Mittwoch, 8. April 2009

Feuchtgebiete: Relevantes von Down Under?

Ja, schon gut, ich bin gerade etwas faul. Um meiner Arbeitsverweigerung die Krone aufzusetzen, stelle ich heute auch gar nicht selbst ein Buch vor, sondern lieber eines zur Diskussion.

Die Kontroverse um Charlotte Roches "Feuchtgebiete" ist ja nicht gerade aktuell, und schon gar nicht brandheiß. Nun ist es aber so, dass ich mir auch nach dem unfassbaren Medienhype um das Pipikakamuschi-Werk nicht geschafft habe, mir eine Meinung zu bilden. Obwohl es doch eine Milliarde Meinungen da draußen gibt zu diesem Buch, und die reichen von "widerwärtig und sinnlos" bis "revolutionär" und "scharf".

Ich habe mich durch diverse Leseproben gewurschtelt und unzählige Rezensionen, habe mir Interviews mit der Roche angesehen und schlauen FeuilletonistInnen Gehör geschenkt, konnte mich aber nie überwinden, die Feuchtgebiete käuflich zu erwerben. Warum, weiß ich nicht. Mit Scham hat es jedenfalls nichts zu tun.

Wie auch immer, hiermit offenbare ich meine unsichere Haltung zu dem Buch und wünsche mir nichts mehr als noch mehr Meinungen – nämlich Eure. Sind Feministinnen im Haus und finden Roche toll oder scheiße? Wer hat Feuchtgebiete gelesen, wer hat es nicht gelesen und warum nicht, wer hat dazu irgendwas konstruktives oder hämisches oder polarisierendes mitzuteilen? Immer raus damit.

Hier zwei Leseproben, die ich auf die Schnelle auftreiben konnte: Einmal direkt vom Dumont-Verlag, einmal über Brigitte (ja, wirklich).

So, und jetzt lasst mich nicht hängen.


Ein Nachtrag: Hier eine Hörprobe, gelesen von der Roche höchstselbst. Wirkt unfreiwillig komisch irgendwie.



Kommentare:

Anonymous hat gesagt…

Also...ich verstehe die Absicht des Buches, und ich finde die gut. Aber, und ich habe es ganz gelesen, wenn ich ganz ehrlich bin, dann kommt der ganze Hype doch nur davon, dass der Ekel- und Voyeuristenfaktor so unheimlich hoch ist. lg susan

Silly hat gesagt…

frau roche betont ja immer, dass sie mit dem buch gegen den weiblichen hygiene- und rasurzwang vorgehen wollte. aber habt ihr die schonmal mit unrasierten beinen in einer talkshow sitzen sehen? und die heldin in dem buch rasiert sich ja auch alles. also von der geschichte her ist das buch glaub ich echt schwach.

Anonymous hat gesagt…

Ein Plädoyer für machoide Weiblichkeit. Ich fand`s recht amüsant - obschon das fehlende Understatement zuweilen vielleicht noch mehr Würze in die Geschichte gezaubert hätte? Man weiß es nicht genau.
Zum Genese-Geltungsproblem hier:
Jean-Jacques Rousseau, einer der bedeutsamsten Pädagogen, Entdecker der Kindheit im Menschsein, hat - zwecks Fokussierung auf seine Schriften - sämtliche seiner 5 Kinder ausnahmslos in Waisenhaus gegeben. Warum sollte also Charlotte Roche nicht mit Hollywoodstrip versehen literarisch und überhaupt missionieren dürfen?

love,
Claudia

Anonymous hat gesagt…

Hab mit dem Gedanken gespielt, es zu lesen, dann aber doch nicht die richtige Lust gehabt. Bin kein Freund von Tabubruch-Literatur. "American Psycho" (sozusagen das männliche Äquivalent) ist ein gutes Beispiel: Im Gebrauch seiner Mittel geht es bis ans Äußerste, aber zu sagen hat es nicht viel, das nur eben ziemlich laut. Den Leser herauszufordern, ihm seine eigene Amoral oder Fragwürdigkeit vorzuführen, ihn gezielt zu verwirren und unbefriedigt zu lassen, mag als Methode angehen, aber worüber man letztendlich redet, ist ja nur, wie unerhört die geschilderten Skandale sind. Dabei spielen sich die Tabubrüche natürlich im Rahmen des Erlaubten ab (das Buch wurde schließlich veröffentlicht), und so ist das eigentlich Skandalöse ja doch wohlkalkuliert.
Ich glaube, die wirklichen Grenzfälle, das Rühren an Tabus oder an Grundfesten findet man in solcher Literatur, die nie zur Veröffentlichung gedacht war (z.B. posthum in bestimmten Tagebüchern, wie denen der Columbine-Attentäter). Das andere ist dann wohl doch eher Mainstream, oder auf dem besten Wege dorthin, siehe Heinz Strunks "Fleckenteufel"...

Gruß, Sergeant Waurich

P.S.: Ein schöner Blog übrigens, darin sich Hohes und Tiefes angenehm die Hand reichen. Findet man ja nicht so oft.

lizzz hat gesagt…

Tag in die Runde,
und danke für Eure Meinungen, wer mag darf sich dafür einen frühlingsmäßigen Kuss abholen oder auch ein Eis.

So wie Du, Sergeant Waurich (danke für das schöne Kompliment!), empfand ich die ganze Chose ja auch. Deshalb war ich diesbezüglich so unsicher und bin es immer noch. Ich glaube, ich werde das Buch nicht lesen. Denn ebendieses "Wenig-zu-erzählen-haben-das-dafür-aber-wahnsinnig-laut", das macht mich ganz ungehalten.

Eigentlich gefällt es mir besser, wenn etwas wirklich inhaltlich Unerhörtes erzählt wird, das dann aber in einem unaufgeregten Ton.

Und der Ausdruck "Machoide Weiblichkeit", den Claudia oben ins Spiel brachte, der beschäftigt mich jetzt erstmal. Ist damit gemeint, dass die weibliche Sexualität nur dann als stark wahrgenommen wird, wenn sie in ihren Strukturen so funktioniert wie die männliche? Dem Gedanken wär ich auf den ersten Blick nicht abgeneigt.

Wer sich berufen fühlt, noch mehr Meinungen zu äußern, auf der Stelle raus damit. Es gibt auch noch mehr Küsse und Eis.

Ronald hat gesagt…

Ich glaube nicht, dass ein Mann so über Sex schreiben würde. Seine Hämorrhoiden und sein "Poloch" zu beschreiben ist wohl kaum Macho. Und was sind überhaupt die Strukturen der männlichen Sexualität?

Sergeant Waurich hat gesagt…

Auf die Gefahr hin, hier über Dinge zu schreiben, von denen ich nichts verstehe: Was genau "machoide Sexualität" ist, weiß ich nicht, und diesen Klassifikationssystemen stehe ich eher skeptisch gegenüber. Was es da nicht alles gibt, davon wird einem ja schwindlig. Das sind doch alles Stereotype. Wenn zwei sich finden und es läuft nicht allzu schlecht, dann entwickeln sich ihre Rollen ganz von selbst. Stereotype sind da gar nicht notwendig, und sie werden nur gebraucht, wo Sexualität medial kommuniziert wird.

Und entsprechende Romane können den (Geschlechter-)Stereotyp nun kritisieren, ironisieren, umkehren, verneinen, auf die Spitze treiben, usw.usf. So oder so, es wird sich immer am Stereotyp orientiert oder Bezug darauf genommen, und ich glaube, eben das langweilt mich.

Es gibt einen schönen Satz (keine Ahnung von wem, von mir leider nicht), der hier ganz gut paßt: "Das Gegenteil von Konvention ist wieder Konvention."

So, dies für den Augenblick. Ich verneige mich und sage adieu...

lizzz hat gesagt…

Ihr seid ja toll, danke für Eure Kommentare. Schöne Diskussion *freu*

Also. Ronald, ich glaube Claudia meint nicht die sprachliche Darstellung von Sex in diesem Buch (korrigier mich wenn ich irre, Claudia). Ich denke sie meint das inhaltlich. Ich habe sie so verstanden, dass die weibliche Sexualität immer hart sein muss, kompromisslos und auf eine Art rüde, um als stark und gleichwertig wahrgenommen zu werden in einer mediengeprägten Umwelt.

Denn medial wird ja immer vermittelt, dass der Mann immer können und wollen muss, dass er "nehmen" muss. Was gleichermaßen frauen- UND männerfeindlich ist in meinen Augen. Die Sprache in "Feuchtgebiete" erscheint mir wiederum total mädchenhaft, so auf den ersten Eindruck.

Da wären wir dann wieder bei den Stereotypen. Sergeant, Du sagst, dass die Bezugnahme auf (Geschlechter-)Stereotypen Dich grundsätzlich langweilt, ganz gleich wie mit denen verfahren wird. Das verstehe ich zum einen völlig, und zum anderen würde es mich interessieren, wie man denn NICHT Bezug auf den Stereotyp nimmt, um ein Thema zu umreißen.

Ich finde im Moment keine schlüssige Antwort drauf. Vielleicht seid Ihr da ja inspirierter?

Anonymous hat gesagt…

dieses buch ist ungefähr bei seite 100 im hohen bogen aus meinem bett geflogen, da ich befürchtete nie mehr eine frau anfassen zu können, ohne akuten genitalherpes zu bekommen.

lizzz hat gesagt…

*gröhl*

Entschuldige, ich sollte nicht lachen! Bücher, die einem Frauen vermiesen, sind nicht auf die leichte Schulter zu nehmen.

Ich habe es mir mittlerweile von meinem Ex (!) ausgeliehen und gelesen und naja...ich weiß glaube ich, warum Charlotte das gemacht hat, aber es hat mich trotzdem unwahrscheinlich angeekelt. (Und das hat nichts mit einem vermeintlichen weiblichen Hygienewahn zu tun! Nein, ich fand es einfach von allem zu viel.)

Anonymous hat gesagt…

Charles Bukowksi hat auch viel über seine Hämoriden geschrieben. Aber was is denn die Rotsche gegen Hank. Also wirklich!