Donnerstag, 28. Mai 2009

Simon Beckett: Die Chemie des Todes.















Ja, ich weiß. Ich bin gerade etwas lahmarschig. Aber mein Brotjob besetzt zur Zeit fast sämtliche Ressourcen, das muss ich zu meiner Verteidigung sagen dürfen. Eigentlich bin ich auch so müde, dass ich gar nichts schreiben will (und wenn ich müde bin, fange ich immer an zu jammern, genau so wie jetzt).

Aber ich habe letztes Wochenende für Euch einen netten Thriller gelesen und zwar Die Chemie des Todes. Den hab ich schon wieder aus einerBahnhofsbuchhandlung (scheint langsam zur Gewohnheit zu werden), und dort gibt es halt nur Beststeller – also jetzt keine Beschwerden wegen mangelnden Independent-Seins.

Es geht hier um den Landarzt David Hunter. Der hat vor einigen Jahren seine Frau und Tochter verloren und daraufhin beschlossen, seine Tätigkeit als spitzenmäßiger forensischer Pathologe an den Nagel zu hängen und seinen Frieden in einem winzigen englischen Dorf zu suchen. Wo natürlich prompt zwischen Primeln und Kirchmessen eine Frau bestialisch ermordet wird. Vorhersehbar ist: Hunter will zuerst mit dem Fall nichts zu tun haben, aber die Polizei überredet den Mann und dann findet er es doch ganz ok. Naja. Wahnsinnig originell ist das nicht, aaaaber: sehr atmosphärisch!

Beckett entwirft ein tolles stimmungsvolles Bild von den psychologischen Strukturen englischer Dörfer, und er schafft es, eine permanente Aura des Unheimlichen durch die putzigen Cottages wehen zu lassen. Diese gekonnte Komposition ist es, die einen zum Weiterlesen zwingt. Über weite Strecken ist Die Chemie des Todes ganz schön spannend, und die lange Zugfahrt verschwand für mich in einem Nebel von Intrigen, Blut und Tierkadavern. (Das war schöner, als es sich anhört)


Grundsätzlich ist das Buch eine sehr empfehlenswerte Lektüre für alles, was normalerweise pupslangweilig ist. Zugfahrten, Toilettengänge, Amtsbesuche, Haftstrafen. Liest sich zügig und angenehm weg und gruselt in der richtigen Dosis. Mir gefallen die intelligenten Details, die Figuren könnten allerdings etwas lockerer sein. Die erscheinen stellenweise lächerlich altbacken, aber was soll's.

Die Auflösung ist für mich persönlich eigentlich der Wehmutstropfen, denn die finde ich ziemlich wild. Kann sein, dass der Krimi an sich mit kuriosen Auflösungen glänzen muss, weil sonst jedem Hinz und Kunz schon vorher ein Licht aufginge. Soll ja auch hübsch spannend bleiben. Aber in Becketts Fall gleitet das Finale immerhin nicht ins Unerträgliche ab, sondern bleibt im akzeptablen Bereich. Da will ich mal nicht so sein.

Etwas ganz anderes zum Schluss: Das Layout des Buches finde ich ziemlich gelungen. Ich mag solche schlichten Ideen gerne leiden. Aber dass das "T" in Form eines Kreuzes gestaltet ist, das ist doch wirklich albern und unnötig und verkitscht das Cover. Findet das noch jemand? Hand heben.


Hier ein Soundtrack zu der Szene, als die Leiche mit den Schwanenflügeln im Rücken gefunden wird:




Montag, 25. Mai 2009

Die "Axt" zu Gast bei der Mädchenmannschaft



Es gibt prima Neuigkeiten in eigener Sache *gröhlt sich konfettischmeißend heiser* 

Die fabelhafte Mädchenmannschaft ist offenbar der Ansicht, die "Axt" verdiene es, in die Serie www-girls aufgenommen zu werden. Das freut mich so dolle, dass mir ausnahmsweise ziemlich viele Worte fehlen.

Hier der Link zum Interview: Go, Blog-Girls, go!

*gerührt ab, Tempo zusammenknüllend*

Sonntag, 24. Mai 2009

Lyrik zum Anfassen, Teil 2.





So Freunde, es ist Sonntagabend und damit höchste Eisenbahn, in Bild und Ton sentimental zu werden. Deshalb gibt's heute den zweiten Teil der Lyriksache, aus der ich übrigens eine Serie zu stricken gedenke. 

Dieser Song ist für alle, die genau jetzt ganz furchtbar unter dem Sonntagsblues leiden. (Sonntagsblues, pl.: Sonntagsblusen = Gemütsstimmung, die Dich jeden Sonntag pünktlich zwischen 16 und 18 Uhr zu befallen pflegt und Dich am Sinn des montäglichen Bürogehens im Konkreten und am Sinn Deiner gesamten Existenz im Allgemeinen zweifeln lässt.)



Mondnacht

Es war, als hätt' der Himmel
Die Erde still geküsst,
Dass sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müsst'.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis' die Wälder,
So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.



Ach ja, Fakten: Joseph von Eichendorff. Entstanden um 1835. Romantik. Sehnsucht als zentrales Motiv. Vorherrschender Kreuzreim.

Aber wer will das denn jetzt wissen. Es geht darum, den Sonntagabendschmerz stilgerecht mit Lyrik zu verbrämen. Bei mir funktioniert das. Bin jetzt noch melancholischer als vorher. Und Ihr?


Donnerstag, 14. Mai 2009

Sarah Kuttner: Mängelexemplar.





Für meine gabelstaplerfahrende Biberfreundin.


Ich möchte behaupten, dass es mich grundsätzlich ungehalten macht, wenn so ne Ischen vom Musikfernsehen Romane verfassen. Das ist so, wie wenn Schauspieler und Models plötzlich Platten aufnehmen: nett gemeint, aber überflüssig. Deshalb wäre es mir eine unheimliche Genugtuung, Mängelexemplar wortreich auseinander zu nehmen. Mich wild gestikulierend in Selbstgerechtigkeit zu suhlen, wie ich es neulich bei Frau von Kürthy getan habe. Kinder, wäre das schön!

Und jetzt kommt die wahnsinnig überraschende Pointe: ich kann es nicht. Denn Mängelexemplar ist ein richtig gutes, persönliches, notwendiges Buch. Wenn eine junge und für ihre Quirligkeit bekannte Frau wie Sarah Kuttner ein erfolgreiches Buch über eine ebenso junge und quirlige Frau schreibt, die unter Panikattacken und Depressionen leidet, dann wittern Rezensenten gleich einen saftigen Happen Biographie. (An dieser Stelle geht es dann nicht mehr um das Buch, sondern um Frau Kuttner. Hier werden Feuilletonisten gerne voyeuristisch.)

Dabei ist es sowieso egal, ob Kuttner die gleichen Psychopharmaka schluckt wie ihre Heldin Karo. Die kann man guten Gewissens als solche bezeichnen, denn trotz Jobverlust, Trennung und aufziehender Panikstörung mit Depression ringt Karo mit einiger Energie und unverwüstlichem Witz um die Fernbedienung für ihr Leben. Sarah Kuttner schreibt ungefähr so wie sie spricht, und entsprechend sind ihre Sätze schnell und punktgenau, ihr Humor intelligent und zynisch.

Mängelexemplar ist nicht witzig, seine Sprache dafür sehr. Das schafft eine gute Balance zwischen Inhalt und Verpackung. Wobei Ihr jetzt nicht denken dürft, das Thema „Psychomacke“ würde hier slapstickmäßig runtergerödelt. Nee, nee. Das Buch hat eine unerwartete Durchschlagskraft und gerade die Stellen, an denen Karo in ihrem eigenen Kopf gefangen ist, hinterlassen Beklemmung. Ich würde sogar behaupten, dass sich Mängelexemplar für Menschen, die tatsächlich unter einer Depression oder einer Angsterkrankung leiden/gelitten haben, als Belastungsprobe entpuppen kann. Karos Angst, ihre Traurigkeit und Verzweiflung... all das dümpelt nicht an der Oberfläche herum, sondern gräbt sich durch bis zum Kern. (Jaja, theatralisch! Subjektiv! Unsachlich!)

Und zu sagen: "Hey, ihr konsequent fröhlichen Medienmenschen, die Ihr im Inneren vielleicht ganz schön traurig seid – Ihr seid nicht allein, da gibt es noch andere wie Euch, und überhaupt darf man verzweifelt und aussichtslos sein" finde ich toll. Ein Buch gegen das Funktionieren-müssen. Wurde auch mal Zeit.

Na, ich könnte jetzt noch lange hier rumlabern, aber ich such Euch lieber mal eine Leseprobe raus, damit Ihr selbst reinschauen könnt. Bitteschön (hier liest Kuttner zusätzlich selbst): Klick!  Leider nur das erste Kapitel, was in meinen Augen das schwächste ist. 

Und weil ich so nett und zuvorkommend bin, hier noch ein Ausschnitt der ARD-Sendung "Literatur im Foyer". Was eine schreckliche Sendung ist mit grauenhafter Moderatorin. Aber: Sarah Kuttner im Interview. Ist vielleicht interessant:

http://www.youtube.com/watch?v=ttLB5R9f-bs 
(Lässt sich leider nicht einbetten. Danke, Ihr paranoiden Trottel von der ARD.)


Und, was haltet Ihr davon?


Mittwoch, 13. Mai 2009

Neuerscheinungen

Kurzer Einwurf:

Der SPIEGEL stellt in seiner Rubrik "Vorgelesen" wöchentlich die aktuellen Neuerscheinungen vor. Die schreiben dort anders als ich hier, kann ich Euch gleich sagen. Weniger lustig – und krawallig geht es bei denen auch nicht zu. Aber wem zwischendurch etwas intellektueller zumute ist, der kann sich ja meinetwegen auf dem Laufenden halten:

Montag, 11. Mai 2009

Lyrik zum Anfassen, Teil 1

So, heute wagen wir mal was, Ihr und ich. Für sehr viele Leute ist Lyrik etwas, das man via Deutschunterricht in zähem Ringen zu Tode interpretiert. Etwas, das man schon deshalb zum Kotzen findet, weil man es lesen MUSS. Ging mir jedenfalls jahrelang so, bis mir ein einziges besonderes Gedicht Herz und Augen öffnete (dazu an anderer Stelle mehr).

Am Wochenende las ich einem Menschen ein paar Sachen von Kurt Tucholsky vor, und dabei fiel mir auf, wie sehr ich gerade seine Gedichte mag. Während mich bei Tucholskys Prosa die unerhörte sprachliche Eleganz umhaut, ist es in der Lyrik der federleichte Tonfall, der Persönliches verpackt.

Was ich Euch heute mitgeben will, ist eines der Gedichte, die auf Tucholskys Beziehung zu Mary Gerold Bezug nehmen. Die große Liebesgeschichte seines Lebens. Aber auch so ne typische Kiste von "Ich find Dich eigentlich nur aus der Entfernung toll".


Sie schläft.


Morgens, vom letzten Schlaf ein Stück,
nimm mich ein bißchen mit -
auf deinem Traumboot zu gleiten ist Glück -
Die Zeituhr geht ihren harten Schritt ...
pick-pack ...

"Sie schläft mit ihm" ist ein gutes Wort.
Im Schlaf fließt das Dunkle zusammen.
Zwei sind keins. Es knistern die kleinen Flammen,
aber dein Atem fächelt sie fort.
Ich bin aus der Welt. Ich will nie wieder in sie zurück -
jetzt, wo du nicht bist, bist du ganz mein.
Morgens, im letzten Schlummer ein Stück,
kann ich dein Gefährte sein.


Und den Soundtrack liefere ich auch gleich mit:






Wie siehts aus, wollen wir ein bißchen drüber quatschen? 


P.S. Wer mehr Lyrik und Prosa aus der tucholsky'schen Feder lesen möchte, der kann das hier tun: Klick!

Donnerstag, 7. Mai 2009

John Irving Interview

Weil es so gut zu den letzten beiden Einträgen passt: Der großartige John Irving über das Schreiben, warum man den Leser nicht aus den Augen verlieren sollte und wie es ist, Teile seiner Persönlichkeit wildfremden Leuten preiszugeben.






Ganz was anderes: Akuter kurzer Anfall von Verzweiflung! Beneide die Mädels von den Mode- und Kunstblogs! Die sind immer so bildlastig. Sieht viel schöner aus und ist viel weniger sperrig. Aber was willste machen. Immerhin kriegt Ihr heute ein Video. Ist der größte Kompromiss, den ich Euch anbieten kann, nech?

Dienstag, 5. Mai 2009

John Irving: Eine Mittelgewichts-Ehe

Es ist weißgott keine Überraschung, dass die Liebe zu den härtesten Disziplinen der Welt gehört. Deshalb beschäftigen sich ja auch Hinz und Kunz damit: Unzählige Bücher, Songs, Filme und Bilder drehen sich nur um sie, in jedem zweiten Kaffeehausgespräch fällt ihr Name (oder der ihrer Konsequenz: gestatten, Liebeskummer). Leute tun die irrwitzigsten Dinge um ihretwillen, wachsen über sich hinaus oder fallen ganz tief.

Umso ungerechter und bösartiger erscheint daher der Fakt, dass es eine Lebensaufgabe sein kann, eine gute Beziehung zu führen. Denn da endet die Liebe ja meistens: in einer Partnerschaft. Und in hartnäckigen Fällen: in einer Ehe. Die meisten von uns wissen ohnehin, wie es sich anfühlt, wenn es schief geht; wenn alles, woran man glaubte, mit viel Lärm oder in aller Stille gegen den Baum fährt.

Es gibt zwölfzig Trillionen Konzepte, die Liebe zum Bleiben zu bewegen, und John Irving seziert für uns eines davon. Zwei Ehepaare, gebildet und zivilisiert, suchen ihr Heil im Partnertausch, als Versuch, das alte Feuer wieder zu entzünden. Aber ganz schnell wird klar: Ein Paar ist dem anderen überlegen, was dem Experiment eine perfide Note versetzt. Ob das nun in voller Absicht oder aus Gedankenlosigkeit geschieht, wird man nicht erfahren. Vier Menschen verlaufen sich auf der Suche nach einem gangbaren Weg. Vieles verbleibt in halben Andeutungen, anderes bleibt ungesagt.

Dieses Buch ist mit knapp 300 Seiten eines der kürzeren Werke Irvings, und auch das Untypischste, was ich von ihm gelesen habe. Zwar wird mit bizarren Situationen nicht gegeizt, und auch irvingsche Lieblingsthemen wie das Ringen (schon der Titel ist eine Analogie), Wien oder die Schriftstellerei fehlen hier nicht. Aber in der Mittelgewichts-Ehe ist das Bizarre nicht komisch. Es macht lediglich das Traurige noch trauriger.

Irving erzählt systematisch. Offen. Mit großer Zärtlichkeit für seine Figuren, ohne ihnen deshalb irgendetwas zu ersparen. Nein, erspart wird denen wirklich nichts. Trotzdem ist das kein deprimierendes, düsteres Buch: es hat viele leichte Momente, Ruhepausen im emotionalen Kriegsgebiet.

Trotzdem: Wenn Du, lieber Leser, an die einzige wahre große Liebe glaubst. Wenn Dir die Vorstellung gefällt, es gäbe den einen besonderen Menschen für Dich. Wenn Du der Ansicht bist, eine gut funktionierende Beziehung böte keine Angriffsfläche – dann solltest Du dieses Buch lieber nicht lesen.

How to become a writer.

Gestern auf dem Heimweg vom geliebten Büro passierte etwas sehr Schönes. 

Neben mir in der U-Bahn saß ein Junge, schätzungsweise acht Jahre alt (wer mich kennt weiß, dass ich im Kinderschätzen miserabel bin, vielleicht war er also jünger). However, dieser Junge schrieb emsig Dinge auf ein Blatt Papier. Zwischendurch ließ er seinen Blick aufmerksam wie ein Erdmännchen durch das Abteil schweifen, dann schrieb er wieder etwas auf.

Neugierig wie ich bin (was, glaubt man meiner Oma, noch mein Verderben sein wird), schielte ich unauffällig auf das Blatt Papier und las folgendes: 

Leute mit Hunden: 3. 
Einer im Rollstuhl mit lila Pulli. Gleiches Lila wie Milka.
Junge mit einem Ball kommt rein, der Ball ist aber kaputt.
Ein Mann und eine Frau streiten sich, aber sie wollen nicht dass es einer merkt.

Und während ich mir diese Notizen so anschaute, kam eine weitere Zeile dazu:

Eine Frau linst auf mein Blatt.

Mal abgesehen davon, dass ich mich heftig ertappt fühlte und  mein Teint ins knallrot changierte, fand ich das fantastisch. Der Junge hatte einen Mikrokosmos festgehalten. Als ich aussteigen musste, sagte ich ihm, dass es eine tolle Idee sei, was er da macht. Und dass er vielleicht mal ne Geschichte draus machen würde, aus den Notizen. Vielleicht mach ich das, sagte er. Und grinste. 

Als ich ausgestiegen war, schaute ich mich noch mal um. Der Junge kniete auf dem Sitz, schaute mir nach und winkte. Ich winkte zurück, bis die Bahn weiterfuhr.

Warum kann ich nicht jeden Tag solche Begegnungen haben?