Dienstag, 16. Juni 2009

Mark Rowlands: The Philosopher and the Wolf.





(Für so nen Typen.)


Das ist eines dieser Bücher, bei denen ich gleich am Anfang mit Ratschlägen wichtigtue. Aber – in diesem Fall ist es nötig, um dem einen oder anderen Zeit und Geld zu sparen. Denn wer die mittelalterliche Ansicht vertritt, dass das Thier ein dumpfes Wesen ohne Sprache, Gefühl und Bewusstsein sey, der kann sich gleich jetzt verpissen.

(Jaaa, jetzt wird’s persönlich. Das ist ja das Schöne hier: Ich kann machen was ich will und keiner droht mit Suspendierung, Folter, Geldstrafe oder Fernsehverbot. Allmachtsphantasien ... ich krieg Gänsehaut.)

Aber ich schweife ab. Wie immer, wenn mir etwas wirklich nahe gegangen ist, fehlen die passenden Worte. Fatal, wenn man ein Buchblog betreibt.

Was ich eigentlich sagen wollte: The Philosopher and the Wolf, das ist ein wahrhaftiges Juwel für denkwütige Leute wie unsere erlauchte Gemeinschaft hier. Und es ist kein Roman. Ist es dann ein Sachbuch? Ich weiß nicht. Es ist eine Geschichte darüber, was es bedeutet, ein Mensch zu sein.

Mark Rowlands, der Titel gebende Philosoph und Autor, kann sich einer lebenslangen und zeitweise äußerst bizarren Beziehung zur Gattung Hund rühmen. Offenbar hatte der Mann auch keine Wahl, denn Rowlands’ ganze Familie zeichnet sich durch eine furcht- und kompromisslose Liebe zum canis lupus aus. Seinem persönlichen Kismet begegnet der Autor folgerichtig in Gestalt einer Kleinanzeige, in der es heißt „Wolf cubs for sale“. Keine zwei Stunden später ist Rowlands um 500 Dollar ärmer und den Wolfswelpen Brenin reicher.

Elf Jahre lang lebt Brenin mit dem Philosophieprofessor. Und wenn ich leben sage, dann meine ich das auch genau so: Brenin begleitet Rowlands zu dessen Vorlesungen, auf Studentenpartys, reist mit ihm durch Kontinente, sieht Beziehungen kommen und gehen. Der Wolf wird zum engsten Gefährten des Mannes und bewegt ihn dazu, die fundamentalen Fragen menschlicher Existenz zu ergründen.

Große Themen wie Verantwortung, Liebe, Freundschaft, Tod erfahren durch das Zusammenleben mit Brenin für Rowlands eine neue Grundlage. Was macht den Mensch zum Menschen? Diese uralte Frage sucht Rowlands in seinem Buch zu beantworten. Dabei ist ein oberflächliches philosophisches Grundwissen für den Leser von Nutzen, denn in The Philosopher and the Wolf werden die Theorien einschlägig bekannter Hirne von Sartre bis Schopenhauer aufgegriffen und weiterentwickelt.

Doch auch wer in Geistesfragen so unbewandert ist wie ich, dürfte keine größeren Verständnisprobleme haben; genaues Lesen reicht aus. Keine Angst, es handelt sich hier nicht um ein trockenes philosophisches Lehrbuch. Und obwohl das tierische bzw. wölfische Verhalten Brenins den Ausgangspunkt für viele von Rowlands’ Gedanken bietet, ist sein Buch auch keine Anleitung zur Hundeerziehung.

Statt dessen ist The Philosopher and the Wolf eine Schatzkiste voller wunderbarer, interessanter, kritischer Gedanken, ein Sammelsurium großer Lebensfragen und ein Kniefall vor der Würde der tierischen Natur. Tiefgang und Schönheit ohne überflüssige Theatralik, dafür aber mit feinem Witz.

Die Beziehung zwischen dem Wolf und dem Philosophen erfährt auf 300 Seiten eine Hommage, die intelligenter und liebevoller nicht ausfallen könnte. Ich glaube nicht, dass irgendwer seinem Haustier (obwohl Brenin sehr viel mehr ist als das) jemals ein derartiges Denkmal gesetzt hat.

Eine deutsche Übersetzung gibt es zwar, aber die habe ich nicht gelesen und kann deshalb wenig dazu sagen. Ich würde vermuten, dass die Originalfassung zwar um einiges schwerer verständlich ist, aber gerade die Feinheiten und Rowlands’ Humor lassen sich im Englischen wahrscheinlich besser erfassen.

Ich empfehle zu diesem Buch einen See oder ein Flussufer, einen trockenen Sommertag und eine Abenddämmerung, dazu eine gut gekühlte Flasche Sauvignon Blanc und diesen Soundtrack:




1 Kommentar:

anovi hat gesagt…

Schön, freut mich sehr, dass es dir gefällt.