Mittwoch, 3. Juni 2009

Jaqueline Carey: Die Kushiel-Trilogie





Kushiel ist:
- eine opulente Praline für den geneigten Liebhaber anspruchsvoller phantastischer Literatur
- ein intelligenter historischer und religiöser Entwurf
- ironische Erotik der härteren Gangart


Kushiel ist NICHT:
- geeignet für Menschen, die Kostümfilme oder Kitsch hassen
- das Richtige für sprachliche Puristen
- Porno


So steige ich also ein in eine Rezension eines unrezensierbaren Buches. Genauer gesagt, es handelt sich hier um drei Bände mit je 1000 Seiten (Das Zeichen/ Der Verrat/ Die Erlösung. Alle als Taschenbuch erhältlich bei LYX). Sämtliche Besprechungen, die ich bisher lesen durfte, versuchten sich an einer verständlichen Zusammenfassung der hochkomplexen Handlung – in keinem Fall war das spannend, deshalb verzichte ich um Euretwillen darauf.

Kushiel wird immer wieder angepriesen als erotisches Feuerwerk allererster Güte. Das stimmt nicht. Das machen die nur, um die Verkaufszahlen zu erhöhen. Sex sells, Ihr wisst schon. Dabei hat Kushiel das gar nicht nötig: Zwar ist die Hauptfigur eine Hure, die vorzugsweise auf knallharten Sex steht, aber das dient nicht zur billigen Provokation, sondern ist für die Story essentiell wichtig und sinnvoll.

Ganz kurz zur Handlung, damit Ihr wisst wovon ich rede. Erzählt wird aus der Perspektive eben jener Heldin, Phèdre genannt. Deren Vormund Anafiel Delaunay erkennt bereits in Phèdres Kindheit ihre Bestimmung – sie ist von den Göttern dazu auserkoren, Schmerz nicht nur zu ertragen, sondern herbei zu sehnen. Delaunay bildet die junge Frau sowohl in der Kunst der Spionage als auch in der des Schlafgemachs aus und macht sie so zu einem Eins-a-Instrument zur Enthüllung höfischer Intrigen, denn die bedrohen den Thron Terre D’Anges (genau, das ist das Heimatland der Protagonisten).

Phèdre erweist sich als sensationell talentiert und so kommt der Delaunay’sche Haushalt bald einem bösartigen Verrat auf die Spur, der unbedingt verhindert werden muss. Selbstverständlich ist das nicht so einfach, sonst wäre Kushiel keine Trilogie mit 3000 Seiten geworden. Der Entwurf der Weltordnung in diesem Roman ist irgendwie ein fiktives Europa, sagen wir mal, der Renaissance. Wir als Europäer finden uns darin auf Anhieb zurecht, denn Länder und Namen sind an Gewohntes angelehnt (und auch ziemlich originell ausgedacht). Alles sehr komplex und intelligent angelegt, und vermutlich werden Freunde historischer Romane Gefallen daran finden. Fast hätte ich jetzt den Fehler gemacht und einen gut gemeinten Tolkien-Vergleich angestrebt, obwohl ich doch inflationäre Tolkien-Vergleiche so sehr hasse!


Und damit schalte ich wieder um zur platzsparenden Listenform. Denn natürlich hat Kushiel auch Schwachpunkte:

- Die Sprache ist sicherlich nicht jedermanns Ding, denn die ist sehr opulent, blumig, verschlungen. Das muss man mögen, sonst kann man sich das Buch sparen.
- Es wird sich eine Spur zu oft wiederholt! Der Leser ist doch kein debiler Blinder, meine Güte.
- Phèdre ist eine ultrasexy Intelligenzbestie, die tausend Sprachen spricht, kongeniale Pläne schmieden kann und außerdem auch noch nett ist – das nervt zuweilen. Wenn das mal keine Ego-Projektion der Autorin ist.
- Die ersten 200 Seiten sind ungeheuer faktenorientiert, was abschreckend und ermüdend sein kann.
- Das Cover! Augenkrebs, sag ich nur. Peinlich.



Aber wir wollen natürlich nicht ungerecht sein, denn:

- Die Handlung zeigt sich über alle drei Bände hinweg stringent, abwechslungsreich und ohne spürbare logische Brüche. Das ist eine grandiose Leistung!
- Die Figuren sind liebevoll entworfen, vielseitig und sympathisch.
- Kushiel zeigt, dass Fantasy nicht zwangsläufig Fast Food für gehirngeschrumpfte Hauptschüler bedeutet (wie es leider oft dargestellt wird, nicht ganz ohne Grund).



Fazit: Wer ein wenig Disziplin aufbringt und sich nicht allzu sehr für das Cover schämt, der sollte dieser Reihe eine ernst gemeinte Chance geben, denn die ist erzählerisch in ihrem Genre ganz weit vorne. Ich persönlich würde sagen, Kushiel ist eher was für Frauen als für Männer, aber man hat ja schon Pferde kotzen sehen.



Hier Leseproben aus allen drei Bänden, die allerdings nicht viel verraten: Kushiel 1. Kushiel 2. Und Kushiel 3. Einige von Euch seh ich schon würgen, andere heimlich schmachten.

Keine Kommentare: