Montag, 11. Mai 2009

Lyrik zum Anfassen, Teil 1

So, heute wagen wir mal was, Ihr und ich. Für sehr viele Leute ist Lyrik etwas, das man via Deutschunterricht in zähem Ringen zu Tode interpretiert. Etwas, das man schon deshalb zum Kotzen findet, weil man es lesen MUSS. Ging mir jedenfalls jahrelang so, bis mir ein einziges besonderes Gedicht Herz und Augen öffnete (dazu an anderer Stelle mehr).

Am Wochenende las ich einem Menschen ein paar Sachen von Kurt Tucholsky vor, und dabei fiel mir auf, wie sehr ich gerade seine Gedichte mag. Während mich bei Tucholskys Prosa die unerhörte sprachliche Eleganz umhaut, ist es in der Lyrik der federleichte Tonfall, der Persönliches verpackt.

Was ich Euch heute mitgeben will, ist eines der Gedichte, die auf Tucholskys Beziehung zu Mary Gerold Bezug nehmen. Die große Liebesgeschichte seines Lebens. Aber auch so ne typische Kiste von "Ich find Dich eigentlich nur aus der Entfernung toll".


Sie schläft.


Morgens, vom letzten Schlaf ein Stück,
nimm mich ein bißchen mit -
auf deinem Traumboot zu gleiten ist Glück -
Die Zeituhr geht ihren harten Schritt ...
pick-pack ...

"Sie schläft mit ihm" ist ein gutes Wort.
Im Schlaf fließt das Dunkle zusammen.
Zwei sind keins. Es knistern die kleinen Flammen,
aber dein Atem fächelt sie fort.
Ich bin aus der Welt. Ich will nie wieder in sie zurück -
jetzt, wo du nicht bist, bist du ganz mein.
Morgens, im letzten Schlummer ein Stück,
kann ich dein Gefährte sein.


Und den Soundtrack liefere ich auch gleich mit:






Wie siehts aus, wollen wir ein bißchen drüber quatschen? 


P.S. Wer mehr Lyrik und Prosa aus der tucholsky'schen Feder lesen möchte, der kann das hier tun: Klick!

Kommentare:

Jen hat gesagt…

Ein Gedicht, das finde ich ja echt gut. Irgendwie ein Eintrag to go, nicht?

Also...für mich klingt das Gedicht traurig. Als ob er ihr nicht nah sein könnte, wenn sie wach ist. Als ob er nur Nähe zu ihr empfinden könnte, wenn sie weg ist, und das ist sie ja im Schlaf.

Vielleicht war das so eine Liebe, die hauptsächlich davon lebte, dass man in ein Bild des anderen verliebt ist, das man sich in dessen Abwesenheit geschaffen hat?

Sergeant Waurich hat gesagt…

Tucholsky ist toll, tatsächlich war er der erste Schriftsteller, bei dem ich voller Überzeugung und mit ernsten Absichten gesagt habe: "So werde ich auch mal sein!" Das ist jetzt zwölf Jahre her, und über das Ergebnis schweige ich mich lieber aus... Damals wußte ich noch nichts von seinem späteren Unglück. Es ist ja immer so ein Problem der Intellektuellen, Liebe stets auch als etwas Fiktives zu verstehen, das nicht zu verwirklichen ist: "Dieses Gefühl kann man nicht teilen, man kann es nur haben." Insofern paßt es zum Traum, zum Schlummer, abseits der Realität.

lizzz hat gesagt…

Tach in die Runde.

Die Liebe, ja. Ich hatte den Gedanken, den Jen oben geäußert hat, auch. Da baut sich jemand ein Luftschloss, eine Idee von einer Liebe. Die natürlich jeglicher Realität nicht standhalten kann. Die eigentlich nur in Abwesenheit der Projektionsfläche, also des Partners funktioniert.

Wodurch ich dann beim Kommentar vom Sergeant ankomme: Die Liebe als etwas Fiktives. Ich denke, so geht es allen heimlichen Romantikern unter uns. Wir zimmern uns ein Ideal zusammen, das ja nur enttäuscht werden kann. Das niemals Verwirklichung erfährt.

Es gibt außer diesem noch einige andere Gedichte von Tucholsky, die sich mit Mary Gerold beschäftigen. Gerade das Thema Trennung fand ich dann sehr interessant.

Sergeant, mir ging es übrigens genau wie Dir: Tucholsky hat mich gepackt, als ich fünfzehn war. So wollte ich schreiben. Ebenfalls mit den aufrichtigsten Absichten. Was daraus geworden ist...naja, man schaue sich diese Seite an. Aber was soll's, es hätte ja schlimmer kommen können.