie irrsinnigen Blödsinns-Dialogen zwischen Eva und ihrem inneren Schweinehund.*



Lieber verzweifelter Diana Verlag, wenn Du denn unbedingt aus der Welt scheiden willst, dann musst Du uns andere doch nicht gleich mitreißen in die ewige Verdammnis! Du könntest Ruf und Portokasse viel lustiger und menschenfreundlicher ruinieren als mit dem Verlegen der Champagner-Diät.

seufzt resigniert,
Deine Axt



* wie ich soeben investigativ und unter großen Gefahren recherchiert habe, treibt der genannte Schweinehund auch in anderen Lind-Romanen sein Unwesen. Offenbar soll das arme Ding gnadenlos ausgequetscht werden wie ein saftiger Pickel. Lauf, Schweinehund, lauf um Dein Leben!

Dienstag, 25. August 2009

Einführung in die Statistik I


Heute langweile ich Euch mal bewusst. Sonst ist das ja eher ein Versehen. 

Ich habe mich getraut, mir die aktuellen Zahlen für die Website zu Gemüte zu führen. Ein zweischneidiges Schwert, denn fast immer stellt sich heraus, dass einen eh keiner liest. Oder dass es so ist wie mit manchen "Underground"-Bands: Die Kritik ist voll des Lobes, aber Platten verkaufen die armen Schweine nicht.

Jedenfalls offenbart die Statistik das ein oder andere lustige Ding. Zum Beispiel schaut kaum einer zwischen vier und sechs Uhr morgens hier rein. Dafür liest man die Axt beim Betreten des Büros oder zum Frühstück gerne. Gegen 17 Uhr scheinen die meisten auch nochmal ein Tief und damit das Bedürfnis nach banalem Entertainment zu haben. Hier das Schaubild (bitte als Hausaufgabe sauber abzeichnen und farbig ausmalen):





Wir hatten in den letzten 4 Wochen 1.347 relevante Seitenzugriffe, also knapp 45 am Tag. Damit kann ich nun gar nichts anfangen. Ich hab ja keinen Vergleich. Also bin ich vermutlich doch eher eine Underground-Band? Gibt schlimmeres.

Es stellte sich außerdem heraus, dass es Sinn macht, wenn Ihr mich verlinkt *mit dem Zaunpfahl winkt*. Viele Eurer Leser schauen hier mal rein und umgekehrt. Das sagt zumindest dieses zauberhafte Tortendiagramm:






Ziemlich irritiert ließen mich jedoch so manche Suchanfragen zurück (d.h. Leute fragen Google nach Stichwörtern und werden auf meine Seite verwiesen). Unfreiwillig bei der Axt gelandet sind offenbar jene, die dieses suchten:

- was is das gegenteil von down?

- relevantes (das ist mal ein kompliment!)

- schaum der liebe (hä?)

- open muschi bildband 

- ich hasse freche frauen (ich doch auch, liebe/r suchende/r)

- hundeerziehung softies

- geile erzwungene liebe (also 'liebe' kombiniert mit 'erzwungen'... da hat einer ein problem)

- ego projektion 

- axt tanja porno

- gedicht über ein fahrrad (wer hier eines verfasst, kriegt zur belohnung ein buch!)

- blöde sätze (na danke!)


Keine blöden Sätze, sondern ganz viel Sonne, und zwar den ganzen Tag lang, das wünscht Euch:
die Axt

Freitag, 21. August 2009

Random House goes Marketing 2.0


In Zeiten rückläufiger Buchverkäufe muss sich ein Verlag schon was einfallen lassen...nee Moment, der Satz klingt irgendwie spießig.

Neuer Versuch: Die großkopferten Verlage kommen jetzt marketingtechnisch durch die Hintertür (Assoziationen, jaja), um die werberelevante Zielgruppe – das sind wir – vermeintlich geschickt zu umgarnen. Random House hat von seiner Werbeagentur offenbar einen Tritt in den Popo bekommen und sich überreden lassen, Charlie Hustons aktuelles Werk jetzt total crazy und abgefahren und integriert und guerillamäßig zu bewerben. Das klingt jetzt gewollt lustig. Egal.

(Ob die alten Herren im Vorstand jetzt Basecap und Grillz tragen müssen, wegen der neuen jungen Unternehmenskultur? Ignoriert mich: Ich hab das Wochenende im Blick und zu viel Kaffee intus, da mach ich gerne mal den Kasper.)

Ich meine, ja klar ist das jetzt wieder so ein bisschen gewollt, aber irgendwie gefällt's mir. Ist mal was anderes. Wenn ich mir diese grauenhaften Eckfeldanzeigen anschaue, die Verlage sonst in irgendwelchen Magazinen schalten, dann ist mir dies hier wirklich lieber.

Wie finden wir das?

(Edit: Keine Meinung, nirgends? Komisch, ich dachte, an diesem hier würden sich vielleicht die Geister scheiden und freute mich schon auf polarisierende Kommentare!)






Donnerstag, 20. August 2009

T.C. Boyle und ich




Dies ist kein Text über T.C. Boyles Roman Wassermusik.

In einer idealen Welt hätte es einer werden sollen, aber Herr Boyle und ich liegen seit Wochen im Clinch miteinander, und es sieht nicht so aus, als würden wir uns in absehbarer Zeit in der Mitte treffen. Ich will jetzt nicht sagen, dies sei ein literarischer Nahost-Konflikt (wenn ich das sagte, dann würde ich gleich so viel betroffene Empörung auf mich ziehen), aber das Buch und ich stehen uns feindlich gegenüber.

Das Schlimmste ist: ich weiß nicht mal warum. T.C. Boyle ist ein wunderbarer Stilist und seine Formulierungen haben mich gleich angemacht. Daran liegt es also nicht. Auch das Thema interessiert – schottischer Entdeckungsreisender des 18. Jahrhunderts auf Niger-Expedition erlebt Afrika als feindlichen Kontinent, dessen Regeln er nicht begreift. Parallel verfolgen wir den Aufstieg (und Fall) eine Londoner Kleinganoven. Am Ende verflechten sich die Handlungsstränge. Skurril, eindringlich erzählt, sehr bildgewaltig. So weit, so gut.

Ich WEISS, dass Wassermusik ein großartiges Buch ist. Und trotzdem habe ich vier Versuche gebraucht, um bis zur Hälfte zu gelangen. Wo ich seitdem feststecke. Auf irgendeine mysteriöse Weise kriegt mich Wassermusik nicht rum, seiner augenscheinlichen Qualität zum Trotz. Sowas ist mir noch nie passiert (ein Gedanke, den der ein oder andere Mann vielleicht kennen dürfte. Blöder Witz. Haha. Das heiße Wetter produziert bescheuerte Zweideutigkeiten in diesem Artikel.)

Was stört mich denn nun? Ich glaube, ich empfinde Boyles Umgang mit seinen Protagonisten als gefühllos. Keiner von denen berührt mich – es ist ein distanziertes Erzählen, das durch die sprachliche Härte befördert wird (denn Boyle spart nicht an Rohheit). Vielleicht ist es ja so: Wassermusik ist wie Brad Pitt. Eine unmißverständlich heiße Schnitte, voll auf die Zwölf, sympathischer Typ und manierlicher Schauspieler. Gegen Brad Pitt lässt sich nichts einwenden – er interessiert sich für Kunst, ist offenbar ein toller Vater und erträgt die Jolie mit Fassung. Aber er ist einfach nicht mein Typ.


Darüber hinaus bin ich ratlos.
Völlig.
Kann irgendjemand erste Hilfe leisten?
Gibt es ein Happy End für die Axt?


Exkurs: vor etwa zwei Wochen habe ich das Buch bei meinen Eltern vergessen, die mehr als 700 Kilometer von mir entfernt wohnen. Bisher habe ich noch keinen Versuch unternommen, es zurück zu holen.

Freitag, 14. August 2009

Maria Sveland: Bitterfotze.




Wieder so ein Buch, das seine Leser konsequent in zwei feindliche Lager spaltet: In der einen Ecke diejenigen, die sich endlich verstanden fühlen und ihr Sprachrohr dankbar in die Höhe halten. Aus der anderen Ecke wabert Zigarrenrauch, und aus dem Rauch tönt neben dumpfen Schulterklopf-Geräuschen ein leises Murmeln: „Verbittert“, „Emanzenscheiß“, „Opferrolle“.

Bitterfotze ist keine schwedische Neuauflage von Feuchtgebiete, das mal vorweg (zum Glück, denn noch mehr muschifokussierte Experimente hätte ich nicht verkraftet). Schon der Titel erregte die Gemüter aufs Heißeste: Ein kurzer Rundblick von Googles Leuchtturm aus fördert Stimmen von „unerträglich vulgär“ bis zu „angemessene Härte“ zutage. Ich selbst tendiere, was den Buchtitel angeht, deutlich zu Letzterem. 

Es darf einen nicht wundern, dass auch die Kritik zwischen Lob- und Abgesängen schwankt, denn Bitterfotze ist ein unverhohlen wütendes und extrem persönliches Buch. Subtil ist anders – Sveland scheut die deutlichen Worte nicht, von gewohnt weiblicher Zurückhaltung ist hier nichts zu spüren. Und das macht das Buch so ungeheuer wertvoll.

Der Rahmen: Die Journalistin Sara fährt für eine Woche nach Teneriffa, eine kurze Verschnaufpause von Mann und Kind. Sie ist erschöpft, desillusioniert und krank vor Schuldgefühlen darüber, dass sie einerseits dringend eine Auszeit von der Mutterschaft braucht, aber andererseits deshalb das Gefühl hat, ihr Kind im Stich zu lassen.

Mit sich allein im Touristenghetto versucht Sara nachzuvollziehen, wie das passieren konnte: Dass sie so „bitterfotzig“, unendlich sauer und enttäuscht ist, entfremdet von ihrer Persönlichkeit und ohnmächtig im Angesicht der Fremdbestimmung, die ihr aufgrund ihres Frauseins widerfährt.

Diese Gedankengänge sind es, die Bitterfotze so polarisierend machen. Der bloße Fakt, dass sich eine erschöpfte Mutter eine Auszeit auf einer Ferieninsel nimmt, lockt noch keinen Hund hinter dem Ofen hervor. Aber das unnachgiebige Bohren in gesellschaftlichen Konventionen, das Offenlegen von Mann-Frau-Mechanismen mag auf manchen wie eine ungeheuerliche Provokation wirken. Ich kann mir gut vorstellen, dass vor allem Männer in einer Abwehrreaktion die „Emanzenkarte“ ziehen: Verbitterte Feministinnen muss man(n) nicht ernst nehmen, die mit ihrem ewigen Opfergehabe und so weiter und so fort. Doch auch Frauen müssen das Buch nicht zwangsläufig lieben – vieles wird hier aufgerissen, womit so manche Frau sich lieber nicht auseinander setzen würde. Der Bequemlichkeit halber?

So oder so ist Bitterfotze ein sehr, sehr wichtiges Buch. Meiner unmaßgeblichen Meinung nach sollten es alle Männer lesen, und zwar ohne unmittelbar danach eine Meinung auszukotzen. Hier bietet sich die Chance einer ernsthaften, betroffenen Auseinandersetzung zwischen „dem Mann“ und „der Frau“, und es wäre sträflich, dieses Potential nicht zu nutzen.


Edit: Hier gibt's eine Leseprobe!


Ach ja: Ich sagte gerade in den Kommentaren: Das Buch ist jetzt nicht so gnadenlos un-optimistisch, wie es sich auf den ersten Seiten liest. Das wär mir noch wichtig. Und wieso rechtfertige ich mich denn jetzt? Hm.

Donnerstag, 13. August 2009

Willy Russell: The Wrong Boy.




Der Fliegenfänger heißt Willy Russels Buch in der deutschen Übersetzung. Das ist zwar nicht falsch, aber der Originaltitel trifft es um Längen besser. Denn dies ist eine Außenseitergeschichte, eine Geschichte über das nicht-verstanden-werden, über die Arroganz der so genannten Erwachsenen und das Gefühl, nicht mehr in die Welt zu passen.

Raymond Marks ist erstmal ein ziemlich normaler 11-jähriger Junge. Natürlich bleibt das nicht so, denn sonst hätte Russel ja keine Geschichte zu erzählen. Deshalb lässt er seinen Protagonisten ein pubertäres kleines Jungsspiel namens „Fliegenfangen“ erfinden. Und das ist der Dominostein, der eine hässliche Kettenreaktion in Gang setzt – denn ab diesem Punkt hat der arme Raymond sprichwörtlich die Scheiße am Hacken, es geht bergab, und immer weiter bergab, und noch weiter bergab. Von der Sonderschule in die Psychiatrie, bergab in die tiefsten Abgründe der Menschlichkeit.

Raymond ist der Außenseiter, der Irre, der Perverse, und es schmerzt weiß Gott, ihn lesend zu begleiten. Die ganze Zeit möchte man ins Buch hineinrufen „Meine Güte, lasst Ihn doch endlich in Ruhe!“, aber nein, sie lassen ihn nicht in Ruhe, keine Chance. Der arme Raymond kriegt die volle Packung menschlicher Überheblichkeit mitten ins Gesicht, und man beginnt um seinetwillen auf ein Wunder zu hoffen.

Ich klinge vermutlich selbst pervers, wenn ich jetzt sage, dass Raymonds Story in ihrer ganzen Traurigkeit extrem witzig ist. Russell erzählt warmherzig, einfühlsam und mit einem unheimlichen Gespür für Situationskomik. Allein schon die Rahmenhandlung ist fantastisch: Der durch den Wolf gedrehte, mittlerweile 19-jährige Antiheld soll einen schrecklichen Job auf einer Baustelle antreten und erzählt seine Geschichte, unterwegs dorthin, in Briefform – in Briefen an sein Idol Morrisey. Ja, DER Morissey.

Dieses Buch ist für alle, die sich jemals wie ein Alien unter Robotern gefühlt haben, die nirgends hinein zu passen scheinen, die manchmal die Mechanismen der Gesellschaft nicht verstehen. Eine wundervollere Botschaft kann ein Buch nicht überbringen: Es ist okay, zu fühlen. Es ist okay, anders zu ticken als Deine Kollegen, Geschwister, Freunde. Es ist sogar viel mehr als nur okay. Und manchmal ist das Anderssein das größte Geschenk, das das Schicksal Dir überhaupt machen kann.

Lyrik zum Anfassen, Teil 5: Kurt Schwitters













Als die Axt vor einigen Jahren in ihrer Abschlussprüfung für Neuere Deutsche Literatur saß, fiel sie vor allem durch eines auf: durch unanständiges, unterdrücktes und immer wieder eruptiv hervorbrechendes Kichern, und zwar über die ganze Prüfungsdauer von drei Stunden. Alle anderen saßen ernst und konzentriert über ihren Blättern, während die Axt selbst am liebsten laut gelacht hätte vor Begeisterung.

Weil ich nämlich in genau diesem Moment Kurt Schwitters' "Ursonate" verstand und zu schätzen lernte. Dabei hatte ich mir die als Prüfungsthema selbst ausgesucht und mich seriös darauf vorbereitet. Und mitten in der Prüfung traf mich die grenzenlose Albernheit und Genialität des Werkes wie eine Gerade von Axel Schulz. So kann's gehen. Ich habe danach noch monatelang viele arme Menschen in meiner Umgebung an die Grenzen Ihrer Geduld getrieben, durch wiederholte Vorträge des kompletten, nun ja, Gedichtes in maximaler Lautstärke.

Wenn Du heute also schlecht drauf bist, verschlafen hast, mit dem Fahrrad durch eine dreckige Pfütze geradelt bist und deshalb Dein rechter Fuß durchnässt ist, Dein idiotischer Traum Dir immer noch auf der Seele liegt (all das trifft beispielsweise auf mich zu), dann empfehle ich Dir dringend, die Ursonate möglichst laut und mit viel Leidenschaft zu rezitieren. Hand drauf, dann geht's Dir besser.

Die vollständige Ursonate und viele andere wunderbare Schwitters-Werke findet Ihr hier. Wem es zu blöd ist, sich selbst durch die Sonate zu grunzen und zu jodeln, der kann sich dort auch Schwitters anhören, wie er es selbst tut. Großes Kino, das.


Es gibt übrigens unzählige Möglichkeiten, sich der Ursonate zu nähern – hier hat es jemand digital versucht:







Oder halt die klassische Performance:


Montag, 10. August 2009

Bastelstunde, Teil 2: Sergeant W.





Huhu, liest dit hier noch eener? Will ick hoffen.

Denn das gute alte Haus Sergeant W. hat uns mit einem famosen Artikel die Ehre gegeben. Und jetzt ziert Euch nicht so und applaudiert! Schließlich habe ich den Jungs hier ordentlich Ruhm und Ehre versprochen. Wo kommen wir denn hin, wenn ich das nicht halten kann.



Stanisław Lem: Lokaltermin

„Der einzige Mensch, für den ich im Laufe mehrerer Jahre dieses Buch schrieb, bin ich selber.“ In der Tat ist sein vorletzter Roman recht eigenwillig, fragmentarisch und über weite Strecken schwer zu lesen. Man merkt ihm an, daß er bergeweise Notizen verschlungen hat. Er ist auch nicht so in sich abgerundet wie die bekannteren Werke Lems, besitzt manch alberne, überflüssig anmutende Passage und überhaupt viel Unverständliches. Und dennoch – selbst wenn ich im Alter einmal geistig umnachtet darniederliege und mir der eigene Name nicht mehr einfällt – dieses Buch werde ich nicht vergessen. Es gehört zu den allerseltensten Werken, die man als ein anderer Mensch beendet, als der man sie begonnen hat.

Worum geht’s? Wir befinden uns in einer nicht näher bezeichneten Zukunft, der Erzähler, ein kosmopolitischer Weltraumreisender, kehrt soeben aus dem Sternbild des Kalbes auf die Erde zurück und will etwas ausspannen, als er von einer anderen Zivilisation erfährt. Radioteleskope haben entsprechende Signale empfangen, die Nachrichten sind naturgemäß unklar, werden in Bibliotheken archiviert und mit Hilfe statistischer Programme zu entschlüsseln versucht. Unser Erzähler begibt sich nun tage-, wochen-, monatelang in die Bibliothek und studiert diese Manuskripte; er versteht sie genauso wenig wie wir als Leser, denen er sie mitteilt, und das Ganze zieht sich über gute 120 Seiten. Man gewinnt bestenfalls eine dunkle, verschwommene Ahnung, was es mit dieser fremden Welt namens Entia auf sich hat.

Später verdichtet sich der Eindruck, daß dies eine der Erde ähnliche, aber weiter fortgeschrittene Zivilisation ist, darin bestimmte, für unsereins utopische Ideen Wirklichkeit geworden sind. So ist es etwa unmöglich, jemand anderem ein Leid zuzufügen, die Bewohner scheinen die Sterblichkeit überwunden zu haben, und einiges mehr. Schließlich, der Erzähler hat genug gelesen, besteigt er sein Raumschiff und bricht in Richtung Entia auf, zu einem Lokaltermin.

Im Stil schwankt dieses Buch zwischen Satire, philosophischem Traktat und Abenteuerroman, aber das eigentlich Bestürzende ist sein unwiderlegbarer, sozusagen wasserdichter Pessimismus: Wer das Böse eliminiert, eliminiert zugleich auch das Gute, und „dank allzuviel Tugend siegen die Kräfte der Hölle“. Lem beschreibt eine Welt des „Danach“, die verwirklicht hat, wovon wir nur träumen können, und die so lächerlich traurig und herz-zerreißend albern zugrunde geht, daß selbst der Satire das Lachen im Halse stecken bleibt. Viele seiner bereits in früheren Romanen variierten Themen tauchen abermals auf, um auf einen, wie es scheint, letzten Punkt gebracht zu werden. Ich hatte den Eindruck, sein Vermächtnis zu lesen, einen ebenso geistreichen wie resignierten Abgesang auf alle unsere Bemühungen, das Bessere zu wollen.