Dienstag, 21. April 2009

Tad Williams: Otherland

*schnauft schwer atmend in den Raum und lässt vier riesige Wälzer auf den Tisch knallen*

So, Freunde! Heute gibt's ein Häppchen, das Euch gut und gerne den ganzen Sommer beschäftigen könnte, wenn Ihr Euch drauf einlasst. Und zwar spreche ich hier von 3650 Seiten (sic!), verteilt auf vier Bände. Dies, Ihr Lieben, ist ein Epos, das seinen Namen verdient. Und setzt Euch lieber hin, das hier wird jetzt lang!

Aber am besten fange ich vorne an: Otherland ist im Grunde ein zusammenhängendes Buch, das aus verlags- und veröffentlichungstechnischen Gründen in vier Teilen herausgegeben wurde. Klar, bei dem Umfang. Ich werde deshalb die einzelnen Teile hier als einen behandeln, denn inhaltlich hat sich Tad Williams das auch so gedacht. 

Otherland. Was ist das? Damit beginnt meine Erklärungsnot. Otherland ist Science Fiction, Cyberpunk, Gesellschaftskritik. Die Geschichte spielt in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts. Das Netz, die Weiterentwicklung unseres heutigen Internets, ist ein Teil der Lebensrealität aller Menschen geworden. Mittlerweile ist es möglich, sich mit seinem ganzen Bewusstsein in die virtuelle Realität einzuklinken. Die Kluft zwischen Arm und Reich hat sich dramatisch vertieft, und statt Fixern vegetieren Cyberjunkies in dunklen Ecken.

Otherland selbst ist ein virtuelles Universum, das von einigen der klügsten und reichsten Menschen der Welt geschaffen wurde. Dieses Konstrukt übertrifft die bisher gekannten Möglichkeiten des Netzes um ein Vielfaches an Perfektion und Ausdehnung. Wer sich in Otherland einklinkt, betritt eine andere Welt. Und genau dazu wurde es erschaffen: Die (selbstverständlich skrupellosen) Erbauer planen, sich ihrer biologischen Körper zu entledigen und in Otherland weiterzuleben – in Perfektion, für alle Ewigkeit.

Blöd nur, dass der Funktionsweise von Otherland ein unbeschreiblich grausames Geheimnis zugrunde liegt. Das ruft ein Grüppchen zusammengewürfelter Widerständler auf den Plan (angeführt von einem mysteriösen Typen, der auf einer Militärbasis gefangen gehalten wird), die versuchen, in die virtuelle Parallelwelt einzudringen und sie von innen heraus zu vernichten. Und das ist erst der Anfang der Geschichte – mehr müsst Ihr allerdings auch wirklich nicht wissen, denn die Handlungsstränge sind so komplex und kunstvoll miteinander verwoben, dass es selbst für mich mit meiner Vorliebe für gnadenlose Ausschweifungen unmöglich ist, eine sinnvolle Zusammenfassung zu liefern.

Wer sich jetzt unbefriedigt fühlt und mit karger Information abgespeist, der kann sich auf Tad Williams' Website eingehender informieren und sich sogar über umfangreiche Leseproben freuen. Wichtig: Der erste Band dient in erster Linie dazu, die Erzählstränge aufzubauen. Da dürft Ihr Euch nicht irreführen lassen, wenn Ihr da reinschaut. Wie gesagt, eigentlich ist das ein Buch, und so muss es auch gelesen werden.

Und hiermit schlage ich mit der üblichen unerhörten Eleganz wieder den Bogen zur Einleitung – was ist Otherland denn nun? Das Buch ist zweifellos eine Saga, die dem oft bemühten und abgelutschten Vergleich mit Tokiens Herr der Ringe standhalten kann. Ständig vergleicht irgendjemand etwas mit Tolkien (Furchtbar! Fällt denen denn gar nichts mehr ein!), aber dieses Mal ist was dran. Wir betreten hier eine beängstigende Vision der menschlichen Zukunft, beunruhigend und faszinierend zugleich (wobei beunruhigende Dinge ja ohnehin immer faszinieren). 

Bedenkt man, dass Williams bereits 1996 (!) den ersten Band veröffentlich hat, kommt man nicht umhin, seinen Weitblick und sein Gespür für gesellschaftliche und technische Entwicklungen zu bewundern.

Das findet übrigens auch der Hessische Rundfunk, denn der hat unter der Regie von Walter Adler ein insgesamt 24-stündiges Hörspiel (größte Produktion der Radiogeschichte, by the way) inszeniert und dabei keinen, aber auch wirklich keinen Aufwand gescheut. Wem es also zu mühselig ist, ständig ein Brikett von Buch mit sich herumzutragen, der lädt sich eben das Hörbuch auf seinen iPod, legt sich in die Sonne, macht die Augen zu und klinkt sich ein in die VR. 

Gute Reise, kommt mir heil zurück!




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