Freitag, 5. Juni 2009

Lyrik zum Anfassen, Teil 3



Ich bin schon die ganze Woche über schlecht gelaunt. Seit Montag durchgehend missgünstig und misantrophisch (schreibt man das so?). Deshalb kriegt Ihr heute kein Gedicht über Blumenwiesen und Mondnächte, sondern das da. Und das ist noch ein Kompromiss, denn eigentlich wollte ich ja ein anderes aus dem "Morgue"-Zyklus nehmen: "Mann und Frau gehen durch die Krebsbaracke". Schien mir dann aber doch eine Nummer zu hart als Einstieg in ein freies Wochenende. Schließlich kann hier ja keiner was für meine Mistlaune.

Gottfried Benn, einer meiner ewigen Top-Five-Dichter. Radikalster Expressionist ever. Mit einem ausgeprägten Sinn für den Skandal. Wenn man sich so richtig scheiße fühlt, kann ein Morgue-Gedicht von Benn helfen, glaube ich. Irgendwie relativiert sich das eigene Unglück in den Abgründen der Pathologie.



Schöne Jugend

Der Mund eines Mädchens, das lange im Schilf gelegen hatte,
sah so angeknabbert aus.
Als man die Brust aufbrach, war die Speiseröhre so löcherig.
Schließlich in einer Laube unter dem Zwerchfell,
fand man ein Nest von jungen Ratten.
Ein kleines Schwesterchen lag tot.
Die anderen lebten von Leber und Niere,
tranken das kalte Blut und hatten
hier eine schöne Jugend verlebt.
Und schön und schnell kam auch ihr Tod:
Man warf sie allesamt ins Wasser.
Ach, wie die kleinen Schnauzen quietschten!




Kommentare:

Almut hat gesagt…

Oh, gut, dass es nicht nur mir so geht… sehr hübsch, wirklich, da fühlt frau sich ja gleich besser. Lass Dir nicht auf die Ohren treten ;-)

Ronald hat gesagt…

ist es eigentlich Zufall, dass der gelbe Kopf Deines Blogs gewisse Ähnlichkeit mit dem "never mind the bollocks"- Plattencover der Sex Pistols aufweist, oder ist das ein Insiderzaunpfahlwink auf Deine anarchistische, rebellische Lebensweise?

lizzz hat gesagt…

@ ronald: das ist natürlich absoluter und kristallklarer zufall!

@ almut: danke :)

Anonymous hat gesagt…

Erinnerst du dich noch an die Rattenjugend unter der Römerbrücke?
..."und hatten hier eine schöne Jugend verlebt. Und schön und schnell kam auch ihr Tod: Man warf sie allesamt ins Wasser." - Die einen in die Donau, die andern in die Spree...

Und die Moral von der Geschicht`?
Ratten braucht die Menschheit nicht.