Freitag, 27. Februar 2009

Mark Haddon: Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone

Mann Mann Mann, das wird jetzt schwierig. Zum einen ist das vorzustellende Buch ein internationaler Bestseller. Da bin ich zwiespältig, denn am liebsten möchte ich Bücher selber entdecken und das Gefühl haben, ich hätte ganz alleine einen Schatz gehoben. Wenn man Bücher der Bestsellerliste liest, nachdem sie auf ebendieser standen, fühlt man sich so verdammt mainstream. Und zum anderen habe ich etwa 12 Liter Kaffee intus. Ich trinke sonst keinen Kaffee.

Aber da ich "Supergute Tage" innerhalb der letzten 24 Stunden komplett von vorne bis hinten gelesen habe und das ja nicht passiert wäre, wenn mich das Buch nicht außerordentlich gefesselt hätte, gebe ich alles und lege Euch das Mark Haddons Werk inbrünstig und mit flammendem Blick ans Herz. Ich habe zur Vorbereitung mal in einige andere Rezensionen reingeschaut und gleich wieder weggeklickt, denn die klangen alle so schlau und einschüchternd.

Hier meine subjektive und amateurhafte Meinung (aber immerhin: ich bin studierte Literaturwissenschaftlerin, oh ja! *blasiert guckt*). "Supergute Tage oder die sonderbare Welt des Christopher Boone" ist eigentlich gar kein Roman. Denn der 15-jährige Christopher Boone höchstselbst schreibt das Buch, und da er an einer leichten Form von Autismus leidet, hat er keinen Sinn für Intuition oder die Gefühle anderer Menschen: Romane und ihre seltsamen Gefühlsverwicklungen findet er ziemlich verwirrend. Ihm geht es vielmehr darum, einen Ermittlungsbericht zu verfassen – der Nachbarshund Wellington wurde mit einer Mistgabel erstochen und Christopher macht es sich zur Aufgabe, den Tiermörder ausfindig zu machen.

Das ist eine ganz schön große Aufgabe, denn Christopher ist, sagen wir mal, mit diversen nicht gerade alltagskompatiblen Eigenheiten ausgestattet. Er hasst die Farben Braun und Gelb, isst kein Essen, dass sich auf dem Teller berührt, möchte auf keinen Fall mit Fremden reden und erst recht nicht von irgendwem angefasst werden. Dafür liebt er Primzahlen, kennt alle Länder der Welt mit ihren Hauptstädten und besitzt eindrucksvolle mathematische Fähigkeiten.

Seine Ermittlungen führen Christopher von der englischen Kleinstadt Swindon hinaus in die Welt – und das, obwohl er normalerweise schon den Weg die Straße hinunter als Abenteuer empfindet. Und ganz nebenbei lüftet der autistische Meisterdetektiv auch noch das Geheimnis um den Tod seiner Mutter...

Mark Haddon hat ein einzigartiges, warmes und sehr kluges Buch geschrieben. Es behandelt Christophers Eigenheiten mit Respekt und einer guten Portion trockenen Humors und ist darüber hinaus im besten Sinne verspielt, denn Christopher neigt dazu, seine Gedanken mit Skizzen zu erklären, die ziemlich lustig und dabei zuweilen ganz schön interessant sind. Diese Details (wie auch zum Beispiel die Idee, sämtliche Kapitel in Primzahlen zu nummerieren) machen das Lesen zur reinen Freude.

Aber ganz klar, darauf muss man sich einlassen. Ich habe neulich einige Beschwerden von Autisten gelesen, die besagten, das Buch sei nicht authentisch und würde die Störung (nennt man das so?) in einem falschen Licht darstellen. Andere Betroffene hingegen fühlen sich sehr gut wiedergegeben. Ich finde: "Supergute Tage" ist ein Roman und kein Sachbuch, deshalb muss es auch keinen wissenschaftlichen Ansprüchen genügen sondern genießt gewisse schriftstellerische Freiheiten. Da muss sich jeder seine eigene Meinung bilden.

Ich empfehle, das Buch an einem warmen Frühlingstag im Park zu lesen, während man Eistee trinkt und De La Soul hört.




Donnerstag, 26. Februar 2009

Bildband: Dita von Teese













Ich versprach neulich einem gestaltungsaffinen Leser, ein schönes UND interessantes Buch vorzustellen. Hier ist der erste Versuch. "Burlesque and the art of the Teese/ Fetish and the art of the Teese", das sind zwei Bücher in Gestalt von einem, denn hier findet die gute alte Dreh-das-Buch-um-und-Du-findest-ein-zweites-Cover-Masche zu neuen Ehren (links seht Ihr beide). Man kann das Buch also aus der Burlesque- und aus der Fetisch-Perspektive durchblättern, je nach Laune und Geschmack. Und etwas zu lesen gibt es natürlich auch! Wenn das mal nicht ein toller Trick ist, was?

Dieses schöne und hochwertige Stück ist eine lustige Mischung zwischen Biographie und Bildband. Die Fotostrecken sind gewohnt Dita-von-Teese-hochwertig, und nicht nur die Jungs unter Euch werden ihre Freude daran haben. Denn für die Mädels plaudert Dita persönlich aus ihrem Make-Up und Style-Nähkästchen, und sowas ist für uns Mädchen ja immer eine ganz feine Sache (ich meine, wer will den NICHT einmal aussehen wie diese Frau, ehrlich).
 
Außerdem erzählt Dita den ein oder anderen interessanten Schwank aus ihrem Leben und ihrer Laufbahn, was die Fotostrecken gelungen auflockert. Kurzweilig und unterhaltsam ist das, ein Buch, das man sich immer wieder gerne anschauen mag (und außerdem kann man prima damit angeben, wenn man es auf dem Couchtisch herumliegen lässt, impliziert man so doch dem zufälligen Besucher ein gewisses Interesse an Fotografie und gutem Stil).

Nicht zuletzt – und das ist ein ein bescheuerter Hinweis und sowieso bloß für die männlichen Mitleser – aber was soll's: "The art of the Teese" ist ein wirklich wunderbares Geschenk für Eure Frauen, und da es mit um die 30 Euro noch bezahlbar ist, auch mal eine Aufmerksamkeit für zwischendurch.

Soundtrack zum Burlesque-Teil: Irgendwas von Bobby Darin oder Sinatra oder Nat King Cole und eine Tasse Tee dazu.

Bevor jetzt Beschwerden eintrudeln, dieser Eintrag sei schon wieder so feminin: Schaut mal in den Fetisch-Teil rein, Jungs.



Mittwoch, 25. Februar 2009

Jeff Long: The Descent

Es gibt viele zornige Menschen da draußen, die dem Verlag und dem Lektor und dem Übersetzer der deutschen Ausgabe von "The Descent" gerne mal die Meinung tuten würden. Die germanisierte Version des Buchs heißt "Im Abgrund" –  glaubt man jedoch den recht zahlreichen aufgebrachten Lesern, sollte man es unbedingt im englischen Original konsumieren, denn der deutsche Verlag hat es sich nicht nehmen lassen, sinnvolle Textpassagen rabiat zusammenzustreichen, um der Geschichte möglichst viel Kitt zu rauben. Womöglich hatte der Lektor oder der Übersetzer oder beide einfach gar keine Lust und nebenher im Internet geshoppt oder am Telefon Beziehungsprobleme gewälzt (oder der Lektor und der Übersetzer sind ein Paar und haben sich zu einem gemeinsamen diabolischen Plan zusammengetan. Oder sie sind eine einzige, lustlose Person). Wie auch immer, das Buch ist trotz allem ohne Frage sehr, sehr gut.

Und wer mit den epischen Bildern einer Donna Tartt so gar nichts anfangen kann, mag hier vielleicht seinen heiligen Gral finden, denn "The Descent" geizt wahrlich nicht mit haarsträubenden Spannungsmomenten. Hier wird fabuliert, was das Zeug hält – zuweilen knapp an der Grenze zur Glaubwürdigkeit, aber das macht gar nichts, denn der Unterhaltsamkeit der Geschichte tut es keinen Abbruch.

Zur Handlung (endlich!): Der Himalaya-Bergführer Ike Crocket sucht bei einem Unwetter mit seiner Gruppe Schutz in einer Höhle, deren Eingang kurz darauf vom Schnee verschüttet wird. In ihrem ungastlichen Bergdomizil finden die Abenteuerlustigen einen leblosen, offenbar sehr alten Körper, der mit rätselhaften Tätowierungen verziert ist. Weil es erstmal nichts anderes zu tun gibt, bemühen sich einige Gruppenmitglieder mit mäßigem Erfolg, die Tätowierungen zu dechiffrieren. Auf der Suche nach einem Ausgang aus der Höhle stoßen Ike und seine Schäflein auf ein weitverzweigtes Tunnelsystem, das immer tiefer in die Erde hineinzuführen scheint. Ike wird von der Gruppe getrennt und stößt weit in die Tunnel vor. Um wenig später fast die ganze Bande ermordet vorzufinden. 

Ich würde jetzt zu gerne mehr verraten, aber ich muss leider inständig hoffen, dass dieser Teaser ausreicht, um neugierig auf "The Descent" zu werden. Ich will hier natürlich (wenn auch zähneknirschend) keine Spannung vorwegnehmen, deshalb fasse ich mich ausnahmsweise mal kompakt und sage nur: Liebe Güte, ist das unheimlich! Diese Phantasie, diese Charaktere, diese Cliffhanger...ein ganz großartiges Buch zum nächtlichen Unter-der-Decke lesen, am besten noch mit Taschenlampe, während draußen der Wind um die Häuser pfeift. Soundtrack: irgendwelche Trommeln. Und schon traut man sich nicht mehr alleine in den Keller.

Na gut, eine kleine Info kriegt Ihr noch: Fans von Frank Schätzings "Der Schwarm" werden von Jeff Long ganz bestimmt nicht enttäuscht sein.


Dienstag, 24. Februar 2009

Donna Tartt: Die geheime Geschichte


Wer auf der Suche nach einem rasanten, extrem temporeichen Krimi mit irrsinniger Spannung ist, braucht hier gar nicht erst weiterzulesen. "Die geheime Geschichte" ist zwar eine Art Krimi, und ein brillant erzählter noch dazu, aber die Story kommt elegisch daher, wie ein ruhiger, unaufhaltsamer Fluss. Bevor wir uns mißverstehen: Ich liebe das. Die Geschichte entfaltet ihre Atmosphäre quasi in einem Langstreckenlauf.

Und darum geht es: Richard Papen kommt aus einfachen Verhältnissen. Geboren in einem kalifornischen Kaff, hat er keinen größeren Traum, als endlich die vertrocknete Öde zu verlassen und sich selbst neu zu erfinden. Und, oh Wunder, Richard ergattert ein Stipendium an einem College in Vermont, für ihn der Inbegriff einer anderen Welt. 

Eine unwiderstehliche Faszination übt eine Gruppe von fünf Studenten auf ihn aus, die bei dem sonderlichen Altgriechisch-Professor Julian Morrow eingeschrieben ist. Richard kann nicht anders, als unbedingt ein Teil der erlesenen Gemeinschaft werden zu wollen, was ihm schließlich auch gelingt. Aus seiner Sicht erzählt Donna Tartt das dekadent-skurrile Treiben der Studenten zwischen Homer und Alkohol, erzählt von der fieberhaften Suche nach einer wahren dionysischen Erfahrung – die in einem bestialischen Mord endet. Dieser Unfall löst eine Spannung zwischen den Freunden aus, an der die Gruppe nach und nach zerbricht und schließlich vollends die Kontrolle über die Situation verliert.

Donna Tartt brauchte sieben Jahre für ihr Erstlingswerk, darauf weisen Kritiker stets mit Signalfahnen hin (vermutlich aus Ehrfurcht über solch unfassbare Disziplin, die der Kritiker an sich meist nicht sein Eigen nennt, sonst wäre er schließlich Schriftsteller). Das wundert mich gar nicht, denn allein die Recherche muss Ewigkeiten gedauert haben. Dieser Genauigkeit und der Liebe zum Sujet ist es zu verdanken, dass der Roman seinen eigenen Kosmos erschafft, ein Universum aus saftigen Wäldern, staubigen Büchern und dem Geruch von Holzpolitur auf dunklem Dielenboden (gekonnt vermischt mit einem Hauch Kokain, Sex und einem steten Grundrauschen von Exzess).

Natürlich gibt es "Die geheime Geschichte" mittlerweile als Taschenbuch, doch ein Buch für kurzweilige Bahnfahrten ist das nicht: Perlen vor die Säue. Ich empfehle dazu Dunkelheit, Rotwein und irgendeinen Song von Massive Attack.



Montag, 23. Februar 2009

Shortlist

Es gibt Bücher, über die wurde schon so viel geschrieben, hergezogen und daran herum analysiert, dass ich hier nicht auch noch den letzten Fitzel von ihnen sezieren möchte. Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen, Ihr wisst schon. Aber trotzdem sind sie gut und verdienen noch mehr Leser.

Und es gibt Bücher, die ich unbedingt unters Volk bringen möchte, aber nicht die Zeit habe, Euch ausführlich und penetrant damit zu beackern.

Kurz gesagt, Klassiker oder solche, die es sein sollten.

Deshalb gibt es ab heute die "Shortlist". Hier könnt Ihr Euch auf die Schnelle ein paar Vorschläge abholen – so ähnlich wie Fast Food (wetten, dass gleich einer um die Ecke kommt und mich mit erhobener Braue darauf hinweist, dass Fast Food als solches einen verachtenswerten Verfall der Esskultur darstelle und überhaupt die jüngere Generation keinen Sinn für das Schöne mehr habe).




1. John Irving: Das Hotel New Hampshire
Überaus wilde Familiengeschichte, in der folgende Dinge eine tragende Rolle spielen: Hotels, Inzest, Huren, Bären und Anarchisten, Kummer und Fenster, Träume und Vergewaltigungen. Ein Kritiker sagte, das Buch läse sich, als hätten die Gebrüder Grimm und die Marx Brothers zusammen einen draufgemacht. Stimmt. 







2. Karen Duve: Regenroman
Grandioses Debüt für alle, die sich mal so richtig ekeln wollen. Ein essgestörtes Model und ein widerlicher Schriftsteller ziehen in ein Haus auf dem Land, das ein Feuchtigkeitsproblem hat. Überhaupt hat alles ein Feuchtigkeitsproblem. Dauernd regnet es, alles ist schmierig, und dann tauchen auch noch bedrohliche, testosteronschwangere Kiezgrößen auf, die ebenfalls an Widerlichkeit nicht sparen. Ganz, ganz krasse und brachial-deutliche Sprache, heftige Charaktere. Dieses Buch geht tief. Wow.





3. Alan Bennett: Die souveräne Leserin
Oh, wie schön, möchte man rufen. Absolut reizender Roman über die Queen, und wie diese ihre Liebe zur Literatur entdeckt (Die königlichen Hunde sind schuld! Die büxen nämlich aus und kläffen ganz unerzogen einen Bibliotheks-Bücherbus an, in dem sich die Queen dann aus Höflichkeit ein Buch ausleiht). Mit der Literatur findet die Monarchin auch einen liebenswerten und bald unverzichtbaren Lesegenossen, was aber ihrem Beraterstab so überhaupt nicht gefällt und darüber hinaus das Volk verwirrt. Wunderbar amüsant, liebevoll und mitten in die Seele eines jeden obsessiven Lesers.






Entschuldigung für das grässliche Layout. Leider ist Geduld gerade nicht auf Lager.


Donnerstag, 19. Februar 2009

Tu's nicht, J.R. Ward!


Ein unerschrockener Leser stößt zuweilen auch mal auf ein Buch, das heftige Abneigung in ihm hervorruft. Das ist jetzt ziemlich höflich formuliert. Nein, ich mache mir lieber ein paar Feinde und bekenne unmißverständlich: Ich kann diese Serie nicht leiden!

J.R. Ward hat eine Vampir-Serie entworfen, von der es mittlerweile mindestens 9 überflüssige Bände gibt. Alles dreht sich um die Bruderschaft der Black Dagger. Das ist eine Art Kriegerkaste, die die verbliebenen Vampire vor der Ausrottung durch die Geheimgesellschaft der "Lesser" bewahren soll (die früher einmal bösartige Menschen waren, und deren Leben jetzt in der Vernichtung der Vampire besteht). Und damit ist eigentlich auch schon alles gesagt.

Ich will zwar nicht fair sein, muss aber trotzdem zugeben, dass die Welt, die J.R. Ward da aufbaut, in ihren Grundstrukturen durchaus Potential hat. Das leider komplett zunichte gemacht wird durch die unsäglichen Charaktere, die eindimensionaler und berechenbarer kaum sein könnten.


Die Gleichung funktioniert immer folgendermaßen (und ich habe mich durch die ersten vier Bände geackert, um mir ein Urteil bilden zu können):

- Der Vampir-Krieger trägt grundsätzlich Lederklamotten und irre viele Waffen, ist mindestens zwei Meter groß und hat einen riesigen Penis. Anfänglich muss er unbedingt knallhart und absolut unnahbar auftreten

- Dann trifft er eine Frau, die zufällig in einer ausweglosen Situation ist (todkrank, depressiv, pleite), aus der sie prima gerettet werden kann. Der Vampir-Krieger verliebt sich in diese Frau, was ihm nicht passt, denn er gestattet sich natürlich keine Gefühle. Aber die sexuelle Anziehungskraft der Frau ist unglaublich, und sie landen miteinander im Bett

- Anschließend finden viele sensationelle Liebesnächte mit unzähligen Orgasmen statt. Bester Sex ever. Feuerwerk und Fanfaren.

- Die anderen Krieger sind erst gegen die Frau (klar, die sind ein Männerverein und hören außerdem ständig ohrenbetäubenden Gangsta-Rap), akzeptieren sie aber später doch

- Zwischenszenen: große Gefahr, blutige Kämpfe, Entführungen, Intrigen, es stirbt auch mal einer, es muss ordentlich gelitten und gefightet werden

- Schluss: die Hauptpersonen überleben, man hat wieder dramatischen Sex und ist für immer glücklich


Jetzt mal ehrlich, wie sieht denn bitte die Zielgruppe für diese Schmonzetten aus! Valiumsüchtige Hausfrauen mit unerfüllten Bedürfnissen? Wer liest denn Namen wie "Rhage" oder "Tehrror" (das soll kriegerisch und bedrohlich klingen) und macht sich dabei nicht vor Lachen in die Hose? 

Nein, das will ich nicht verstehen. Und Du, amerikanische Autorin Lara Adrian, kopierst den Kram auch noch. Wobei man Dir nicht vorwerfen kann, dass Deine Kopie schlechter wäre als das Original. Denn das Original ist schon schlimm genug.


* Flüsterstimme an* 
Ja, ich gebe es zu, ich habe eine Vorliebe für phantastische Literatur. Aber das ist eine persönliche Schwäche und soll auf die angestrebte Vielfalt hier keinen Einfluss haben.
*Flüsterstimme aus*

Arto Paasilinna: Der wunderbare Massenselbstmord


Wieder mal so ein Cover, dass ich dem Verlag gerne wütend vor die Füße schmeißen möchte. Was denken die sich denn dabei, ihre Bücher so reizlos zu gestalten. Na gut, das wird wohl mein ewiges Lamento bleiben.

Lieber spreche ich über den Inhalt des matschfarbenen Umschlages, der das Design auf der Stelle wieder rausreißt. Wer Arto Paasilinna, diesen überaus reizenden und unfassbar witzigen Finnen kennt, braucht an dieser Stelle gar nicht weiterzulesen, denn dann ist er ja bereits ein Fan. Paasilinna ist bekannt für seine direkte, sehr kraftvolle Sprache und seinen skurrilen, schwarzen, total unverblümten Humor.

"Der wunderbare Massenselbstmord", übrigens bereits 2002 erschienen, steht da in bester Tradition. Ausgerechnet am Johannistag, dem nordischen Fest der Freude und des Lichts, beschließt der konkursgeplagte Direktor Onni Rellonnen, sich das Leben zu nehmen. In einer alten Scheune findet er den idealen Platz zum Exitus – bevor er aber zur Tat schreiten kann, vernimmt er seltsame Geräusche aus dem Inneren. Vorsichtshalber schaut Rellonnen mal nach, und es gelingt ihm gerade noch, Oberst Kemppainen vom Strick zu nehmen, der sich just in derselben Scheune aus dem Leben verabschieden wollte.

Die gegenseitige Rettung in letzter Sekunde lässt die beiden Todessuchenden Freunde werden, und man beschließt, den Selbstmord noch ein Weilchen zu verschieben, das könne ja nicht schaden. Kemppainen und Rellonen stellen die These auf, dass es doch in Finnland viele weitere Suizidkandidaten geben müssen, mit denen man sich doch zu einer Interessengruppe zusammschließen könnte. Um nämlich gemeinschaftlich dem furchtbaren Leben zu entfliehen.

Und da beginnt er, der unerschrockene Roadtrip. Denn wenig später saust ein gemieteter Bus mit Dutzenden todessehnsüchtiger Finnen darin durch halb Europa, um ein würdiges Setting zum Ableben zu finden.


Man könnte ja nun meinen, ein Buch mit dem zentralen Thema Selbstmord wäre nicht gerade für Wintertage geeignet. Ist aber nicht so. Denn ganz ohne Kitsch, aus diesem Werk scheint die Sonne. Ich möchte mit Worten wie herzerwärmend, rührend, ultralustig um mich werfen. Diese Finnen, sie scheinen ein ganz spezielles Völkchen mit ausgeprägtem Hang zur Melancholie zu sein. Lernt man sie durch Arto Paasilinnas Romane kennen, möchte man sie glatt ganz feste umarmen (ich kenne selbst nur einen Finnen, aber der passt ganz prima in mein schubladenhaftes Denken).



Wer jetzt angefixt ist und noch mehr von Paasilinna lesen möchte (und das ist überaus wahrscheinlich), dem empfehle ich ganz besonders:

- Der Sommer der lachenden Kühe.

- Die Giftköchin.


Der Winter dauert einfach schon viel zu lange, und dies hier ist Schokolade zum Lesen.




Mittwoch, 18. Februar 2009

Kultur und ihre Konsequenzen

Befasst man sich auf einem gewissen intellektuellen Niveau mit dem Buch als solchen, wird man zwangsläufig irgendwann von irgendwem verarscht. Wobei ich Elke Heidenreich ein enormes Herz für's Lesen bescheinigen würde – allerdings wecken diese eindeutig nicht-jungen, ernst gemeinten Büchersendungen der Öffentlich-Rechtlichen beim unerfahrenen Leser zuweilen heftiges Desinteresse bis grundsolide Abneigung.

Ich kenne niemanden unter 40 (inklusive mir selbst), der sich Literatursendungen im Fernsehen anschaut. Schade eigentlich, für die vielen großartigen Bücher dieser Welt. 

Hallo 3sat, hallo Arte, wollt Ihr mir nicht ein hübsches Wohnzimmerstudio, eine Hausbar und Trillionen von Büchern meiner Wahl zur Verfügung stellen und mich von jeglichem Quotendruck befreien? Wäre doch ein Ansatz.




Bücher hören ohne Hörbücher


Allen, die im Einzugsbereich von radio eins zuhause sind, kann ich die wöchentliche Sendung "Seite EINS" empfehlen. Da wird herzerwärmend über unser aller Leidenschaft geplaudert, zwischendurch läuft mal Musik, und man kann die Angelegenheit prima als Koch-Soundtrack nutzen (Oder zum Geschirrspülen oder Kontoauszüge sortieren, wie auch immer).

Wem das genehm ist, der informiere sich auf der radio eins Website. Vermutlich kann man die Sendung auch online hören. Altmodisch wie ich bin, weiß ich das jetzt auch nicht genau.

Dienstag, 17. Februar 2009

For the girls: Leseoutfit


Letztens fragte mich irgendwer nach Hobbys, und als ich antwortete "Lesen", guckte der ganz komisch und meinte zum einen, das sei ja wohl kein Hobby, und zum anderen, ich sähe ja auch gar nicht so aus. Da hatte anscheinend jemand die Zwangsvorstellung, dass der Begriff "Leseratte" (oder auch schön: "Bücherwurm") wörtlich zu nehmen sei. Ich zog wortlos ein Buch aus meinem hippen Handtäschchen und begab mich an die Bar.

Ergo: Wir müssen dringend mit einem gängigen Vorurteil aufräumen. Denn Frauen die leidenschaftlich lesen, sind mitnichten langweilig, verklemmt oder zwanghaft verträumt, und sie tragen auch nicht unbedingt 24/7 einen aschbraunen Pferdeschwanz in Kombination mit vernünftigen Schuhen und Funktionskleidung.

Nein, nein, nein. So ist es nicht. Wir sehen gut aus, wir können feiern, uns gut anziehen und zudem noch schlaue Sachen von uns geben. Männer sollten Gott oder sonstwem danken, eine lesende Frau abbekommen zu haben. Yay!




Montag, 16. Februar 2009

Neil Gaiman: Coraline



Zum wiederholten Mal fällt mir auf, dass ich Neil Gaiman heiraten muss. Gut, der ist fast zwanzig Jahre älter als ich, aber in dem Fall würd ich eine Ausnahme machen, denn der Mann verfügt über ein komplettes Paralleluniversum in seinem Kopf (und ist für sein Alter ne verdammt heiße Schnitte). Es ist überhaupt nicht zu fassen, wie komplex und mitreißend das Gehirn dieses Kerl funktioniert: Jedes Mal, wenn ich ein Buch von ihm lese, verknalle ich mich unwiderruflich. Tja, das bleibt dann wohl ne einseitige Liebe, denn man darf davon ausgehen, dass Neil Gaiman mehr als einen Fan hat, natürlich zu Recht. Soweit der Pegelstand meiner Hormone, jetzt aber zum Thema.

"Coraline is the real thing!" jauchzt ein Kritiker, und wieder landet ein schöner Leckerbissen der ehrwürdigen New York Times-Bestsellerliste auf meinem Tisch und möchte Euch ans Herz gelegt werden. Was besonders schwierig ist, da sich die Magie dieses Buches fast unmöglich in Worten beschreiben lässt (jaja, zu viel Überschwang, nicht professionell blablabla). 

Aber da es gerade ganz reizend verfilmt wurde ("Desperate Housewive" Teri Hatcher spricht die other mother. Geil.) und ich damit eine gewisse Aktualität nicht leugnen kann, versuche ich es trotzdem.

Erstmal zum Inhalt: Coraline ist ein kleines Mädchen, das mit seinen Eltern in den Sommerferien in eine neue Wohnung zieht. Sie ist eines dieser Kinder, die sich ratzfatz langweilen und ihren arbeitenden Eltern auf die Nerven gehen. Die wiederum empfehlen ihr ständig, doch lieber mal das neue Haus und den Garten zu erkunden – und das tut Coraline dann auch. Doch das Spannendste, was sie außer diversen schrägen Nachbarn findet, ist diese Tür im Salon der Wohnung, die nirgends hinführt, nur auf eine Steinmauer. Damit scheinen alle Geheimnisse des neuen Zuhauses gelüftet.

Aber (jetzt kommt's, das ABER): Einige Tage später kommt Coraline wieder an dieser ominösen Tür vorbei, und diesmal steht sie einen Spalt offen. Klar geht Coraline hindurch. Und kommt durch einen dunklen Flur in eine exakte Kopie der eigenen Wohnung. Mit dem Unterschied, dass hier alles ein bißchen aufregender und toller und spannender ist als Zuhause, und auch die Paralleleltern sind übercool. Natürlich würde die abenteuerlustige Coraline am liebsten für immer in der Parallelwohnung bleiben. Bis sie merkt, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zugeht – oder besser gesagt, wahnsinnig unheimlich ist – und die Flucht zurück nach Hause ergreift.

Nur um festzustellen, dass in der anderen Wohnung ihre Eltern verschwunden und nirgends mehr aufzufinden sind. Coraline muss zurück ins Parallelhaus, um die beiden zu retten. Und begegnet dort beängstigenden Gestalten und ihren schlimmsten Albträumen...


Jetzt wisst Ihr in etwa, was in "Coraline" drin steht. Was Ihr aber nicht wisst ist, WIE es drin steht. Neil Gaiman, sowieso bekannt für seine unglaublich überbordende Fantasie, hat sich eine Art bizarre, beängstigende, magische Alice im Wunderland-Story ausgedacht. Dieses Buch ist so atmosphärisch, dass man schon auf den ersten Seiten vergisst, dass es sich eigentlich um ein Kinderbuch handelt (dieses Kind möchte ich sehen, das nicht nach der Lektüre von "Coraline" höllische Schlafstörungen entwickelt). Spooky.

Ich kann wirklich nur empfehlen, das Ding im Original zu lesen. Das klappt auch bei Englisch-Grundkenntnissen fast ohne Wörterbuch. Ich kenne die Übersetzung nicht, kann mir aber schwer vorstellen, dass sie Neil Gaimans Sprache in diesem speziellen Fall einzufangen vermag.

Aber egal, Hauptsache, Ihr lest dieses Buch. Auf jeeeeden Fall vor dem Film konsumieren. Ich kann zwar jetzt hier viel behaupten, aber ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass man dieses Werk nicht mögen kann.


P.S. Nach der Lektüre werden Knopfaugen nie mehr nur Knopfaugen sein.






Freitag, 13. Februar 2009

Charlaine Harris: The Sookie Stackhouse Novels.


Also, Vampire sind ja gerade in aller Munde (Ha, lustiger Kalauer!). Um aber mal ein bißchen von Stephenie Meyers "Twilight" mit all seinem Hype runterzukommen, habe ich hier eine Serie in petto, die man eigentlich nur mögen kann.

Das Setting mal eben in Kürze: Wir befinden uns in den Südstaaten der USA, genauer gesagt, in der Kleinstadt Bon Temps, Louisiana. Vampire sind vor einigen Jahren weltweit an die Öffentlichkeit gegangen und leben offen unter den Menschen. Möglich gemacht hat diesen Schritt die Entwicklung synthetischen Blutes – Vampire müssen sich nicht mehr von Menschen "ernähren" und genießen in den USA sogar Bürgerrechte.

Die Protagonistin Sookie Stackhouse ist Kellnerin in einer Bar und sieht sich eines Abends unverhofft einem vampirischen Gast gegenüber, der neuerdings in ihrer Nachbarschaft wohnt. Sie verliebt sich prompt in den mysteriösen Bill (klar, irgendwie muss man ja den Einstieg finden). Das hat nicht zuletzt damit zu tun, dass sie seine Gedanken nicht hören kann – denn Sookie ist Telepathin und wird tagtäglich mit dem Gedankenmüll anderer Leute zugeschüttet. Umso besonderer, dass in der Gegenwart des Vampirs einfach mal Ruhe ist.

So wird Sookie Teil der vampirischen Parallelgesellschaft, was sich als gar nicht mal so ungefährlich entpuppt, denn schon bald werden Frauen ermordet, und Bill ist ein Verdächtiger.

Die "Sookie Stackhouse Novels" sind durch die Bank unkonventionelle und temporeiche Vampirgeschichten jenseits von kriegerischen Lederklamotten und schmachtenden Verliesen. Im Süden der USA angesiedelt, fährt Charlaine Harris in ihrer Reihe etliche wunderbar schrullige Charaktere auf, vom typischen Südstaatler mit Schrotflinte unterm Fahrersitz bis zum vampirischen Elvis Presley (denn der ist mitnichten tot, sondern Vampir geworden, weshalb er auch regelmäßig von Leuten gesehen wird).

Sookie selbst ist eine prima Heldin. Nicht gerade das, was man hochgebildet nennen würde, aber mit einer scharfsinnigen Lebensschläue und einem robusten Selbstbewusstsein ausgestattet. Nebenbei ist sie natürlich ein ganz heißes Teil (das ist nunmal so in Vampirbüchern), ohne aber übermäßig eitel daherzukommen. Trotz allem hat Sookie kleine menschliche Schwächen, die sie so real und sympathisch machen. Ich kann sie wirklich leiden, keine Frage.

Die Bücher bauen lose aufeinander auf, deshalb empfiehlt es sich, sie der Reihe nach zu lesen. Wer trockenen Humor und unkonventionelle Helden mag, wird seine helle Freude mit Sookie haben. Übrigens wurde der erste Band gerade ganz herrlich als Serie verfilmt: TrueBlood läuft auf HBO und kann auf den einschlägigen Portalen angesehen werden (das habe ich jetzt nicht gesagt).

Kurz gesagt: Leichte Literatur, der aber an Komplexität nicht fehlt. Straightes Story-telling (yeah!), sehr schön. Wer den Kram auf Englisch lesen kann und will, soll das tun, denn im Original ist's wie so oft nen Tick besser.


Ach ja: Die Covergestaltung der Bücher ist teilweise so arg, dass man sich in der U-Bahn dafür schämen möchte. Aber gut, so halten das die Verlage eben mit "Fantasy", da müsst Ihr drüber stehen.

Adam Davies: Froschkönig


Eines vorweg: Der Klappentext bezeichnet dieses Buch als "Sex and the city für Männer". Das tut mir prompt in der Seele weh, denn nur weil die Geschichte in New York spielt und darin zynisch geliebt wird, tragen die Protagonisten noch lange keine Blahniks.

"Froschkönig" handelt von Stadt, Suff, Sex. Und eben von (der einzigen? großen?) Liebe, die sich der Ich-Erzähler Harry Driscoll, seines Zeichens unterbezahlter Verlagsassistent, ums Verrecken nicht eingestehen will. Dabei liebt er, und zwar seine Freundin Evie, seine Kollegin und großartige Freundin.

Das Dumme ist halt: Harry hasst Klischees, besonders das, das sich Liebe nennt. Statt dessen ergeht er sich in belanglosen Affären, hemmungslosem Saufen und kompromissloser Unfähigkeit in seinem gehassten Job. Bis Evie geht. Und zwar mit dem größten anzunehmenden Klischee.

"Froschkönig" ist einerseits eine zarte Geschichte mit großer Liebe zur Sprache und subtilen Zwischentönen. Andererseits ist sie hart wie Beton, häßlich wie die Realität und traurig wie das Leben. Adam Davies hält eine wunderbare Balance zwischen beiden Polen, ohne jemals selbst ins Klischee abzurutschen. Die Figuren sind nicht immer sympathisch – weil Menschen eben auch mal Arschlöcher sein können – aber Davies bleibt so nahe an seine  Protagonisten dran, dass Du einfach nicht anders kannst, als zutiefst mit ihnen zu fühlen.

Dieses Buch ist skurril, lustig und unendlich traurig. Um selbst ein Klischee zu bemühen: Es ist eine Liebeserklärung an New York, an die Literatur, an die Liebe.

Sobald man über die ersten Seiten hinweg ist, möchte man "Froschkönig" nicht mehr aus der Hand legen, und überhaupt habe ich selbst das Buch in einer Nacht durchgelesen. Es ging einfach nicht anders, denn ich musste wissen, wie es mit den Harald und Evie weitergeht. Ich sag Euch eines, wenn Ihr dieses Buch mit Liebeskummer lest, dann wird es Euch glatt noch mal das Herz brechen. Und wer vergessen hat, wie das eigentlich geht, das mit dem Fühlen, der findet beim Lesen vielleicht dieses Etwas wieder, das er verloren geglaubt hatte.

Um mal "High Fidelity" zu bemühen: Ich kann mir nicht vorstellen, mit jemandem befreundet zu sein, der dieses Buch nicht mag.


Soundtrack gefällig?



Ein Buch muss die Axt sein


...für das gefrorene Meer in uns.

Das sagt Kafka, und wisst Ihr was? Der hat Recht. 

Aber Kafka hin oder her, dies hier will nicht intellektuell sein, sondern echt. Die Bücher, über die ich hier rede, sind vollkommen willkürlich und nach gar keinen Gesichtspunkten ausgewählt. Sie können so genannte "Literatur" sein, müssen aber nicht. Manchmal liest man eben auch mit Begeisterung Schund. 



Aber eines haben sie alle gemeinsam: Ich mag sie, und ich möchte, dass auch andere Leute sie mögen.

In diesem Sinne: Read on!