Mittwoch, 22. Juli 2009

Haruki Murakami: Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt






Nicht zum ersten Mal wünsche ich mir einen gestandenen ZEIT-Kritiker hierher. Der könnte mich dann abwinkend ins Café schicken und einen Text aus dem Handgelenk schütteln, während ich Minzfrappé trinke. Der ZEIT-Kritiker fände problemlos die richtigen Worte und Gedanken, die einem, ja, einem Meisterwerk wie diesem gerecht würden, und er hätte genug Routine, um eine einschüchternde und beruhigende Professionalität auszustrahlen.

Leider kann mir so jemanden nicht leisten, und deshalb sitze ich seit zwei Wochen (okay, mit Unterbrechungen) vor diesem Bildschirm und verzweifele an der Schönheit des Buches von Haruki Murakami. Allein der Titel ist in seiner Sperrigkeit einfach fantastisch: Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt. Das musste ich einfach lesen, kein Zweifel.

Und als ich es dann gelesen hatte, da wusste ich, dass es mir auf gar keinen Fall möglich sein wird, das zu beschreiben, was ich beim Lesen gefühlt habe. Dafür fehlt mir zweifellos das Werkzeug. Trotzdem will ich versuchen, wenigstens ein kleines Stück davon weiterzugeben – denn es könnte ja durchaus sein, dass dieses Buch für jemanden da draußen ein so großes Geschenk wird wie für mich, und diese Möglichkeit darf nicht ignoriert werden.


Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt spielt in zwei parallelen Handlungssträngen, zwischen denen kapitelweise hin- und hergewechselt wird. Hard-boiled Wonderland scheint ein Tokio der (fernen?) Gegenwart zu sein: Ein Datenkrieg ist ausgebrochen. Das so genannte System versucht, diese Daten zu verschlüsseln, die so genannte Firma versucht sie zu hacken. Der namenlose Protagonist ist dafür zuständig, diese Daten in seinem eigenen Gehirn so zu „waschen“, dass sie nicht mehr gestohlen werden können – das ist sein ganz alltäglicher Job, damit verdient er sein Geld. Das Ende der Welt ist hingegen eine seltsame, zeit- und seelenlose Parallelwelt ohne Gefühle, ohne Drama, ohne Wünsche, umgeben von einer unüberwindlichen und allwissenden Mauer.

Murakami lässt die beiden Erzählstränge langsam und mit Bedacht aufeinander zu laufen, Faden für Faden wird zwischen den Welten geknüpft, bis zum gemeinsamen Finale. Ein komplexes Gewebe ist dieses Buch, ohne jemals sperrig zu sein. Eine perfekte Komposition von Form und Inhalt, herausragend klug und sensibel erzählt, lakonisch und witzig und voller wunderschöner Gedanken. Mal waren es kleine Beobachtungen, die mich berührt haben, mal waren es große Ideen – Murakami kann zweifellos beides.

Mehr gibt es nicht zu sagen.

Kommentare:

donpozuelo hat gesagt…

"Hard-Boiled Wonderland und das Ende der Welt" war meine erste Begegnung mit Murakami und genau wie du war ich absolut fasziniert und sprachlos von dem Können des Japaners. Tatsächlich ist es sehr schwer, das Buch prägnant zu beschreiben (ich musste einmal einem Freund erklären und habe ne knappe Stunde gebraucht). Das Buch ist wirklich empfehlenswert, weil es so viele verschiedene Aspekte und Genres abgreift, ohne dabei belastend zu werden.

Hat mich auf jeden Fall dazu inspiriert, mehr von Murakami zu lesen und bis jetzt war jedes Buch von ihm sein Geld und die Zeit wert.

Fürst Uranov hat gesagt…

Auf jeden Fall macht diese Beschreibung extrem neugierig darauf dieses Buch zu lesen. Ich bin gespannt.