Mittwoch, 29. April 2009

Tibor Fischer: Ich raube, also bin ich

Nachdem ich gestern übellaunig und geifernd über Seifenblasenromane hergefallen bin, reiche ich zur Abwechslung ein Stückchen Sahnetorte. (Obwohl ich festgestellt habe, dass Ihr es zu mögen scheint, wenn ich mich aufrege. Seid Ihr am Ende voyeuristisch und schadenfroh? Immer noch besser als gar keine Leser.)

Tibor Fischers zweiter Roman Ich raube, also bin ich. Die Eddie Coffin Story hat zugegebenermaßen einen etwas kalauermäßigen deutschen Titel. Aber das macht nichts, denn der Übersetzer hat sich ansonsten echt ein Bein ausgerissen.

Und das passiert: Ein fetter, stinkfauler, alkoholabhängiger englischer Philosophie-Professor Mitte 50 muss aus old Britannia fliehen, weil er einen nicht unerheblichen Geldbetrag unterschlagen hat. Mit einem Koffer voller Geld landet er in Südfrankreich, um sich dort mit exzellentem Wein zu Tode zu saufen. Dummerweise geht der Koffer mit sämtlichen Besitztümern in Feuer auf und mit ihm die hehren Pläne des guten Eddie.

Gestrandet in einem furchtbar miesen Hotel, begegnet der abgebrannte Philosoph seinem zukünftigen Kompagnon Hubert – seines Zeichens ein einarmiger, einbeiniger, HIV-positiver Bluter und Kleinkrimineller. Weil Eddie keine andere Möglichkeit sieht, an Geld zu kommen, leiht er sich Huberts Kanone und überfällt die nächste Bank. Das klappt dermaßen reibungslos, dass der beeindruckte Hubert vorschlägt, ein philosophisches Bankräuberduo zu gründen. Und da der Professor sowieso nichts mehr zu verlieren hat, ziehen die beiden gescheiterten Existenzen das Ganze in großem Stil auf.

Die Geschichte wird dann einfach immer nur noch irrsinniger und es gelingt mir auch an einem guten Tag nicht, alle Stränge verständlich zusammenzufassen. Das eigentlich Schöne an diesem Buch ist aber seine Sprache. Tibor Fischer hat ein unverwüstliches Faible für Wortspiele, Kalauer, seltsame Vokabeln mit dem Buchstaben 'Z' und allerlei idiotische Beleidigungen. 

Eingestreut in die Haupthandlung sind (wie kleine schwarzweiße Juwelen) herrliche Anekdoten aus der Lebensgeschichte des Professors. Das ist zu Anfang etwas gewöhnungsbedürftig, aber nach den ersten Seiten hat man es kapiert. Ich fand es ziemlich herzerwärmend, wie Hubert in einer Kneipe die Unterlippe eines Ghettokids an den Tresen nagelt oder Eddie von einem LKW-Fahrer dazu gezwungen wird, bei dessen Masturbation behilflich zu sein.

Ein hübscher Irrwitz, ein Roadmovie, ein Roman über Freundschaft und große Gedanken, ein Kommentar zu Prügeleien auf offener Straße, eine Frage nach dem Sinn des Lebens. Passt alles. Ich selbst hab das Buch mehrfach durch und wurde schon in den unpassendsten Situationen kichernd angetroffen (Bestattungsinstitut. Ja, doch!), da mir gerade der ein oder andere Satz in den Sinn kam.

Im Original gelesen, ist Ich raube, also bin ich außerdem prima geeignet, um Leute zu beeindrucken, sollte man das wirklich nötig haben (mal ehrlich, mit englischen Harry Potter-Ausgaben gewinnt man ja keinen Blumentopf mehr). Ich jedenfalls habe so was manchmal nötig, und bin mir nicht zu schade, mein klägliches Ansehen mit passender Literatur aufzubügeln, wenn es denn sein muss.

Dienstag, 28. April 2009

Ildiko von Kürthy: Mondscheintarif

Eines vorweg: Frau von Kürthy ist eine sehr gute Redakteurin. Ihre Beiträge in diversen Magazinen lese ich eigentlich gerne.

Deshalb kann ich gar nicht verstehen, wieso sie denn dieses blöde Buch geschrieben hat. Es gibt ja bekanntermaßen bereits eine Bibel für die moderne Singelin: Bridget Jones nämlich. Und damit ist zu dem Thema auch schon alles gesagt, warum also verfassen hunderte ambitionierte Autorinnen immergleiche Werke, angefüllt mit pralinensüßen Klischees? Das ist, als würdest Du "Thelma & Louise" immer wieder verfilmen. Mit wechselnden Schauspielern und Regisseuren, aber einem einzigen Drehbuch. Bis in alle Ewigkeit. Amen.

Mondscheintarif kreiselt um die moderne, emanzipierte und sexuell befreite Cora Hübsch: Die verknallt sich in einen Typen, hat Sex mit dem und wartet fürderhin auf seinen Anruf. Der Auserwählte ist selbstverständlich Arzt, und Cora reflektiert während der Anrufwartezeit diverse Ereignisse und Peinlichkeiten, die sich um das Kennenlernen der beiden im Konkreten und das Leben der Cora im Allgemeinen drehen. All das ironisch aufgeladen, denn frau kann ja heutzutage über ihre kleinen Frauenmacken herzhaft lachen. Ihr seht es natürlich nicht, aber ich mache gerade die international bekannte Kotz-Geste.

Und das ist jetzt Frauenliteratur oder wie? Ich wette eine Million Euro, dass Mondscheintarif in jeder Buchhandlung dieser Welt im Freche Frauen-Regal steht. Klar, die Cora ist voll emanzipiert, deshalb ruft sie auch den Typen nicht an, sondern schmachtet vor dem Telefon herum und zerquält sich mit Eventualitäten (Die Nebenbuhlerin! Die gilt es ja auch noch zu bedenken! Ein Glück, dass die sich am Ende als Lesbe entpuppt!). 

Fragen wir mal das Volk, was es davon so hält. Subjektiv ausgewählte Meinungen via Amazon

Ich kann mich nicht damit identifizieren, daß "frau von heute" Kiwis einkaufen geht, weil sie sich nicht traut, als Alleinstehende nach Bananen zu fragen und von gut gebauten Karotten Abstand nimmt, weil die Leute dumm schauen könnten. Vielleicht sollte ich mir aber nur mehr Gedanken machen?

Ich habe innerhalb der letzten zwei Stunden mit Sicherheit die seichteste Story meines Lebens "runtergelesen". Die versprochenen Lacher sind dabei irgendwie spurlos an mir vorbeigegangen.Da hätte der verwendete Humor schon etwas bissiger bzw. sarkastischer sein müssen.
Es kommt mir so vor, als hätte die Autorin sämtliche billige Klischees über Männer/Frauen gesammelt,und sie wahllos in eine innerhalb von 5 Minuten erfundene Geschichte eingebaut. 

Dieses Buch soll witzig, geistreich und amüsant sein? Die Begriffe 'langweilig, oberflächlich und ermüdend' treffen es wohl schon eher.

Die 33-jährige Cora Hübsch hat einen Mann kennenelernt .. darum dreht sich der ganze Roman, oder so ungefähr. (...) Aber was mich am meisten stört - wenn DAS das Bild einer modernen Frau sein soll : dann entwickeln wir uns langsam aber sicher zurück zum Affen.

Der Klappentext sagt "Wer Hera Lind hasst, wird dieses Buch lieben!". Ich sage "Wer Hera Lind hasst, der wird diese Autorin noch mehr verfluchen." 




Any Questions?



Mittwoch, 22. April 2009

Tanja Steinlechner: Wahrheit oder Lüge

Sooo, jetzt mache ich es mir mal ganz einfach und überlasse Verena vom famosen Blog Mädchenmannschaft den Stift. Die hat nämlich eine wunderbare Rezension über das Buch "Wahrheit oder Lüge" von Tanja Steinlechner verfasst (schon der Titel beschert mir Regelschmerzen! Und PMS! Und was man Frauen sonst noch so nachsagt!).

Dieser "erotische Roman" (so deklariert ihn der ANAIS Verlag via Buchcover) regt, glaubt man diversen Rezensionistas, in erster Linie eines an: den Lachmuskel.

Bitteschön, hier entlang:

Schmonzettensex



Dienstag, 21. April 2009

Tad Williams: Otherland

*schnauft schwer atmend in den Raum und lässt vier riesige Wälzer auf den Tisch knallen*

So, Freunde! Heute gibt's ein Häppchen, das Euch gut und gerne den ganzen Sommer beschäftigen könnte, wenn Ihr Euch drauf einlasst. Und zwar spreche ich hier von 3650 Seiten (sic!), verteilt auf vier Bände. Dies, Ihr Lieben, ist ein Epos, das seinen Namen verdient. Und setzt Euch lieber hin, das hier wird jetzt lang!

Aber am besten fange ich vorne an: Otherland ist im Grunde ein zusammenhängendes Buch, das aus verlags- und veröffentlichungstechnischen Gründen in vier Teilen herausgegeben wurde. Klar, bei dem Umfang. Ich werde deshalb die einzelnen Teile hier als einen behandeln, denn inhaltlich hat sich Tad Williams das auch so gedacht. 

Otherland. Was ist das? Damit beginnt meine Erklärungsnot. Otherland ist Science Fiction, Cyberpunk, Gesellschaftskritik. Die Geschichte spielt in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts. Das Netz, die Weiterentwicklung unseres heutigen Internets, ist ein Teil der Lebensrealität aller Menschen geworden. Mittlerweile ist es möglich, sich mit seinem ganzen Bewusstsein in die virtuelle Realität einzuklinken. Die Kluft zwischen Arm und Reich hat sich dramatisch vertieft, und statt Fixern vegetieren Cyberjunkies in dunklen Ecken.

Otherland selbst ist ein virtuelles Universum, das von einigen der klügsten und reichsten Menschen der Welt geschaffen wurde. Dieses Konstrukt übertrifft die bisher gekannten Möglichkeiten des Netzes um ein Vielfaches an Perfektion und Ausdehnung. Wer sich in Otherland einklinkt, betritt eine andere Welt. Und genau dazu wurde es erschaffen: Die (selbstverständlich skrupellosen) Erbauer planen, sich ihrer biologischen Körper zu entledigen und in Otherland weiterzuleben – in Perfektion, für alle Ewigkeit.

Blöd nur, dass der Funktionsweise von Otherland ein unbeschreiblich grausames Geheimnis zugrunde liegt. Das ruft ein Grüppchen zusammengewürfelter Widerständler auf den Plan (angeführt von einem mysteriösen Typen, der auf einer Militärbasis gefangen gehalten wird), die versuchen, in die virtuelle Parallelwelt einzudringen und sie von innen heraus zu vernichten. Und das ist erst der Anfang der Geschichte – mehr müsst Ihr allerdings auch wirklich nicht wissen, denn die Handlungsstränge sind so komplex und kunstvoll miteinander verwoben, dass es selbst für mich mit meiner Vorliebe für gnadenlose Ausschweifungen unmöglich ist, eine sinnvolle Zusammenfassung zu liefern.

Wer sich jetzt unbefriedigt fühlt und mit karger Information abgespeist, der kann sich auf Tad Williams' Website eingehender informieren und sich sogar über umfangreiche Leseproben freuen. Wichtig: Der erste Band dient in erster Linie dazu, die Erzählstränge aufzubauen. Da dürft Ihr Euch nicht irreführen lassen, wenn Ihr da reinschaut. Wie gesagt, eigentlich ist das ein Buch, und so muss es auch gelesen werden.

Und hiermit schlage ich mit der üblichen unerhörten Eleganz wieder den Bogen zur Einleitung – was ist Otherland denn nun? Das Buch ist zweifellos eine Saga, die dem oft bemühten und abgelutschten Vergleich mit Tokiens Herr der Ringe standhalten kann. Ständig vergleicht irgendjemand etwas mit Tolkien (Furchtbar! Fällt denen denn gar nichts mehr ein!), aber dieses Mal ist was dran. Wir betreten hier eine beängstigende Vision der menschlichen Zukunft, beunruhigend und faszinierend zugleich (wobei beunruhigende Dinge ja ohnehin immer faszinieren). 

Bedenkt man, dass Williams bereits 1996 (!) den ersten Band veröffentlich hat, kommt man nicht umhin, seinen Weitblick und sein Gespür für gesellschaftliche und technische Entwicklungen zu bewundern.

Das findet übrigens auch der Hessische Rundfunk, denn der hat unter der Regie von Walter Adler ein insgesamt 24-stündiges Hörspiel (größte Produktion der Radiogeschichte, by the way) inszeniert und dabei keinen, aber auch wirklich keinen Aufwand gescheut. Wem es also zu mühselig ist, ständig ein Brikett von Buch mit sich herumzutragen, der lädt sich eben das Hörbuch auf seinen iPod, legt sich in die Sonne, macht die Augen zu und klinkt sich ein in die VR. 

Gute Reise, kommt mir heil zurück!




Freitag, 17. April 2009

Über blöde Sätze und gute Fragen.




Eine aufmerksame Leserin stellte kürzlich fest, dass ich ältere Einträge öfter mal überarbeite. Sie fragte mich, ob das denn Sinn macht, denn die meisten Leute lesen ein Posting ja nicht mehrmals.

Das ist eine gute Frage, Susan (Und sowieso: ich liebe es, wenn Ihr mir schreibt, egal ob ihr rummotzen oder mich preisen wollt). Also, es ist so: alle Einträge hier unterliegen mehr oder weniger einer ständigen...äh...Transformation. Der Grund dafür ist, dass ich diese ganze Seite quasi mit null Zeit betreibe, zwischen Tür und Angel sozusagen (denn ich habe tatsächlich einen "richtigen" Job, der sogar bezahlt wird! Ich mach was mit Medien *gröhl*).

Und da mir die Muße fehlt, formuliere ich oft schlampig auf die Schnelle – wenn ich da ein paar Tage später nochmal drüberlese, finde ich manches so dermaßen schlecht, dass ich nicht anders kann, als einzelne Sätze nochmal zu tunen. Nur für mich. Da kennt meine Eitelkeit keine Grenzen. 

Habt ein schönes Wochenende, da draußen!

Mittwoch, 15. April 2009

Klassiker: High Fidelity

Als ich heute morgen so auf dem Rad saß, mich ganz mädchenhaft über die vielen bunten Blüten an den Bäumen freute und über einen Hundewelpen in Entzücken geriet, da dachte ich mir folgendes: Es gibt ja Dinge, die hat man schon fünf Trillionen Mal gesehen oder erlebt, und trotzdem sind sie immer wieder aufs Neue überwältigend, niedlich, herzerwärmend, aufregend und wasweißich. Frisch verliebt sein gehört dazu. Oder eben die ersten warmen Tage. Das Bauchsausen, bevor man zum ersten Mal seine/ihre Telefonnummer wählt. Ihr wisst schon.

Mit Büchern ist das nicht anders, und deshalb werde ich ab und an mal einen Klassiker heraus kramen – heute eine einschlägig bekannte Perle der Popkultur. Gut, Nick Hornby also. Und dann auch noch High Fidelity. Ich finde es unglaublich schwierig, etwas zu einem Buch zu sagen, zu dem schon alles gesagt wurde (Warum ich es mir dann ausgesucht habe? Keine Ahnung. Faulheit vielleicht). 

Also spare ich mir eine ausführliche Inhaltsangabe, denn wer das Ding nicht gelesen hat, der wird ja wohl den Film gesehen haben: 35-jähriger Musikfreak wird aufgrund seiner nicht vorhandenen Entwicklungsfähigkeit von seiner Freundin verlassen, hadert daraufhin mit Leben, Sex und Ex-Freundinnen und wird am Ende vielleicht ein besserer Mensch (Obwohl...naja).

Das Buch passt fantastisch in einen Frühling wie diesen. Also rein in den Kopp damit! Und wer es wirklich nicht kennt oder nie gelesen hat (das dürfte hier die Minderheit sein), der kauft es sich gefälligst. Ansonsten könnte es nämlich passieren, dass Euer nächstes Date so verläuft: Sie/Er betritt zum ersten Mal Eure Wohnung, schweift auffällig beiläufig zum Bücherregal und lässt inquisitorische Blicke über die Reihen gleiten. Um dann mit einer kalten, versteinerten Miene nach dem Grund der Abwesenheit von High Fidelity zu fragen. Woraufhin Ihr verlegen herumstottert und erbärmlich zu schwitzen beginnt. Das Date verlässt in eisigem Schweigen die Wohnung, ohne auch nur einen Blick zurückzuwerfen. Und wer will das schon.


5 Gründe, High Fidelity zu lieben:

1. Das Buch hat einen Soundtrack. Da tropft förmlich Musik raus.
2. Liebeskummer wird weniger schlimm, denn man fühlt sich irgendwie getröstet.
3. Robs verklemmte Gewaltphantasien über den latzhosentragenden Neuen seiner Ex.
4. Weil es witzig, liebevoll, ironisch, schlau, ________ (bitte Adjektiv einsetzen) ist.
5. Wegen der Top-Five-Listen.


Ach ja, an der Verfilmung scheiden sich die Geister. Wichtig zu wissen ist vielleicht, dass man den Original-Soundtrack des Buches nicht übernommen hat, sondern denselben zeitgemäß aufgefrischt. Das mag dem ein oder anderen Leser wie ein böser Verrat erscheinen. John Cusack als Rob macht seine Sache nicht schlecht, jedoch kommt er irgendwie sexier rüber, als ich mir Rob immer vorgestellt hatte. Und Jack Black ist der Hammer. Hier ein paar Eindrücke:



Trailer:





Neuer Lover der Ex betritt Rob's Plattenladen:

Mittwoch, 8. April 2009

Feuchtgebiete: Relevantes von Down Under?

Ja, schon gut, ich bin gerade etwas faul. Um meiner Arbeitsverweigerung die Krone aufzusetzen, stelle ich heute auch gar nicht selbst ein Buch vor, sondern lieber eines zur Diskussion.

Die Kontroverse um Charlotte Roches "Feuchtgebiete" ist ja nicht gerade aktuell, und schon gar nicht brandheiß. Nun ist es aber so, dass ich mir auch nach dem unfassbaren Medienhype um das Pipikakamuschi-Werk nicht geschafft habe, mir eine Meinung zu bilden. Obwohl es doch eine Milliarde Meinungen da draußen gibt zu diesem Buch, und die reichen von "widerwärtig und sinnlos" bis "revolutionär" und "scharf".

Ich habe mich durch diverse Leseproben gewurschtelt und unzählige Rezensionen, habe mir Interviews mit der Roche angesehen und schlauen FeuilletonistInnen Gehör geschenkt, konnte mich aber nie überwinden, die Feuchtgebiete käuflich zu erwerben. Warum, weiß ich nicht. Mit Scham hat es jedenfalls nichts zu tun.

Wie auch immer, hiermit offenbare ich meine unsichere Haltung zu dem Buch und wünsche mir nichts mehr als noch mehr Meinungen – nämlich Eure. Sind Feministinnen im Haus und finden Roche toll oder scheiße? Wer hat Feuchtgebiete gelesen, wer hat es nicht gelesen und warum nicht, wer hat dazu irgendwas konstruktives oder hämisches oder polarisierendes mitzuteilen? Immer raus damit.

Hier zwei Leseproben, die ich auf die Schnelle auftreiben konnte: Einmal direkt vom Dumont-Verlag, einmal über Brigitte (ja, wirklich).

So, und jetzt lasst mich nicht hängen.


Ein Nachtrag: Hier eine Hörprobe, gelesen von der Roche höchstselbst. Wirkt unfreiwillig komisch irgendwie.



Donnerstag, 2. April 2009

Lesestyle, Teil 2


Noch eine Anmerkung vor dem Wochenende. Über Sinn und Sinnlosigkeit dieses Eintrags könnt Ihr meinetwegen streiten, ist mir wurst.

Also, ich stelle immer wieder mal fest, dass sich zahlreiche Stiftungen, Organisationen und Projekte, die das Thema Lesen zum Inhalt haben, ausgesprochen altbacken, um nicht zu sagen bieder präsentieren.

Googelt man mal die Begriffe Leseratte oder Bücherwurm (Bildersuche!), erschrickt man heftig angesichts der extrem blöden und hässlichen Ergebnisse. Nun ja, das sind nun auch per se keine sexy Begriffe, schon klar.

Whatever, in meinem hartnäckigen und eventuell überflüssigen Bestreben, Leserinnen und Lesern und dem Buch an sich etwas mehr Glamour anzuheften, habe ich wieder ein prima Leseoutfit zusammengestellt (nein, anscheinend kennt meine Selbstbezogenheit keine Grenzen). Damit könnte frau zum Beispiel in einem sonnigen Café sitzen und ein Buch wie, sagen wir mal, Die Frau des Zeitreisenden lesen, während sie gedankenverloren einen Windhund zwischen den Ohren krault und nebenbei Pfefferminztee durch einen Strohhalm schlürft. Inszenierung ist alles!

Mittwoch, 1. April 2009

Die Forschung macht vor nichts mehr halt

Denn die Stiftung Lesen veröffentlichte kürzlich die Ergebnisse der Studie "Leseverhalten in Deutschland 2008". Wer wollte nicht schon einmal dringend erfahren, wie es der Nachbar mit dem Buche hält. Dabei kam jedenfalls dies heraus: Jeder Vierte liest überhaupt nicht. Ich weiß nicht, ob ich das glauben soll, denn ich würde die Zahl wirklich höher schätzen. Wenn wirklich 75% der Bevölkerung regelmäßig lesen, fände ich das nicht übel. 

Wenn ich mal überlege, wer in meinem Bekanntenkreis nicht liest, oder nur ganz ganz selten, dann sind das gar nicht so wenige. Vielleicht habe ich aber auch einen oberflächlichen und kulturverachtenden Bekanntenkreis. Oder vielleicht bin ich selbst oberflächlich, da ich Leuten, die Romane hassen, immer gleich emotionale Leere unterstelle.

Aber den "harten Kern" kann man offenbar nicht ausrotten: Immerhin 3% der Bevölkerung lesen mehr als 50 Bücher im Jahr. Ein exklusiver Club, huh?

Und gar 45% der 14-19-Jährigen behaupten, als Kind nie ein Buch geschenkt bekommen zu haben. Das ist allerdings traurig, denn wenn Lesen etwas ist, womit man im Deutschunterricht bis zur völligen Gehirnaustrocknung gequält wird, dann wird man zuhause kaum freudig zum Buch greifen.

Wie auch immer: Hier findet Ihr die vollständige Studie.

Barbara Vine: Schwefelhochzeit

So Männer, Ihr könnt Euch gleich mal gar nicht erst angesprochen fühlen, denn heute gibt's was zum Lesen für die Mädels. Das ist keine Diskriminierung, sondern zielgruppenorientiert. Denn Schwefelhochzeit würde ich, so sehr ich das Buch auch liebe, eher als Frauenschmöker verunglimpfen. Aber Ihr könnt mich da jederzeit eines Besseren belehren.

Barbara Vine heißt auch gar nicht wirklich so, sondern Ruth Rendell, die wiederum eine ziemlich bekannte Krimiautorin ist. Wieso Ruth einige ihrer Bücher unter einem Pseudonym verfasst hat, weiß ich nicht (aber ich hab auch nicht versucht, es herauszufinden). Stimmen behaupten, Vine sei eher für die perfiden Psychothriller zuständig, Rendell für die klassische Kriminalgeschichte. Auch Schwefelhochzeit ist ein Krimi, ein sehr atmosphärischer, schlau gestrickter Krimi mit viel Sinn für menschliche Emotionen. Ein psychologischer Spannungsroman, könnte man auch sagen.

Die junge Altenpflegerin Jenny arbeitet in einem "Ruhesitz" für betuchte ältere Semester. Besonders zugetan ist sie ihrer Patientin Stella, die sich in vielerlei Hinsicht von den anderen Heiminsassen abhebt. Was Stella vielleicht am merkwürdigsten macht: Sie redet nie über ihre Vergangenheit, und dafür sind alte Leute nunmal nicht bekannt. Aber da die vornehme Lady an Lungenkrebs im Endstadium leidet, beginnt sie nach und nach, Jenny ihre Geschichte anzuvertrauen – denn da gibt es ein Geheimnis, das Stella nicht mit ins Grab nehmen will. Auch Jenny hütet ein Geheimnis... und langsam aber sicher steuert die Story auf ihren schrecklichen Höhepunkt zu.

Die Ich-Erzählerin Jenny Warner lebt in einem kleinen englischen Dorf, hat ihren Schulfreund geheiratet und nicht übermäßig viel (Aus-)Bildung genossen, während Stella Newland eine Dame aus den sprichwörtlichen besseren Verhältnissen ist. Diese unterschiedlichen Voraussetzungen fängt Vine/Rendell sehr treffend mit ihrer Sprache ein: Wenn Jenny spricht, dann klingt die Unterschicht aus ihren Sätzen – wobei das nie eine Frage fehlender Intelligenz, sondern mangelnder Bildung ist. Die beiden Frauen könnten also unterschiedlicher kaum sein, und doch verbindet sie das Schicksal.

Grundsätzlich ist das eine Geschichte über hoffnungslose Liebe, über Verfall, über Schmerz und Zerstörung. Aber sie erzählt auch von Freundschaft, Vertrauen und eigener Stärke, und genau deshalb ist der Roman keinesfalls deprimierend, sondern anrührend im besten Sinne (ich habe ihn fünfmal gelesen. Echt. Ich konnte der Melancholie nicht widerstehen).


Wer die Möglichkeit hat, sollte das Buch nachts in einem alten englischen Landhaus lesen, während es draußen stürmt, der Kamin gemütlich flackert und der Jagdhund auf dem Teppich döst. Dazu noch eine große tickende Uhr im Hintergrund, ab und zu mal ein undefinierbares Geräusch aus dem ersten Stock, ansonsten Stille – perfekt!

Liebend gerne hätte ich Euch hierzu eine Leseprobe organisiert, es war aber keine aufzutreiben. Immerhin gibt's ne kurze Verlagsinfo von Diogenes.