Donnerstag, 14. Mai 2009

Sarah Kuttner: Mängelexemplar.





Für meine gabelstaplerfahrende Biberfreundin.


Ich möchte behaupten, dass es mich grundsätzlich ungehalten macht, wenn so ne Ischen vom Musikfernsehen Romane verfassen. Das ist so, wie wenn Schauspieler und Models plötzlich Platten aufnehmen: nett gemeint, aber überflüssig. Deshalb wäre es mir eine unheimliche Genugtuung, Mängelexemplar wortreich auseinander zu nehmen. Mich wild gestikulierend in Selbstgerechtigkeit zu suhlen, wie ich es neulich bei Frau von Kürthy getan habe. Kinder, wäre das schön!

Und jetzt kommt die wahnsinnig überraschende Pointe: ich kann es nicht. Denn Mängelexemplar ist ein richtig gutes, persönliches, notwendiges Buch. Wenn eine junge und für ihre Quirligkeit bekannte Frau wie Sarah Kuttner ein erfolgreiches Buch über eine ebenso junge und quirlige Frau schreibt, die unter Panikattacken und Depressionen leidet, dann wittern Rezensenten gleich einen saftigen Happen Biographie. (An dieser Stelle geht es dann nicht mehr um das Buch, sondern um Frau Kuttner. Hier werden Feuilletonisten gerne voyeuristisch.)

Dabei ist es sowieso egal, ob Kuttner die gleichen Psychopharmaka schluckt wie ihre Heldin Karo. Die kann man guten Gewissens als solche bezeichnen, denn trotz Jobverlust, Trennung und aufziehender Panikstörung mit Depression ringt Karo mit einiger Energie und unverwüstlichem Witz um die Fernbedienung für ihr Leben. Sarah Kuttner schreibt ungefähr so wie sie spricht, und entsprechend sind ihre Sätze schnell und punktgenau, ihr Humor intelligent und zynisch.

Mängelexemplar ist nicht witzig, seine Sprache dafür sehr. Das schafft eine gute Balance zwischen Inhalt und Verpackung. Wobei Ihr jetzt nicht denken dürft, das Thema „Psychomacke“ würde hier slapstickmäßig runtergerödelt. Nee, nee. Das Buch hat eine unerwartete Durchschlagskraft und gerade die Stellen, an denen Karo in ihrem eigenen Kopf gefangen ist, hinterlassen Beklemmung. Ich würde sogar behaupten, dass sich Mängelexemplar für Menschen, die tatsächlich unter einer Depression oder einer Angsterkrankung leiden/gelitten haben, als Belastungsprobe entpuppen kann. Karos Angst, ihre Traurigkeit und Verzweiflung... all das dümpelt nicht an der Oberfläche herum, sondern gräbt sich durch bis zum Kern. (Jaja, theatralisch! Subjektiv! Unsachlich!)

Und zu sagen: "Hey, ihr konsequent fröhlichen Medienmenschen, die Ihr im Inneren vielleicht ganz schön traurig seid – Ihr seid nicht allein, da gibt es noch andere wie Euch, und überhaupt darf man verzweifelt und aussichtslos sein" finde ich toll. Ein Buch gegen das Funktionieren-müssen. Wurde auch mal Zeit.

Na, ich könnte jetzt noch lange hier rumlabern, aber ich such Euch lieber mal eine Leseprobe raus, damit Ihr selbst reinschauen könnt. Bitteschön (hier liest Kuttner zusätzlich selbst): Klick!  Leider nur das erste Kapitel, was in meinen Augen das schwächste ist. 

Und weil ich so nett und zuvorkommend bin, hier noch ein Ausschnitt der ARD-Sendung "Literatur im Foyer". Was eine schreckliche Sendung ist mit grauenhafter Moderatorin. Aber: Sarah Kuttner im Interview. Ist vielleicht interessant:

http://www.youtube.com/watch?v=ttLB5R9f-bs 
(Lässt sich leider nicht einbetten. Danke, Ihr paranoiden Trottel von der ARD.)


Und, was haltet Ihr davon?


1 Kommentar:

Anonymous hat gesagt…

Mir ging es ähnlich wie Dir. Ohne Erwartungen und nur aus voyeuristischer Neugier heraus gekauft und dann unerwartet tief getroffen worden. Ich würde davon ausgehen, dass Sarah Kuttner zumindest ansatzweise die Erfahrungen gemacht hat, die sie da beschreibt. Ich hatte zwar selbst noch nie einen Panikanfall, aber es klingt so verdammt nah. So gut kann man doch gar nicht recherchieren.