Mittwoch, 15. Juli 2009

Chiara Carrer: Das Mädchen und der Wolf





Der SPIEGEL hat eine wunderbare Sache ausgegraben, die ich Euch nicht vorenthalten möchte. Ich habe zwar keine Ahnung, in welcher Schublade ich Das Mädchen und der Wolf ablegen könnte, aber bemerkenswert ist das Buch, und wunderschön illustriert außerdem. Ein Kinderbuch? Ja, vielleicht, denn die ungewöhnlicheren Assoziationen offenbaren sich ohnehin erst beim zweiten Lesen und Hinsehen. Aber was soll’s, das ist mir sowieso wurst.

Und welches gestandene Mädchen hat sich nicht schon einmal gewünscht, dass das brav-doofe Rotkäppchen sich gefälligst selbst retten möge, statt auf den ollen schwitzigen Jäger zu warten? Was die Gebrüder Grimm einst an zu radikalem Gedankengut aus der Geschichte tilgten, hat Chiara Carrer wieder ausgegraben. Claudia Voigt vom SPIEGEL sieht es so:

Die italienische Kinderbuchillustratorin kennt sich aus mit den vielen Fassungen von "Rotkäppchen und der Wolf". Was die Brüder Grimm 1812 im ersten Band ihrer "Kinder- und Hausmärchen" veröffentlichten, war eine Erzählung, die sie von all den Motiven befreit hatten, die ihnen zu kannibalistisch vorkamen und zu sexuell.

Carrer mutet den Lesern mehr zu: Sie orientiert sich an früheren Versionen, die grausamer waren und emanzipierter.

Nachdem der Wolf die Großmutter verspeist hat, lässt er ein wenig von ihr übrig, um dem Mädchen diesen Rest zum Essen anzubieten. Das Mädchen lehnt ab. Es schmeckt ihr nicht. Anschließend zieht sie erst ihr Kleidchen aus, ihre Hemdchen, den Unterrock, die Strümpfe, bevor sie an das Bett des Wolfs tritt.


Klingt das gut oder klingt das gut? Nicht zu vergessen die eigenwilligen Illustrationen, die keinesfalls als nettes Beiwerk zu verstehen sind. Im Gegenteil – die düstere Bildsprache ist es, die Geschichten erzählt. Harte Kanten, harte Farben, spitze Stacheln. Ein prima Geschenk für eigenwillige große kleine Mädchen.

(Edit: Verdammt noch eins, ich sah soeben: Der Spiegel hat Charlie Huston ebenfalls besprochen. Fast zeitgleich mit mir. Bin ich jetzt Mainstream oder was? Mein Gott. Dafür verlinke ich den Artikel jetzt nicht, so.)


Das Mädchen und der Wolf in den 80ern:


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