Mittwoch, 18. März 2009

Neil Gaiman: Niemalsland

Ach, Neil Gaiman, was wäre ich ohne Dich. Mit Deinen Büchern kann man Weltflucht betreiben und genau das ist es, was ich von Dir will (obwohl ich einem Heiratsantrag immer noch nicht abgeneigt wäre). Mr Gaiman, Du verfügst anscheinend über einen unerschöpflichen Tank an Phantasie, und sofern Du keine Halluzinogene frühstückst, kann ich nicht umhin, Deinen Geist auch heute wieder zu würdigen. Unzählige Bücher haben um mein Herz gebuhlt, doch keinem davon ist es so leicht erlegen wie den deinen, zumal Du Dein schriftstellerisches Können mit einer respektablen Frisur garnierst. Und so weiter. Blablabla.

Und bevor sich jetzt jemand angewidert abwendet, komme ich lieber zum Thema und spreche – wie üblich mit kühler Ratio und überwältigendem Sachverstand – über Neil Gaimans (Überraschung!) Buch „Niemalsland“, das sich auf meiner Top-Ten-Liste festgesetzt hat wie ein Schimmelpilz. So, und darum geht es:

Auf den Straßen Londons: Richard Mayhew und seine herrschsüchtige, karrieregeile Ische namens Jessica sind auf dem Weg zu einem Abendessen mit Jessicas schleimigem Boss, als ihnen auf der Straße ein blutüberströmtes Mädchen in die Arme läuft, das panisch um Hilfe fleht. Während Jessica sich voller Verachtung abwendet, kann der gutmütige Richard nicht anders, als das Mädchen mit dem komischen Namen Door mit zu sich nach Hause zu nehmen und sich um es zu kümmern.

Schon bald stellt sich heraus, dass dieses seltsame Findelkind gar nicht so schwer verletzt ist, wie es den Anschein hatte, und zu Richards großer Verwirrung spricht Door auch noch mit Ratten und Tauben, bevor sie wieder aus seinem wohl geordneten Leben verschwindet. Als wenig später zwei furchteinflößende Männer mit schrägen Umgangsformen an der Tür klopfen und nach Door fragen, beginnt Richard zu ahnen, dass hier irgendetwas Großes läuft, von dem er lieber nichts wissen sollte.

Und dann geht alles ganz schnell: Richards Leben scheint von irgendjemandem einfach ausgelöscht zu werden. Niemand erkennt ihn mehr, weder Boss noch Freundin noch Kumpel. Seine Wohnung wird vermietet, während er in der Badewanne sitzt, unsichtbar für die Menschen um ihn herum. Verzweifelt und aussichtslos packt er seine Sachen und macht sich auf die Suche nach dem Mädchen Door – dem einzigen Menschen, der über die Geschehnisse Bescheid zu wissen scheint.

Der unfreiwillige Odysseus landet flugs in einer Welt unter der Stadt, einer sprichwörtlichen Unter-Welt, deren bloße Existenz Richard an seinem Verstand zweifeln lässt. Hier müsste ich eigentlich ganz mysteriös drei Punkte setzen, um die Geheimnisse anzudeuten, die gelüftet werden, und die schillernden Charaktere, denen der Held begegnen wird.

Stattdessen weise ich wiederholt darauf hin, dass Neil Gaimans ungewöhnlicher Stil seinesgleichen sucht und „Niemalsland“ ein vor Ideen brutzelndes Filetstück ist: immer präzise formuliert, temporeich, spannend und konsequent zu Ende gedacht.


Und Obacht, jetzt bemühe ich ein beliebtes Klischee: Das einzig blöde an diesem Buch ist, dass es nicht dicker ist. Nein, ohne Witz, ich war wirklich traurig, als ich die letzte Seite aufschlug. Fast schon deprimiert. Aber dieser Liebeskummer hat sich gelohnt, ich schwör's.


Ach ja: Gaimans Bücher sind eigentlich durch die Bank sehr gefällig übersetzt – man kann sie also getrost auf Deutsch lesen, ohne sich über fehlende Zusammenhänge oder lustlos hingerotzte Sätze grämen zu müssen.

Kommentare:

astronautenbar hat gesagt…

Den ersten Gaiman-Eintrag gefunden, und mit voller Aufmerksamkeit aufgesogen. Jetzt suche ich die aktuelle Top 10. :-)

P.S.: Ja, werde ich lesen!

Anonym hat gesagt…

Ich habe das Buch bereits sieben Mal gelesen und es ist immer wieder ein Leckerbissen. Faszinierend, einfach unglaublich! Ich möchte auch so ein intelligentes Hirn haben, was mich solche phantastischen Geschichten schreiben lässt! :-D Dieses Werk ist wahrhaftig zu empfehlen und so reizvoll, dass es sogar jemand lesen würde, der sonst keine Bücher liest. Ich habe es ausprobiert und mein Mann hat NIEMALSLAND nicht aus der Hand legen können.