Donnerstag, 5. März 2009

Shortlist: Medea





So, dies ist ein Tag, der etwas mehr Tiefe vertragen kann. Deshalb darf sich die heutige Shortlist auch mit einem einzigen Sujet beschäftigen. Drei Werke möchte ich Euch kurz hinterherschmeißen, deren Autoren sich des Mythos Medea angenommen haben. Ich will jetzt kein Gejammer hören, weil zwei Reclam-Hefte darunter sind und Euch das an den öden Deutsch-Grundkurs erinnert. Es lohnt sich, das Trauma der gelben Heftchen zu überwinden und dem Inhalt eine Chance zu geben. Ich verkneife mir auch sämtliche überflüssige Intellektualität, versprochen.



Euripides: Medea (431 v. Chr.)
Zuerst einmal hätten wir da den Ursprung, die Medea des guten alten Euripides. Es ist unglaublich, wie aktuell das Werk – in Relation zu seinem Alter gesehen – ist: Gekränkte Frau rächt sich an untreuem Ehemann und dessen neuer Freundin, indem sie die Neue, deren Vater und schließlich auch die beiden gemeinsamen Söhne töten lässt. Gut, nun ist es heutzutage unter betrogenen Ehefrauen nicht üblich, Leute umzubringen. Aber die Dynamik "Mann schnappt sich eine jüngere mit reichem Vater, Frau kann gucken, wo sie mit den Kindern bleibt", die hat Euripides fesselnd eingefangen.



Hans Henny Jahnn: Medea (1926)
Spulen wir ein paar Jahrhunderte vor und landen bei Hans Henny Jahnn im Jahr 1926. Seine Medea ist ganz bestimmt nichts für zarte Gemüter. Hier wird gemordet, intrigiert und gelogen, dass die Balken krachen. Ein nicht unwesentliches Detail: Medea ist bei Jahnn eine Schwarze, um ihr Fremdsein auch nach außen auszudrücken, denn sie ist ihrem Ehemann zuliebe überhaupt erst in dessen Heimat gekommen. 

Während Medea ganz normal altert und verzweifelt mit ihrer Hässlichkeit hadert, verfügt Jason über das Privileg der ewigen Jugend. Darüber hinaus ist der Mann schwul, oder besser gesagt, er ist bisexuell, inzestuös veranlagt und ganz enorm triebhaft, was in der derben Sprache des Stückes sein Echo findet. Kein Wunder, dass Jahnn in der nationalsozialistischen Presse als Kommunist und Pornograph verschrien war (Homosexualität! Inzest! Verstümmelung!). 

Eigentlich muss man diese Medea auf der Bühne sehen, um ihre Kraft zu begreifen. Darüber hinaus macht es unheimlich Spaß, spontan ein paar Passagen in der Öffentlichkeit laut zu zitieren. Sorgt immer wieder für unnachahmliche Gesichtsausdrücke.



Christa Wolf: Medea. Stimmen (1996)
Wo eine betrogene Ehefrau ist, da ist die feministische Literatur nicht weit. Ich muss ehrlich sagen, ich mag Christa Wolfs Medea von den dreien am liebsten. Hier ist Medea keine Täterin, die ist das Opfer der sie umgebenden Intrigen. Und außerdem eine wahnsinnig starke und kluge Frau. Ihre Geschichte wird aus dem Blickwinkel sechs verschiedener Protagonisten erzählt. Ein Mosaik, aus dem sich der rote Faden entspinnt. 

Außerdem kommt Medea einen politischen Geheimnis auf die Spur, das ihr letzten Endes zum Verhängnis wird. Ein Wort auch über Jason, denn bei Wolf ist er nun nicht zwangsläufig der Böse, sondern vielmehr ein emotional verwirrter, schwacher und deshalb nutzloser Mann, der keine Eier in der Hose hat (also im übertragenen Sinn). Ob Medea am Ende die Kinder umgebracht hat oder nicht? Darauf wird hier eine ganz neue Antwort gefunden.

Keine Kommentare: