Dienstag, 5. Mai 2009

John Irving: Eine Mittelgewichts-Ehe

Es ist weißgott keine Überraschung, dass die Liebe zu den härtesten Disziplinen der Welt gehört. Deshalb beschäftigen sich ja auch Hinz und Kunz damit: Unzählige Bücher, Songs, Filme und Bilder drehen sich nur um sie, in jedem zweiten Kaffeehausgespräch fällt ihr Name (oder der ihrer Konsequenz: gestatten, Liebeskummer). Leute tun die irrwitzigsten Dinge um ihretwillen, wachsen über sich hinaus oder fallen ganz tief.

Umso ungerechter und bösartiger erscheint daher der Fakt, dass es eine Lebensaufgabe sein kann, eine gute Beziehung zu führen. Denn da endet die Liebe ja meistens: in einer Partnerschaft. Und in hartnäckigen Fällen: in einer Ehe. Die meisten von uns wissen ohnehin, wie es sich anfühlt, wenn es schief geht; wenn alles, woran man glaubte, mit viel Lärm oder in aller Stille gegen den Baum fährt.

Es gibt zwölfzig Trillionen Konzepte, die Liebe zum Bleiben zu bewegen, und John Irving seziert für uns eines davon. Zwei Ehepaare, gebildet und zivilisiert, suchen ihr Heil im Partnertausch, als Versuch, das alte Feuer wieder zu entzünden. Aber ganz schnell wird klar: Ein Paar ist dem anderen überlegen, was dem Experiment eine perfide Note versetzt. Ob das nun in voller Absicht oder aus Gedankenlosigkeit geschieht, wird man nicht erfahren. Vier Menschen verlaufen sich auf der Suche nach einem gangbaren Weg. Vieles verbleibt in halben Andeutungen, anderes bleibt ungesagt.

Dieses Buch ist mit knapp 300 Seiten eines der kürzeren Werke Irvings, und auch das Untypischste, was ich von ihm gelesen habe. Zwar wird mit bizarren Situationen nicht gegeizt, und auch irvingsche Lieblingsthemen wie das Ringen (schon der Titel ist eine Analogie), Wien oder die Schriftstellerei fehlen hier nicht. Aber in der Mittelgewichts-Ehe ist das Bizarre nicht komisch. Es macht lediglich das Traurige noch trauriger.

Irving erzählt systematisch. Offen. Mit großer Zärtlichkeit für seine Figuren, ohne ihnen deshalb irgendetwas zu ersparen. Nein, erspart wird denen wirklich nichts. Trotzdem ist das kein deprimierendes, düsteres Buch: es hat viele leichte Momente, Ruhepausen im emotionalen Kriegsgebiet.

Trotzdem: Wenn Du, lieber Leser, an die einzige wahre große Liebe glaubst. Wenn Dir die Vorstellung gefällt, es gäbe den einen besonderen Menschen für Dich. Wenn Du der Ansicht bist, eine gut funktionierende Beziehung böte keine Angriffsfläche – dann solltest Du dieses Buch lieber nicht lesen.

Kommentare:

Anonymous hat gesagt…

Ein trauriger Eintrag. Und ein sehr guter. Mir persönlich gefällt es, wenn Du in Deinen Postings ganz subjektiv wirst, weil es etwas von dem Menschen erkennen lässt, der da schreibt.

Kascha Kolumna hat gesagt…

Endlich mal was vernünftiges über John Irving! Bin selbst großer Fan und bin oft verblüfft über die Naivität, die einen in den Besprechungen entgegenschlägt.
Und ein großes Lob an deinen Blog, machste gut!

Gruß Kascha Kolumna
www.kaschakolumna.wordpress.com